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DAS SOZIALISTISCHE JAHRHUNDERT
NACH DER MOSKAUER KONFERENZ
M
uß die Konferenz in Moskau als gescheitert gelten?Der ,, Mann auf der Straße", vor allem in Deutsch land , ist sehr geneigt, die Frage glatt zu bejahen.Er kennt die Feinheiten diplomatischer Verhandlungen nichtund sieht sich durch die Vertagung aller Hauptfragen ent-täuscht. Keine Entscheidung über die Grenzen, aufdie Millionen Vertriebene verzweifelnd warten, keine Ent-scheidung über die staatliche Gliederung Deutschlands ,welche die Siegermächte sich vorbehalten haben. KeineEntscheidung über die Reparationen, ihre Höhe, ihren Be-ginn, ihre Dauer, keine über die Demontagen von Betrieben,der Friedensindustrie, über das einheitliche Wirtschaftsge-biet, nicht einmal über den Abbau der Zonengrenzen. Selbstin der Denazifizierung wurden keine einheitlichen Grund-sätze durchgeführt, und für die Entmilitarisierung blieb esbei recht allgemein gehaltenen Vorschlägen. Nur zwei Er-folge sind errungen, von denen wir hoffen, daß sie auch zurTat werden: der Beschluß über die Entlassung und Heim-beförderung der deutschen Kriegsgefan-gene'n bis zum 31. Dezember 1948- also 334 Jahre nachder Waffenruhe!- und der nicht näher erläuterte Beschlußüber die Verminderung der Besatzungs-truppen in allen vier Zonen Deutschlands vom 1. Sep-tember 1947 ab.
Kein Wunder also, wenn ein Gefühl tiefer Ent-täuschung die Millionen erfaßte, die mit dem Neuauf-bau der deutschen Wirtschaft beginnen möchten und wenig-stens einige positive Resultate erwartet hatten. Sie sindsehr geneigt, dem amerikanischen Senator Dulles zuzu-stimmen, wenn er feststellt, daß ,, der Fehlschlag in Moskau eine Tragödie für Millionen Menschen in Europa " bedeutet,deren Leiden verlängert werden, weil sich die großenMächte nicht einigen können".
Nur eine Etappe
Die beteiligten Staatsmänner haben den niederdrückendenEindruck zu mildern gesucht und darauf hingewiesen, daßangesichts der Schwere der Probleme Moskau nur eineEtappe im Zuge der Beratungen hat bilden können. Deramerikanische Staatssekretär Marshall freilich sieht deneinzigen Fortschritt darin, daß die Kontrahenten den Stand-punkt des Partners genau kennengelernt haben, und erkündigte die Festigkeit der amerikanischen Position fürkünftige Verhandlungen an.
Der britische General Brian Robertson beruhigte mit denWorten: ,, Es wäre grundfalsch, anzunehmen, daß bei einerspäteren Konferenz keine Einigung erzielt werden könne."Auch sein Außenminister Bevin bittet das britische Volkum Geduld: ,, Wir werden unsere Differenzen bei einer zu-künftigen Konferenz ausgleichen." Von einem ähnlichen Op-timismus zeugt auch die knappe Äußerung des Generalissi-mus Stalin zu Marshall: ,, Ein Kompromiß ist mög-lich." Und nachträglich wird ja die Unterredung Stalinsmit dem amerikanischen Gouverneur Stassen, der als Präsi-dentschaftskandidat genannt wird, bekannt, in der sichStalin für enge Zusammenarbeit mit den USA ausgesprochenhat, in der er die weltanschaulichen und wirtschaftlichenGegensätze für kein Hindernis hält und hofft ,,, daß wir letz-ten Endes zu einem Einvernehmen kommen". Doch alleBeruhigungsversuche können die Tatsache derfolgenschweren Verzögerung wichtiger Lösungen nicht ausder Welt schaffen und die Enttäuschung der Betroffenen
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nicht beseitigen, die jeden erfassen mußte, der einer schnel-len Ordnung der Verhältnisse Europas zustrebt.Die Umstände, die die Verzögerung verursachten, sindbekannt. Es sind vor allem die Gegensätze unterden Siegermächten selbst, und es ist zweitens dasimmer noch bestehende Mißtrauen gegenüber Deutschland .Dabei zeigt sich wieder, daß wir in den Jahren der Nazi-herrschaft von einer klaren Erkenntnis der Stimmungen imAuslande systematisch ferngehalten wurden und die Er-eignisse und Ansichten jenseits der Grenzen nur in derentstellten Form tendenziöser Berichterstattung erfuhren.Wie viele unserer Landsleute glauben heute noch, das Pro-blem Deutschland sei das einzige Zentralproblem derWelt. Sie haben keine Kenntnis von den Leiden undSchwierigkeiten der anderen Völker.
Konflikte in aller Welt
Wie viele leben unbewußt in der Ueberheblichkeit weiter,die das Hitlerregime ihnen zwölf Jahre lang anerzog. DieseAnmaßlichen glauben, jedes Getreideschiff, das die Häfender USA oder Kanadas verläßt, müsse seine Ladung in deut schen Seestädten löschen, und wissen nicht, daß die Men-schen in Oesterreich und Italien , in Griechenland und Un garn , ja in Rumänien denselben Hunger haben, daß Ja-panern und Chinesen, ja sogar Indern geholfen werden muß,weil der Weltkrieg alle in Armut stieß. Sie begreifen nicht,daß das deutsche Problem zwar ein wichtiges, aber nureins der Probleme ist, die sich als diplomatischeStreitkomplexe im Pazifik und in Korea , in China und In dien , in Iran und Aserbeidschan, in Palästina und Aegypten ,an den Dardanellen und am Piräus , in Sofia und Bukarest , inWien und Budapest , in Warschau und Berlin angehäufthaben.
Der fremde Staatsmann muß seinen Blick gleichzeitig aufalle diese Konfliktherde richten. In dem großen Mosaikdiplomatischer Kämpfe ist Deutschland nur einStein, und nur wer das Ganze übersieht, kann einen siche-ren Standpunkt für die Beurteilung der Weltlage und un-serer eigenen gewinnen. Bald schiebt sich der eineKonfliktstoff vor, bald der andere, heute ist es Triest oderGriechenland , morgen Palästina oder Indien , die alle Auf-merksamkeit absorbieren. In diesem Kaleidoskop wechseln-der Beratungen bedeutet Deutschland nur einTeilbild, das um soviel zurückgedrängt wird, alsandere Probleme in den Vordergrund rücken.Viele unserer Landsleute geben sich noch keine Rechen-schaft darüber, wie die Welt draußen über uns denkt. Nochherrscht tiefes Mißtrauen über unser zukünfti-ges Verhalten. Während wir kraftlos am Boden liegen,schließen alle unsere Nachbarn neue Bündnisse gegen,einen etwaigen zukünftigen deutschen Angriffskrieg. DasResultat der Umfragen, die das Gallup - Institut in vielenLändern anstellt, beweist, daß nicht nur die Staatsmänner,sondern auch die Völker dieses Mißtrauen noch hegen, dasuns Sozialisten so unbegründet erscheint. Wie ist dasmöglich?
Berechtigtes Mißtrauen?
Es gibt Erklärungen dafür und der Schreiber dieser Zeilenhat sie an sich selbst erfahren. Als einer der ersten Deut schen habe ich vor 25 Jahren, nach dem kleinen" Welt-krieg, vor einer Volksversammlung im Trocadero zu Paris eine dem Andenken Jean Jaurès gewidmete Rede gehalten,eine weitere als Delegierter der Deutschen Friedensgsell-schaft in der Sorbonne und darauf eine dritte als Mitglied