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vom öfterreichisch-rusilschen Kriegsschauplatz. die Nlesenschlacht zwischen Weichsel unÜ dnjeftr. WolffS Ttlegraphcn-Bureau meldet nichtamtlich: Wien , 3. September. Die Telegramme der Kriegs- berichterstatter an die Blätter bestätige«, daß das bisherige Ergebnis der Riesenschlacht als ein vollständiger glänzender Sieg an der ganzen Nordfront bezeichnet werden kann. Am O st f l ü g e l dauert das Ringen noch an. Die Berichterstatter weisen auf die ungleichmäßige Ans- bildung nnd Wirkung der russischen Artillerie hin, welche stellenweise vorzüglich sei und anderwärts vollständig versagt habe. Hingegen heben die Berichterstatter einmütig die durch- wegs glänzenden Leistungen der Sfterreichisch-un garischen Artillerie hervor. Einige Berichterstatter weisen namentlich auf die Bravonr des Preßburger und des Kaschauer Korps hin. Sämtliche Berichte stellen fest, daß sich auf österreichisch- ungarischer Seite, namentlich in Lstgalizicn, die Spionage und die Kundschafterdieuste rufienfreundlicher Elemente unangenehm fühlbar mache». vom österreichisch-ferbischen Kriegsschauplatz. Eine österreichische Verwahrung. Wie«, 2. September. (W. T. B.)(Meldung des Wiener K. K. Telegr. Korresp.- Bureaus.) Das serbische Preßbureau fährt fort, im Ausland durch phantastische Berichte über Siege gegenüber den österreichisch -ungarischen Truppen den Anschein zu erwecken, als ob Oesterreich- Ungarn gegenüber Serbien hätte zurückweichen müssen. Diese Folgerung ist ebenso falsch wie die Einzelheiten der serbischen Berichte. Die Wahrheit ist vielmehr, daß der militärische Zweck unseres Vorstoßes in Serbien vollkommen erreicht wurde. der Seekrieg. die franzöflsche Kriegsflotte beschießt Eattaro. Wolfis Bureau meldet nichtamtlich: Wien , 3. September. Amtlich wird bekannt gegeben: Am 1, September morgens erschien die französische Mittelmeerflotte, bestehend aus 16 große« Einheiten, nämlich Schlachtschiffen und Panzerkreuzer» nnd zahlreichen Torpedofahrzengeu auf große Entfernung vor der Einfahrt in die Bucht von C a t t a r o. Sie gab vierzig Schuß an» schwerem Kaliber gegen daS veraltete Fort auf Punta d'Ostro ab, ohne den dortigen Werken Schade» zuzufüge«. Bon der Besatzung wnrden drei Mann leicht verwundet. Die Flotte dampfte dann eine Zeitlang in nordwestlicher Richtung, wendete sich sodann in südlichem KurS, um anscheiuend die Adria zu verlasien. Es handelte sich daher offenbar um«ine wirkungS- lose Demonstratio» der französische» Streitkräfte an unserer südlichen Küste. die franzöflsche darstellung. Paris , 8. September. (W. T. B.) Di« französische Flotte hat gestern die Befestigungswerke und die Reede von Cattaro de« schössen. Di» Beschießung verursachte große» Schade». Mehrere Ge« bände wnrden beschädigt nnd gerieten in Brand. Italien unö öie fremden Kriegsschiffe. Fiume, 8. September. (W. T. B.)' Dem Hafenamte ist von italianischer Seite am L. September mitgeteilt worden, daß Kriegsschiffe in die Häfen von Spezi a, Maddalena, Ta- ranto, Brindisi und B e n e d i g nur bei Tage mit vor- heriger Bewilligung, die sie mit Hilfe von drahtlosen Telegraphen tzon dem betreffenden Hafenkomnmndo erwirken, einfahren können. Vom östlichen Kriegsschauplatz. VII. Bei den Flüchtlingen. Osterode , den 30. August 1014. Höfe un!s Ställe in der Stadt dienen den Flüchtlingen aus den geräumten Ortschaften als Notwohnung. Wer genügend Klein- geld besitzt, findet ja wohl ein andere? Unterkommen. Aber die meisten der vo» der Kriegsfurie Vertriebenen bleiben vorläufig ohne ausreichendes Obdach. Die inHofwohnungen" sind überdies noch glücklich zu schätzen. Bei Tage hocken sie draußen in der Sonne; die Wirtschaft wird besorgt; man wäscht und kocht Kaffee. Kaffee und Brot ist die Hauptnahrung. Kinder spielen umher, die ganz kleinen liegen in einem der mitgebrachten Leiterwagen auf dem Bettzeug. Die Größe des Leids, materielle Verluste und schwere? Un- glück in der Familie, wie auch die persönliche Widerstandskraft des einzelnen bestimmen daS Verhalten in diesen schlimmen Stunden. Manche sitzen da teilnahmslos, in dumpfem Hinbrüten haben sie anscheinend die ganze Umwelt vergessen. Ich frage eine Frau, die über ihre im Wägelchen liegenden Kinder hinweg in die Welt starrt, woher sie komme. Sie wendet den Kopf und schaut mich verständnislos an. Ich wiederhole die Frage, beschäftige mich mit einem kleinen blauäugigen, blonden Knaben. Immer noch keine Antwort. Tröstend sage ich:Sie können nun bald zurück, die Russen sind fort." Aus den Augen stürzen ihr die Tränen. Die Arme kann sich noch nicht zurechtfinden. Zu viel Fürchterliches ist auf sie eingedrungen. Von einem Nachbar hörte ich dann, ihr Haus sei zerstört, der Mann schon gefallen; ihr Acltester, ein Kriegs- sreiwilliger, lasse sie ohne Nachricht. Ein Mann, ungefähr b0 Jahre alt, schildert mir sein Unglück. Nahe bei Soldau , an der Grenze, besaß er HauS und Hof. Er Wirt- schaftete mit sechs Kühen, zwei Pferden, trieb Schweinezucht. Als Erbe des Anwefens muhte er mehrere Geschwister abfinden; DaS Ein Kriegsschiff, dem die Einfahrt gestaikek wurde, hak nach der Signalstation zu fahren und dort mindestens drei Meilen vom Ufer entfernt stehen zu bleiben und seine Flagge zu hissen. Die Signalstation verständigt von der Ankunft de» Schiffes den Hafen- kommandanten, der einen Marineoffizier auf daS fremde Kriegs­schiff entsendet. Ein Schiff auf eine Aline geraten. London , 3. September. (W. T. 33.) Nach einer hier ein- getroffenen Meldung ist ein Dampfer auf eine Unterwasser- mine gestoßen und gesunken. Bonden 11 Mann der Besatzung sind sechs ertrunken. Die übrigen fünf Mann wurden gerettet. Es handelt sich um dasselbe Schiff, welches kürzlich die Mann- schaff eines dänischen Dampfers rettete, der in derselben Gegend auf eine Mine aufgelaufen und gesunken war. die politischen Strömungen in Rusiisch-polen. Die sozwle Gliederung eines Volkes entscheidet über die politischen Strömungen. Auch für ein Volk, das unter Fremdherrschaft seufzt, kann diese einfache Wahrheit nicht ausgeschaltet werden, und es bewahrheitet sich in Polen sehr klar. Ter Untergang Polens wurde dadurch verursacht, daß Rußland und Preußen zu militärischer Macht gelangten, während in Polen durch eine besondere Verkettung historischer Ursachen der Adel das Aufkommen einer starken Zentral- gewalt und einer Militärmacht im eigenen Interesse ver­hinderte. Selbst in der Stunde der höchsten Gefahr scheiterte die Verteidigung gegen den Raub seitens Rußlands , Preußens und Oesterreichs daran, daß der Held des Freiheits- kampfes von 1794, Thaddeus Kosciuszko , nicht die Macht hatte, den Adel zu einem Verzicht auf seine absolute Herr- schaff über die Bauern zu zwingen. Diese Bauernschaft wurde nicht nur nicht durch Befreiung von der Hörigkeit für die Verteidigung des Vaterlandes begeistert, sondern der Adel widersetzte sich zum Teil sogar der Bewaffnung der Bauern, weil das seine Herrschaft gefährdete. Es war das tragische Schicksal des Polnischen Volkes, daß es nicht mit seiner Adelskaste fertig wurde, die wie ein Vampyr seine Lebens- kräfte aussog und deshalb auch nicht den Raub am eigenen Lande durch die fremden Staaten verhindern konnte. Zweimal griff dann das Volk zu den Waffen gegen die Zarenherrschaft 1839 und 1864. Bei dem ersten Aufftand handelte es sich um den Verteidigungskampf gegen den Zarismus, der die 1815 beschworene Verfassung Polens niedertrampelte. beim zweiten um den Verzweiflungskampf gegen die endgültige Vergewaltigung der nationalen Rechte Polens . Beide Male haben die Regierungen Preußens und Oesterreichs alles getan, um der zarischen Regierung die Niederwerfung Polens zu erleichtern. Aber in beiden Auf- ständen trat es auch zutage, daß selbst jetzt der Adel vor der Konsequenz einer allgemeinen Volkserhebung zurückschreckte aus Klasseninteresse. Wie stehen die Dinge heute? Die drei Teilungsmächte, die seit mehr denn einem Jahrhundert durch den gemein- samen Raub an Polen aneinander gekettet waren, stehen zum ersten Male im Kampfe gegeneinander. Jetzt wäre es sicher den Regierungen Deutschlands und Oesterreichs erwünscht, wenn sich die Polen in dem von Rußland geraubten Teile erheben würden wie ein Mann gegen die zarische Regierung. Eifrige Zeitungsschreiber werden auch nicht müde, die Polen zu diesem Heroismus aufzufordern. Leider haben sie das Mittel noch nicht angegeben, wie ein wehrloses Volk in den von russischen Truppen überschwemmten Landesteilen es fertig bringen soll, gegen die russischen Schnellfeuergeschütze, Maschinengewehre und Klcinkalibngen vorzugehen. Das sind offenbar Utopien. Aber die Haltung der polnischen Bevölkerung ist selbstverständlich von größter Bedeutung für die Kriegführenden, auch wenn die Polen nicht zu den Waffen greifen, die sie nicht haben. Denn selbstverständlich ist es für die deutschen und österreichischen Truppen von ent- scheidendem Werte, wenn sie sich in Polen nicht wie in Feindesland fühlen, sondern auf jede Weise von der Be- völkerung begünstigt werden. Nun gibt es sicher nicht viele Elemente in Polen , die mit der zarischen Regierung sympathisieren. Aber zweifellos ist die Großbourgeoisie an diese Regierung gekettet durch ihre kapitalistischen Interessen. Die Abtrennung des Landes von wurde ihm sauer. Doch in jahrelanger Arbeit, bei bescheidener Lebensweise hatte er'Z geschafft. Noch eine gute Ernte und Frieden Im Lande, dann hatte er seine Verpflichtungen abgelöst. Die auf dem Besitz ruhende Hypothek machte ihm weiter keine Sorgen. Dann kam daS Unglück. Eines Tage? hieß eS: Die Kosaken kommen! Di« Kosaken kamen und wurden vertrieben.... Unter solchem Wechsel hielt er eS acht Tage lang aus. Die meisten Nachbarn waren schon geflohen, ein HauS nach dem andern ging in Flammen auf. SineS TageS sielen auch in seinen Hof Granat- splitter, die Scheune brannte. Nun hieß e«: FortI Fort! Da stürmten schon die Russen heran. Nur das nackte Leben war noch zu retten. Auf einem Leiterwagen hatte man vorsorglich schon vorher die Betten verpackt. Die Pferde vor und davon! Während der Flucht starb daS kleinste Kind.Die Frau liegt dort im Pferde- stall, sie sieht der Entbindung entgegen. Wir fanden kein anderes Unterkommen. Was soll ich nun anfangen?" Ich weiß natür- lich keinen Rat. ZSer kann da trösten. Ich sage nur:Tie Russen sind nun fort."Aber mein Heim ist zerstört," sagt leise und traurig der Mann. Es gibt noch viele andere mit schwererem Leid, mit größerem Verlust. Hinaus zur Landstraße lenken mich meine Schritte. Dort, zu beiden Seiten kampieren die Flüchtlinge zu Tausenden unter freiem Himmel. Manche seit zehn Tagen. Gewöhnlich haben sich mehrere Familien zusammengefunden, die neben einer Scheune, vor einem Gebüsch oder einem Kornschober etwas Deckung suchten und fanden. Fast alle find aus Neidenburg, GeimeinsameS Leid schweißt zusammen. Man führt gruppenweise eine Wirtschaft. Einzelne retteten nur daS bisse! Zeug, das sie auf dem Leibe tragen. Andere brachten fast den ganzen HauSrat mit. Hier und da steht man auf den Leiterwagen sogar eine Nähmaschine verstaut. Heber Holzfeuerosen kocht das gemeinsame Mittagsmahl. Ein steinaltes Mütterchen hütet mit scheuen Blicken ein Stückchen Speck. DaS soll wohl nicht Gemeingut werden. Sie rettet eS für ihre Lieb­linge, ihre Enkel, die daneben in den Stoppeln herumspielen. Jeder Witterung find die Armen ausgesetzt, bei Tage gewöhn- lich glühenden Sonnenstrahlen� off auctj Regengüssen« und nachts Rußland bedeutet Sen Verlust der Absatzmärkte für die Exportindustrie, die Befreiung des Landes vom zarischen Joch bedeutet gleichzeitig die Beseitigung des Druckes, der die Proletarier an Händen und Füßen gefesselt der un-- beschränkten Ausbeutung ausliefert. Das gilt auch bis zu einem gewissen Grade von den Großgrundbesitzern. Sie haben längst ihren Frieden mit der zarischen Regierung gelchlossen, die ihnen dafür einsteht, daß der Landhunger der Bauern nicht auf ihre Kosten befriedigt wird. Auch sind sie an den: Export nach Rußland als Produzenten von Branntwein und Zucker interessiert, und außerdem sind sie mit der industriellen Bourgeoisie versippt. Das Kleinbürgertum, diese politisch rege Klasse, die in Polen in noch höherem Maße als in anderen Ländern die öffentliche Meinung" macht, ist in hohem Maße politisch verworren. Tie Intellektuellen empfinden naturgemäß die nationale Verfolgung sehr stark, die Russifizierung der Schule, das provokatorisch� Verletzen aller Kulturinteressen wird von dieser Schicht tief empfunden. Auch ein Wirtschaft- licher Grund spielt dabei mit: die zarische Regierung hält die Polen von der Staatskrippe fern, sie können nicht Beamte und Lehrer werden. Bei der Verstaatlichung der Bahnen wurden z. B. Tausende von polnischen Angestellten aufs Pflaster geworfen und durch Russen ersetzt. Auf der anderen Seite aber ist dieses Kleinbürgertum abhängig von der Großbourgeoisie und zieht mit ihr an einem Strange, Es war denn auch die Probe aufs Erempel, daß, sobald die Revolution im Jahre 1906 niedergeworfen war, eine wahre Orgie der Reaktion begann, bei der Adel, Bourgeoisie nnd Kleinbürgertum mit wahrer Bcrserkerwut sich gegen die Arbeiterschaft wandten und in Loyalität vor der zarischen Regierung erstarben. Polnische, deutsche und jüdische Fabrikanten spendeten Millionen für die Polizei, taten alles, was irgend in ihren Kräften stand, um gemeinsam mit der zarischen Regierung die Arbeiter niederzuwerfen. Und die kleinbürgerlichen Elemente taten ein übriges, indem sie Banden bildeten, die mit Revolvern ausgerüstet Jagd auf die Sozialdemokraten machten. Bei den Wahlen zur Duma siegte dank dem Wahlrecht die Partei derNationalen Demo- kratie", die ihrem Ursprung nach kleinbürgerlich war, aber sich beeilte, in den Dienst der Bourgeoisie zu treten. Tie polnische Fraktion war dann hyperloyal gegen die zariiche Regierung, bewilligte blindlings alle militärischen Forde- rungen. Höchstens versuchte sie durch würdelose Kriecherei kleine Konzessionen auf nationalem Gebiete zu erbetteln, ohne ihr Ziel zu erreichen und anderes als Verachtung ein- zuheimsen. Zu einem entschlossenen Kampfe gegen die zarlsche Re- gierung sind alle diese Schichten der hesitzenden Klasse auch im gegenwärtigen Moment unfähig. Wo es gilt, vorbehält- los Opfer zu bringen für die nationale Sache, versagen sie. Die arbeitenden Klassen dagegen haben in Polen nichts zu verlieren als ihre Fesseln. Ihr nationales Interesse deckt ich mit dem sozialen: der Sturz des Zarismus ist das Lebens- nteresse. Das polnische Proletariat hat während der Revo» ution betmesen, zu welchen sch'-ankenlosen Oplern es fähig ist. Dagegen ist. wie überall, die Bauernschaft politisch in hohem Grade indifferent und schwer für politische Aktionen zu organisieren, und der aktive Teil bleibt allein die Arbeiter- schast. Ihre Parole ist gegen den Zarismus I Und sie ist sehr wohl im stände, diese Parole auch gegen den Willen der Bourgeoisie durchzusetzen, indem sie daS Kleinbauerntum und die nicht gänzlich korrumpierten Elemente des Kleinbürger- tums mit sich reißt.- Welche Umwälzungen die nächste Zeit bringen wird, daS ist heute eine Frage, die in erster Linie von der Entscheidung der militärischen Kämpfe abhängt. Aufgabe des polnischen Proletariats wird es sein, unter allen Umständen seine Interessen zu wahren, die sich mit den Interessen des inter - nationalen Proletariats und der Kultur decken. Wer dieses polnische Proletariat zum Verbündeten haben will, der inuß nicht nur durch Worte, sondern durch Taten zeigen, daß er dem Werke der Kultur und der Menschheit dient. Wer öer Gewinner fein wirb. Wer im gegenwärtigen Krieg der Sieger sein wird, ist, wenig- stens soweit der Landkrieg in Betracht kommt, kaum noch eine Frage. Im Grunde wird da nur noch um daS Mehr oder Minder gekämpft. Bleibt der Seekrieg, dessen Ausgang zweifelhaft ist und der sich auch länger hinziehen kann als jener. Wenn man aber noch nicht weiß, wer bei ihm der Sieger fein wird, so lassen zwei Notizen, die wir in derNew Aork Times" vom 7. August finden, ziemlich sichere der bereits sehr empfindlichen Kühle. Man sucht Schutz, so gut eS geht... hüüer dem Stroh, auch wohl darin; die Kinder und Kranken werden in die Betten gepackt. ES gibt viele Kranke; wie sollte eS anders sein. Schon während der Flucht starben Kinder und Frauen. Einige vor Angst und Aufregung. Nun kommt Not und Entbehrung hinzu. In einer Höhle, die in einen Strohhaufen hineingewühlt ist, liegt auf einem Unterbett eine totkranke, abgemagerte Frau. Ich dachte, sie hätte 60 Jahre auf dem Rücken. Sie zählt erst dreiund- dreißig. Tief liegen die balbgebrochenen Augen im Kopfe, Schweiß perlt auf der Stirn. Sie kann nicht mehr sprechen, keinen Wunsch mehr äußern. Männer, außer ganz alten, find nur wenige unter den Flücht- lingen. Die Wehrfähigen tragen ein Gewehr wenn sie es noch tragen. Ein ziemlich junger Mensch, ein Maschinist, versichert mir, er sei zweimal von Russen gefangen genommen worden, aber jedes- mal sei er entschlüpft. Da» zweite Mal band ihm ein Kosak einen Strick um den Arm. Den habe er plötzlich mit seinem Messer durch- geschnitten und sei dann um ein Hau» in eine sumpfige Gegend gerannt. Der Kosak hinterdrein, bis er am Sumpfe nicht mehr weiter konnte. Und die Kugeln trafen nicht. Ta sitzt weinend eine junge Frau. Ihr Mann ist tot, ihr Vater vielleicht auch, ihr Bruder verwundet; nichts hat sie gerettet, alle? verloren. Sie steht nun allein auf der Welt und weiß nicht, wohin. Man bringt ihr zwei Kinder, ein Mädchen von eineinhalb, einen Knaben von drei Jahren. Ihrer soll sie sich annehmen, denn die Frau, die sie rettet«, hat selbst drei kleine Kinder. Die Mutter der beiden Waisen ist vor einem halben Jahr gestorben. Den Vater haben die Kosaken erschossen, seine Schwester wurde ein Opfer ihrer bestialischen Wollust. Die junge Witwe nimmt das Mädchen auf den Schoß, der Schatten eine? Lächelns huscht über ihr Gesicht. Ich ward Zeuge furchtbaren Jammers, maßlosen Unglücks, tcy sah die Opfer menschlicher Entmenschung. Ich mutzte gehen, konnte nichts mehr anhören. Wilhelm D ü K e l l« AriegSberiHter�alter»