Akte 
Korrespondenz
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 
  

DAS SOZIALISTISCHE JAHRHUNDERT

sollte. Ich könnte mir denken, daß dieEltern Bedenken hätten, wenn die Kindermich in meinem Zustande sähen. Die El-tern baten mich, solange wie möglich beiden Kindern zu bleiben und forderten michdirekt auf, bei dieser Gelegenheit den Kin-dern die Schönheit und Heiligkeit derMutterschaft klarzumachen. Sie selbstseien dabei so unsicher, Es dauerte nichtlange, da übernahm die Aufsichtsbehördeselbst diese Aufklärung. Ein Potsdamer Schulrat besichtigte die Klassen mit gutemErfolg, ging dann ins Lehrerzimmer derKnabenschule, in das wir keinen Zutritthatten und erfuhr dort von einem Kol-legen, der auch in unseren Klassen unter-richtete, daß ich schwanger war. Acht Tagedarauf erhielten unsere Klassenväter dieMitteilung, ich müsse ,, aus Gründender Sittlichkeit" innerhalb vierzehnTagen aus der Schule entfernt werden,sonst würden die Klassen geschlossen. Esblieb mir nichts übrig, als meine liebenKinder zu versammeln, ihnen zu erzählen,welches neue Glück mir und meinemMann bevorstand und auch, daß die Be-hörde in Potsdam es für unpassend halte,daß ich in dieser Lage noch weiter unter-richtete. Der Abschied war sehr schmerz-lich, und ich wußte keinen rechten Trostfür die Kinder, als daß ich ihnen sagte,sie sollten so tüchtig werden, daß, wennsie einmal im Beruf stünden und Mutterwürden, sie niemand mehr aus ihrer Ar-beit herauswerfen dürfte.

Zu meinen Schülerinnen gehörte damals eineEnkelin von Hedwig Dohm , der Gattin desberühmten Redakteurs am Kladderadatsch.Das Kind kam nach Haus, tief beeindrucktvon der Abschiedsszene, die sie in folgen-der Form berichtete: ,, Die Behörde hat derFrau Wegscheider gesagt, daß sie ein Kindbekommt, und da muß sie jetzt zu Hausebleiben."

Was blieb mir übrig, als mich mit dop-peltem Eifer für das Recht der verheirate-ten Frau und Mutter auf ihre Berufsarbeiteinzusetzen? In der Schule wurde ich sehrgut vertreten durch die CharlottenburgerOberlehrer Burg und Lenschau. Sie habennach 1908 selbst Mädchengymnasien ge-gründet und geleitet. Burg wurde Direktorder Fürstin- Bismarck- Schule, der erste jü-dische Direktor in Berlin , den der Kaiserbestätigte, und Lenschau gründete diestaatliche Augusta- Schule. Unsere Klassenaber gediehen weiter und wurden in derNürnberger Straße als Studienanstalt derAugusta- Viktoria- Schule aufgebaut.

Das

Ham-

Dozentin und RednerinMädchenschulwesenburgs war damals, freilich auf rein pri-vater Grundlage, sehr modern entwickelt.Ich wurde aufgefordert, die dortige gym-nasiale Studienanstalt zu leiten. mußte dasaber natürlich ablehnen, da mein Mann jaseine langsam aufblühende Praxis in Ber­ lin nicht im Stich lassen konnte. So bliebmir nach der Geburt meines zweiten Soh-nes viel Zeit, und ich freute mich, als ichals Dozentin an der Humboldtakademiefür das Gebiet der Kulturgeschichte derdeutschen und der englischen Sprache an-gestellt wurde.

Zugleich arbeitete ich mich in das Partei-leben Berlins ein. Zuerst war es derFrauenkongreẞ 1904 in Berlin , der mir Ge-legenheit zum öffentlichen Reden bot. Ichhatte keinerlei Referat übernommen, plötz-

lich aber starb die Rednerin für die Alko-holfrage, Frau Marie Mellin; ich mußtefür sie eintreten, hatte nur zehn MinutenZeit zur Vorbereitung, mußte also zumersten Male in meinem Leben freisprechen. Es wurde ein großer Erfolg, undich wurde von vielen Delegierten für dennächsten Winter zu Vorträgen engagiert.Zu gleicher Zeit fand eine große Agita-tionstour führender Wiener Sozialisten ausdem Kreise der dortigen abstinenten Ar-beiterschaft statt, die in einer Anzahlgroßer Städte Versammlungen abhielten.Dr. Fröhlich, mein alter Freund aus Zü­ rich , gehörte zu den erfolgreichsten Red-nern; er erregte durch seine stark marxi-stische Propaganda den Ärger der preußi-schen Polizei und wurde daher als lästigerAusländer ausgewiesen. Ich habe seineausfallenden Versammlungen für ihn hal-ten müssen.

Streik im Ruhrgebiet

zum

Fast gleichzeitig wurde ich als Vertreterindes Vereins abstinenter Arbeitergroßen Ruhrarbeiterstreik ge-rufen. Der freie Bergarbeiterverband undder christliche Verband forderten gemein-schaftlich Redner, die durch möglichstviele Versammlungen die Arbeiter dortim Revier vom Trinken abhalten sollten,denn das ganze Gebiet stand voll Militär,sogar Artillerie war aufgefahren. Es mußteverhütet werden, daß bei Erregung der Ar-beitermassen Zwischenfälle vorkamen, dieja nur zum Schaden der Arbeiterschaftsich ausgewirkt hätten. Die Gewerkschaf-ten selbst versuchten, die Wirte zu be-wegen, daß sie ihre Theken schlossen. AlsRedner mußte man auf die Leute selbsteinwirken. Ich machte durchschnittlichdrei Versammlungen am Tage, es war nichtimmer leicht, von einer zur anderen zukommen, und es war auch nicht immer eindurchschlagender Erfolg zu erzielen. Aberdiese zwei Wochen im Kreise der kämpfen-den Arbeiterschaft ließen doch meineKraft in der Rede sehr wachsen, und mitAusnahme einiger Frauenversammlungenhatte ich keine ernsthaften Gegner. DieFrauen freilich erklärten manchmal, daßsie es nicht aushalten könnten, wenn ihreMänner nicht, ehe sie nach Hause kämen,ihre Portion Schnaps getrunken hätten.; dennohne ihn wären się, viel zu bedrückt und inder Küche nicht zu brauchen. Der Streikwendete sich vor allen Dingen gegen dassogenannte Nullen der Waagen, wenn zu-viel Gestein unter die Kohle kam, undaußerdem forderten die Arbeiter die An-rechnung des Weges unter Tag auf die Ar-beitszeit. Er wurde abgebrochen, und derErfolg stellte sich erst ein wenig späterein. Ich selbst hatte die letzte Versamm-lung in Essen zu halten. Ich hätte die ent-täuschte Versammlung durch meine Wortenicht in Ordnung halten können. FührendeGenossen halfen mir, und das Absingenunserer alten Lieder ließ schließlich dieVersammlung noch einigermaßen befriedi-gend ausklingen. Unter den großen Per-sönlichkeiten der rheinisch- westfälischenArbeiterschaft war es besonders Hue, dermir hilfreich war und mit dem mich seit-dem eine gute Kameradschaft verband, diewir erneuerten, als ich 1919 in den Preu-Bischen Landtag kam. Mehr als dieBerliner Versammlungen zeigte mir dieserriesige Streik die ganze Wucht und Un-widerstehlichkeit organisierter Arbeiter-schaft. Auch persönlich hatten sich Fäden

SEITE 203

angeknüpft, und in der Zeit der deutschenRepublik habe ich in jedem Wahlkampfeine Woche im Revier gearbeitet. Dortfühlte ich die großen Kraftströme der Be-wegung.

Es war leichter, eine Schultätigkeit mitEhe und Mutterschaft zu verbinden alseine agitatorische Arbeit, wie sie jetztmein Leben erfüllte. Meine Interessengingen doch vielfach allzusehr über dashäusliche Leben hinaus, und ich war wohlauch zu leidenschaftlich in ihrer Verfol-gung. Jetzt nach vierzig Jahren kann ichleicht einsehen, daß daran eine Ehe zer-brechen konnte. Damals empfand ich esnatürlich nur als Unglück. Mein Mannund ich versuchten noch einmal, dieSchwierigkeiten zu überwinden durch dasübliche Mittel einer längeren Trennungmein Mann fuhr als Schiffsarzt nach Süd­ amerika . Aber es war eine andere Frauin sein Leben getreten, und er kam nichtvon ihr los; wir mußten uns scheidenlassen. Wir versuchten, es ohne Feind-schaft zu tun, und in gewissem Grade ge-lang das auch. Die Kinder wurden mir zu-gesprochen, und ich erstrebte eine neueSchulstellung, da ich mich wirtschaftlichauf eigene Füße stellen wollte. Ich machtedas Staatsexamen für das Lehr-amtan höheren Schulen nach, wasvor kurzem zum ersten Male in Preußenauch Frauen gestattet worden war, undich wurde in Bonn an einer Studienanstaltin der Entwicklung als Oberlehrerin an-gestellt.

Abstinent am Rhein

Es war ein guter Stern, der mich nachBonn führte. Der Rhein , das Siebengebirge ,die liebliche Stadt Bonn selbst, die enge-ren, aber nicht kleinstädtischen Verhält-nisse, die ganze westdeutsche Kulturlage,das alles kam meinen Wünschen sehr ent-gegen. Meine Jungen haben in Bonn einegute Jugend gehabt, wenn auch natürlichnicht ohne die üblichen Schwierigkeiten.Ich hatte der Stadtverordnetenversamm-lung bei meiner Meldung mitgeteilt, daßich Mitglied der Sozialdemokrati-schen Partei war. Damit fand mansich ab, da man zum Aufbau der Schuleeine Vollakademikerin brauchte. Der Ober-bürgermeister nahm mir nur die Verpflich-tung ab, zwei Jahre lang keine öffent-lichen politischen Versammlungen zu hal-ten. Er meinte, ich müsse mich erst an die.politischen Verhältnisse in einer Stadt mitZentrumsmajorität gewöhnen. Das war inder Tat auch im Schulleben nicht ganz ein-fach; aber die Schule, an der ich unter-richtete, wuchs schnell. Zuerst waren esmehr Schülerinnen von auswärts, Töchtervon Beamten aus dem Osten, die zu unskamen. Als die Schule dann aber 1908 als-große städtische Vollanstalt anerkanntwurde, bekamen wir auch viele Bonner Bürgerstöchter und bildeten bald einennicht unbedeutenden Teil des gesamtenBonner Schulwesens, Ich hielt mich an dieAbmachung, sprach im wesentlichen inJugendveranstaltungen und bei Ge-werkschaftskursen wissenschaft-licher Art sowohl in Bonn als auch inKöln . Ich pflegte meinen sehr bürgerlichenDirektor zu solchen Abenden einzuladen,wohl wissend, daß er dieser Einladung nie-mals folgen würde. Dieser kleine diploma-tische Schachzug genügte, um mich zusichern.

( Fortsetzung folgt.)