it. 71.— 1917. Unterhaltungsblatt öes vorwärts ws*.
tanzen wollte, eine Melodie, die lockte und innig war und voller Hingabe. lind eines TagcZ lam der Lais. Kam groß und schlank an ihrem Fenster vorbei, so daß sie ihn beinahe nicht erkannte. Aber er guckte einfach herein... und da hielt sie es nicht mehr und lief hinaus zu ihm. »Jetzt geht eS in den Krieg/ sagte er.»Ich komme bloß Ab- schied nehmen/ Das brauche ich eigentlich gar nicht zu erzählen, wie schwer da der Friede! das-Herz wurde und daß sie an diesem Tage zum ersten Male einen Buben küßte, mit durstigen Lippen. Das kam alles so. als wenn einer ein Lied singt. Grad war'S noch still und voll Sinnen und Träumerei und nur wie ein verhaltenes Schluchzen und wie ein gebändigtes Glücksbcgehren warS in den Tönen. Und plötzlich jauchzt es auf sowie ein Mädel, das einem Burschen am Hals hängt und seine zwei starken Arme um ihren jrmgen Leib spürt. Und dann wird das Lied auf einmal wieder flüsternd und heim- lich, leise, wie vor einem großen Glück, das kein Mund sagen darf, bange, wie vor Uebermacht der Liebe, die keine Lippe kosten darf. Man weiß nicht, wird eS gleich klagen, wird es weinen, oder wird ein neuer Jubel aufspringen wie ein überschäumendes Lachen. So war es auch nut den beiden Menschenkindern. Und es war an einem Sonnabend. Dienstag mußte der LoiS fort. Und als das Geheimnis gezimmert wurde, da hatte auch der Zufall wie immer beim Zimmern eines Menschenschicksals seine Hand im Spiel. Und das Geheimnis? Friedels Vater wechselte am Wochenende die Schicht in der Fabrik. Und zwar traf es sich so, daß er tags zu Hanse war und nachts auf Arbeit mußte. Das ivar ein unruhiger Tag für Friede!, der Dienstag, ein quälerischer, banger. Der Abend war so lange bell, die Sterne stiegen und noch war es hell. Sie wartete. Die Haustür stand offen und sie saß ganz still in der Stube und wartete, den Blick nach der Tür. Da mußte er hereinkommen... sie wartete auf seinen schnellen Schritt, auf das Urffatzliche, das Glück war oder Leid oder... Liebe? Warum war dir so bange, Friedel? Er kam doch. Und war wild und gut. Blieb länger als die halbe Nachr, trank den Himmel aus deinen Augen, wie du es träumtest, und wurde glücklich unter deinen zärt- lichen Händen. — Soll ick noch weiter erzählen? Es ist nur ein alltägliches Schicksal, das sich vollendet. Es ist nicht aufregend. Es ist still und duldend. Friedel trug bald ein Kind unterm Herzen. Und Lais siel vor dem Feind. Dies bittere Leid wechselte in ihr mit der Angst vor dem rauhen Vater, der doch einmal ihr Geheimnis erfahren mußte. Sie wollte oft den Schritt hinaus tun aus dem engbegrenzten Leben, frei fem von dem drückenden Alltag wie in jener Nacht, wo eine Seele klingend an die andre rührte. Als der Winter kam. und Schnee das Leben draußen deckte und olles tot und starr war, das war ihre schwerste Zeit. Da fühlte sie sich grenzenlos verlosten und wollte sich und das werdende Leben in ihr zerstören. Aber um des Toten willen hielt sie stand und ihre junge Kraft siegte über die Verzweiflung, die oft ihre dürre Hand nach ihrer Seele streckte. Sie wußte ihre Pflicht. . AIS das erste Grün sproß und der Schoß der Erde neues Leben überreich gebar, wurde sie zuversichtlicher. Scham vor ihrem Vater, der seltsam ruhig blieb, als er erfuhr, und der starke Glaube, daß es keine Schande sei, Mutter zu werden, kämpften noch in ihr. Aber sie war zu sehr verwachsen mit der lebenspendenden Natur, als daß sie diesen Glauben hätte verlieren können. Ja, ihr Vaier wurde milder zu ihr. und diese, wie sie glaubte, imverdiente Rücksichtnahme raten ihr wohl. Sie freute sich auf die Stunde, da sie ihres Liebsten Augen wiedersehen durste im Auge ihres Kindes, und um seinetwillen bereute sie jene glückliche Nacht nicht inchr._ H an S Eathmann. Ein heine-�benö. Wenn ein deutscher Dichter, so war es Heinrich Heine , der, ..Schwert und Flamme", sich mit den geistigen und Polstischen Um- wälzungen seines unruhigen Zestalters auseinandergesetzt und auch zugleich das Musikschaffen ungeheuer im modernsten Sinne be-
flügelt bat. Gerade aus diesem Grunde muß Rezitation mit Gesang zusammengehen, soll«in möglichst ganzes Blld von ihm gc- geben werden. Dies Erfordernis erfüllte, dünkt mich, der Sonntag von der»Kunstvereinigung für Groß-Bcrlin" im großen Saale der Hochschule veranstaltete Vortrags aliend, dessen Schtverpunkt auf die Rezitaiioi? Heinescher Meisterballaden wie lhrisch-cpischcr Stücke mehr scherzhafter Gattung gelebt wurde. Margarete W a l k o t t e bringt für jene Dichtungen respektable Ausdrucksmittel und Gestaltungskraft mit,»jährend sie doch auch für die wirkungsvollcii Pointen, für die Bienenstocheln des Heineschen Humors eine starke, nichtsdestoweniger tünstlerische Vortragsbegabung entfaltet. Robert Schumaim-,„Dichtcrliebe", das ist ein Zyklus Heinescher LiebeSgesänge, bot in seiner romantischen Färbung uud inufika- tischen Fülle eine wirksame Ergänzuiuz. Leo Göll an in— am Flügel saß Julius D a hl k e— brachte das Ganze, obgleich er mit Indispositionen katbarrifcher Art zu kämpfen hatte, �zumeist glänzend zu Gehör. Andere Lieder in der Vertonung von Schubert, Rubinstein(»Der ASra") und Silchcr schlössen sich an. Als Harfenvirtuosin von subtiler Fcinfingcrigkcit ließ sich Olga Waltoite und als Meister der Flöte Hendrik de B r i e Z hören. Sämtlichen Vortragskünstlern wurde mit nachhaltig ein Beifall gedankt.___ ck.
Der Stein öer weifen. Vor Jahrhunderten hat man sich eifrig bemüht, ein Mittel zu finden, um Gold zu machen. Eifriges ernstes Arbeiten war ebenso erfolglos wie alle Geheimniskrämerei. Heute kennen wir den wahren Stein der Weisen, die Kohle. Aus ihr destilliert man in den riesigen Retorlen der Kokereien und Gasanstalten neben Koks und Gas das Benzol, Ammoniak und Teer. Im Getriebe der chemischen Industrie erstehen aus den Destillationserzeugnissen leuchtende Farben, wertvolle Heilmittel, Süß-, Duft- und Sprengstoffe. Was der Bergmann aus den Tiefen der Erde Hervorholl, bildet den Atem gewerblichen Lebens, ungezählte Räder und Hebel fetzt es nr Gang. Der Krieg hat gelehrt, daß Kohle wertvoller ist als Gold, ja, in der Kriegszeit soll die Kohle zur direkten Gold-- quelle für den Staatsiäckel werden. Während wir aber das Gold ohne weiteres als etwas anerlennen, was zum sparen geeignet ist, gilt dies leider noch nicht für die Kohle. Wir sind noch weit, sehr weit davon entfernt, sie restlos auszunutzen. Etwa 80 Proz. aller verbrannten Kohle wandert ungenutzt durch den Schornstein. Ungeheuere Werte gehen dadurch verloren, daß die Kohle unterm Kessel oder im Herd direkt verfeuert wird, denn dabei wird kein Ammoniak, kein Teer, kein Benzol gewonnen. Da es aber bei der Kohlenstcuer sthiver möglich ist, den Verbrauch als solchen einzuschränken, so dürfte man bald versuchen, die Kosten herunterzudrücken. Das wird nur durch technische Verbesserungen möglich sein. So wird die Feuerungstechnik gerade durch die Steuer einen mächtigen Anreiz bekommen. Auch wird man danach trachten, die Kohle nicht als solche, sondern als Gas zu verfeuern. Das wird wieder zu großen Umwälzungen in der Gasindusttie führen. Diese wird sich immer mehr den Vcr■ fahren ihrer jüngeren, aber mächtigeren Schwestern, der Kokerei, nähern müsien. So werden immer weitere Kreise erkennen, daß die Kohle der wahre Stein der Weisen ist, den man nicht ungestraft vergeudet. Die Kohle ist ein Grundstock des deutschen Volks« Vermögens, mit ihr sparsam umzugehen ist allerheiligste Pflicht.
Nottzea. — THeatcrchronik.„D c r Posti-llon von Lon- j u m e a u", die in Berlin lange nicht, gestielte komische Oper, gebt am Deutschen Opernhausc am Donnerstag, zum ersten Male in Szenö.— Die R e i n ba r d t b ü h n e n find für diesen Sommer wieder an M. Sladck verpachtet. — Eine neue Oper,»Eros und Psyche", von dem Komponisten Rosycki, einem Humperdinck -SchiUer, wurde im Breslauer Stadttheater mit Erfolg aufgeführt. Den Text hat der polnische Dichter Znlawsli, der als polnischer Legionär 191ö fiel, nach seinem eigenen Drama bearbeitet. Die Dichtung geht durch viele Jahrhunderte: Psyche kehrt in immer neuer Gestalt und in neuer Umgebung wieder, als Verkörperung der Sehnsucht in jeder Form— bis zu ihrer �endgültigen Erlösung. Die Musik ist ganz dem Ausdruck, dieser Sehnsucht geweiht, der sie hohe Stimmung abgewinnt.
/llltagsschicksal. Ihr werdet vielleicht über»sich lochen, Mädchen der Städte, wenn ich euch von eurer blonden Schwester vom Dorfe erzähle und ihrem alltäglichen Schicksal, das sie nicht einmal zugrunde gerichtet hat. Wundert ihr euch, daß ich alltägliches Schicksal sage? Dem Menschen erscheint doch nur sein eigenes Schicksal nichl alltäglich, das der anderen immer. So wird es euch gehen mit dem Schicksal der blonden Friedel; ihr werdet cs allläglich nennen, aber vielleicht werdet ihr, wenn ich cs euch erzählt habe, doch spüren, warum ich es iat. so höret zu: Wie nennl man so ein Mädchen mit bellen Haaren, blanken Augen, hurligen Füßen und ungeküßiem Muride? Ein jung Ding. Dock, wenn so einem.jungen Ding" die Mutter stirbt, dann wird es mit einem Male stiller und siebt sich wie erschrocken um. Spürt erst, daß es in der Welt, und daß kein Tag Hali mackt und leine Blume erfriert, wenn der Tod durck ein MenickenhauS geht. lind feine Augen bekommen einen iragenden Blick, feine Hände eine große Sehnsucht nach Zärtlichkeit. Denn so ein jung Ding will das Leben suhlen, das warme Blut, und ihm wird bange und weh, wenn es ans Sterben denkt. Friedet hatte noch ihren Vater. Aber den liebte sie nickt so wie die Mutter, dem war sie oft sogar sehr böse. Denn er trank und schalt und schimpfte immer, und es war ihm nichts recht, was die„Weibsbilder" machten. Nach der Mutter Tod war nun das Haus leer, wenn der Vater tags aus Arbeil war. Und Friede! war ollein in den Stuben und büleie das kleine Anwesen, das sich die Mutter einst von ihrem iauer Ersparten gekauft hatte. Da gab es nun wohl viel Arbeit, aber junge fleißige Hände sind flink, und wenn eine alles io gut und sauber machte wie die Friedel, da tonnte sie schon einmal ein freundlich Wort von ihrem Vaier verlangen. Aber der war mürrischer geworden als je vorher. Sie baite kerne guten Siunden bei ihm und war immer froh, wenn er wieder hinaus war zur Arbeit. Tann füllerte sie das Federvieh, die Kuh und die Ziege und lockte für hcn Miilag. Und dazwischen blieb ihr auch noch ein bißcken Zeit für einen schönen Traum. Die jungen Mädchen, die zwischen den Bergen aufwachsen und. den dunklen Wäldern, die so kühn zum Himmel streben, träumen gern wie die Natur, die sie umgibr. Die Nc »ur träumt oft, im Sommer und Winter, träumt von ihrer eigenen Schönheit und Kraft, die Freude spenden und selber jubeln will vor Daseinsglück. So träumie auch Friedel. die ja so verwachsen war mit der Natur. Wenn ein kleines Haas am Watdhong liegt, einsam, vom Himmel überschwemmt und von Vogelstimmen rimsunaen sommers von früh an. und ein juna Ding wohnt in einem solchen Haus, dann ist es auch vom Himmel überschwemmt und von Vögeln umsungen, die allerlei liebliche Weisen wissen. Und Friedel sehnte sich so nach Glück, nach einem Menschen, der ihre Hände streichelie und einmal in ihre Augen schaute und in ihre abgründige Tiefe starrte. Ihre Augen hatten doch soviel Himmel getrunken, sollte den nicht ein Meni'ch sehen und wieder hinaus- trinken wollen in seine Augen? Der Himmel ihrer Augen sehnte sich danach. Und die Lust ihrer Hände nach Zärtlichkeit wurde immer größer.— Die Häuser des Dörfchens waren ganz berstreut, zwischen Hängen versteckt, vom Wald umgeben, und die Menschen in ihnen sahen sich wenjg. Aber von der Schule her kannte Friedel »och den Gnindel Lois.(Alois.) Den hatte sie damals, als sie noch kurze Röcke trug und ein schmächtig Mädel war, sehr lieb gehabt. Sie wußte Wohl nicht warum, denn er hatte sie oft geärgert und ihr oft weh getan; aber es ist eine eigene Sache um das Herz eines so jungen Mädchens, das nun einmal einem so wilden, trotzigen Fungen gut ist. Der LoiS war dann irgendwo in die Lehre gekommen, weit weg, und halte sie sicher schon längst vergessen. Aber wenn sie nun so den ganzen Tag allein war. da ging allerlei Vergangenes durch ihren Sinn und er war immer dabei. Er fuhr wieder toll- kühn Scklitten über die steilen Berge, jo daß sie sich um ihn ängstigen mußte, er nahm ihr wieder die Schultasche fort und warf sie in irgendeine stachlige Hecke, er riß sie wieder an ihren starken blonden Zöpfen, bis sie weinte. Jetzt schämte sie sich ihrer Tränen von damals. Und nun war er doch zweiundzwanzig und sie zwanzig! Was würde so junges Blut tun. das einst so wild und sich so feindlich war. wenn es sich heute wiedersähe? Das dachte sie oft. Und dann war der Himmel in ihren Augen ganz blau und tief und ihr Herz schlug seltsam bang und die blntenschweren Bäume vor den Fenstern träumten wie sie. Sie fühlte oft eine Melodie m ihrem jungen Leib, nach der sie
40] Der Polizeimeister. Ein russischer Polizeiroman von Gabryela Zapolska. Tagcjew verschwand mit seinen Damen hinter der Tür, die zum Restaurant führte. „Das Ssparö I" schrie Tagejew dem sich tief verneigenden Isaak zu. Das schöne Profil des Juden mit dem grauen Patriarchen- bart hob sich von der bunten, mit Plakaten behängten Wand ab. „Hier herum. Herr Polizeimeistcr, alles ist bereit../ ..Zakusli erster Sorte, ich bitte!" Er öffnete die Tür. Man sah in ein kleines Stübchen, anS dem unerträglich heiße Luft entgegen strömte. „Ich habe heizen lassen!" sagte er zuvorkommend. „Gut, gut, lassen Sie Champagner kalt stellen!" Feinbubes Augen blickten haßerfüllt auf. Er hatte darauf gerechnet, daß Tagejeiv mit den beiden Damen, die heute ein Konzert gegeben hatten, ein Souper bestellen würde.
In sein Schicksal ergeben, hatte er Vorspeisen, Ochsenfilet. Omelettes mit Marmelade und zwei Flaschen Rheinwein vor- bereitet. Er wußte, daß er die unbezahlte Rechnung zu einem ganzen Päckchen solcher Rechnungen hinzufügen mußte, die in der Schublade lagen, doch glaubte er nicht, daß er gezwungen tverdcn würde, auf dem Altar des Tagejewschen Liebeseifers Sekt zu opfern. Er verneigte sich jedoch demütig, rückte die zerbrochene Glocke auf der Petroleumlampe zurecht, prüfte mit dem Blick die wohlgenährten„Konzertsängerinnen aus Peters- bürg", wie der Konzertzettcl besagte, und zog sich eilig zurück. als er sah. daß die.Zakuski' mit erschreckender Schnelligkeit verschwanden. Doch folgte ihm Tagejews Stimme: ,, Feinbube, noch mehr Vorspeisen!" Der Jude blieb stehen, ballte die Fäuste und sein Gesicht verzerrte sich bis zpr Unkenntlichkeit.. Seine zuckenden Wangen verrieten, welch tiefen Haß er gegen Tagejew empfand. „Ich werde dich füttern I" dachte der Jude,„aber die dort sollen bezahlen, was du verschlingst!" Hein Haß erstreckte sich in diesem Augenblick nicht nur auf den Tyrann, sondern auch auf die von ihm Tyrannisierten. Jene litten körperlich und geistig, Feinbube wurde mir matc- riell geschädißt.
Hl. Der Herr Polizeimcister wacht.— Der Spitzel wird geholt.— In Fräulein Luzia erwacht die Seele. — Die Szene im Separs.— Fräulein Jüzia will nicht trinken.— Fräulein Luzia weint. Jossele Pinkas stürzte wie ein Pfeil ins Separc. „Viel Vergnügen und Gesundheit l" rief er schon an der Schwelle. Er zog die Geige unter dem Ann hervor und begann, sie zu stimmen. „Was soll ich spielen?" rief er, mit dem Bogen in der Lust fuchtelnd. Aber Tagejew, der das Glas mit„Rheinwein" in der einen Hand hielt und mit der anderen die Taille der jüngeren Konzert- sängerin umfaßte, protestierte. „Nichts, Pinkas, deine Musik brauche ich heute nicht. Du sollst heute was anderes besorgen." Jossele spitzte die Ohren. „Ich stehe zu Ihrer Verfügung, Herr Polizeimeister/ „Geh sofort zu Horski und schaffe auf irgend eine schlaue Weise das Stubenmädchen her." Jossele riß die Augen auf. „Die Juzia von Herrn Markowski?" „Dieselbe!... Was sperrst du denn die Augen so auf!" ,,Nu, es ist doch Nacht, sie wird vielleicht nicht kommen wollen!" O „Sag ihr, ich befehle es, dann kommt sie sofort.... Lauf zu!" Jossele stürzte wie eine Bombe hinaus, seine Geige fest umklammernd. Er zerbrach sich den Kopf, wozu Tagejew Juzia im Säpare wohl brauchen mochte. „Soll sie ihm Gesellschaft leisten?" dachte er, indem er über den Marktplatz zu Horski lief. Inzwischen war im Separs der Sekt erschienen, den Feinbube selbst mit feierlicher Miene wie ein Rabbiner servierte. Die Sängerinnen wurden immer geschwätziger und er- zählten, daß sie mit Konzertreisen mehr verdienten, als bei einem festen Engagement. „Wir werden überall wie Königinnen empfangen!" prahlten sie, indem sie gierig das Omelett verschlangen. „Noch ein Gläschen!" bat Tagejew, um nicht hinter denen zurückzustehen, die den Künstlerinnen jene königlichen Empfänge bereiteten. „Hier in Polen !" begann die Aeltere.„lebt und genießt man. Ihr schwimmt ja förmlich in Sekt. Ihr müßt euch doch hier fühlen, wie im Paradies!" Tagejew lächelte schlau. „Ja, besonders diejenigen, die nicht auf den Kopf gefallen sind," lispelte er.
„Und Sie?" „Du lieber Gott, dumm bin ich ja nicht. Nun, auf Ihr Wohl, bezaubernde Sinaida Petrowna." Aber Sinaida Petrowna rückte schmollend von Tagejew fort. „Was ist denn," fragte dieser erstaunt. „Sie sind ein Lügner! Sie haben den Juden zu einer Frau geschickt. Ich genüge Ihnen nicht. Lassen Sie mich los!" „Das ist ja ein Stubenmädchen!" erwiderte Tagejew er- regt.„Es betrifft amtliche Angelegenheiten, die nichts mit dem Herzen zu tun haben; mein �erz gehört Ihnen einzig und allein!" „Ach, Sie Schwerenöter!" Diese Neckereien dauerten noch eine ganze Weile. Sinaida Petrowna blieb der Schablone treu. Ihre Schwester, um die Tagejew sich nicht kümmerte, begnügte sich damit, die Reste des Omeletts mit dem Löffel abzu- kratzen. ES klopfte. Jossele steckte seinen schmutzigen Kopf durch die ge- öffnete Tür. „Sie ist da I" flüsterte er Tagejew zu. Der Polizeimeister erhob sich von seinem Stuhl. „Entschuldigen Sie mich für einen Augenblick, es ist etwas Wichtiges." „Aber kommen Sie bald wieder!" rief ihm Senaida nach, „sonst denke ich, daß Sie mich betrügen!" Schon an der Tür, legte Tagejew die Hand auf seine Brust und rollte die Augen. „Ich bin der Ihre bis zum Tode!" deklamierte er. „Nun, schon gut! Wir werden sehen!" erwiderte die Sängerin lachend.
In ein Tuch gehüllt, stand Juzia blaß und erschrocken vor der Tür des Separss. Jossele Pinkas hatte sie durch Vermittlung des Portiers aus dem Bett geholt und ihr befohlen. sich sofort nach dein Restaurant zu begeben. Seit ihrem Besuch bei Tagejew lebte Juzia in fortwährender lln- ruhe. Sie fühlte, daß sie in ein Netz geraten ivar, aus dem es für sie kein Entrinnen gab. Indes schien sich in ihrer Seele etwas zu regen. War es die gute, liebenswürdige Be- Handlung, die sie von Janka erfuhr, oder die ständige Be- rührung mit dem reinen, frohen Geschöpf, genug, in der früheren Kellnerin erwachten bessere Gefühle, etwas wie Reue und Traurigkeit... Juzia kam nach dem Restaurant, als müsse sie zur Folterbank. Ihre Augen waren von Schwer- mut umflort, das Gesicht hatte einen Ausdruck, der ihm früher fremd war.(Forts, folgt.)