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Orafoj) Steine Herren, einem solchen Volle, darf nicht länger vorenthalten werden, worauf eS schon längst berechtigten Anspruch hat, die- volle bürgerliche Gleichberechtigung a�rf allen Gebieten(Lebhafte Zustimmung bei den Sozjaldemo- lraten), gleiche Entwickelungsmöglichteiten für jeden.(Erneute Zustimmung bei den Sozialdemokraten.) Nur so wird es möglich sein, unserem innerpolitischen Leben eine gesunde Basis zu geben, nur so wird es allen Volksgenossen möglich sein, freudig mitzu- arbeiten an den gewaltigen Aufgaben auf wirtschaftlichem, sozialem und kulturellem Gebiet, die das deutsche Volk nach dem Kriege zu erfüllen hat.(Wiederholter Beifall bei den Sozialdemokraten.) Entschlossen, unser Vaterland-in diesem Sinne zu einem wohn- lichen Haus für alle auszubauen, wehren wir jede Gefahr von autzen mit allen Kräften ab. Niemals haben wir Sozialdemokraten einen Zweifel gelassen, daß wir mit unserem Volke für unsere volitische und wirtschaftliche Selbstbehauptung alles einsetzen wer- den.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Das gilt ganz de- sonders heute, wo durch den Beitritt der letzten europäischen Groß- niacht zu der Koalition unserer Feinde dieser Krieg zu einem Riesenkampf für die Selbständigkeit und Unabhängigkeit des deut- schen Volkes geworden ist,(Stürmischer Beifall bei den Sozial. demokraten .) Graf Westarp(k.): Meine Freunde verzichten darauf, im gegenwärtigen Augen- blick auf die Vorgeschichte der italienischen Kriegserklärung ein�u» gehen. Der Reichskanzler hat das gestern in so klarer und ein- gebender Weise getan, daß sich jedes Wort darüber erübrigt. WaS mich dazu zwingt, gegen unsere Absicht das Wort zu ergreifen, ist der Umstand, daß die Herren Sozialdemokraten den heutigen Tag für geeignet erachten, von neuem ihren Standpunkt auszusprechen, nach welchem der Friede unter keinen Umständen von Eroberungen, wie sie es nennen, also von Gebietserwerbungen, abhängig gemacht werden soll. Warum dieser Standpunkt heute ausgesprochen werden mußte, ist mir nicht klar ersichtlich.(Sehr richtig! rechts.) Der Standpunkt war bekannt, die Wahl deS Augenblicks aber, in dem die Sozialdemokraten es für notig ge- halten baben, ihn noch einmal hier auszusprechen, bedauern wir. Mr sino der Ansicht, daß dieses Aussprechen in der gegenwärtigen ernsten Stunde alles andere eher fein kann als nützlich.(Wider- ipruch bei den Sozialdemokraten, Zustimmung rechts.) Die Herren Sozialdemokraten haben in früheren Erklärungen gesagt, daß sie diesen Standpunkt einnehmen in Uebereinstimmung mit der Inter­nationale. Ob sie noch heute der Ansicht sind, daß solche voll« Uebe» einstimmung mit der Internationale auch in den uns feindlichen Ländern besteht, das will ich ihrem eigenen Urteil überlassen.(Sehr gut! rechts.) Das eine aber glaube ich aussprechen zu muffen, nach unserer Auffassung sind die Grundsätze der Jnter- nationale im heutigen Augenblick für derartige Fragen absolut gleichgültig, absolut unver- srändlich. Wir stehen der Internationale noch genau so gegen» über wie vorher. Die Aeußerungen der Herren Sozialdemokraten aber zwingen uns, unsere gegensätzliche Auffassung zum Ausdruck zu bringen. Solche Dinge, wie wir sie in Ostpreußen und im Elsaß erlebt haben, können wir unter keinen Umständen wieder zulassen.(Lebhafte Zustimmung rechts und bei den Naiionallibe- raten.) Wir haben uns vollkommen auf den Stand- Punkt der gestrigen Erklärung des Reichskanz- lerS zu stellen, daß«S darauf ankommt, alle nur möglichen realen Garantien und Sicherheiten zu beschaffen und unser HauS fester als vorher zu machen.(Bravo !) Wir sind der Auf- tässung, daß dieS Ziel nur erreicht werden kann, wenn auSschließ. Ach die eigenen militärischen, wirtschaftlichen und politischen Jnter- essen des Reichs maßgebend sind, und daß wir auch vor Gcbietserwerbunge» nicht zurückschrecken dürfen, die für die dauernde Sicherheit des Landes notwendig find. iBravo! rechts und bei den Nationalliberalen, Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Auch die Ausführungen deS Abg. Ebert üb e r innerpoli t ische Fra ge n können wir nicht für zeitgemäß halten. Die immer wiederholte Forderung, es möge nun endlich die volle Gleichberechtigung allen Volkskreisen gegeben werden, könnte im Auslände der Vermutung Raum geben, als bestände in unserem Volke Unzufriedenheit und als fei ihm die Gleichberechtigung versagt. (Zuruf bei den Sozialdemokraten: Das stimmt auch!) Wir naben mit diesen Auseinandersetzungen nichts gewonnen, wir sind dazu gezwungen worden, wir lehnen jede Verantwortung dafür che. Im übrigen handelt eS sich bei den Auseinandersetzungen um Fragen der Zukunft. Das eine aber steht fest, und das wird auch durch diese Auseinandersetzung nicht geändert, daß auch der italie- nische Krieg nichts weiter ist als ein Hammerschlag, mit dem unser fester und unbeugsamer Wille zum Siege stahlhart gehämmert wird.(Lebhafter Beifall rechts.) i Abg. Schiffer(natl.): Der Vorredner hat mit der Betonung der vollen Einmütig- kert unseres deutschen Volkes geschlossen. Ich habe aus der Rede des Abg. Ebert in der Hauptsache auch nichts andere» heraus- gebort.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Die Sozial- demvkratie hat Veranlassung genommen, vor dem Auslände und dem Inlands festzustellen, daß sie an ihrer Haltung vom 4. August nichts zu ändern hat, sie hat damit erwiesen, daß dies« Haltung und Ueberzeugung nicht der Ausdruck einer momentanen Stimmung war, sondern daß sie begründet ist mit der Auffassung, die sie jetzt betätigt hat.(Sehr richtig!) Das ist eine Erscheinung, die trnr mit Freuden begrüßen können und begrüßen. Das ist das, was sich setzt als der Geist unseres ganzen Volkes kennzeichnet. Unser Volk ist sich selbst getreu. Die Begeisterung der ersten Tage des Weltkrieges, die Millionen fteiwillig zu den Fahnen trieb, war gewiß etwas Bewunderungswürdiges. Aber noch größer ist die Stärke und stille Entschloffenheit, die sich in unserem Volke in allen Wechselfällen diese? Krieges so herrlich gezeigt hat, und es gibt vielleicht nichts Ergreifenderes, als der würdevolle Stolz, die tiefe Ruhe, womit unser Volk jetzt die italienische Kriegserklärung aufgenommen hat.(Lebhafte Zustimmung aus allen Seiten.) Es ist bei uns nicht zu leichibegreiflichen Aus- schreitungen gekommen, wir haben Achtung vor fremdem Eigen- tum gezeigt, wir haben kerne derartigen Ausschreitungen zu ver- zeichnen, wie wir sie zur Schande der Menschheit jetzt Tag für Tag in Italien erleben.(Erneute lebhafte Zustimmung.) Das ehrt un?er Volk in seiner Auffassung von Vaterlandsliebe und Pflicht- bewußtsein. Das zeigt, daß wir nicht von Stimmungen abhängig sind, sondern daß wir den Leidensweg, den wir in diesem Kriege beschreiten mußten, beschritten haben aus der tiefinnersten lieber- zeugung unseres.Herzens heraus: Wir müssen diese Opfer bringen, und wir werden sie bringen, bis das Ziel erreicht ist.(Lebhaftes Bravo!) Bezüglich dieses Zieles allerdings besteht zwischen der Auffassung, wie sie heute angedeutet ist, und der unseligen eine Kluft. Nachdem es einmal ausgesprochen ist, werden auch wir es aussprechen. Gewiß, wenn von Eroberungskriegen gesprochen ist, die die Sozialdemokratie verwirft, so ist das ganz und gar unser Standpunkt. Auch wir führen keinen Eroberungskrieg, wir würden die Opfer nicht verantworten können, wenn sie um Eroberungen willen gebracht worden wären.(Sehr richtig!) Aber davon ist ja gar nicht die Rede, daß wir nach napoleonischen Tendenzen Eroberungen verfolgen. Wir sagen, daß die unerhörten Opfer an Blut und Gut ein Entgelt verlangen, aber nicht als ob irgendein Landerwerb jemals Entgelt sein könnte für das Blut, das geflossen ist, sondern in dem Sinne, daß uns diese Opfer die Verpflichtung auferlegen, reale, greifbare Garantien dafür zu schassen, daß die. die gefallen sind, nicht umsonst gefallen sind. i Lebhafter Beifall.) Die Gefallenen werden aufstehen und uns kragen: Wollt Ihr Euch mit Hoffnungen und Versprechungen be- güügenZ Wir sind es unseren teuren Gestorbenen schuldig, daß

wir wenigstens kommenden Geschlechtern einen festen Wäll gegen- über allen denen aufrichten, die uns jetzt überfallen haben. Das ist der Unterschied, oaß wir nicht in die alte Träumerei zurück- fallen wollen, daß wir nicht um irgendwelcher Theorien von Völkerfreundschaft willen, mit denen wir jetzt so bittere Erfahrungen gemacht haben, auf irgend etwas verzichten, was uns durch die militärische» Operationen in die Hände gegeben ist. (Stürmischer Beifall.) Keiner von uns denkt daran, mehr aus einer militärischen Situation herauszuholen, als darin steckt, aber die militärische Situation auszuschöpfen, das mutz unsere Aufgabe sein. Die Realisierung der Sicherheiten für einen dauernden Frieden, das allerdings muß unsere Aufgabe sein, und wenn diese Reali- siermig der Sicherheiten eine Erweiterung unserer Grenzen ver- langt, ivenn militärische Notwendigkeiten es erforderlich erscheinen lassen, diese Grenzen anders zu gestalten, um besser gerüstet zu sein gegen Angriffe, um weniger Blutopfer bringen zu müssen, so halten wir es für eine fteffittliche Pflicht, darauf zu dringen, daß eine solche Grenzerweiterung erfolgt.(Sturmischer Beifall. Wider- spruch bei den Sozialdemokraten. Abg. Dr. Liebknecht: Kapitals- inte r essen! Großer Lärm und vielfache Pfuirufe!) Wer eS wagt, hier, wo es sich um ungezählte Opfer des ganzen Volkes hau- delt, von Kapitalsinteressen zu sprechen, der bekundet damit eine Auffassung, die mir einfach unfaßbar ist.(Lebhafte Zustimmung.) Präsident Dr. Kaempf: Ich habe den Zuruf..Kapitalsinteressen" gehört, aber nicht, von wem er gefallen ist. Ich fordere den Herrn Abgeordneten auf, sich zu dem Zuruf zu bekennen.(Abg. Tr. Liebknecht: Ich habe das Wort ausgesprochen. Erneuter Lärm und Zurufe: Schämen Sie sich, Gemeinheit! Laßt doch den Narren reden!) Ich rufe den Herrn Abg. Liebknecht zur Ordnung. Abg. Schiffer(fortfahrend): Wir wollen uns durch das Verhatten eines Einzelnen nicht irre machen lassen. Das Volk wird wissen, was eS davon zu halten hat. Wir wollen, daß das ganze Volk nach wie vor keine Parteien kennt dem Auslande gegenüber, sondern in Blut und Not und Tod fteudig zusammensteht. Wenn später Meinungs- Verschiedenheiten über das, was zu dem gemeinsamen Ziele führt, entstehen, wenn wir vielleicht verschiedene Weg« werden gehen müssen, das werden wir tragen müssen. Vorlaufig können wir uns den Luxus dieser Verschiedenheit der Meinungen, dieser ver- schiedenen Wege noch nicht gestatten. Bis zu diesem Ziele, bis zum Siege, den wir erringen werden unter dem kategorischen Jmpe- rativ des Sieges kämpfen wir ja ist vielleicht noch ei» langer, ein blutiger Weg, aber diesen langen blutigen Weg, den wollen wir allesamt in deutscher Treue zusammen gehen.(Stürmischer Beifall.) Abg. Scheidemann(Soz.): Ich war gestern der Meinung, daß nach der Rede deS Reichs- kanzlerS sich jedes Wort unsererseits erübrige. Wie bei früherer Gelegenheit, so weise ich auch heute die Rolle, die Graf Westarp sich wiederholt uns gegenüber angemaßt hat, als Lehrer ich will kein anderes Wort gebrauchen ganz ent­schieden zurück. Was wir zu sagen haben, entscheiden wir nach unseren besten Begriffen und können kein« Rücksicht darauf nehmen, ob ei dem Grafen Westarp angenehm ist oder nicht.(Sehr gut! bei den Sozialdemokraten.) Wenn wir heute das Wort ergreifen, so ist das nicht in letzter Linie darauf zurückzuführen, daß außer. halb dieses Hauses Reden gehatten worden sind, die wir für sehr törichte Reden gehalten haben, die uns im Auslände nur schaden können und die hier zurückgewiesen werden müssen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Ter internationale Standpunkt, von dem Graf Westarp sprach, der darin gipfelt, daß wir das Selbstbestimmungs-recht eine? jeden Volkes hoch achten und nicht angegriffen wissen wollen, rechtfertigt sich meines Erachtens auch im nationalen Interesse aus daS Beste. Wenn das Wort gefallen ist, daß im Augen» blick internationale Grundsätze keine Geltung haben können, so muß ich auch daS zurückweisen in dem Bewußtsein, daß daS, was wir als internationalen Grundsatz aufstellen, gleichfalls im höchsten nationalen deutschen Interesse liegt.(Sehr gut! bei den Sozial- demokraten.) Ich hatte ei für sehr beschränkt, zu sagen, daß jetzt von internationalen Dingen kein« Red« sein könne. Glauben Sie etwa, daß auf lange Zeit hinaus all die internationalen Fäden auf dem Gebiete der Kunst, Jfcr Wissenschaft wie aller kulturellen Fragen zerrissen werden könnten? Daran kann doch kein ver- nünstiger Mensch denken. (Sehr richtig! bei den Sozialdemo- kraten.) Dann hat Graf Westarp den Reichskanzler ge- wissermatzen für seine Anschauungen reklamiert, ob mit Recht, kann ich nicht wissen. Ich für meine Person glaube, daß er es mit Unrecht getan, denn ich nehme an. daß der Reichs- kanzler heute noch zu demsteht, was in der Thron» rede gestanden hat: Wir führen keinen Eroberungskrieg! (Widerspruch rechts.) Mit Recht hat Kollege Schiffer, mit dessen sonstigen Ausführungen ich nicht in allem einverstanden sein kann, eine ganze Anzahl von Aeußerungen des Grafen Westarp direkt abgeschüttelt in einer Weise, für die wir ihm unsere volle Anerkennung aussprechen. Wir bekennen uns auch heute noch zu dem, was wir am 4. August gesagt haben: daS höchste und wett­vollste Recht für jedes Volt ist in unseren Augen das Recht der Selbstbestimmung, und wir sind dafür, daß, sobald das Ziel der Sicherung erreicht ist und der Gegner zum Fttsden geneigt ist, selbstverständlich Frieden gemacht werden kann. Wenn hier gesprochen wurde von Wällen, die aufgettchtet werden müssen, um unser Land zu schützen, so ist nach meiner ehrlichen Ueberzeugung der beste Wall, der zum Schutze unsere? Volles ausgerichtet wer- den kann, abgesehen von der Entschlossenheit des ganzen Volles, daS Land zu verteidigen, für unser Vaterland einzustehen, die Möglichkeit, in Zukunft dauernd i» Frieden zu leben mit unseren Nachbarn, und das ist nur möglich, wen« man sie nicht vergewaltigt hat, wenn man ihnen das Selbstbestimmungsrecht beläßt. Ich muß da noch auf eine der unerfreulichsten Be- gleiterscheinungen dieses Krieges kommen, auf die Zensurfrage, die von großer Bedeutung ist auch für die Einheit und Geschlossen» heit des deutschen Volles.(Sehr wahr!) Ich will nicht Anklage erheben gegen unser eigenes Volt und dabei vergessen, wie es draußen aussieht. Die gleichen Beschwerden wie bei uns hören wir aus Frankreich , aus England, von Rußland ganz zu schweigen. Wir geben ohne weiteres zu, daß bestimmte Beschränkungen in bezug auf die Erörterung militärischer Fragen im Kriege für die Presse notwendig sind. Aber dazu hätte das Spionage- gesetz vollständig ausgereicht.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) Das, was wir als eine Folge der geradezu unbeschränkten Machtbefugnisse, die den Kommandierenden Gene- rälen eingeräumt worden sind, erlebt haben, geht in vielen Fällen tatsächlich über die Hutschnur und es ist ein schlechter Trost, daß es im Ausland genau so ist. In England wird übrigens die Zensur in politischen Fragen relativ liberal gehandhabt, wenn es auch dort schlimm genug zugeht, unter Umständen noch schlimmer als bei uns. Hat man doch in Irland ein oppositionelles Blatt einfach unterdrückt und sogar die Druckmaschinen konfisziert. In Frankreich ist sogar ein ganzer Leitartikel der.Humamts" über

die Brotfrage gestrichen worden. Damit ist natürlich die Nahrung?- frage in Frankreich auch nicht gelöst.(Heiterkeit.) Auf dem Ge- biete der Lebensmittelversorgung ist übrigens bei uns seitens der Regierung mit verblüffender Offenheit gearbeitet worden. Gerade das beweist, wie irrig die Auffassung ist, daß uns eine solche Offenheit im Auslande schaden könnte.(Sehr gut!) Vielfach ent- behrt die Handhabung der Zensur bei uns jeder rechtlichen Grund- läge. Einigermaßen geregelt ist die Frage überhaupt nur in Bayern . Es handelt sich bei uns einmal um eine unangebrachte Strenge, die oft nur komisch wirke» kann. Dann um eine Hand- h a b u n g der Zensur, die zum Zorn reizen mutz, weil sie außer- ordentlich dumm ist und zum dritten um willkürliche, direkt parteiische Handhabung der Zensur. Sogar in dem amtlichen Bericht des Großen Generalstabs hat man Stellen korrigiett. In anderen Fällen hat man bei der Vorzensur gewisse Artikel genehmigt und sie hinterher doch gestrichen. Aeußerst kleinlich ist es, wenn in Straßburg z. B. ein Artikel mit Erörtc- rungen über die Milchpreffe gestttchen wurde. Ein Reklameplakat für den Vorwärts", eine Meisterleistung der graphischen Kunst, ist verboten worden. weil an der phrygischen Mütze des Bären, der darauf abgebildet war, die deutsche Kokarde saß. Das ist auch etwas kleinlich. Wie hätte es wohl gewirkt, wenn der Künstler dem Bär etwa eine Pickelhaube aufgesetzt hätte.(Heiterkeit.) Ganz besonders will- küttich ist die Handhabung der Zensur im Bereich des siebenten Armeekorps. Verantwortlich dafür ist der kommandierende General v. Gaul. aber ich will ihn nicht persönlich verantwortlich machen, sondern ferne Ratgeber. In derDüsseldorfer Volkszeitung" erschien ein Artikel über Schutzzoll und Brotversorgung, verfaßt von dem Biblis - thekar des österreichischen Abgeordnetenhauses Dr. Renner, der vorher erschienen war in derWiener Arbeiterzeitung", die unter der Zensur zu leiden hat, wie kein anderes Blatt vielleicht in der ganzen Welt. Ausgerechnet in Deutschland wurde dieser Artikel unter den schwersten Androhungen verboten.(Hört! hört! bei den Sozialdemokraten.) Herr Zimmermann macht in einem Artikel desTag" Front gegen das Maulheldentum, das vom grünen Tisch aus auf Eroberungen auszieht, Brentano sprach sich in einem anderen Arttkel ähnlich aus. Beide Artikel wurden über- nommen in sozialdemokrattsche Blätter. Sofort wird über die Zer- tungen die Vorzensur verhängt und die schwersten Maßnahmen an- gekündigt. Im Bereich des siebenten Armeekorps haben ver- schieden« Mitglieder dieses Hauses geredet. Nattonalliberale Herren haben im Sinne des Grafen Westarp über Dinge gesprochen. die vorher hier eröttert wurden. Ich habe in demselben Bezirk dagegen Stellung genommen. Darauf wurde den Zeitungen ver- boten, über diese Reden irgend etwa» zu dettchten, und es ist jetzt im Bureau des Herrn General v. Gay! eine schwarze Liste aufgehängt, auch mein Name befindet sich unter diesen zweife!- haften Elementen(Heiterkeit) von Leuten, denen es verboten ist, im Bezirk des siebenten Armeekorps noch zu reden,(Höttl hört!) Und wie politisch unklug ist manchmal die Zenfut. Da wird den Zeitungen anbeföhlen, die Verfügung des Generalkommandos an der Spitze des Blattes zu veröffentlrchen, in der davon die Rede ist, daß gewisse Stellen, die gestrichen werden mutzten, geeignet gewesen seien, zum Landes- verrat aufzufordern(Hütt, hört!), daß sie eine Anreizung zum Militärischen Ungehorsam darstellten.(Hört, hört!) Es handelt sich um ganz ha rmlose S teilen, und erst durch diese Ver- ' offen tlichüngen' der' Zensurbehörde wird der Anschein erweckt, als wenn hochverräterische Ding« in der deutschen Presse wirklich er- örtext worden seien.(Sehr richtig! bei den Sozialdemokraten.) In Elberfeld ist seit zwanzig Jahren eine MonatsschriftDas Morgenrot" erschienen im Verlage von Mollenbnhr. Das Blatt ist wie viele andere Zeitschriften in den ersten KriegSmonaten nicht erschienen. AlS dann wieder eine Nummer herausgegeben wurde, wurde daS Blatt sofort unterdrückt, weil die Friedensfrage dattn eröttert wurde. Mit der Begründung, eS handele sich um ein neues Blatt(Hört, hört!), das nicht angemeldet sei, ist der ver- antwortliche Redakteur eingesperrt worden.(Hört, hött!) Dabei ist daS ein verheirateter Mann, bei dem nicht die Spur von Verdacht vorliegt, daß er sich etwa einem Prozeß durch die Flucht entziehen wolle. Ich hoffe, daß nunmehr die Verhaftung schleunigst ausgehoben wird. Solche Dinge müssen natürlich draußen böses Blut machen(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten), weil das Volk das Gefühl hat, hier wird ungerecht verfahren, hier geschieht dem Sozialdemokraten, was einem anderen nicht passieren würde. Dazu kommt, daß der Druckerei, in der das Blatt hergestellt wird, verboten worden ist, außer der unter Prä» sentwverbot stehendenFreien Presse" irgend etwas anderes zu drucken, jeder Druckauftrag ist ihr entzogen worden.(Abg. Heine: Reine Gewalt, direkte Ge se tz e s v e r le tz u ng!) Die Druckerei wird sonst auch beschäftigt mit städtischen Drucksachen: all da? ist ihr einfach verboten worden.(Hött, hörtl) So etwas kann man nur als Parteilichkeit und Willkür bezeichnen.(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Das wirkt nicht nur politisch verbitternd, sondern ist auch geeignet, blühende gewerbliche Unter- nehmungen direkt zu ruinieren. In Münster verlangte die Zensurböhörde von dem Redakteur eine Berichtigung in der Form: Zu unserem Bedauern haben wir unS überzeugen müssen, daß das, was wir mitgeteilt haben, falsch ist." Dabei wußte der Rc- dakteur daß die Mitteilung richttg war. Es bedurfte tagelanger Verhandlungen, bis ihm gestattet wurde, in der Form zu berichti- gen:Es wird uns mitgeteilt, daß daS und das falsch ist." Ueber den Prozeß der Frau Hamm sind ausführliche Berichte in der Presse erschienen, die alle vor ihrem Abdruck der Zensurbehörde vorgelegen haben. Unser Genosse D i t t m a n n wollte sie in einer Broschüre zusammenstellen. Das ist ihm verboten worden mit der Begründung, daß unter Umständen dadurch da? Vertrauen der Be- völkerung in die Rechtspflege erschüttett werden könnte.(Hört, hört!) Was hat das abgesehen von allem anderen mit dem Burg- fr i e d e n zu tun!(Sehr wahr! bei den Sozialdemokraten.) Dann noch ein drastisches Beispiel vom Vorgehen der Behörden gegen die B e r g a r b e i t e r z e i t u n g". Sie hat während der ganzen Dauer des Krieges niemals Anlaß zum Eingreifen gegeben. Run ist im Ruhrgebiet sehr viel Törichtes geredet worden von Leuten, die man jetzt in der Zeit des Burgfriedens nicht näher charaktcri- sieren darf, die geredet haben in einer Weise, daß sich die Berg- arbeiter empött haben. DieBergarbeiterzeitung" gab eine Pro- pagandanummer heraus, in der die Bergarbeiter zur Ruhe er. mahnt und gleichzeitig ausgefordert wurden, sich der Organisation anzuschließen, weil die erwähnten Reden deutlich genug zu er- kennen gegeben hätten, daß nachher wieder schwere Kämpfe bevor- ständen. Die Absicht, eine solche Propagandanummer herauszu- geben, muß denunziert worden sein, denn schon vorher hat die Zensurbehördc verboten, eine solche Nummer vor ihrer Vorlegung herauszugeben. Die Aufforderung an die Bergarbeiter zum Ein- tritt in-dix Organffation hat man dann stehen gelassen, aber