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Nr. M. 31. Illhrglins. 1. KnlM ks Jpniitlf Kttl« BölbHalt. Dienstag, 16. Juni 1914. Gewerkschaftliches. Rückftänöige Werkmeister. DerTag" veröffentlicht eine Zuschriftaus Kreisen des Deutschen Werkmeisterverbandes". die eine Antwort auf den an dieser Stelle am'27. Mai erschienenen Artikel sein soll. Ter Verfasser bestätigt aber in mehr als einer Beziehung die Richtigkeit dessen, was wir gesagt haben, so-namentlich, wenn er sagt, daß heute in der Regel keine gemeinsame Beziehungen zwischen Werk- meistern und Arbeitern bcsrehcn, weil diese in den Meistern nur den lästigen A u s p a s s e r und Antreiber erkennen. Das ist eben das Produkt, das aus dem Werkmeister von ehedem durch die arbeitsteilige Organisation des kapitalistischen Großbetriebes im Laufe der Jahre geworden ist! Ter Unterschied ist nur, daß wir die Gegensätze, die sich hierdurch zwischen Arbeitern und Meistern in zu- nehmenden Maße herausgebildet haben, nicht für unabänderlich, für etwas notwendig Dauerndes halten, während der Artikel- schreiber imTag" sie geradezu als etwas unentbehrliches ansieht und unter allen Umständen aufrechterhalten möchte. Er sagt: Ter Werkmeister kann nicht den geistigen Kontakt mit der Arbeiterschaft und ihren sozialen Organisationsbestrebungen aufrechterhalten,weil er sich dann der Arbeiterschaft unter- ordnen l!) und von ihr abhängig(l) würde." Das ist natürlich lächerlich. Denn dadurch, daß er mit seinen bisherigen Arbeits- genossen in Fühlung bleibt und an ihren sozialen Bestrebungen ferner Anteil nimmt, gerät ein w i r kl i ch e r M e i st e r noch nicht in irgendeine Abhängigkeit von-der Arbeiterschaft. Im Gegenteil, meistens wird er sogar außerordentlich an Ansehen gewinnen, wenn er durch sein Verhalten den Beweis erbringt, daß er Charakter genug besitzt, um auch in dergehobenen" Stellung seinen Men Lebensans�chauungen, d. h. den Idealen seiner Klasse treu zu bleiben. Hier zeigt sich eben der Meinungsstreit in seiner ganzen Tiefe: Anstatt den Ehrgeiz zu besitzen, seinen Meistcrposten durch besseres Können und höhere Intelligenz zu einer natürlichen Führer- st e l l u n g zu machen, möchte der Verfasser desTag"-Artitels sich in allen Dingen auf die Machtmittel seines Arbeitgebers stützen und eine nur aufAutoritätgegründeteVorg« setzten- st e l l u n g konstruieren. Damit erweist er sich als eine typische Erziehungsfrucht des Düsseldorfer Wcrkmeisterverbandcs und es wundert uns durchaus nicht, wenn er nicht in konsequenter Weiter- führung dieses Hauptgedankens sogar zu der Auffassung gelangt, daß auch die übrigen technischen Angestellten dem Werkmeister höchstens vorgesetzt oder untergeordnet, aber niemals gleichgestellt seien und daß infolgedessenrein' und klar betrachtet" der Werk- meister keine gemeinsamen Interessen mit irgendeiner anderen An- gestelltengruppe habe. Nach der Auffassung dieses Herrn bilden die Werkmeister also einen Staat für sich. Sonderbarerweise kommt er trotzdem zu der Meinung, daß gewerkschaftliche Kampfmittel für die Werk- meister nicht in Betracht kämen und daß es deshalb keinen Zweck habe, ihre Organisation mit derartigenundurchführbaren Phrasen" zu belasten. In dieser Auffassung begegnet er sich mit dem gegen- wärtigen Leiter des Verbandes, Dr. Werner, der gerade eben auf demWerkmeistertag" in Köln ebenfalls programmatische Er- klärungen über diesen Punkt abgegeben hat. Während aber der Verfasser des.,Tag"-Artikels, der zweifcllbs der angeblich sehr radikal gerichteten Berliner Ortsleitung angehört, die eigentlichen A rbe i tn e hm e ri n t er ess cn der Werkmeister vollständig übergeht, erkennt Dr. Werner wenigstens an, daß zwischen Arbeit- geöern und den Werkmeistern als Angestellten ein Gegensatz bestehe, weil die einen immer den Wunsch haben, möglichst billige Arbeitskräfte zu bekommen, während die anderendie Pflicht und das Recht haben, ihre Arbeitskraft möglichst teuer zu verkaufen". In den hieraus entspringenden Konflikten wolle der Verband seinen Mitgliedern auchrückhaltlos zur Seite stehen" undkeine Mittel scheuen, um ihren berechtigten Forderungen Nachdruck zu verleihen", aber ein Streik könne für die Werkmeister niemalsinFragc kommen, weil ihrer zu wenig sind. Diese Begründung erinnert.lebhaft an senenwirtschafts- friedlichen" Agitator, der einen Angcstelllcnstrcik deshalb für un- möglich erklärt, weil er aussichtslos ist. Nun, wir möchten einmal sehen, wie Herr Rathenau die Hände ringen würde, wenn eines Tages sämtliche A. E. G.-Werkmeister solidarisch ihre Kündigung einreichten! Ob er nicht doch schleunigst alles aufbieten würde, um seinen Frieden mit den Meistern zu machen? Aber wenn die klugen Düsseldorfer von diesem wirtsamsten Mittel organisierter Selbsthilfe durchaus keinen Gebrauch machen wollen, sollten sie uns doch wenigstens verraten, mit welchen anderen Mitteln sie nötigenfalls scharfmacherischen Unternehmern gegenüber ihren be- rechtigtcn ForderungenNachdruck verleihen" wollen, Serlin unö Umgegend. Die Bewegung der Kraftdroschkenführer. Die im Transportarbciterverband organisierten Kraftdroschken- führer beschäftigten sich gestern Montag in zwei überfüllten Vcr- sammlungen in denMu sikersäle n", Kaiser-Wilhelmstratze, mit dem Verhalten der Unternehmer zu dem vom Einigungsamt des Berliner Gcwcrbcgerichts beschlossenen Schiedsspruch. Bekanntlich haben sich die Kraftdroschkenführer in zwei überfüllten Versamm- lungen, die am 1». Juni tagten, mit erdrückender Mehrheit für die Annahme des Schiedsspruchs ausgesprochen. Die Unternehmer haben denselben jedoch entgegen ihrer ausdrücklichen Zusage abgelehnt. Den Bericht erstattete Genosse O r t h m a n n. Die Unternehmer wollen am Mittwoch früh allen Chauffeuren einen Revers unter- breiten, durch den sich die Chauffeure verpflichten, fiir 75 Pf. Tage- lohn und 25 Proz. der Einnahme zu fahren, während der Schieds- spruch neben den 25 Proz. der Einnahme 00 Pf. Tagelohn vorsieht. Die Diskussion ließ erkennen, daß die Versammelten mit der Leitung des Verbandes durchaus einverstanden sind und daß die Kraftwagenführer zwar den Frieden wollen, daß sie es aber für eine Ehrenpflicht halten, den Schiedsspruch zur Anerkennung zu ver- helfen. Der Streik wird nicht gewünscht, aber gewiß nicht gefürchtet. Beschlossen wurde, am Mittwoch bei allen Kleinbetrieben nicht nur die Unterschrift des Reverses zu verweigern, sondern die Anerkennung des Tarifes zu fordern. Wo die Anerkennung nicht erfolgt, wird die Arbeit ein gestellt. Schließlich wurde in beiden Versammlungen die nachfolgende Re- solution mit Begeisterung angenommen: Die am 15. Juni in denMusikcrsälen" ftüh und abends ver- sammelten Kraftdroschkenführer verpflichten sich, den vom Einigungs- amt gefällten Schiedsspruch bei den dem Verband der Kraftdroschken- besitzer angehörenden Mitgliedern ausschließlich der großen Gesell- schaften zur Durchführung zu bringen. Ferner lehnen es die Versammelten ab, einen Revers, der dem Schiedsspruch nicht ent- spricht, zu unterschreiben, Innung sgelder für die klagenden Groftbäcker. In derBäcker- und Konditor-Fachzeitung". dem Organ der Bäckerinnung zu Berlin , gibt der Vorstand derselben in einen: Pro- tokoll des Vorstandes bekannt, daß in dem Streik in der Bäckerei GoldackerS sowie in den Bäckereien Weidners, Inhaber Hanke u. Co., keine Schädigungen der Geschäftsinhaber eingetreten seien. Weiter aber heißt eS in dem betreffenden Protokoll:Bei den nun entstehenden Klagen szweifelloS doch Entschädigungsklagen) wird den Firmen noch einmal tatkräftige Unterstützung zugesichert I" Bei der Berliner Bäckerinnung ist doch alles möglich. Die Firmen sind angeblich nicht im miirdesten geschädigt worden, aber den Schaden, den sie gehabt haben, müssen sie nun mit Hilfe von Jnnungsgeldern einklagen. Vor zehn Jahren wurde die Berliner Leitung der Bäckerinnung als großer Berliner Wasserkopf von der Leipziger Bäckerinnung be- zeichnet. Diese Bezeichyung dürfte heute so mancher Kleinmeister noch als durchaus berechtigt betrachten. Nicht genug, daß die heutige Jnnungsleitung zwei Großbäckereien in ihrem Bestreben, ungeheuere Lohnabzüge zu machen und ebenso ungeheuerliche Arbcitszcitver- längerungen durchzuführen, zum Schaden der Konkurrenz, besonders aber zun: Schaden der kleineren Bäckermeister unterstützt, soll das Jnnungsgeld auch noch benutzt werden, um Großkapitalisten wie Goldacker die Jnnungskasse zu nutzlosen Klagen zur Verfügung zu stellen. Dem Verband kam: es recht sein. Hat die Bäckerinnung aus den Klagen Ludes und mehrerer anderer nichts lernen können, so mag sie ruhig weiter mit dem Gelde kleiner Bäckermeister ver- suchen, den Verband tot zu klagen. Der Syndikus der Innung kann sich schmunzelnd die Hände reiben: So lange Leute an der Spitze der Berliner Bäckerinnung stehen wie gegenwärtig, wird auch sein Weizen blühen. Nutzen freilich werden die beiden Firmen auch von Klagen nicht haben. Die Organisation sieht denselben ruhig entgegen. Sowohl über Goldacker wie auch über Weidner, Inhaber der Firma Hanke u. Co., ist die Sperre verhängt. Achtung, Metallarbeiter! Der Streik der Metallschleifer bei der Firma Karl Lindström Aktiengesellschaft, Große Frankfurter Str. 137, ist beendet. Die Sperre über den Betrieb ist hiermit aufgehoben. Die Firnra Stein, Alte Jakobstraße, ist für Zink-, Zinn« und Bleigießer gesperrt. Deutscher Metalarbeiterverband. Ortsverwaltung Berlin . Achtung! Bauarbeiter! In dem Lokal von Bartel, Romintener Straße 19, werden jetzt schon fortwährend Maurer. Zimmerer und Hilfsarbeiter ange« worden, die erst in Rostock Beschäftigung finden sollten. Schließlich aber wurden die Betreffenden von Rostock aus nach den mecklen- burgischen Gütern gebracht, wo sie die Stellen der durch den pommerschen Bauherrnverband ausgesperrten Bauarbeiter besetzen sollten. An: gestrigen Montag sind wiederum durch Anzeige in der Morgenpost" Bauarbeiter nach diesem Lokal bestellt worden, die von zwei Unternehmern für einen Ort in Hannover angeworben werden. Da die Vermutung sehr begründet ist, daß auch jetzt wieder die Angeworbenen als'Ers atz ausgesperrter Bau- arbeiter gebraucht werden sollen, warnen wir alle Maurer, Zimmerer und Hilfsarbeiter vor Annahme solcher Arbeit. Der Vorstand des Deutschen BauarbeiterverbandcS. Zweigverein Berlin . Deutsches Reich . Zum Streik in den Linke-Hofmann-Werken zu Breslau . Seit 21 Wochen tobt dieser gewaltige Kampf, an dem rund 1500 Personen, Metallarbeiter, Holzarbeiter, Fabrikarbeiter, Trans- Portarbeiter, Sattler, Lackierer, Kupferschmiede uud Gewerkvereinler beteiligt sind. Seit drei Wochen haben nun Verhandlungen statt- gefunden und nichts ist unversucht gelassen, einen Frieden zwischen den streitenden Parteien herbeizuführen. Es handelt sich, wie bekannt, keineswegs um Lohn- oder andere Forderungen, sondern der Kampf ist den Arbeitern aufgenötigt worden durch ganz unerhört hohe Abzüge. Aber trotz aller Bemühungen nimmt die Fabrik« leitung auch nicht um einen Pfennig von ihren Abzügen zurück. Hier wird unter keinen Umständen dran gerüttelt," erklärte am 4. Juni die Direktion dem vermittelnden Gewerbegerichtsvorsitzenden. Sie stellte den Streikenden und Ausgesperrten ein Ultimatum, daß, wenn bis 6. Juni die Arbeit nicht aufgenommen wird, jedes weilere Entgegenkommen abgelehnt wird. Die Streikenden und Ausgesperrten lehnten aber die Arbeits« aufnähme ab, und geht der Kampf daher in verschärfter Weise weiter. Nur drei Mann von den Tausenden stimmten für Aufnahme der Arbeit. Die Firma bemüht sich nun, mit allen Mitteln Streikbrecher heranzuziehen, was ihr auch leider teilweise gelungen ist. Wir richten daher das dringende Ersuchen.an die gesamte deutsche Ar- beiterschaft, uns in dielen: gewaltigen Kampfe zu unterstützen. Sorgt für weiteste Verbreitung dieser Zeilen, damit der Zuzug unterbunden wird. Ferner versucht die Firma, Schmiede- und Gießereiarbeit ander- weitig herstellen zu lassen. Nach allen Teilen Deutschlands , ja selbst bis Belgien sind Modelle versandt worden. Arbeiter Deutschlands , übt Solidarität, helft den Breslauer Kämpfenden den Sieg erringen! Kleines Feuilleton. Im Briefträgersaal. Als der eingeschriebene Brief kam. war ich nicht da. Ich möchte ihn im großen Briefträgersaal auf der Hauptpost abholen, hieß es.Dort rechts durch die kleine Türe," sagte der Portier. W:e ich eintrat, war ich gebannt. Nicht als wäre mir die Erscheinung erneS Briefträgers nicht vertraut gewesen. Dem letzten Mann im letzten Dorfe ist sie eZ in unseren Tagen. Aber der multiplizierte Briefträger, der mit zwei- hundert multiplizierte Briefträger, überwältigte mich. Denn gut zweihundert waren eS in diesem Saale , kleine, große, dicke, dünne, sitzende, stehende, rufende, forschende. Ihre Uniformen glänzten, Knöpfe blitzten, die Zwicker der Geldbriefiräger glitzerten, und über allen: stand ein Knistern und ein Rascheln. Die Post der Großstadt wurde sortiert. Zehntausende von Briefen raschelten in: Saal. Nein, sie taten mehr als rascheln sie redeten:Wir sind die Post der Großstadt," sagtzen sie,wir kommen aus der ganzen Welt - wir durchmaßen Kontinente wir durchmaßen Meeik alle Lust, alles Leiden und aller routinierter Gleichmut ist in uns verschlossen und in einer halben Stunde tropfen unfere Tränen und klingt unser Lachen in der ganzen Stadt umher." So iprachen die Briefe. Uud der Saal sprach:Ich bin eingekastet in den Weltverkehr ich bin ein Prisma ich sammle Strahlen auS der ganzen Welt in einen Punkt und breche sie und streue sie wieder m der Stadt umher, die Straßen entlang, über die Plätze, ins Zentrun:, in die Vorstadt, treppauf, treppab, hinein durch tausend Türen auf dem Geläut von taufend Klingeln, ü: tausend Herzen, frohe und betrübte." So spkach der Saal. Und die Briefträger, was sprachen die 200 Briefträger? Die sprachen nichts, die waren stumm. Bis auf den einen oder anderen, der vom Sortiertisch aufstand, mit einem ungenügendadressierten" Briefe in der Hand:Doktor Emil Lämmermeier! Welches Revier?" Hier!" kam«ine Stimme auS der anderen Ecke dieses Riesensaales, und dann wanderte der Brief dorthin. Stille wieder. Nur das Knistern, nur das Rascheln der Briefe in den ordnenden Händen, die dem Herrscher Brief dienten. Ja, alle diese gehorsamen Hände standen "n Dienste Seiner Majestät des Briefes. Der Brief regierte. Der Brief hatte weit draußen die unzähligen Federn, die unzähligen Herzen in Bewegung gesetzt, der Brief hatte Druckmaschinen, Schreib- Maschinen klappern lassen, hatte die Papierfabriken angetrieben, hatte Tintenströme fließen lassen und wird in einer halben Stunde neue Herzen in Bewegung setzen, neue Federn. Und dazwischen war dieser Saal gekostet, waren die zweihundert Briefträger ein- gekettet. In eine zwangsläufige Riesenmaschincrie waren sie als leise knisternde Räder eingefügt. Sie ordneten und ordneten und hatten keinen Willen. Sie hielten rhythmisch der Briefe Fluten ab. Ihre Uniformen verschmolzen in meinen: Gesichtsfeld zu einer Riefen- uniform, zu einer Riesengestalt. Und diese Gestalt kam plötzlich auf unch zu:Sie wünschen?.. Opfer der X-Dtrahlen. Jedermann weiß heute, daß die X- Strahlen an Körperstellen, die ihnen zu lange oder zu oft ausgesetzt werden, Verletzungen der Haut, die gemeiniglichBrandwunden" genannt werden, verursachen. Zu den Opfern der Strahlen gehörten in erster Linie alle diejenigen, deren Beruf es ist, mit Röntgen- strahlen zu arbeiten. Die Liste dieser Opfer ist leider schon sehr lang, und dieser Tage wurde sie durch einen neuen Namen noch ver- längert: dem Dr. Maxime Msnard. der im Hospital Cochin in Paris der Abteilung für Radiologie und Elektrotherapie vorsteht, mutzte der durch die X-Strahlen verbrannte Zeigesinger der rechten Hand abgenommen werden. Es ist eine grausame Ironie, daß gerade er ein Opfer der Strahlen wurde: verdankt man ihm doch die Er- findung einer Vorrrchtung, die die bösen Wirkungen der Röntgen- Strahlen verhüten sollte. Sein Unfall bedeutet durchaus nicht den Bankrott seines Schutzsystems, denn bei 3500 Anwendungen der X-Strahlen, die allein während des letzten Jahres im Hospital Cochin nötig wurden, wurde nicht ein einziger Operateur, nicht eine Krankenwärterin, nicht ein Patientverbrannt"; es gab nur ein einziges Opfer, und das ist der Erfiuder des Schutz- mittels. Man darf wohl annehmen, daß er sich persönlich um die Ge- fahr nicht diel gekümmert haben wird, und daß die früher an- gewandten Schutzmittel nicht genügten. Als Schutzmittel hatte man Handschuhe aus mit Blei gemischtem Gummi empfohlen: sie sollten, wie die Fabrikanten behaupteten, bis zu 80 Prozent der X-Strahlen absorbieren. In Wirklichkeit absorbierten diese Handschuhe, die mehr Baryt als Blei enthielten, nur sehr wenig did Strahlen von der gewöhnlich angewandten Art und bildeten geradezu eine Gefahr. Menard benutzt bei seinem Schutzmittel gleichfalls Blei, das bekannt- lich für die X-Strahlen undurchdringlich ist. Eine Art Möbel mit Bleischirm isoliert den Operateur während der ganzen Dauer der Anwendung der Strahlen, und die Handschuhe schützen seine Hände während der kurzen Augenblicke, wo er sie direkt den Röntgen- strahlen aussetzen. Hümme und Satire. Der Streik von Gebensee. In Gebensee in Thüringen streikte der Kirchenchor, well der Magistrat sich weigerte, den frommen Mannen sürderhin sür den Gesang 400 Liter Bier pro Jahr und 4 Morgen Acker zu gewähren. Der Kirchenchor von Gebensee gar hoch bewährt seit dann und je er sang so laut, er sang so gern für Bier und Grund zum Preis des Herrn; denn e§ gewährt der Rat der Stadt weil es so Brauch, und weil er's hat den frommen Sängern(zwanzig schier), im Jahr vierhundert Liter Bier; dazu vier Morgen guten Grund, da man Kartoffeln bauen kunnt. Und die gerieten, knüppeldick,_ dem Gebenseer Chor zum Glück.-5, Mit solcher Erdfrucht, solchem Bier wird's Psalmensingen zum Pläsier!" So dachte unser Kirchenchor und lobte Gott den Herrn dafor. Nun kam ein neuer Magistrat. Der brummte:Meiner Seel', 8' ist schab, die Gottesgaben seit Gedenken dem Kirchenchorfor nix" zu schenken!!" und kam 0 Schreck zu dem Beschluß: Das Singen ist ein Hochgenuß, und wenns zur H ö h r e n Ehr' geschieht,» dann sing' u m s u n st dein frumbes Lied. Drob brausten auf die frumben Brüder: Gebt Bier uns und Kartoffeln wieder! sonst weh! wir streiken mit die Töne! Dann, Magistrat sing' du alleene!!' Er gab nicht nach s i« schrien weh l Still war's im Chor von Gebensee. Merk die Moral: In uns'ren Tagen geht selbst das Frommsein durch den Magens Notizen. Herr Vielgeschrei. Des altdänischen Dichters Ludwig Holberg MeisterkomödieHerr Villgeschrey" oderDer Mann, der keine Zeit hat" erlebte im Dresdener kgl. Schauspielhause bei seiner Uraufführung in der neuen Uebersetzung und Bearbeitung Karl Morburgers eine ftöhliche Auferstehung. Die Hauptgestalt mit ihrem ewigen Lärm um nichts, der Mann, der vor lauter unnützem Be- fchäftigtsein zu nichts kommt, dabei aber reichlich Gelegenheit findet, das HauS auf den Kopf zu stellen und das größte Unheil anzu- richten wäre nicht ein guter Hausgeist da gehört zu den ganz echten komischen Figuren und führt über alle Zertsatire ins Mensch- liehe hinein. Holberg holt zwar nicht das letzte heraus, aber er läßt diese Figur mit so viel Witz und Laune und glänzender Theater- kunst agieren, daß er auch das moderne Publikum aufS Lustigste zu unterhalten weiß. Die van Gogh-Ausstellung bei Paul Cassirer ist noch durch mehrere Bilder und Zeichnungen aus deutschem und französischem Besitz ergänzt worden. Vom Enthusiasmus der Wissenschaft. Eine hübsche Anekdote von dem Erfinder des Nitroglyzerins, dem italienischen Chemiker Askanio Sobrero, dessen hundert« jähriger Geburtstag dieser Tage gefeiert wurde, erzählt ein ehe« maliger Schüler von ihm. In einem Kolleg ereiferte sich der Pro- fessor über die unaufhaltsamen Fortschritte der Chemie und sagte schließlich:Die Chemie, meine Herren, hat eine unabsehbare Zu« kunft, mit der wird man eines Tages sogar Menschen erzeugen können." Als er aber gewahr wurde, daß sein zahlreiches Publikum stutzte, wurde er verlegen und setzte zur Milderung hinzu:Natür « lich, die alte Methode wird wohl iinmer den Vorzug haben."