Einzelbild herunterladen
 

wird Indien nicht müßiger Zuschauer bleiben. Indiens Sympathien gehören jedenfalls nicht Europa , das ihm bloß Gewalttaten und Ausbeutung, Zerstörung und Hunger ge- bracht hat. Es wird keine 50 Jahre dauern, bis die englische Herr- ichaft in Indien zusammenbrechen wird. Aber nicht bloß in Indien wächst das nationale und politische Selbstbewußt- sein. Es ergreist auch China und Japan . Asien befestigt sich wirtschaftlich und politisch, aber es trägt auch wie das kapita- listische Europa den Keim des weiteren geschichtlichen Fort- schritts, den Klassenkampf und die Arbeiterfrage, in seinem Innern. Schon jetzt machen sich neben dem auf- blühenden Kapitalismus die ersten Ansätze der s o z i a l i st i- schen Bewegung in Asien bemerkbar. In diesen Ansätzen liegt die Rettung Europas , die Ret- tung des Häufleins Menschen weißer Rasse, das sich ange- sichts der herannahenden furchtbaren Gefahr so sorglos gegen- seitig vernichtet. Will Europa nicht erdrückt und zertreten werden von dem jüngeren, stärkeren, lebensfähigeren Kapita- lismus der asiatischen Staaten, so bleibt ihm nur ein Aus- weg übrig der U ebergang zum Sozialismus. Nur die sozialistische Ordnung kann Europa Vorzüge in dem ungleichen Kampf geben. Nur die Verwirklichung der inter - nationalen Idee durch das Proletariat kann den Kampf der nationalen Kapitalismen in ein anderes Bett lenken. Vor der Arbeiterinternationale erstehen deshalb zwei Aufgaben: die möglichst baldige Eroberung der sozialistischen Ordnung in Europa und eine umfassende internationale Tätigkeit auf dem Boden der gewerkschaftlichen und politischen Organisationen der Proletarier der ganzen Welt, ohne Unter- schied der Nationen und Rassen. Nur eine internationale Organisation, die die Proletarier aller Farben in der ganzen Welt vereinigt, kann die Macht der Arbeiterklasse in allen Ländern festigen, die Herrschaft des europäischen und asiati- schen Kapitals abschwächen und die..weiße" Kultur Europas vor dem Untergang retten. Angesichts der neuen geschicht- lichen Gefahr, die ungleich furchtbarer ist als die durch den jetzigen imperialistischen Krieg heraufbeschworene Gefahr, müssen die Sozialisten lernen, nicht bloß die nationalen, son- dern auch alle Rassenschranken zu überwinden.

lichen Truppen, deren Stellungen sie eroberten, wobei sie etwa zwanzig Gefangene machten. Im Jsonzogtzbiet setzt der Feind zahlreiche Batterien mittleren Kalibers ein, aber unsere Artillerie bekämpft sie mit wachsender Wirksamkeit. In der Nacht zum 10. wurden neue heftige Angriffe gegen die von uns kürzlich eroberten Stellungen auf dem Hochplateau von Corsico sogleich zurückgewiesen. General C a d o r n a.

von einem englischen hilfsöampfer versenkt. Kristiania , 10. Juli. M. T. 58.) s Meldung deS Ritzauschen Bureaus.) Durch die Untersuchung ist festgestellt worden, daß das in den Husoeschären versenkte Fahrzeug der deutsche Dampfer ..Friedrich Arp" war, der mit einer Erzladung am 7. Juli um 11� Uhr vormittags Narvik verließ. Der Dampfer wurde am 8. Juli, 2 Uhr morgens, von einem kleinen englischen Hilfskreuzer, einem armierten Fischdampfer, in Grund geschossen, nachdem die Besatzung an Bord des HslsSkre�ze.rS genommen wzr. Das Wetter war etwas nebelig.- der italienische Krieg. Caöornas Tagesmelöung. Rom , 11. Juli. (W. T. B.) General st absbericht von Sonnabend. Ter Feind beharrt bei seinen Angriffen im Daonetal. Starke feindliche Jnfanterieabteilnngen ver- suchten, von Artillerie unterstützt, im Laufe des 9. Juli einen Ueberfall auf unsere Stellung von Malga Lena, der voll- kommen mißglückte. Tagegen gelang es im Terragnolotal lEtsch) einer unserer Jnfanterieabteilungen, die bis vor die Stellungen von Malga Sarta und Costa Bella, die dieses Tal beherrschen, vorgerückt war, sich dieser durch Ueber- raschung zu bemächtigen. Am oberen Cordevolle wurden während der Nacht zum 9. nacheinander zwei starke feindliche Angriffe gegen unsere Truppen, die die Spitze des Franza- tales besetzt hielten, gerichtet. Beide Angriffe scheiterten. An der oberen Boite überraschten unsere Alptni, nachdem sie kühn den Toffanoberg erstiegen hatten, die verschanzten feind-

Eine Irieöenskunügebung üe? schwedischen Irauen. Stockholm , 11. Juli. (W. T. B.) Der Minister des Aeußern empfing gestern eine Abordnung schwedischer Frauen, welche die Anregung zu dem am 27. Juni in allen Teilen Schwedens abgehaltenen Friedensversammlungen gegeben hatten. An diesen insgesamt 313 Versammlungen hatten über 91 000 Frauen teilgenommen. Die Abordnung überreichte die in den Versammlungen gefaßten Resolutionen. Der Minister ver- sprach, sie der Regierung vorzulegen. tzervös Salkanschmerzen. Paris , 10. Juli. (W.T.B.) Hervs stellt in derGuerre social e" mit Bedauern fest, baß die Unterhandlungen mit den Balkan st aaten nicht vorwärts kämen. ES wäre für die Diplomatie des Vierverbandes doch nicht so schwierig, ein Abkommen zu erzielen. Eine Intervention Bulgariens habe für den Vierverband große Bedeutung, mehr noch als eine Inter- vention Rumäniens und Griechenlands . Mehr als je sei jetzt Ze:t Geld. Die Verbündeten Frankreichs legten sich anscheinend nicht Recheitschaft darüber ab, wie groß die Ungeduld in Frankreich sei, Bulgariens Intervention zu erreichen. Rußland, England und Italien seien nicht vom Feinde besetzt, aber in Frankreich seien große Gebiete seit 11 Monaten in FeindeShand. Frankreich habe ein Recht, eilig zu sein. Frankreich brauche, um das Volk zu er- mutigen, gute Nachricht, damit es seine Leiden geduldig ertrage. Eine Intervention Bulgarien ?, durch die die Einnahme Kon- stantinopels in greifbare Nähe gerückt werde, wäre für Frank- reich ein solches Evmutigungsmittel. Die Diplomatie des Vier- Verbandes müsse sich endlich bereit finden, eine klare Sprache auch mit Serbien zu reden, um die Eifersüchteleien der Balkanstaaten zum Schweigen zu bringen und eine Intervention Bulgariens herbeizuführen. Bei den Sozialisten ber Balkanstaaten und deren Ur­teil sollte auch für einen Herv6 nicht ganz gleichgültig sein wird der chauvinistische Uebereifer des Phantasie- und tem- peramentvollen französischen Kriegssozialisten wenig Gegen- liebe finden. Wir brachten erst in der gestrigen Nummer die Nachricht von einer Kundgebung in Bukarest und vor einiger Zeit ähnliche Meldungen aus Sofia , die die schärfsten Proteste der dortigen Sozialisten gegen eine kriegerische Inter- vention der Balkanstaaten enthielten. Eine Mahnung üer rujfischen Kriegstreiber. In zwei Aufrufen wendet sich dieN o w o j e W r e m j a" vom 2. Juli an Rußland : Mehr Vertrauen gegenüber der öffentlichen Meinung muß die Regierung haben. Leider hielt es der bisherige Minister des Innern für nötig, die russische Presse mit allerlei Verboten zu belegen, die weit über die bloße Wahrung des militärischen Geheimnisses hinausgingen. Die Zei- tungen mußten nicht nur über militärische, sondern auch über Fragen der inneren Politik schweigen, deren Erörterung ihnen in dem schweren jetzt über Rußland gekommenen Augenblick nötig er- schien. Wir nehmen das nächstliegende Beispiel. Zwei Tage nach dem Erscheinen unseres Artikels über die Notwendigkeit, die Duma einzuberufen, wurden auf Befehl des Ministers alle Artikel über dieses Thema aus allen Zeitungen ausgemerzt. Erst die Ab- dankung des Ministers verschaffte der Presse die Möglichkeit, diese Lebensfrage zu erörtern. Der Aufruf des Zaren an das Land und die Duma wird wie ein Aufruf zum Kreuzzug wirken. Der unserem Feinde in Galizien zugefallene Erfolg beflügelt seine Schritte und gibt ihm die Hoffnung, weiter in da? Gebiet, das jetzt noch unsere Armee besetzt hält, einzudringen. Unsere

Armee wird beim Rückzug auf die ihr vorgeschriebenen Stellungen zeitweise einen Teil des vaterländischen Bodens räumen müssen, dem Feinde die Erzeugnisse friedlicher Arbeit und die aufgc- speicherten Reichtümer überlassend. Wir kennen jetzt die Deut- schen: wissen, mit welch beispiellosem Zynismus sie Ehre, Würde und Rechte der friedlichen Bevölkerung mit Füßen treten. Nach allem Erleben auf menschliches Benehmen gegenüber den fried- lichen Einwohnern von feiten der blindwütenden Teutonen zu rechnen, ist ausgeschlossen. Möge jeder russische Bürger von einem Gedanken durchdrungen sein, dem Bewußtsein der Pflicht gegenüber dem Vaterlande, und möge jeder russische Untertan seine Kräfte anspannen zur Vernichtung des Gegners. Die friedliche Bevölkerung kann die heimischen Fluren nicht mit der Waffe in der Hand schützen. Wir können den mo- dernen Vandalen aber auch ohne Waffen mehr schaden. Die Heerführer Wilhelms, die sich zum Einruch in die frucht- baren Gouvernements Rußlands rüsten, gedenken ungeheure Vor- räte, Nahrungsmittel, Futtermittel und Rohstoffe für Artillerie- Material, an denen sie schon Mangel leiden, einzuheimsen. Hier ist die Achillesferse unseres Feindes, hierhin müssen wir russi- schen Bürger unsere Schläge richten. Wir haben eS in der Hand, die Absichten des Gegners zu durchkreuzen: jeder russisch- Bürger, der aus den von dem feind- lichen Einfall bedrohten Gebteten ins Innere Rußlands über- siedelt, erfüllt eine Ehrenpflicht gegen das Vaterland, wenn er alles das vernichtet, woran er in der Erwartung langer Fricdensjahre gearbeitet hat. Wir dürfen nichts für die Deutschen zurücklassen, was ihren Truppen nützen könnte. Unsere Nachhuten müssen, den Abzug der Hauptkräfte deckend, nur die nackte, des wogenden Meeres der grünen Fluren beraubte Erde zurücklassen. Privatinteressen darf man jetzt nicht schonen,; später wird alles hundertfach ersetzt werden. Jetzt darf uns nur das Bewußtsein von der Notwendig- keit beherrschen, den verachteten Feind zu zerdrücken, der jedes Recht auf Achtung und Vertrauen verloren hat. Drohenüer Konflikt im englischen Bergbau. London , 11. Juli. (W.T.B.)Daily Chronicle" be- richtet: Die Lage im Kohlenrevier von Süd- Wales wird als ä u ß e r st k r i t i s ch angesehen. Die neuen Bedingungen, die der Minister Runciman vorschlug, enthalten wenig von den ursprünglichen Forderungen der Bergleute. Ueberdies hat Lloyd George dem Bergarbeiterverband mit- geteilt, daß, wenn ein ernster Konflikt entstände, die Berg- leute durch königliche Verordnung unter die Munitionsblll gestellt werden würden, welche Streiks verbietet und den Streikern schwere Strafen androht. Die Gewerkschaften von Ehester erklärten in einer Re- solution, daß sie die allgemeine Wehrpflicht auf das schärfste bekämpfen würden. Ein englisch -portugieflscher yanüelsvertrag. London , 11. Juli. (W. T. B.) DieTimes" meldet aus Lissabon : Das Parlament ratifizierte nach längerer Debatte einen Handelsvertrag mit Eng- la n d.__ politische Uebersicht. Tod des Präsidenten des preußischen Herrenhauses. Am Sonntag nachmittag ist der ehemalige Minister des Königlichen Hauses, der Präsident des Herrenhauses, von Wedel-Piesdorf, im Alter von 78 Jahren in seiner Dienstwohnung in der Leipziger Straße einem Schlaganfall erlegen. Wilhelm von Wedel-Piesdorf war zu Frankfurt a. O. geboren, wo sein Vater, der Russische Wirkliche Gc- Heime Oberfinanzrat, lebte. Von 1881 bis 1886 war der Ver- storbene Präsident des Deutschen Reichstages, dem er dann noch bis zum Jahre 1890 angchörte. 1912 wurde Wedel Präsident des Herrenhauses. DerLabour Leader" zum Aufruf des Parteivorstandes. DerL a b o u r Leader" druckt den Artikel von Bern- stein, Haase und Kautsky vollständig und aus dem Manifest

von See Westfront. Eindrücke und Erlebnisse. Begräbnis. Einen Tag just war er wieder in'der Front. Von seiner Ver- wundung genesen, hatten sie ihn zum zweitenmal hinausgesch, ckt. Weib und Kinder hatten an seinem Halse geweint wie damals... Und er kam mit trüberen Gedanken und Ahnungen denn das erste Mal. Sie sollten ihn nicht trügen. In der ersten Nacht, in der er mit den neuen Kameraden auszog, um in der Front die Stellung auszubauen, ereilte ihn das Geschick. Eine leise, tückisch Heruber- ilatterndc Mine zerriß seinen Leib; aus vielen Wunden quoll sein Blut: er tat keinen Atemzug mehr._ Seine Kameraden packten ihn in eine Zeltbahn, so gut es gehen wollte. Was er an Wertsachen bei sich hatte, Papiere und Erkennungsmarke nahm der Gruppenführer an sich. Dann hoben sie ihn auf, um ihn aus dem Graben hinauszuschaffen, nach hinten zu, auf das Waldplateau des zerschossenen Schlosses, wo schon so mancher Kamerad seine letzte Ruhestatt gefunden. Es war aber kein leichtes Stück, der Körper schwer, durch die Zeltbahn das Blut sickernd, der Graben lang, glitschig und uneben und so eng, daß der tote Körper kaum um die Ecken zu transportieren war. Die ihn schtvitzend trugen, trieften bald von rotem Blut wie der Tote selbst. Aber sie ließen sich diesen letzten Liebesdienst nicht ver- drießen. Als sie oben am Schloß anlangten, hatten andere schon ein Grab zu schaufeln begonnen. Es tief in die Erde zu treiben, er- laubten weder Zeit noch Bodenbeschaffenheit. Legen wir ihn nun hinein!" sagte der Leutnant. Mit der Zeltbahn betteten sie ihn in das schmale Loch. Dann stand ein jeder, die Mütze in der Hand, für Minuten still daneben. Der mochte beten; jener des Toten gedenken und sich auch wohl frage»: Wann werde nun ich an die Reihe kommen? Ach exoriare aliquis nostris ex ossibus ultor! Möchte der Rächer entstehen, der all dies sühnt.... t Der Tonner der Geschütze, das Zischen und Platzen der Gra- naten sang den Grabgesang. Leuchtraketen zündeten hoch ringsum ihre gelben und weißen und dort auch roten und grünen Lichter an. Und deutlich sah man die blutigen Flecke auf der braunen Zelt- Dann nahm jeder der Kameraden ein paar Handvoll Erde und warf sie auf den Toten. Die Spaten griffen wieder in die aufge- worfenen Hügel und halfen nach. Wenige Minuten nur, und die schmale Grube war gefüllt;«in niedriger Aufwurf noch...._ Ein kleines Kreuz bringen wir ihm das nächste Mal mit." Das tut! Und nun los! Alles fertig? An die Ge- wehre!"-- Bald ist alles um den Platz der Gräber wieder leer und tot. Aber die Geschütze donnern weiter; und die leuchtenden Raketen durchsuchen die Nacht....

DasZechendorf. Wer das rheinisch-westfältsche Industriegebiet kennt, den werden sie heimatlich, wenn auch nicht heimisch, anmuten, diese langen Zeilen trostlos schmuckloser, schmutzigroter, niedriger Koloniehäuser, zwischen denen, schwarz vom Kohlenstaub, sich un- gepflastert und ungepflegt, die Straße hinzieht. Alles trüb, Hätz- lich, ohne Eigenart, alle? Industrie. Selbst die Schule groß, denn die hier wohnen, zeugen wohl gleich der Jndustriebevölkerung Westfalens Kinder in starker Zahl, aber doch auch nichts als ein abstogeud-roher, viereckiger Ziegelkasten mit Kasernenfensterreihen, deren Scheiben so unendlich langweilig, tot auf den leeren, schmutzt- gen Platz mit den dürftigen Turngeräten sehen. Die Hauptstraße, kaum lebhafter, abwechselungsreicher in ihren Reihenhäusern� als die Quergassen, ist übersetzt mit kleinen Kneipen, oft Kramläden zugleich, düster und unfteundlich, eng und ohne Reize wie alles hier. Bahngleise überqueren sie... Nur einmal ein freundlicherer Blick; eine Straße, links abbiegend, mit weißgetünchten Häuschen, die Erker und Veranden haben, und davor Mumengärtchen; Beamten- Wohnungen wohl. Aber um so dunkler, häßlicher erhebt sich da- hinter das rotbraune Gemäuer der Zeche, hoch überragt von der schtvarzen Kohlenhalde, dem Getürm mit Förderungsrad, den dunklen Schornsteinen.., Das Werk steht still. Der Krieg hat es, wie die häßlichen Anlagen ringsum, nicht umnittelbar in Mitleidenschaft gezogen; keine Granaten platzten hier, kein Brand wandelte das Bestehende in Ruinen. Es ist wie Ironie: der Krieg, der gar nicht weit hiervon soviele Schön- heit, soviel Kunst und Anmut versengte und zertrümmerte, ging gleichsam um diese Ausgeburt der Häßlichkeit vorsichtig herum; und nur von ferne schüttelt und rumpelt seit Wochen Tag und Nacht das Gedröhn der schweren Geschütze herüber. Mittelbar freilich hat auch diesem schwarzroten Nest der Krieg übel genug mitgespielt. Von den männlichen Einwohnern find nur noch die ganz Jungen und die ganz Alten und ein paar Dutzend Krüppel zurückgeblieben; was zu denbesseren Leuten" gehörte, ist ganz verschwunden. Die aber zurückblieben, mutzten sich noch mehr, viel mehr zusammendrängen, denn schon vordem. In engen, dumpfen Stuben hausen oft mehrere Familien(oder was davon znrückblieb) zugleich; was vielleicht an Fensterschmuck und Behaglichkeit ehedem die trüben Räume noch verschönte, ist bis auf geringe Reste dahin. Die Läden sind zum Teil verlassen, ausgeräumt, geschlossen; zum anderen freilich haben sie sichassimiliert", d. h. gleich den Kneipen den 58edürfnissen der neuen Bewohnerschaft so vieler jener schmutzigen Häuschen angepaßt, der deutschen Soldateska. Alles ist voll davon. In den Stuben liegt das Stroh, das ihnen als Lager dient. An den Türen hängen Schilder, aus denen die Belegschaft " des Hauses angegeben ist; oft freilich muß auch eine Kreideaufschrift genügen. Nicht wenige der Räum«, in denen viel- leicht vor Monaten noch glückliche Mütter mit ihren Kindern spielten, haben sich auch ihre Verwandlung in stinkige Ställe ge- fallen lassen niüssen. Durch die erblindeten, hier und dort auch ausgeschlagenen Fensterscheiben sieht man hohe fette Pferde-

schenket. Ueber der Schule weht aus weißem Grunde das rote Kreuz... Aus der Hauptstraße entlang poltern unausgesetzt Wagen, rattern Automobile, klappern Reiter hindurch. Artillerie passiert; Munitionskolonnen bringen die von der Bahn geholten schweren Geschosse, lange Wagenzüge, jedes Gefährt bespannt von sechs schweren belgischen Gäulen, Reiter darauf. Dann kommen die Kolonnen am frühen Morgen, entftachtet, zurück; dann wieder werden die Gespanne zur Tränke geritten... Offiziere auf flinken Reitpferden traben hin und her; gelegentlich reitet auch ein Zug Kavallerie vorbei. Mit unheimlicher Regelmäßigkeit surren die grauen großen Autos, oft noch kleinereAnhänger" hinter sich, vorüber, aus deren grauem Grund so vielsagend der weiße Fleck mit dem blutroten Kreuz leuchtet; teils entladen sie ihre zer- schossene Last vor der Schule; teils rollen sie weiter, dem iSahnhof zu. Auch andere Autos, leichte, schwere, in reicher Fülle; es rattert und tutet von früh bis spät. Rechts und links aber flaniert es auf und ab von Fußgängern, Soldaten, die hier zwischen harten Strapazen im Schützengraben kurze Tage der Ruhe genießen. Sie bestaunen die dürftigen Aus- lagen der kloinen Kramläden, als wenn es die Pruntfenster großer Warenhäuser wären; sie lachen bei dünnem Bier und kleinen Schnapsgläschen voll harmlosen Landweins Kognak und andere Spirituosen zu verschenken ist den Besitzern all dieserEstaminets" streng untersagt in den ungemütlich-häßlichen Kneipen; sie amüsieren sich mit den Rudeln schmutziger, schlecht angezogener Kinder, die sich um sie drängen und mit Gebärden, auf Deutsch und auf Französisch, um Bonbons, Schokolade und Zigaretten betteln; sie geben ihnen hin und wieder von dem Verlangten. werfen auch wohl Pfennige in die Haufen, freuen sich, wenn sich dann die kleinen Schmierfinken raufen und im Schmutz wälzen, wenn so ein Hosenmatz von fünf, sechs Jahren endlich Sieger im heftigen Kampfe geworden, sichseine Zigarette" zu Gemüte führt; und mittags sieht man auch wohl, wie sie so einen kleinen Burschen oder ein schwarzhaariges Mädel mit ins Quartier nehmen und mit den Resten ihrer Rois- und Erbsensuppen füttern. Dort, wo die weißen Beamtenhäuser stehen, in denen jetzt die Offiziere wohnen, spielt täglich zu gewissen Stunden eine Kapelle; das bietet willkommene Abwechselung. y Schön ist dieses Zechennest wahrhaftig nicht. Aber doch wie wohl tut es denen, die hier rasten dürfen! Neidische Blicke treffen diejenigen, die als Bäcker, Schlächter, Wachen und Schreiber den Vorzug haben, hier dauernd, oder doch wenigstens wachen- und monatelang, zu bleiben. Wer das auch so könnte! Aber s o... ein paar Tage immer nur, dann heißt es wieder die Tornister packen, die Flinte umhängen und ab geht es, der Front mit ihrem fernen Gedonner näher. Andere Kompagnien und Bataillone treten an die Stelle der abgerückten. Das bunte Bild dieses Kriegslebens in dem schmutzigen Zechendorf aber ändert sich nicht.-> Feldbäckerei. Mehr denn hundertAngestellte" und täglich an 12 000 Brote zweifellos ein ansehnlicher Großbetrieb! Aber ein Großbetrieb