1. Beilage znm„Vorwärts" Berliner VoMlatt. Zlr. 70. Sonntag, den 35. Marz 1894. 11. Jahrg. Die Zustände in Italien . 354, sage dreihundertundvierundfünfzig Jahre schweren Kerkers mir Fasten und Zwangsarbeit haben bis heute die beiden Henker der Crispi'schen Bourbonen.Wirthschaft. die Generale Morra und Heusch>n Sizilien und Massa-Carrara verhängt, viertehalbhundert Jahre Gefängniß für Bauern, Arbeiter, Advokaten, Aerzte, Weiber und Kinder; denn in diesen Tagen wurde zu Palermo ein elfjähriger Knabe wegen Betheiligung an dem Ausstand zu einem Jahr Kerker verurthcilt. In diesen Zahlen prägt sich schneidend und schreiend der Geist und die Vernunft aus. die heute Italien regiert. Das ist der Geist des timmelslichls der bürgerlichen Welt, von dessen Besitzer der ichter sagt: lEr nennt's Vernunft, und braucht'S allein, Nur thierischer als jedes Thier zu sein!" Thierisch nach Art eines blödsinnig Gewordenen, dai ist in der That die allein richtige Bezeichnung für die bei uns herrschen- den Zustände. Ter.Vorwärts' hat bereits die Nachricht gebracht, wie Erispi im Parlament zu Rom unter wülhenden Geberden und mit Faustschlagen aus den Regierungstisch— das ist seine liebst-, alterprobte Gest-— ein gefälschtes Aktenstück verlaS, ein Manifest, an dessen Entstehung sich-jn lächerlicher Roman knüpft, und auf grund dieses anarchistischen Manifestes— Crispi wunte schon damals, daß es von einem Polizeikanz''ten gefälscht war, gab ihm die Kammer ihr Vertrauensvotum mit 343 Stimmen Mehrheit und gab ihm die Vollmacht, den Abgeordneten Te Felice militärgerichtlich zu ver- folgen, das heißt zu verurtheilen. Welch' eine Kammer ist dies? Au, dem internal, onalen Kongreß stritten sich die verschiedenen Länder darum, wer die verkommenste Bourgeoisie besitze. Damals wurde Italien ausgelassen. Italien ganz vergesse»; Italien hat nun mit seiner Bourgeoisie vor aller Welt den Preis errungen. Prampolini schloß in diesen Tagen seine Rede zur Begründung des Antrages, das Ministerium in Anklagezusland zu versetzen, mit den Worten:„Ter bürgerlichen Klasse rufe ich zu: Ihr arbeitet für uns mit beschleunigter Wucht an Eurem eigenen Untergang. Dieser Euer Sturz, dieser Untergang der bürgerlichen Klasse wird der Erlösungstag des Proletariats fein! Es lebe der Sozialisinus!" Ter Redner wurde hieraus vom Präsidenten Biancheri zur Ordnung gerufen mit der Be- gründnng: Herr Pranipolini hat von bürgerlichen Klassen, von einander feindlich gegenüberstehenden Klassen Italiens gesprochen. Ich rufe ihn zur Ordnung, in Italien giebl es keine Klassen! (Stürmischer Beifall der Kammer.) Hier sehen wir ganz die Auffassung Crispi's bestätigt, daß für Italien eine soziale Frage gar nicht besteht. Als nachhaltiges Stärkungsmittel für die Re- gierung müssen die Bomben der Anarchisten dienen. Die letzte vor dem Parlamentsgcbäude geplatzte Bombe war ein Haupttriumph fil'r Crispi, oder sollen wir nicht lieber sagen ein Triumph Crispi's? Denn um 4>/s Uhr Nach- mittags wurde auf plötzlichen Wunsch Crispi's, der sich für nicht ganz wohl(„inäisposto") erklärte, die Kammer- sitzung vertagt und eineinhalbe Stunde später, pnnkl 6 Uhr, flog vor dem Kammergebäude die Bombe in die Luft, vor demselben Gebäude, das an allen Stellen mit ganzen Bataillonen von Carabinieri und Polizeibeamten mit und ohne Uniform bewacht war. Noch heute hat man vom Urheber der Bombe keine Spur entdeckt, alle deshalb gefangenen Anarchisten mußten wieder eut- lassen werden. Man muß nicht denken, daß diese traurigen Tage der Echandwirthschaft Crispi's in Italien dem Sozia- lismus Abbruch thun. Im Gegentheil; sie wirken wie ein befruchtender Regen, ein Regen, der in die Tiefe dringt und auch das härteste Erdreich auslockert. Noch nie zu keiner Zeit vorher ist das Wachsthum, die Ausbreitung des So- zialismus bei uns so sichtbar gewesen und geworden, wie in dieser Zeit. In der Stadt Jmula wurde die ganze Kommune- Vertretung als ausgesprochene Sozialisten wieder gewählt, an ihre Spitze der sozialistische Bürgermeister Andrea Costa . Die Entstehung neuer sozialistischer Wochenblätter nimmt einen un- erwarteten Aufschwung trotz aller Konfiskationswuth, die in ihren Begründungen de» stupidesten Maßnahmen der Zensur- behörden Oesterreichs nichts nachgi-bt. Ich werde Ihnen nächstens eine Liste der gegenwärtig erscheinenden sozialisti- scheu Presse Italiens senden. Die Sammlungen für die Opfer Crispi's in Sizilien und in Massa-Carrara nehmen überall ihren torlgang, meist mit bei, Zentesimi der Arbeiter. Die Lotta di lasse in Mailand verzeichnete bisher 3480 Franks. Aber leider sind alle diese Beiträge völlig unzureichend, die Fülle des unmittelbaren Elendes zu mildern, welches die Kriegsgerichte— Crispl's Gottesfriede — allein über Sizilien gebracht haben. Man denke, daß Hunderte, ja Tausende von Familien durch die Ein- kerkerungen ihrer Ernährer beraubt sind. Bon diesen nehmen die Organisatoren und Führer der Fasci naturgemäß die all- Semeine Aniheilnahme in Anspruch. Garibaldi Bosco atte als Sekretär einer Volksbank ein kleines Amt inne, durch dessen Verlust seine Familie zugleich ihren Unterhalt verloren hat. Freunde und Bekannte müssen diese unterstützen, während Bosco selbst der Qual der täglichen Untersuchungsverhöre mit den a b s u r d e st e n Beschuldigungen — h la. Crispi: Verschwörung mit dem Auslände, mit Frank- reich, ja mit Rußland zur Losreibung der Insel Sizilien von Italien — unterworfen ist. Nicola Barbalo. Präsident deS Fascio von Corleone , ein ausgezeichneter junger Arzt, lebte nur von seiner Praxis, die er den Armen unentgeltlich widmete. Seine Familie befindet sich in ähnlicher Lage wie diejeinge Bosco's. Banz ebenso auch die des gefangenen Peirina, Präsidenten des Fascio von Messina . Der Advokat Montalto, Präsident des Fascio von Trapani ist unveiheirarhet, aber er unter- hielt eine alle Mutter und zwei jüngere Schwestern.— Turali in Mailand erhielt kürzlich Briefe aus Calania und Palermo , welche den Jammer und den Ruin, den der Belagerungszunand gerade über die besten und edelsten Menschen in Sizilien herauf- beschworen hat, mit dürsteren Farben schildern. In den Briefen wird dringend um vermehrten Eiser für die Sammlungen zur Unterstützung gebeten Aber auch hier wird hervorgehoben, wie alle diese Verfolgunaen nur tieser die Seelen entflammen sür die Sache der Unterdrückten, sür die zukünftige Neu- Organisation und Wiederherstellung der Fasci sür das Wachslhum des Sozialismus. Dieser, der bisher mehr an der Oberfläche ins Weite sich ausbreitete, geht nun in die Tiefe und schlägt dort Wurzeln. Deutschland hat das ja in ähnlicher Lage an sich selbst erfahren. tn ihrer blinden Angst vor dem sichtbaren Wachslhum des ozialismus in Italien sind die Behörden nun schon aus den Sozialistentödter Eugen Richter gekommen. In der Romagna hat der Generaloberst der Carabinieri und Gendarmen Eugen Richter's Zukunflsstaal(in italienischer Uebersetzung mit der Spar-Agnes und der berühmten Anny) in Massen bestellt und mit Rundschreiben an die Kommandos von Soresina und Ferrara gesandt unter dringender Empfehlung zur Vertheilung und Lektüre im Kampf gegen Anarchisten und Sozialisten, was diesen Herren ja als ein und dasselbe gilt.— In Malland hat vor- gestern zum ersten Male eine große bedeutsame Versamm- lung nur von Arbeiterinnen stallgefunden. Es waren d,e Haus- «nd Fabrikschneiderinnen über 300 an Zahl im Saale des llrteit-rkonsulats vereinigt. Di- Besucher des internal, onalen Kongresses von Zürich werden sich erinnern, daß vom Verein der Schneiderinnen in Mailand eine Vertreterin anwesend war. Zum ersten Mal aber war hier auch die Hausindustrie, die bei dem bekannten Tvilettenlaxus der besitzenden Klassen in Mailand besonders wichtig ist, zahlreich vertreten. Nach zündenden Reden wurde eine feste Organisation mit bestimmter Verpflichtung zu monatlichem Beitrag und mit Einschreibung der Mlt- glieder beschlossen. Auch Dr. Anna Kulischos hielt eine begeisternde Ansprache und wies daraufhin, daß diese Vereinigung von Arbeiterinnen der Fabrik- und Hausindustrie das erste selbständige Eintreten der Frau in den Klassenkampf auf dem Festlande Italiens bedeute, während auf Sizilien wie bekannt der Sozialismus unter den Frauen und Mädchen schon seit An- beginn der Bewegung feine eifrigsten Anhänger zählt. Zum Schluß eine kleine Notiz zur Vervollständigung der mitgetheilten Bnnkskandale unserer herrschenden Diktatoren, Zäsaren, Säkular- männer und Frauen. Nachträglich hat sich bei der Untersuchung der Akten der Banca Nationale noch ein kleiner Posten gesunden; er lautet: Am 9. Mai 1889 dem Herrn Gouverneur an den Abgeordneten L e m m i für Madame Lina Erispi in baar: 20 000 Franks. Sie sehen, mein heutiger Artikel beginnt mit einer Zahl und schließt mit einer Zahl. Mögen die Leser des„Vorwärts" diese beiden Zahlen am Anfang und Ende dieses Berichts in ihrer Bedeutung recht genau betrachten. Sie zeigen den harmonische» Kreislaus der Herrschaft der Bourgeoisie. Uolralest Der Charfreitag wurde von einem großen Theil deS Ber - liner Proletariats durch-ine Wallfahrt nach i..m deutschen Golgatha, den Gräbern der Märzgefallenen, würdig begangen. Es entfaltete sich namentlich in den Nachmittagsstunden ern ähn- liches Schauspiel, wie am vorigen Sonntag; Arbeiter und Arbeiterinnen hatten sich in langer Reihe formirt und warteten— oft stundenlang— bis sie in dem sich ständig erneuernden Zuge zu den Gräbern vorgerückt waren. Das Aussehen des Friedhofs hatte sich feit Sonntag kaum verändert, von den zahlreichen Schleifen und Kränzen mochten nur wenige fehlen. Ausgefallen ist, daß die Schleije eines Kranzes, von der am 13. d. Mts. ein Theil abgeschnitten war. durch Wiederzusammenstecken mit Steck- nadeln wieder hergestellt war. Die Schleife trug gestern die Worte:„Den Tobten zur Ehr', den Lebenden zur Lehr', den Tyrannen zum Trotz." DaS Treiben auf dem Spandauer Bock hat sich am diesjährigen Charfreitag verhältnißmäßig ruhig gestaltet. Einige dreißig Gendarmen, die aus der ganzen Umgegend requirirl waren, und eine etwa ausbrechende antisemitische Revolution im Keime zu ersticken, hatten wenig Gelegenheit, ihre Talente der Oeffentlichkeit preiszugeben. Gleich Null waren die Vorbereitungen, welche die Direktion der Stadt- und Ringbahn für den gestrigen Charfreitag getroffen hatte. Die Behörde scheint in ihrem Kalender„Regen und Sturm" verzeichnet gehabt zu haben und so kam es, daß die Beförderung des nach vielen Zehntausenden zählenden Feier- tagspublikums, welches den herrlichen Frühlingstag im Freien verleben wollte, einem„großen Viebtransport" glich. Von 2 Uhr Mittags an waren die Stadtbahnzüge, namentlich nach Westend und Grunewald mit 20—25 Personen im Koupee besetzt!! Extrazüge waren, so weit wir wissen, nur nach Westend eingelegt worden, und auch diese, dem gewaltigen Ver- kehr gegenüber, nur in ungenügender Weise! Wäre das Publikum nicht vernünftig gewesen, so wäre es gestern Nachmittag auf den Stationen der Stadtbahn zu häßlichen Szenen gekommen. Ob sich die Bahnverwaltung veranlaßt sieht, wenigstens während der Ostertage Remedur zu schaffen? Mit ihrem ent- schuldbaren Bestreben, dem Publikum am heiligsten Tage der Christenheit den Hang zum Vergnügen zu verleiden und es in- direkt zu zwingen, in dumpsen Kirchen Buße zu thun, hat die Direktion im ungläubigen Berlin anscheinend doch nur geringen Erfolg gehabt. Ter Staat der'Sozialreform, der seine höchste Aufgabe darin erkennt, seine milde Hand schützend über die Enterbten aus- zubreitcn und den Klassenhaß durch versöhnende Maßnahmen zu beseitigen, erscheint gegenwärtig wieder einmal in respektabler Glorie, wenn man die Soldaten auf der Straße beobachtet, die tagsüber geschäftig eines Amtes walten, das zu dem rauhen Waffenhandwerk in einem wohlthnenden Gegensatz steht. Nicht nur, daß unsere Brüder von der Garde zum heutigen Osterfest unverdrossen mit Briefen und Postpacketen die Treppen auf und nieder tanzen; auch die noch schwerere Arbeit des Möbeltransports wird von ihnen zum herannahenden Umzugs- lermine mit einem Eifer verrichtet, der den müssigen Zuschauer baß imponiren muß. Die Thätigkeit unserer Brüder im Waffenrock wird auf so einen müßigen Zuschauer um so weniger seine Wirkung verfehlen. wenn dieser Familienvater und, was ja auch nicht so selten, seit mehreren Monaten arbeitslos ist. Aber was thut's? Mit Freuden wird der Arbeitslose sich den kargen Verdienst ent- gehen lassen, den er vielleicht gehabt hätte, wenn die Soldaten nicht zu proletarischen Hautirungen verwendet werden dürften, mit Freuden wird er sammt Familie auch in den Ostertagen weiter hungern, da er jetzt, nach den vielbewnnderten Worten, die kürzlich im Reicbstag aus dem hohen Munde des Kriegs- Ministers mit militärischem Nachdruck hervorquollen, doch mit unverkennbarer Ehrfurcht inne geworden ist, daß Alles, was der Soldat außerdienstlich thul, ihn auch militärisch weiter bildet und somit dem geeinten Deutschen Reich zu Segen dient. Was opfert man nickt für's Vaterland, namentlich wenn es gleichzeitig das Land der Sozialresorm ist? Bom Nothstand«nd von christlicher„Wohlthätigkeit". Di- Bourgeoisie will bekanntlich von dem Vorhandensein einer Arbeitslosigkeit in größerem Umfange und von einem(ich daraus ergebenden Noihstaude unter der Arbeiterbevölkerung nichts wissen B-rtreler staatlicker und städtischer Behörden, bürgerlich gesinnte Abgeordnete in den Parlamenten und in den Gemeindevertretungen, die gesammle bürgerliche Presse und wer sonst noch die örderung der Interessen der besitzenden Klassen für seine ufgabe hält, haben, so oft die Sozialdemokratie den Umfang der Arbeitslosigkeit und des Nothstandes nackzuweisen ver- suchte und Forderungen zu Gunsten der Arbeiterklasse daran knüpfte, frischweg das Gegentheil behauptet. Es ist natürlich nicht erlaubt, zu bezweifeln, daß sie das Gegentheil geglaubt haben. Aber zuweilen wird einem doch die Unterdrückung eines solchen Zweifels recht schwer gemacht. Bon Behörden, von Leitern„wohlthäliger" und„gemeinnütziger" Unternehmungen. von den Vorständen zahlreicher Vereine mit ähnlichen Zielen, erfahren wir so ziemlich jedes Jahr, wenn es gilt, eine Ver- Minderung der Einnahmen und eine Vermehrung der Ausgaben zu begründen, daß das Darniederliegen von Gewerbe und In- dustrie immer noch nicht nachgelassen hat. daß die Arbeitslosig- keit weiter zugenommen hat. und daß Roth und Elend weiter gestiegen sind. Ein neues und auch in mancher anderen Beziehung inter - essantes Beispiel hierfür liefert der neueste Jahresbericht über die beiden, in der Oranienstraße und in der Auguststraße belegene „Herbergen zur Heimath" des„Evangelischen Verein sür kirchliche Zwecke in Berlin ." Da erfahren wir, daß der Be such der Herbergen, besonders derjenigen in der Oranienstraße im Jahre 1393 weiter abgenommen hat, und daß dieser Rückgang unter anderem durch„die allgemeine Arbeitslosigkeit" zu erklären sei. In diesen Herbergen giebt es nämlich im allgemeinen nichts umsonst. Das billigste Bett ist nicht unter 2S Pf. zu haben, und wer die nicht zahlen kann, der muß sich eben sein Nachtquartier anderswo suchen. Selbstverständlich müssen auchSpeisen und Getränke bezahlt werden, falls nicht ein befreundeter„frommer" Verein oder sonst ein privater„Wohlthäter" den armen Wanderern eine unentgeltliche Abendsuppe stiftet oder der„Evangelische Verein" selber den Sonntagspredigten, um für deren Besuch Interesse zu erwecken, eine Gratismahlzeit hinzufügt. Ein vollständig un- bemittelter Handwerksbursche kann sich ein Logis in diesen Her- bergen nicht leisten. Der Besuch muß also desto geringer werden, je größer die Arbeitslosigkeit wird, wie aus demselben Grunde der Besuch der eine unentgeltliche Aufnahme und regelmäßig unentgeltliches Abendbrot und Frühstück gewährenden Asyle wachsen muß. Der Bericht sagt hierzu:„So lange die Geschäfts» zciten im öffentlichen Verkehrsleben noch günstige waren und die kapitalkräftigen Volkskreise für die Hebung des Wohles der Ar» heiter und Handwerker wenig oder gar nichts übrig hatten. standen die christlichen Arbeiter mit ihren Volkswohlfahrts- Bestrebungen allein da und hatten alle Hände voll zu thun, um die Menge der wandernden Gäste leiblich zu versorgen. In jenen Zeiten stand es gut um die geschäftliche Seite der christ- lichen Herbergen Berlins ." Und weiter unten:„Die guten Jahre, das Wort im geschäftlichen Sinn» verstanden, sind für unsere Herbergen vorüber. Die auf rein humani- tären Grundlagen sich erbauenden und mit dem Nachdruck des leistungsfähigen Großkapitals arbeitenden Volkswohlfahrts- Bestrebungen l.aben den Berliner christlichen Herbergen zur Heimath in bezug auf die äußere Seile ihrer Missions- aufgäbe eine vielfach erfolgreiche Konkurrenz gemacht." Der Bericht fügt zwar hinzu, man wolle darüber keineswegs ein Klagelied anstimmen, daß der„bis dahin lediglich von christlichen Kreiken und im christlichen Sinne bearbeitete Gedanke der Volks- wohlfahrtS- Bestrebungen" mehr und mehr auch in anderen� Kreyen verarbellel werde; man freue sich vielmehr darüber, da auf diese Weise die eigentliche Aufgabe der christlichen Theologen wieder mehr zu ihrem Rechte kommen könne, nämlich die Missions- thätigkeit, die sich in kleinerem Kreise viel erfolgreicher gestalte. Aber trotzdem scheinen uns Mißstimmung und Wehmuth aus diesen Zeilen zu sprechen. Daß es dem„Evangelischen Verein" bei seinem Herbergsunternehmen nicht gerade auss Verdienen ankommt, wollen wir ihm glauben.(Der Gewinn, welcher aus dem wandernden Handwerksgesellen und Arbeitern gezogen wird, und sür die Zwecke des Vereins verwandt wird, scheint übrigens keineswegs gering zu sein; doch läßt sich seine Höhe aus den sehr summarisch gehaltenen Kassenbericht nicht genau ersehen.) Uber wir glauben dem Verein nicht recht, daß er die Cchaaren, welche nicht einmal mehr so viel übrig behalten haben, um in seinen Herbergen logiren und etwas verzehren zu können, wirk- lich so gleichmüthig nach den Asylen und Wärmehallen ziehen steht. Aus dem ganzen Bericht, der immer wieder auf die„Konkurrenz" dieser Unternehmungen zurückkommt und hervorhebt, daß sie„unseren Herbergen nicht in die Quere kommt", spricht trotz aller gegenthelliaen Verstche» rungen ein schlecht verhehlter Aerger gerade darüber, daß der Agitationskreis des Verein? sich immer mehr verringerst. Woher denn sonst die geradezu unangenehm geschästsmäßrg klingende Versicherung:„Wenn die Arbeitslosen in den Wärme- hallen zu Tausenden umsonst gespeist werden, so wollen wir unseren Gästen zeigen, was ein christliches Hau? an leiblicher und geistiger Nahrung zu bieten vermag. Wenn die Volkskaffee- und Epeischäuser dem Arbeiter für wenige Pfennige eine gute Kost darbieten, so wollen wir uns durch diese Konkurrenz zu größter Tüchtigkeit auf dem Gebiete der äußeren Verpflegung anspornen lassen. Und es soll uns eine Lust sein, unseren Gästen den Aufenthalt in unseren Räumen so angenehm als möglich zu machen." Hieß es nicht oben, daß der Verein sich über die Verringerung des Besuches„freu e", daß man jetzt erst Zeit für die„eigentliche Missions-Aufgabe' übrig behalten werde? Und nun mit einem Male der Hinweis auf den„angenehmen Aufenthalt", auf die„leibliche Nahrung" und auf die „äußere Verpflegung", bei der man sich„zu größter Tüchtigkeil anspornen lassen" will? Es ist zwar nicht wahr, daß man in oen Asylen, Wärmehallen und Volkskaffee» und Speisehä>.sern so herrlich und in Freuden lebt, wie es der Bericht schildert. Aber wir hoffen, daß sie noch weiter die Aermsten und Elendesten aus den christlichen Herbergen zur Heimath herausholen werden, wo sie für ihr Geld nicht besser ver- pflegt werden als dort und obenein, wenn sie widerstandslos sind, von dem Hausgeistlichen mit dem Wort GotteS, wenn sie widerspenstig sind, von dem Hausknecht mit dem Gummischlauch bearbeitet werden. Die„Wohlthätigkeits"- Bestrebungen de? Muckcrlhums wollen uns unter allen derartigen Bestrebungen am wenigsten gefallen. Sie sind frei von Eitelkeit, wie es scheint. »nd auch frei von Eigennutz, wie man sagt. Sieht man jedoch genauer zu, so ist die„selbstlos sich hingebende christliche Nächsten- liebe" dieser Kreise auch nichts anderes, als nur eine der zahl- reichen Formen, in die sich der Eigennutz kleidet. Der Eigen- nutz richtet sich nicht immer blos aus Schätze, die„die Motten und der Rost fressen", und nach denen„die Dieb» graben und stehlen". Mehr Militär! Mehr Polizei! Laut braust der Ruf wie Donnerhall nach dem„letzten Beweismittel" der herrschenden und besitzenden Klassen! Und dieser Ruf findet bei den zuständigm Machtfakloren ein nur zu williges und geneigtes Ohr und man ist eifrrg bemüht, den Schreiern den Mund zu stopfen, diese Un- zufriedenen zu befriedigen. Der Vermehrung deS Heeres durch den Reichstag folgt nunmehr«ine Vermehrung der Polizei aller Orten. Berlin ist nach dieser Richtung hin mit gutem Beispiel vorangegangen und auch die Gemeindevertretung von Schöneberg hat sich endlich entschlossen, den sehnsücktigen Wünschen der Millionenbauern Rechnung zu tragen und eine „Besserung des Polizeiwesens" herbeizuführen. So ist in der letzten Gemeinderalhssitzung die Anstellung mehrerer neuer Amts- diener— mit einem Anfangsgehalt von 1500 M.— sowie eines Polizei-Jnspektors mit einem Gehalt von 2400 M. und zirka 400 M. Wohnungsgeldzuschuß beschlossen worden. Außerdem sollen in verschiedenen Orlstheilen Schöneberg's Polizeiwachen er- richtet werden, die telegraphische Verbindung mit dem Amtsbause erhalten und aus welchen bei Tage und bei Nacht Polizeibeamte stationirt werden sollen. Diese „Verbesserungen des Polizeiwcsens" sollen schon in allernächster Zeit zur Durchführung gelangen. Die Millionenbauern können sich also mit Befriedigung im Vollbewußtsein einer vermehrten Sicherheit wiegen. Die Sicherheilszustände in Schöneberg mußten allerdings zuweilen in einem etwas bedenklichen Lichte erscheinen. Denn wer sich der seiner Zeit Aussehen erregenden Heldenthaten eines Schöneberger Gendarmen gegenüber einem Berliner Droschkenkutscher erinnert oder wer sich das Aussehen Schöne- bergs im vorigen Jahre gelegentlich der„von Amts wegen" ver- borenen Arbeitslosen- und Gewerkschaftsversammlungen vergegen- wältigt, den, mußte wohl auch der Wunsch nach einer„Besserung
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