Akte 
Persönliche Korrespondenz und Erinnerungsstücke
Entstehung
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Sie lebten für eine bessere Welt

Worin eigentlich bestand der Reiz dieser Persönlichkeit?War es ihre echte Weiblichkeit, war es ihr starkes, nie vonihr verleugnetes Gefühl, das sich mit klugem Urteil ver-band? Und was war sie besonders für unsere Bewegung?Elisabeth hatte außer ihrer liebenswürdigen, klugen Per-sönlichkeit und ihrem starken sozialen Verantwortungs-bewußtsein einen besonders stark ausgeprägten Schönheits-sinn und eine natürliche Begabung für kunstgewerblicheGestaltung.

Sie war das jüngste Kind eines Zimmermeisters, der schonbei ihrer Geburt seine Selbständigkeit der industriellen Ent-wicklung der Zeit hatte zum Opfer bringen müssen. Er warnicht kapitalkräftig genug, sein Geschäft in der mittelgroßenmärkischen Stadt zu halten, hatte wohl auch nicht die ro-busten Ellenbogen, den scharfen geschäftlichen Konkurrenz-kampf der nachsiebziger Jahre bestehen zu können. Aberdie Änderung der sozialen Lage änderte nichts am Lebens-zuschnitt der Familie, denn es war schon vorher knapp ge-wesen, und auch nichts an dem guten, harmonischen Fami-lienleben. Die Mutter war klug, wenn auch ängstlich, abersie übte gute Lebenskunst. Der Vater hatte Sinn für dasSchöne und strebte nach menschlicher und beruflicher Ent-wicklung.

Wie gerne wäre Elisabeth länger zur Schule gegangen, abersie mußte sich mit den gegebenen Verhältnissen abfinden.Dafür fand sie im Umgang mit den ebenfalls aufstrebendenGeschwistern Anregungen und Gelegenheit zur Weiter-entwicklung ihres regen Geistes. Sie lernte die Arbeiter-bewegung kennen, es war alles Offenbarung für sie. Mit 16Jahren ging sie mit der geliebten Schwester nach Berlin undlernte dort die sozialistische Frauenbewegung kennen. Einezu frühe, ungute Ehe löste sie wieder auf; wahrheitsliebend,mutig und konsequent in menschlichen Dingen, wahrte siedie ihr eigene menschliche Würde. Ab 1908, nachdem dasVereinsrecht die Möglichkeit dazu gab, zählte sie mit ihrenknapp 20 Jahren zu den begehrtesten Rednerinnen der so­ zialistischen Frauenbewegung.

Von Berlin wurde sie 1913 ins Rheinland verschlagen,wo Elisabeth sich bald so wohl fühlte, als sei sie dort ge-boren. Sie fand in Köln auch den richtigen Lebensgefähr-ten, der ihr und dem sie das Möglichste an menschlicherErfüllung gab.

Dann kam der Krieg. Das Helfenkönnen, das aus inneremDrang heraus Helfenmüssen war ihre Art, den Krieg zuertragen. Sie hatte inzwischen Verbindung mit der, Rhei-nischen Zeitung" gefunden, und die Mitarbeit an der Frauen-beilage war eines ihrer Mittel, zu helfen und aufzuklären.So, als sie schrieb, es gelte Front zu machen gegen den Geist,der die Unterstützung empfangenden Kriegerfrauen wieOrtsarme behandeln wolle. Im Streit um die Zusammen-arbeit mit bürgerlichen Frauen stand sie auf der Seite derer,die eine solche Möglichkeit nicht verneinten. Ihr wichtigsterBeitrag zu unserer Sache neben ihrer aufopfernden Tä-tigkeit in der Arbeiterwohlfahrt, in Jugend- und Fürsorge-- war, daß sie einen Weg zur Gestaltung des äußeren

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Elisabeth Kirschmann- Roehl

In dieser Nummer beginnen wir mit der Veröffentlichung vonLebensbildern führender sozialistischer Frauen des 19. und 20. Jahr-hunderts. Marie Juchacz hat alle diese Frauen gekannt und mit ihnenzusammengearbeitet. Sie waren Wegbereiterinnen der neuen Zeit,Vorkämpferinnen für Fortschritt, soziales Denken und die politischeGleichberechtigung der Frauen. Sie hatten es damals nicht leicht sichdurchzusetzen. Damals wie heute gilt aber das, was sie sich als Zielihrer Arbeit gesetzt hatten: Die Überwindung der Not, die Besei-tigung der Benachteiligung der wirtschaftlich Schwachen, die Heran-bildung der Jugend zu freien und glücklichen Menschen. Sie lebten,wie auch der Titel des Buches besagt, für eine bessere Welt. Wir er-öffnen diese Reihe mit dem Lebensbild der Schwester von Marie Juchacz , Elisabeth Kirschmann- Roehl.

( Marie Juchacz : Sie lebten für ein bessere Welt", Verlag: J. H. W.Dietz Nachf. GmbH, Berlin und Hannover , 166 S. Preis DM 9,80)

Lebens der Arbeiterfamilie wies. Ihr Vater hatte ihr man-ches von seiner gediegenen handwerklichen Begabung, sei-nem Schönheitssinn und seinem Kulturinteresse vererbt. Eli-sabeth richtete sich nach dem Grundsatz: ,, Was schön ist, mußauch zweckmäßig sein, und nur das Zweckmäßige ist wirk-lich schön." Nach diesem Grundsatz machte sie ihre Vor-schläge zur Wohnungskultur und warb in Wort und Schriftbei den Genossinnen für Einfachheit und Klarheit derLinienführung. Da war eine Zeitschrift Die Frau und ihrHaus", die von der Werbestelle für Deutsche Frauenkultur,Köln , herausgegeben wurde. Elisabeth hatte den Plan, das Ma-terial, das ihr durch die Mitarbeit an der Zeitschrift zur Ver-fügung stand, für eine Beilage zur Gleichheit" auszunutzen.Aber auch wenn die alles verschlingende Inflation nicht die-sem Beginnen ein frühes Ende gesetzt hätte, wäre es einesehr mühevolle und vielleicht wenig erfolgreiche Arbeit ge-worden. Die Arbeiterfrau war noch zu wenig vorbereitet, sichfür das Einfache, das zweckmäßig Schöne zu entscheiden.Für zu viele war noch immer die falsche Pracht der Grün-derjahre, die Pracht aus zweiter Hand eine Verlockung, weiles die einzige Pracht, der einzige Schmuck war, den siekannten. Die Zeit war zu kurz, in den aus dem Dunkel derLohnknechtschaft aufstrebenden Schichten Sinn für Formund Maß zu erwecken.

In sich selbst hatte Elisabeth diesen Sinn zu schöner Vollen-dung entwickelt. In ihrem schlichten Arbeitszimmer hatte sieeine erlesene kleine Bibliothek, Kunstmappen und Notizengesammelt. Auf ihren Reisen, die ja meist politischen Zweckhatten, versäumte sie nie, eine Stunde für sich allein in ei-nem Museum, einem Dom, einer Kunststätte zu verbringen.1919 schickte die Sozialdemokratische Partei des Rhein-landes die 31jährige in die Nationalversammlung nach Wei­ mar , später in den preußischen Landtag. Außerdem wurdesie in Köln als Stadtverordnete aufgestellt. Im PreußischenLandtag war sie ab 1928 Vorsitzende des SozialpolitischenAusschusses, in der Arbeiterwohlfahrt Mitglied des Haupt-ausschusses und Leiterin der Anstaltskommission. Unermüd-lich pendelte sie jede Woche zwischen Berlin und Köln hinund her. Dabei mußte sie neben der Parlamentsarbeit Zeitfinden, die Heime der Arbeiterwohlfahrt zu kontrollieren.Mit der rheinischen Arbeiterbewegung und ihren Frauenwar sie ganz eng verbunden. Wenn man von einem Men-schen mit Sicherheit sagen konnte, daß er von einem großenKreis anerkannt und geliebt wurde, so war es hier bestimmtder Fall. Das gab ihrer Arbeit Gewicht und Erfolg. Manstößt im Rheinland auch heute immer wieder auf Menschen,die sich ihrer erinnern und bedauern, daß sie schon so frühaus ihrem besten Wirken gerissen wurde.

Es war ein kurzes Frauenleben, von dem hier berichtetwurde. Im Wahlkampf 1930, der den Nationalsozialistenihren ersten großen Erfolg brachte, hat sie noch tapfer mit-gestritten. Dann zwang eine tückische Krankheit sie plötz-lich nieder, und der Wahlsonntag fand sie schon im Kran-kenhaus. Eine Woche später schlossen sich die klaren Augenfür immer. Vielleicht war sie ein Liebling der Götter, dieihr die bitteren Jahre, die nun kamen, ersparen wollten.