Gewerkschaftliches. die wirtschaftliche Arbeiterbewegung nach öem Kriege. Wir haben mehrfach der Anregung Erwähnung getan, die gegenwärtige Zusammenarbeit der deutschen Gewerkschaften verschiedener Richtungen möge auch nach dem Kriege an- dauern. Wir haben auch bemerkenswerte Stimmen aus Ge- Werkschaftskreisen dazu gebracht. Zuletzt auch eine Stimme des„Schuhmach er-Fachblatts". Dabei ist uns, wie wir gelegentlich einschalten möchten, ein kleiner Berufsunfall passiert. In der Druckerei wurden die Anführungsstriche am Schlüsse des Zitats an eine andere Stelle, statt an den Schluß, nämlich vor eine durch eine punktierte Zeile angedeutete Auslassung gebracht. Das „Correspondenzblatt" der Generalkommission erblickte deshalb, ohne vorher das Original einzusehen, in der Aeußerung des „Schuhmacher-Fachblatt" eine solche des„Vorwärts" und knüpfte daran amüsante Betrachtungen über uns, die uns bei der Sachlage natürlich ebenso diebisch freuten, wie ihren Verfasser. Ein Musterbeispiel für eine Polemik, die ver- söhnlich wirkt. Wir selber haben uns gehütet, eine Meinung zu dieser Frage zu äußern. Es sei denn, daß man das allgemein ge- haltene Bedauern über die Zersplitterung unserer Arbeiter- bewegung dahin auslegt. Noch ist der Krieg nicht beendet, noch arbeiten die Organisationen zusammen. Eine tiefgreifende Debatte über die Frage der späteren Zusammenarbeit könnte nicht ohne Erörterung der Ursachen vor sich gehen, welche bis dahin ein Zusammengehen unmöglich machten. Die Differenzen sind nicht verschwunden, sondern sie werden nur aus der Notwendigkeit der Zeit heraus übersehen. Wie kämen w i r dazu, sie aus dem Schrank herauszuholen, in den sie stillschweigend verschlossen wurden, um sie blankgeputzt auf den gemeinsamen Arbeitstisch zu setzen. Dagegen können wir nicht daran Vorbeigehen, wenn die Gewerkschaftspresse selbst es für nötig befindet, in der doch immerhin nicht nebensächlichen Angelegenheit eine Meinung zu äußern. Neuerdings zitiert nun auch die katholische„Westdeutsche Arbeiterzeitung" in einem Artikel„Was wird das„Schuhmacher-Fachblatt" ebenso wie der„Korrespondent für Deutsch - lands Buchdrucker". Die„Westdeutsche" meint dazu: „Im Prinsip haben nun alle in Betracht kommenden Rich- tungen dem Gedanken zugestimmt. Die Frage ist nur die: Wie kommen wir talsächlich aus dem Zustande von heute heraus. Wie können die unzweifelhaft vorhandenen Gegensätze soweit wenigstens überbrückt werden, daß ein erträglicheres Verhältnis zustande kommt? Wer muß sich dabei ändern? Und inwieweit? Welche Aussichten bestehen dafür? Je genauer man dem Gedanken nachgeht, um so weniger läßt sich sagen. Noch ist die Situation zu ungeklärt. Die Art, wie Gewerkschaften und sozialdemokratische Bewegung geschichtlich zu- sammengewachsen sind, bietet beispielsweise für die freien GeWerk- schaften der Schwierigkeiten übergenug. Auch ein nur ge- legentliches, aber aufrichtig gemeintes Zu- sammentresfen mit anderen Richtungen ist nur möglich, wenn auf gewisse Eigenarten verzichtet wird? Werden sie das wollen oder, wenn der Wille vorhanden, es können?" Die„Westdeutsche Arbeiterzeitung" erwartet danach ein „Umlernen" anscheinend nur von den freien Gewerkschaften, hütet sich aber vor einem Eingehen darauf, was denn die anderen Gewerkschastsrichtungen, die katholischen ins- besondere, für Opfer an„Eigenarten" zu bringen bereit sind. Soweit wir die zustimmenden Aeußerungen der freien Geiverk- schaften— wenn nicht dem Wortlaut, so doch dem Sinne nach— verstanden haben, betonten diese die Bereitwilligkeit, in gemeinsamen Arbeiterinteressen gemein- s am vorzugehen. Um mehr kann es sich bei der ganzen Frage doch wohl kaum handeln. Die freien Gewerkschaften brauchen zu diesem Zwecke kein Opfer ihrer Eigenart zu bringen. Die Arbeiterinteressen zu vertreten i st ihre Eigenart. veutsches Reich. Ter Verband der Lithographen und Steindrncker im Jahre 1914. Schon seit einer Reihe von Jahren hat der Verband eine Zeit der schwersten Prüfungen zu bestehen. Nicht allein, daß das litho - graphische Gewerbe schon lange unter einer besonders schweren wirt- schaftlichen Depression zu leiden hatte, mußte der Verband auch zwei große Streik- und Aussperrungskämpfe ISVK und 1911/12 durchmachen, bei denen mehr als ein Viertel aller Mitglieder in Mitleidenschaft gezogen und wodurch außerordentlich hohe An- sorderungen an die Verbandskasse gestellt wurden. Ende 1913 trat eine Besserung auf dem Arbeitsmarkt ein, so daß auf das Jahr 1914 die besten Hoffnungen gesetzt werden konnten. Auch die internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik sollte das gesamte graphische Gewerbe neu beleben. Durch den ausgebrochenen Weltkrieg wurde dies jäh unierbrochen und alle Hoffnungen zu nichte gemacht. Die Arbeitslosigkeit stieg ins Un- geheuerliche. Am lö. August wurden 7713 arbeitslose Mitglieder gezählt und 8980 waren zum Kriegsdienst eingezogen. Rund 19 899 waren also aus dem Berufe gerissen. Von den übriggebliebenen Mitgliedern konnten nur 3228 voll arbeiten und 1999 halbe Tage und weniger. Das kam beinahe einem völligen Zusammen- bruch gleich, denn durch die Lohnkämpfe und durch die lange Wirtschaftskrise war die Verbandskasse sehr geschwächt. Sie war gerade im Begriff sich zu erholen, als der Krieg ausbrach. Der Verband sah sich daher gezwungen, seine statutarischen Unterstützungen außer Kraft zu setzen, er konnte nur eine Notstands- Unterstützung zahlen, die allen Arbeitslosen und einem Teil Invaliden und Witwen gewährt wurde. Doch auch dieses war nur durch die Hilfe der der Gcneralkommission angeschlossenen Verbände möglich. Allmählich ging die Arbeitslosigkeit zurück: viele Mitglieder fanden in Gewerben für Kriegslieferungen Beschäftigung: ain Schluß des Jahres waren aber immer noch 1593 arbeitslose Mitglieder vor- handen, während im I. und II. Ouartal durchschnittlich nur 353 ge- zählt wurden. Wie groß der Verlust an Mitgliederbeiträgen war, geht daraus hervor, daß im Laufe des Jahres wegen Arbeitslosigkeit usw. 124 457 beitragsfreie Wochenmarken in die Mitgliedsbücher geklebt werden mußten. Der Verlust ist natülich durch die Einberufung der vielen Mitglieder zum Kriegsdienst noch weit bedeutender.— Die Einnahmen betrugen im Berichtsjahr 753 145 M., die Ausgaben 913 339 M. Darunter wurden ausgezahlt für Arbeitslosenunter- stützung 296 853 M.. Krankenunterstützung für Gehilfen 149 929 M., für Lehrlingsmitglieder 3889 M., Rkaßregelungsunterstützung 3744 M., Lohnbewegungen 6988 M., Rechtsschutz 1581 M., Umzugs- kosten 19 381 M., Reiseunterstützung 11894 M., Unterstützung bei militärischen Hebungen 1542 M., Jnvalidenunterstützung 69 563 M.. Wivvenunlersiützung 37 389 M., Sterbegeld für Mitglieder 9899 M., für Mitgliederfrauen 2199 M., und für verstorbene Lehrlingsmitglieder 275 M. Die Zahl der Gehilfenmilglieder betrug am Anfang des Jahres 13 533, die der Lehrlingsmitglieder<dem Verband ist seit 1998 eine Lehrlings- abteilung angegliedertf 2243. Am Schlüsse des Jahres zählte der Verband nur noch 11928 Gehilfenniitglieder und 1925 Lehrlings-
Mitglieder! 59 Lehrlingsmitglieder sind Kriegsteilnehmer. Von den Gehilfenmitgliedern wurden bis 31. Dezember 4949 als zum Heeres- dienst einberufen gezählt und diese Zahl steigt noch ständig durch die weiteren täglichen Einziehungen. Außer den im Kriege Ge- fallenen sind im Laufe des Jahres 133 Mitglieder an den ver- schiedensten Krankheiten gestorben, darunter die Mehrzahl an Lungen- leiden. Trotz der ungünstigen Wirtschaftslage des Gewerbes hat der Verband seine Hauptaufgaben, für die Mitglieder günstige Lohn- und Arbeitsbedingungen zu erreichen, tatkräftig zu erfüllen versucht. Die geführten Lohnbewegungen erstrecken sich naturgemäß nur auf das erste Halbjahr. Insgesamt fanden in dieser Zeit 39 Lohn« bewegungen mit 838 Beteiligten statt. In 5 Fällen kam es zu kleineren Streiks, bei denen insgesamt nur 63 Personen beteiligt waren. 5 Tarifverträge wurden für 528 Gehilfen abgeschlossen, darunter auch der Tarif für das Münchener Steindruckgewerbe mit 369 Gehilfen, der nach wochenlangen Verhandlungen noch kurz vor Kriegsausbruch auf 5 Jahre abgeschlossen wurde. Erreicht wurden für 341 Gehilfen Lohnerhöhungen im Gesamt- betrage von 471 M. wöchentlich, Arbeitszeitverkürzungen erzielten 39 Gehilfen je eine halbe Stunde, 78 eine Stunde und 2 je 6 Stunden wöchentlich! außerdem wurden noch eine Reihe sonstiger Verbesserungeu der Arbeiterverhältnisse erzielt. Würde der Krieg nicht das Betätigungsgebiet abgeschnitten haben, so wäreu zweifellos bessere Resultate zu berichten gewesen. Zieht man aber in Betracht, daß bei Ausbruch des Krieges die Existenz des Verbandes außerordentlich gefährdet war, so ist es er- freulich, daß es möglich war, über diese schwere Zeit hinweg- zukommen, und es ist begründete Hoffnung vorhanden, daß der Ver- band auch die fernere Zeit des Krieges glücklich überstehen wird.
/ins Groß-öerlin. 3m Gefecht. Hans stand vor der Haustür. Soeben hatte ihn die Mutter sauber gewaschen und angetan mit weißer Hofe und eben- solchem Sporthemd heruntergeschickt. Sie hatte ihm besonders ans Herz gelegt, sich ja vorzusehen, damit er nicht schmutzig werde. Das hatte er auch der Mutter versprochen. Obwohl Hans erst das erste Jahr in die Schule ging, war er doch in der näheren Umgebung ob seiner Ungebundenheit bekannt. Man sah es ihm an, daß die Mahnung der Mutter noch nachwirkte, denn sonst war es nicht seine Art, still zu stehen. Drüben am Zaun machte sich längere Zeit Fritz, sein Schul- kamerad, mit einem dicken Stock zu schaffen. Hans beobachtete ihn recht teilnahmsvoll, als sich der Fritz in kurzen Abständen auf die Erde warf und seinen Stock gleich einem Gewehr zum„Schießen" anlegte. Es war ihm, als ob ihn Fritz herausfordere. Noch einmal musterte er sein Weißes Hemd und seine Hosen, erinnerte sich der Mahnung der Mutter, sich ja recht sauber zu halten— dann ging er hin zum Fritz. Doch je näher Hans kcmr, desto schneller schoß Fritz auf ihn. Sollte er sich das gefallen lassen? Das war durchaus nicht Hansens Art. Kurz entschlossen warf auch er sich zur Erde, um die Schüffe zu erwidern. Und Während Fritz sich nur in der Defensive verhielt, ergriff Hans die Offensive. Mit den Sttefeln in die Erde greifend, stieß er sich— immer noch auf dem Bauche liegend— langsam vor. Und je näher er seinem Widerpart kam, desto schneller suchte er ihn unschädlich zu machen. Hans nahm in dem Bewußtsein, daß ihm sein Gegner überlegen war, ab und zu eine Hand voll Erde, um sie in die feindliche Stellung zu schleudern. Das hatte seine Wirkung. Fritz tat nunmehr zu seiner Verteidigung das gleiche und hüllte Hans in eine asch- graue Farbe. Jetzt war es aus. Hans stand auf und fing an zu weinen. Eine schlimme Vorahnung beschlich ihn als er seine Hose und sein Hemd besah. Langsam verließ er die Stätte des Kampfes, um sich Muttern in seiner Uniform vor- zustellen.
Werbearbeit! Unsere Leser können für die Verbreitung ihres Blattes viel tun! Ueberall, wo sie hinkommen, vor allem in Gast- wirtschaften, in denen Genossen verkehren, verlange man den �vorwärts".
Eine Kriegerfrau, die keine Unterstützung erhält. Es ist keine Konstruktion eines Möglichen, sondern eine Tat- fache. Eine noch junge, ärmlich, aber peinlich saubere Frau sucht mich auf, um meinen Rat einzuholen. Sie srägt mich:„Gibt das Amt Karten aus, damit man Arbeit erhält?" Ich weiß nichts da- von. Sie behauptet:„Sehen Sie, überall, wo ich hinkomme, um nach Arbeit zu suchen, fragen sie: Sind Sie Kriegerfrau? Haben Sie eine Bescheinigung?" Sie zeigt mir in einem Notizbüchlein eine lange Liste von Firmen. Sie ist bei allen gewesen; nirgends hat sie Arbeit er- halten.„Gestern," so erzählt sie,„war ich in Hohenneuendorf, von da sind wir nach Neuendorf. von da nach Spandau gegangen— nirgends habe ich Arbeit gekriegt. Ach Gott, seit drei Wochen lebe ich von Kommißbrot und Kaffee. Ich kann's ja aushalten— aber ich Hab' drei Kinder." „Hat denn Ihr Mann auch keine Arbeit?" stage er. „Ach mein Mann ist doch im Krieg," antwortet sie. „Na, dann kriegen Sie doch Unterstützung," falle ich ein. Die Frau errötet leicht und sagt leise;„Ach, mein Mann ist ein Suffkopp. Der ist schon drei Jahre lang von mir weg. Nu hat er keine Wohnung und treibt sich rum. Die Kriminalpolizei sucht ihn immer bei mir. Ich Hab ihn seit drei Jahren nich mehr ge- sehen und bin schon immer in Scheidung. Aber, weil er bald da, bald dort ist und bald nich aufzufinden ist— ist die Scheidung immer noch nich raus." „Aber, wenn er jetzt im Krieg ist, müssen Sie doch Unterstützung bekommen," wende ich ein. „Ach der ist nich im Krieg," antwortet die Frau und errötet noch stärker. Sie rückt näher und spricht noch leiser:„Ich Hab'n Bräutigam. Ich bin ja noch ne junge Frau. Mein Bräutigam logiert bei mir. Er ist'n ordentlicher Mann. In der„Knorr- bremse " war er beschäftigt und hat die Woche seine 45 M. nach Hause gebracht. Mein Jüngstes ist von ihm. Meine Kinder sagen alle„Vater" zu ihm. Na ja, die Scheidung kommt nich raus, und ich Hab ihn halt als meinen Mann angesehen. Was nun dieser mein Bräutigam ist, der alle Woche seine 45 Mark nach Hause brachte, der ist seit August im Krieg. Aber ich krieg doch für ihn keine Unterstützung. Wir sind doch noch nicht getraut." Da war ich nun freilich ratlos. Ich sprach von Arbeitslosen- Unterstützung, Armenhilfe. Sie schüttelte den Kopf: „Mein Bräutigam schickt mir alle Monate etwas aus dem Felde. Dann gibt's für die Kinder mal was Warmes. In einer Gewerk- schast bin ich nicht— ich Hab' ja früher nich gearbeitet. Bei drei
Kinder Und jetzt Hab' ich erst zu Hause genäht. Das ist aber nu alle seit vier Wochen und seitdem lauf' ich um Arbeit." „Beanttagen Sie doch bei der Gemeinde Arbeitslosenunter- stützung. Es ist ja eine Summe ausgesetzt," riet ich. „Ach, das Hab' ich ja gemacht. Aber die Recherche ist noch nicht heraus. Und wenn ich aufs Amt komme, dann fahren sie mich an: „Sie müssen doch arbeiten können. Sie find doch noch jung und kräftig I" Sie wurde heftig:„Ich kann schon arbeiten. Aber wenn ich keene Arbeit kriege!? Komme ich nach'ne Fabrik, dann fragen sie: „Sind Sie Knegerfrau; haben Sie eine Bescheinigung?" Und wenn ich dann sage:„Mein Bräutigam ist im Krieg", dann lachen sie mich aus. Ich Hab' schon den Portiers was versprochen von meinem ersten Lohn, wenn ich nur reingelaffen würde, damit ich im Comptoir die Sache auseinandersetzen kann. Aber sie lasten mich nicht rein". Ich erklärte nun, daß ich Schritte tun würde, damit ihre Recherche beschleunigt würde. Sonst freilich müßte sie die Armen- kommission in Anspruch nehmen. Sie wehrte ab: „Nee, das möcht' ich nich. Ich kann ja arbeiten, wenn ich nur Arbeit kriege. Ich will ooch arbeiten. Sehen Sie, was mein Bräutigam ist— und das ist doch wie mein Mann— der schickt mir vom Feld für mich und die Kinder, wo doch die zwee nich von ihm sind. Und ich kann ihm jetzt gar nichts schicken. Wenn ich Arbeit hätte.. Sie hatte sich bisher recht tapfer gehalten. Nun aber rollten ihre Tränen und sie schluchzte heftig.
Der Besuch des städtischen Obdachs. Die Belegung des nächtlichen Obdachs hat in den letzten sechs Monaten andauernd eine sehr erhebliche Abnahme erfahren. Während die Zahl der Personen, die im nächtlichen Obdach Aufnahmesanden. im I a h r e 1914z. B. im Monat Januar 158 533, im April 92 332 und im Juni 69 552 betrug, belief sich die Belegung im Januar 1915 auf 43 969, im April 1915 auf 11 K98 und im Juni dieses Jahres auf 5197(gegenüber 60 552 im Juui 1914). Die Gesamtfrequenz des nächtlichen Obdachs in den ersten sechs Monaten des Jahres 1914 betrug 646 994, während die Zahl der Besucher in der gleichen Zeit des Jahres 1915 auf 111688 sank. Die tägliche Durchschnittsbelegung im letzten Monat beträgt etwa 139 Personen._ Der Frauenmord bei Oranienburg ist nach den letzten Fest- stellungen der Behörden ein Raubmord. Der noch immer im- bekannte Mörder hat der Frau Witt, nachdem er sie erschlagen hatte, einen Zehnmarkschein und einige Mark in Kleingeld abgenommen. Frau Witt wollte die zehn Mark auf die Oranienburger Sparkasse bringen. Ueber die Person des Täters sind die Ansichten geteilt. Die einen sagen, es sei ein Mann mit einem struppigen Backenbart, einer hellgrauen Jacke und eurer gleichfarbigen, schlappen Mütze. Die anderen schildern de» Täter als einen Mann, der ihnen besonders dadurch auffiel, daß ihm seine Kleidung viel zu eng war. Auch dieser Mann trug einen Bollbart, aber es sprechen gewisse Anzeichen dafür, daß dieser Bart angeklebl war. Jedenfalls ist der vermeintliche Mörder von einer ganzen Reihe von Personen in der Nähe der Försterei Frirdental, wo er die Nacht vor der Tat verbrachte, ges ehen worden. Aus den Be- schreibungen, die von den Zeugen ziemlich übereinstimmend gegeben werden, geht hervor, daß es sich bei den beiden verdächtigen Männern wahrscheinlich um dieselbe Person handelt. Auf Veran- lassung des Amtsgerichtsrates Brüggemann, der diie Untersuchung leitet, beteiligt sich jetzt an der Suche nach dem Mörder auch ein Berliner Kriminalkommissar. Ein großer Brand beschäftigte gestern vormittag die Charlotten- burger Feuerwehr längere Zeit am Salzufer 15/16. Dort standen mehrere Räume der Vereinigten Chemischeu Werke, Akti'engesellschast, Abteilung für Glyzerinfabrikation, in Flammen. Die Fabrik wird von den SiemenS-Schuckert -Werken an der Franklinstraße und der Asphalt- sabrrk von Joh. Jeserich begrenzt. Brandinspektor v. Leupoldt ließ so- fort mit mehreren Schlauchleitungen wirksam angreifen, und es gelang den Bemühungen der Wehr, die Gefahr für die angrenzenden Räume und Betriebe zu beseitigen. Der Betrieb der Abteilung wird auf- rechterhalten. Die Aufräumung war nachmittags beendet. Gestern mittag wurde die Berliner Feuerwehr nach der Frieden- straße 59, bei der Koppenstraße, gerufen. Dort stand der Dachstuhl des Hauses in großer Ausdehnung in Flammen. Der 7. Zug hatte mit mehreren Schlauchleitungen längere Zeit zu löschen, um eine weitere Ausdehnung des Brandes zu verhüten. Die Löschmann- schaften hatten unter der großen Hitze und Oualmcnttwicklung be- sonders viel zu leiden. Die Entstehungsursache konnte nicht mehr festgestellt werden.— Am Dienstagabend rückte die Wehr wegen eines Dachstuhlbrandes nach der Greifswaldcr Straße 33a, aus. ES gelang, den Brand auf den Dachstuhl zu beschränken. In Nowawes beanspruchte ein großer Dachstuhlbrand gestern nachmittag die Löschhilfe der Potsdamer Feuerwehr. Im Hause Scharnhorststr. 29 wurde am Dienstag in der zweiten Stunde in dem über dem dritten Stockwerk liegenden Dachgestühl Feuer be- merkt, das auch eine Mansardenstube ergriff. Neben der Nowaweser und der Potsdamer Wehr rückte auch die Fabrikwehr von Pietsch an und dem gemeinsamen Bemühen dreier Wehren gelang nach einstündiger Arbeit die Dämpfung des Brandherdes.
Auf dem Abonnentenfang. Daß das„VorwärtS"verbot von Abonnentensammlern der „Berliner Volks- Zeitung' systematisch dazu benutzt worden ist, dem„Vorwärts" mit Hilfe unlauterer Manipulationen die Abonnenten abzujagen, wird erneut durch die Zuschrift einer „Vorwärts'-Ausgabestelle in Weißensee bestätigt. Danach habe ein Agent fast alle Abonnenten des Bezirks an der GreisSwalder Straße aufgesucht und denselben vorgeredet, genau davon informiert zu sein, daß der„Vorwärts" 6 Wochen lang nicht erscheinen würde. Durch diese Erklärung hätten sich zahlreiche„Vorwärts"-Abonnenten, namentlich Frauen, verleiten lasten auf die„Volks-Zeitung" zu abonnieren. Den Leuten sei eine Liste zur Namenseintragung vorgelegt wordeu, wonach sie sich zu einem sechswöchigen Abonnement auf die„Volks-Zeitung" verpflichten. Meist hätten die Betreffenden ihre Unterschrift gegeben, ohne sich den Inhalt des Formulars durchzulesen. Als bald darauf der„Vorwärts" wieder erschienen, seien zahlreiche Abonnenten in die Spedition gekommen, die ihrem Bedauern darüber Ausdruck gegeben hätten, durch die er- wähnte Unterschrift Zahlungsverpflichtungen eingegangen zu sein. Wie wir an der Glaubhaftigkeit der zuerst von uns veröffentlichten Zuschrift nicht den mindesten Zweifel hegten, so auch an der jetzt vorliegenden nicht. Dem Verlag der„Volkszeitung", der ein solches Verhalten eines Abonnentensammlers entschieden zu verurteilen er- klärte, könnte es nicht schwer fallen, festzustellen, ob dieses an un- lauteren Wettbewerb grenzende Geschäftsgebaren allgemein an- gewendet worden ist. Die auf solche Weise eingefangenen neuen Abonnenten hätten es vielleicht dankbar begrüßt, wenn sie von dem Wiedererscheinen des �vorwärts" durch die Redaltion der„Volkszeitung" in Kenntnis