10. Sept. 46
Ich hatte die Freude das grosse Arbeiter- Saengerfest in Chicago erlebenzu duerfen.Viertes Nationales Saengerfest, gibt es so etwas? Deutsch Ar-beitersaenger in so grosser Zahl in Amerika , dass sie ein nationales Fest,das heisst ein Fest ueber die Staaten veranstalten koennen? Ja, es gibtso etwas, ich habe mich davon ueberzeugen koennen. Sie kamen zu tausenden,aus allen Teilen des Landes.--- Begruessungskonzert, Hauptkonzert und Picknickmit ihren Darbietungen haben mir auch deutlich gezeigt, dass jahrelanges,festes Zusammenhalten und gemeinsames Ueben solche Resultate hervorbringenkonnten. Und die in deutscher Sprache gehaltenen Ansprachen, die deutsche Umgangssprache zeigten, dass auch daheim, im Vereinleben, dafuer gesorgt wird,dass die Muttersprache und die Kultur der Heimat und des Herkommens bewusst*gepflegt wird.--- Und die Darbietungen selbst Es waren neben der grossenKonzertoper" Martha" und einigen sehr schoenen Volksliedern in englischerSprache, in der Hauptsache deutsche Lieder und Freiheitsgesaenge.
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Wo die schoenen MA Uthmannschen Choere noch mit solcher Inbrunst undLiebe vorgetragen werden, da kann es nicht nur die Liebe zu Gesang und Musiksein, die die Arbeiter- Saenger- Vereine Amerikas zu festem Zusammenhalt antreibtDas ist auch nicht nur die Erinnerung an eine fruehere schoene Heimat.Dasist auch die Erinnerung an die gemeinsame Arbeit und an den Kampf um dieFreiheit, gemeinsam Erlebtes mit Menschen gleicher Gesinnung. Wo Frauenchoereso innig und jubelnd ihr" Empor zum Licht" vortragen, wo Uthmanns" Sturm" und" Das heilige Feuer schueren wir" mit solcher Liebe einstudiert wurden, dasses einen so schoenen und reinen Klang gibt, da muss mehr sein hinter diesenLiedern als nur die Freude am Gedang, da muss auch das Herz und die Gesinnunghinter den Worten stehen /.--- Ich fuehlte das sehr deutlich, schon am Eroeff-nungsabend; ich haette bei dieser Gelegenheit und in dieser Stimmung wer weisswasdarum gegeben, den fast dreitausen Menschen in dem grossen Ashland Audito-rium sagen zu koennen, was ich- die jetzt in dieser Zeit besonders mit meinenGedanken in der Heimat weilende- bei ihren schoenen Gesaengen empfand dassdie Erinnerungen mich bestuermten, dass ich sie alle vor mir sah, die waehrendder letzten, bangen Jahre soviel um die Freiheit gelitten haben und nochheute leiden, dass diese Freunde, nachdem die furchtbare politische Bedraeng-nis der Hitlerzeit von ihnen genommen ist noch immer wie unter einem Alpdruckstehen. Und dass sie nun heute nachtraeglich die Knute des Hungers fuehlenund viele von ihnen wahrscheinlich noch hinterher an dem Jammer der Hitler-zeit zugrunde gehen muessen. Dass sie mit ihren geschwaechten Kraeften demHunger und der Entbehrung ausgesetzt sind und dabei der harten Arbeit ver-schrieben, die man den" Wiederaufbau" nach diesem moerderischen, zerstoerendenKrieg nennt.Das alles ging mir auch durch Kopf und Herz, als ich- stehend- das schoene:" Brueder zur Sonne zur Freiheit, Brueder zum Licht empor" mitgesungen habe.Vor meinem geistigen Augu wanderte ein endloser Zug hungernderKinder durch eine von Bomben zerstoerte Heimat und in unseren gemeinsamenGesang hinein toenten mir die Rufe: Brot, gib mir Brot.
Auf dem Picknick am Montag fand ich dann endlich die Gelegenheit zu den Fest-teilnehmern zu sprechen. Aber groesser war meine Freude als ich am Dienstagzu den Delegierten auf dem Nationalkonvent sprechen durfte.Da erst fand ichmich ganz zurecht auf dem von frueher her so vertrauten Boden. Ich hatteernste Maenner und Frauen vor e mir, die sich zu einer Arbeit versammelthatten. Ich hatte das Gefuehl- seit langer Zeit einmal wieder- zu Maennern undFrauen aus der Bewegung sprechen zu koennen.Zu Genossen, die mich und meinDenken verstehen. Ich habe sie gebeten, zuhause, in ihren Organisationen dafuerzu sorgen, dass die hungernden Brueder und Schwestern in der alten Heimatnicht vergessen werden.- Sie nicht und nicht ihre Kinder.Ich habe ihnen dieGruesse der Arbeiter- Wohlfahrt XXXXXXgebracht und damit zugleich dieGruesse die Gruesse aus Deutschland , denn wir, die Arbeiter- Wohlfahrt Amerikas fuehlen uns als die Vertreter und Sachwalter hungernder Arbeiter- Kinder inDeutschland , auch derer, die nach Menschenaltern heute wieder nach Deutschland