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Hr. 146. 32.»Mg. t. Keilllgt des Lömsüs" Kerlim KlKblÄ. Zonmbr«d,2S Wailgls. Der Reichskanzler über Italiens Eingreifen. Reichstag . 11. Sitzung, Freitag, den 23. Mai 1913. nachmittags 3 Uhr. Saal und Tribünen sind überfüllt. Am BundeSratstisch: v. Bethmann Hollweg , v. Jagow, Delbrück , Tirpitz, Kractke, Lisco, Helfferich, Schorlemer, Loebell." Bor Eingang in die Tagesordnung nimmt das Wort Reichskanzler Dr. v. Bethmann Hollweg: Meine Herren� Als ich bor acht Tagen m Jbnen sprach, be- siand noch ein«Schimmer von Hosinimg. dah das Losschlagen Ilalicns verhütet werden könnte. Die Hosinimg bat getrogen. Das deutsche Empfinden sträubte sich, an vre Möglichkeit einer solchen Wendung zu glauben. Jetzt hat die italienische Regierung selbst ihren Treubruch mit blutigen Lettern unvergänglich in das Buch der Weltgeschichte eingeschrieben. �Bewegung und Sehr richtig.) Ich glaube, es war Machiavelli , der einmal gesagt hat, jeder Lp r i e g, der notwendig sei, sei auch gerecht. War von diesem nüchternen rcalpolitischen Standpunkt aus, der von allen znoralischen Reflepionen absieht, war auch nur so gesehen dieser Krieg notwendig? Ist er incht vielmehr geradezu sinnlos? jEr- neutes lebhaftes Sehr richtig!) Niemand bedroht Italien , weder 'Desterreich-Ungarn noch Deutschland . Ob die Tripleentenie es bei Lockungen hat bewenden lassen<Sehr gut! und Hört! hört!), das wird ja die Geschichte zeigen. sLebhafte Zustimmung.) Ohne einen Tropfen Blut, ohne das Leben eines einzigen Italieners zu ge- siihrden, konnte Italien die lange Liste der Konzessionen haben, die ich Ihnen neulich verlesen habe: Land in Tirol, am Jsonzo, soweit die italienische Zunge klingt, Befriedigung der nationalen Wünsche in Trieft, freie Hand in Albanien , den loertvollen Hafen Balona. Warum haben die Herren Salandra und Sonnino das nicht genommen? Wollen sie etwa auch das deutsche Tirol erobern? (Mit erhobener Stimme:) Hände weg, meine Herren!(Siür- mischcs Bravo.) Oder will sich Italien an Deutschland reiben, an dem Lande, dem es doch bei seinem Werden zur Großmacht so manches zu verdanken hat sSehr richtig), an dem Lande, von dem es durch keinerlei Interessengegensätze getrennt ist? iErneutc Zu- stimmung.) Wir haben in Rom keinen Zweifel gelassen, das; der italienische Angriff auf österreichisch-ungarische Truppen auch deutsche Truppen treffen werde.(Sehr wahr!) Weshalb hat also Rom das weitgehende Anerbieten Oesterreichs zurückgewiesen? Das italienische G r ü n b u ch, ein Dokument, das das schlechte Gewissen mit hohlen Phrasen verbürgt(Sehr gut!). bietet uns darüber keinen Aufschluß. Man hat sich vielleicht doch gescheut, offiziell auszusprechen, was man durch die Presse und durch die Gespräche der parlamentarischen Wandelgänge als Borwand ver- breiten ließ: die österreichischen Angebote wären zu spät gekommen und man habe ihnen nicht trauen könne». Wie steht eS denn in Wirklichkeit damit? Die römischen Staatsmänner hatten doch wohl kein Recht, an die Vertrauenswürdigkeit anderer Nationen denselben Maßstab anzulegen, wie an ihre eigene.(Stürmische Heiterkeit.) Deutschland bürgte mit seinem Wort dafür, daß die Konzessionen durchgeführt wurden, da war kein Raum für Mißtrauen.(Leb- hafte Zustimmung und Sehr gut!> Also weshalb zu spät? Das Trentino , das am 4. Mai angeboten wurde, war kein anderes Land, als welches es im Februar gewesen wäre. (Heiterkeit.) Und im Mai waren dazu noch eine ganze Reihe Kon- Zessionen h i n z u g e k o in m e n, an die man ini Winter nicht einmal ge- dacht hat. Nun, zu spät war es, weil die römischen Staatsmänner sich nicht gescheut halten, lange vorher, während der Dreibund noch leibte und lebte derselbe Dreibund, von dein der König und die Regierung in Rom auch nach dem Ausbruch des Weltkrieges ans- drücklich anerkannt hatten, daß er weiter bestehe(LebhasteS Hört! hört!) weil Sonnino sich lange vorher mit der Tripelentente so tief eingelassen harte, daß er sich aus ihrem Arm nicht mehr los- winden konnte. Schon im D e z e m b e r w a r e u A n z e i ch c n für eine Schwenkung des römischen Kabinetts. Zwei Eisen ini Feuer zu haben, ist ja immer nützlich und Italien hatte uns auch früher schon seine Borliebe für Extratouren gezeigt.(Heilerkeit.) Aber hier war kein Tanzsaal, hier ivar die blutige Walstatt, auf der Oesterreich- Ungarn und Deutschland sür ihr Leben fechten.(Lebhafte Zustimmung. Dasselbe Spiel wie mit uns haben die römischen Staatsmänner auch mit dem eigenen Volke gespielt.(Sehr richtig l) Gewiß, das Land italienischer Zunge an der Nordgreiize war von jeher ein Traum und Wunsch innigen Begehrens von jedem Italiener . Aber doch ist dieser Krieg ein Kabincttskricg. Das italienische Volk in seiner großen Mehrheit wollte nichts vom Kriege wissen. Auch die Mehrheit dos Parlaments wollte nichts vom Kriege wissen. Noch im Mai haben die besten Kenner der italienischen Verhältnisse feststellen können, daß etlva vier Fünftel des Senats und zwei Dritiel der Kammer gegen den Krieg waren.(Hört, hört!) Und darunter die besten und ge» wichtigsten Staatsmänner der ganzen letzten italienischen Epoche. Aber die Vernunft kam nicht mehr zum Wort, es herrschte allein die Straße, und zwar unter der wohliv ollen den Duldung und Förderung der leitenden Männer des italieni - schen Kabinetts; sie war von dem Golde der Triple-Entente und unter der Führung gewissenloser Kriegshetzer in einen solchen Bluirausch versetzt worden, daß sie dem König die Revolution und allen Gemäßigten, die sich noch ein ruhiges Urteil bewahrt hatten, Ueberfall und Mord androhte, ebenso allen, die nicht init in die Kriegstrompete einstoßen wollten. Ueber das Maß der österreichischen Konzessionen wurde das italienische Volk geflissentlich im Dunkel gehalten. So kam es, daß nach dem Rücktritt des Kabinetts Salandra sich niemand mehr fand und niemand mehr den Mut hatte, ein neues Kabinett zu bilden, und daß in den ent- scheidenden Debatten über die Kriegsvollmachten kein Redner der konstitutionellen Parteien des Senats oder der Kammer den Wert der weitgehenden österreichischen Konzessionen an die nationalen Wünsche des italienischen Volkes_ auch nur zu würdigen versucht hätte. In dem allgemeinc» Kriegstaumcl mußte die ehrliche Politik verstummen. Wenn einst, wie wir hoffen und wünschen, eine Ernüchterung bei dem italienischen Volke ein- getreten sein wird, dann werden ihm auch die Augen darüber auf- gehen, Ivie leichtfertig es in diesen Krieg hinein- gehetzt worden ist.(Lebhafte Zustimmung.) Und wir, weine Herren, haben alles getan, um die Abkehr Italiens vom Dreibünde zu verhüten. Uns fiel dabei die Undank- bare Rolle zu, dem treu verbündeten Oesterreich-Ungarn, mit dessen Armeen unsere Truppen tagtäglich Wunden, Tod und Sieg teilen, anzusinnen, die Vertragstreue des Dritten durch Abtretung alter und wichtiger Gebietsteile zu erkaufen. Daß Oesterreich-Ungarn schließlich bis an die äußerste Grenze des Möglichen gegangen ist, wissen Sic. F ü r st B ü l o w, der von neuem in den aktiven Dienst deS Reiches getreten tvar, hat die große Summe seines politischen Geschicks, seiner genauesten Kenntnis der italienischen Zustände, seine Persönlichkeit und seinen Namen in unermüdlicher Arbeit für eine Verständigung eingesetzt.(Beifall.) Wenn seine Arbeit vergeblich geblieben ist, das ganze Volk dankt sie ihin. (Lebhafter Beifall.) Meine Herren, wir werden auch diesen Sturm aushalten. (Stürmischer Beifall.) Bon Monat zu Monat sind wir mit unse- Dsz ösfePf�iäWn �ialienische GrenzgeEfet aus der Vogelschau; Zum Beginn der Kämpfe zwischen Oesterreich-Ungarn und Italien an der Tiroler Grenze und im Grenzgebiet desKüsten- landes" wird der KorrespondenzHeer und Politik" über die Ge- staltung des neuen Kriegsschauplatzes folgendes mitgeteilt: Der neue Kriegsschauplatz ist seiner ganzen natürlichen Ge- staltung nach für ein angreifendes italienisches Heer ein äußerst schwieriges Gelände. Noch sind die Aufmarschpläne des italienischen Heeres nicht bekannt: aber die Gestaltung des Grenzlandes zwischen Oesterreich und Italien ist derart, daß da» Gebiet infolge seines gebirgigen Charakters und der eigenartigen vorgeschobenen Lage von Südtirol den Italienern ungünstig ist. Vor allen Dingen macht das GcbirgSland sowohl ini Norden Italiens als im Osten bei einem etwaigen Vormarsch auf das Küstenland die Entfaltung großer und zahlenmäßig über- legner Streitkräfte unmöglich. Im Norden springt Tirol in einem tiefen Dreieck bis in die Mitte des Gardasees nach Italien hinein. Es ist darum für Italien schwierig, gegen ein hier stehendes Heer angriffsweise vorzugehen, da die Berge den geeinten Aufmarsch hindern, so daß eine kleine verteidigende Macht hier die günstigsten Aussichten hat. Von Bahnivegen kommen hauptsächlich die Schienenwege von Mailand und Modena über Mantua und Verona in Betracht, die nach Tirol hineinführen. Be- herrscht wird der Schienenweg über Verona von dem Flußgebiet der Etsch . Der Nordzipfel Italiens wird durch die Julischen Alpen von Oesterreich abgetrennt. Auch hier haben wir ähnliche Verhält- nisse wie an der Tiroler Grenze. Da» Bergland macht auch hier große Operationen nur schwer möglich. Vor allen Dingen aber ist in erster Linie die� Tatsache zu berücksichtigen, daß die E n t f a l- tung großer Streitkräfte einem entschlossenen und kräf- tigen Verteidiger gegenüber zu den Unmöglichkeiten gehören dürfte. Das sogenannteKüstenland" ist ebenfalls zu einem Kriegsschauplatz nicht besonders geschaffen, da das Karsgebirgc mit seinen ungeheuer großen Einöden und zerklüfteten bergigen Lände- reien äußerst bedrohlich ist. Diesem Landstrich vorgelagert ist die italienische Provinz Venetien mit der starken Secfestung Venedig . Bedeutung haben hier die Täler des Tagliamento , Piave und Brenta , die wichtige Straßen bilden. Die Eisenbahnverbindungen sind hier nicht schlecht; zwei starke Stränge führen nach Villach und in das Küstenland. Beide gehen von Venedig aus. der eine Strang führt über lldinc nach Villach und der andere über Gra- diska nach Trieft. Die österreichischen und deutschen Truppen, die schon seit Monaten in den Karpathen mit der Art der GebirgS- kämpfe vertraut wurden und im Ertragen von Strapazen aller Art Gewaltiges zu leisten vermögen, find auch in dieser Beziehung den italienischen Truppen überlegen. Es kommen also auf diesem Kriegsschauplatz sehr viele Ilniständc innerer und äußerer Natur zusammen, um die Ucberlegcnheit, von der die Italiener träumen, und die bereits recht voreilig in ihrer Presse als unumstößliche Tai- fache ausgegeben wird, zum mindesten fraglich zu gestalten. Jeden- falls können wir der EntWickelung der Dinge auf diesem Kriegs- schauplatz mit großem Vertrauen entgegensehen, wenn auch da» italienische Heer nicht unterschätzt werden darf. Da das Küsten- laud an da» Adriatische Meer grenzt, so kommt auch die See hier als Kriegsschauplatz in Betracht. Dieser Kriegsschauplatz hat jedoch nur nachgeordnete Bedeutung, da die Hauptstärke der italieuischeu Wehrmacht in den Landtruppen liegt, und darum auch der Land, kricgsschauplgtz die größte Bedeutung haben muß.