1. Beilage zum„Vorlviirts" Berliner Bolksblatt. Nr. 131. Somtabend, den 9. Juni 1894. 11. Jahrg. VotzKokkivk Und: i. Schultheiss-Brauerei , Aktien-Gesellschaft, Berlin (und Tivoli). 2. Brauerei F. Happoldt. 3. Böhmisches Brauhaus, Kommandit-Gesell- schaft auf Aktien, A. Knoblauch. 4. Brauerei Barl Gregor, Berlin (Adler- Brauerei). 5. Vereius-Brauerei Rixdorf. 6. Spandauer Berg-Brauerei, vorm. C. Bech- urann, Westend bei Charlottenburg . 7. �htieu- Gesellschaft Schloss• Brauerei Schöneherg. LoUsles. Willtommeu! Aus dem Plötzenseer Rumfutsch- Eldorado ist endlich gestern unser braver Genosse E n d e r s entlassen. Elf Monate acht Tage hat er wegen Ausgleitens der Redaktionsfeder in die vom Strafgesetzbuch und der Recht- sprechung geschaffenen Maschen im Gefängniß zubringen müssen! Unser wackerer Kampfgenosse ist insbesondere deshalb sehr hoch bestraft worden, weil das Gericht„die Tendenz des„Vorwärts"" zur Begründung der Verurtheilung verwenden zu dürfen glaubte. Die„Tendenz" bleibt unverbesserlich. Hoffentlich erholt Enders sich bald von seiner langen Gesängnißstrapaze. Bierköuig Rösicke'S Worte uud— Thaten. Am 19. Mai, gleich nach der Boykott-Erklärung schrieb der„Vorwärts" mit bezug auf den Arbeitersreund Rösicke folgendes:„Wer ein Unter- nehmer großen Stils heißen will, darf seinen Profil nur mit dem vorschriftsmäßigen sozialpolitischen Angenausschlag einsäckeln und muß von praktischem Christenthum triefen wie ein Braukessel von Würze." Die Wahrheit dieser Worte hat keiner eklatanter bewiesen als Rösicke selbst mit seinem eigenen Munde am b. Juli 1891, bei der Eröffnungsfeier des Kinderheims in Pankow . In der nur für den internen Kreis der„Seinen" berechneten Rede leistete sich der ungekrönte Aktien-Vierkönig in Arbeiterfreundlich- teit, praktischem Christenthum, Harmonieschalmeien, national- ökonomischer Unwissenheit, Selbstverherrlichung u. f. w. das denk- bar Höchste, so daß wir uns nicht versagen können, auf die Gefahr hin, daß man uns den Vorwurf der Indiskretion macht, wenig- stens die markanten Stellen im Folgenden wortgetreu wieder- zugeben: Verehrte Festgenossen! Es war am 30. September 1889, als der Aufrichtsrath unserer Gesellschaft mir die Miltheilung machte, daß er— einer früheren Anregung von mir Folge gebend— be- schloffen habe, bei der nächsten Generalversammlung die Bewilligung einer Summe von 20 000 Mark zu be- beantragen, welche zur Erbauung eines Kinderheims in Pankow verwendet werden sollte zur Erinnerung an meine LS jährige Thätigkeit in der Schultheiß- Brauerei , sowie in Anerkennung der erzielten Er- folge. Sie wissen, daß die Generalversammlung vom 29. November 1889 den Antrag des Aufsichtsrathes genehmigt und daß die vorjährige Generalversammlung einen weiteren Be- trag von 10 000 M. für den inneren Ausbau und die Einrichtung des Houses zur Verfügung gestellt hat. � Wie ich bereits auf dem am Abend meines Jubiläums ver- anstalteten Feslessen hervorzuheben Gelegenheit hatte, konnte mir kein äußeres Zeichen der Anerkennung will- kommener sein, als dieses! Ist es doch geeignet, als dauerndes Die landwirthschaftliche AnssteUung, welche am Mittwoch im Treptower Park eröffnet wurde, erscheint in der Hauptsache als eine Ausstellung von Zucht- und Zugvieh, von landwirthschaftlichen Maschinen und Geräthen. Gewiß, es piebt auch anderes zu sehen, ein Schock ausgestopfter Vögel, das Reliesbild einer Berliner Rieselseldanlage, einige Rieseurüben, vierzeiligen Moorweizen, der schier keine Granen hat, Damew kapellen, verschiedene Gesteinsproben und Mineralien, Kraft futtermehle und Dungstoffe, eine kleine Fischausstellung, in der auch ein oder zwei Krebse zu sehen sind, eine Pserde-Ringbahn, welche noch langsamer geht, als die faulste Sekundär- bahn: aber das Alles ist doch nur Nebensache, Aufputz Brimbrorium, wie die komischen Mützen, welche die Ausstellungs- kellner tragen; die Hauptsache sind Vieh und Maschinen. Und in dieser Beziehung ist viel zu sehen. Vieles und Schönes. Die lustigste der Ausstellungsbuden ist unstreitig diejenige, in welcher hinter Drahtgittern das bewegliche Hühnervolk sich seines Lebens freut. Da ist ein ewiges Gekrähe und Gegacker, als sollte der jüngste Tag anbrechem Und was für Töne dieses Gesindel in der Kehle hat! Da giebt's Hähne, die sehen aus, als hätten sie sich eine Unterhose bis zu dem Hals hinaufgezogen und ihr Kollern klingt wie das dumpfe Rasseln einer zehn- pfundigen, kopfgroßen Kuhschelle; die Zwerghähnchen auf der anderen Seite piepsen wie die Jüngjerchen. Und dann ist noch ein malaiisches Huhn da. das ist ein Unikum. Die Flügel hat es zwischen die Beine genommen, den Kops eingezogen und nun hockt es da wie ein Fahnenträger, dem das Laufen zu dumm geworden; sein Gesicht ist um nichts intelligenter als dasjenige einer Taube der nächsten Abtheilung, die ausschaut wie ein in der Entwicklmig zurückgebliebener Bart- Seier, der all seine Lebenstage nichts anderes als ostelbischen usel getrunken. In den Thierbuden muß jedem Berliner das Wasser im Munde zusammenlaufen; Fett und nichts als Fett und Fleisch in allen Stadien der Entwickelung und Blüthe. Man fragt sich unwillkürlich: Was, so etwas giebt's in Deutschland , und wenn man in Berlin ein Rindfleich ißt, thät's Nolh, man bestellte zu- gleich mit dem Gericht eine Portion frischer Zähne? Die Herren vom Ausstellunaskomitee wußten wahrscheinlich, weshalb sie den Eintrittspreis so hoch hinauf setzten; ein Proletarier müßte beim Anblick dieser lebendigen Fleischberge vor Zorn ja aufkochen wie ein Suppentopf. Fett sind diese Schweine, Schafe, Rinder alle, fett, daß sie sich kaum rühren können. Und wie vielerlei Arten und wie grundverschieden von allgemeinem Typus, welchen ein Nichtaararier in der Erinnerung hat, sind oft diese Thiere! Hier die feinwolligen Merinoschafe, dick wie eine Walze, kaum erblickt man das Auge unter den Zotteln der herabhängen- den Wolle, die auf dem Rücken über bandhoch empor sich rinaelt Wahrzeichen dafür zu gelten, daß die unter meiner Leitung stehende Gesellschaft bestrebt ist, mit der Verbesserung ihrer Lage auch die Lage der von ihr beschästigten Arbeiter günstiger zu gestalten, daß sie es als eine Pflicht anerkennt, nicht nur für das Wohlergehen ihrer Angestellten selbst, sondern auch für das ihrer Familien nach Möglichkeit bedacht zu sein. Gerade dadurch, das hoffen wir, wird das Band, welches Arbeitgeber und Arbeitnehmer, welches Direktion und Angestellte in jedem Betriebe umfassen sollte, bei uns immer f e st e r und f e st e r sich gestalten! Je mehr von gewisser Seite darauf hingearbeitet wird, dieses n a t ü r- li ch e Band zu lockern, desto mehr muß es unsere Aufgabe sein, uns aneinander zu schließen.... Verehrte Festgenossen! Fünfundzwanzig Jahre ist eine lange Zeit, wenn sie vor uns liegt, und eine kurze, wenn sie hinter uns liegt! In der Erinnerung kommt die Vergangenheit nur zur rechten Geltung, wenn man sich vergegen- wärtigt, was innerhalb einer gewissen Spanne Zeit geschehen und geleistet worden ist. Gestatten Sie mir daher einen kurzen Rückblick aus jene LS Jahre, soweit sie das Brauerei-Unternehmen betreffen, von dessen Gedeihen unser aller Wohl und Wehe mehr oder weniger abhängt.— Ich war noch nicht 20 Jahre alt, als mein Vater im Jahre 1864 die Schultheiß- Brauerei von dem bald darauf verstorbenen I o b st Schultheiß käuflich übernahm und mir die Leitung derselben übertrug. Das Geschäft war damals allerdings noch klein, denn der Abfatz betrug im ersten Jahre nicht ganz IS 000 Hektoliter. Immerhin wäre mir die Erfüllung der mir gestellten Aufgabe bei meiner Jugend und den da- maligen mangelhasten Einrichtungen nicht möglich gewesen, wenn nicht eine bewährte Kraft in der Person des damaligen Brau- meisters Beck mir zur Seite gestanden hätte. Diesem Mann danke ich und dankt das Geschäft, dem seine Kraft gewidmet war, sehr viel, und ich bin stolz darauf, daß er mich»och heute, nach beinahe 40jähriger Thätigkeit in der Brauerei mit Rath und Tbat unterstützt. Das Geschäft entwickelte sich in erfreulicher Weise und machte mich mein Vater nach wenigen Jahren zum Theilhaber desselben. Die Ausdehnung, die das Unternehmen bald erreichte, ließ es im Interesse der übrigen Familienmitglieder wünschenswerth erscheinen, dasselbe im Jahre 1871 in eine Aktien-Gesellschaft umzuwandeln, in welcher rch die Direktion übernahm. Ich glaubte, nicht lange in dieser Stellung zu bleiben, weil ich meinte, ich würde in den engen Formen, die eine solche amtliche Stellung gegenüber der eines Eigenthümers mit sich bringt, keine Befriedigung für meine Thätigkeit finden können. Sehr bald aber sah ich ein, daß es im Leben ganz gleich i st, unter welcher Form, in welcher Eigen- s ch a s t man etwas leistet, sofern man nur den Platz ausfüllt. der einem angewiesen ist. Das ist es, was man heut zu Tage nicht oft genug hervorheben kann: Nicht Alle können das gleiche sein! nicht Jeder kann der Erste sein! Es kann nicht Jeder Arbeitgeber, nicht Jeder Besitzer sein! Das eine ist aber möglich und auch nöthig, daß wir uns alle gegenseitig achten und lieben, lieben in echt ch r i st l i ch e m Sinne, indem wir einander nur Gutes zutrauen und uns gegenseitig zu nützen suchen.— Dieses Gefühl der Achtung und Liebe möchte ich vor allem denen gegenüber zum Ausdruck bringen, die seit langen Jahren mit mir gearbeitet und dazu bei- getragen haben, daß aus der anfangs kleinen Schultheiß- scheu Brauerei das jetzige bedeutende Unternehmen entstanden, daß dessen Absatz von 15 000 Hektoliter im Jahre 1364/65 aus 225 000 Hektoliter im laufenden(1391) Jahre, also um das 1ö- fache gestiegen ist. Es sind dies nicht nur meine Kollegen, die Herren Scheibe! und Merten, sowie Herr Braumeister Hauser. sondern die große Zahl von Beamten, Gehilfen und Arbeitern. die seil langer Zeit bei und mit uns thätig sind. Ich gebe nnch der Hoffnung hin, daß auch die neuere Ausdehnung, die die Schullheiß-Brauerei durch die Vereinigung mit der Tivoli- Brauerei erfahren hat, zum Nutzen des Ganzen ge- reichen und daß ein gutes Einvernehmen zwischen den Vor- gesetzten und Angestellten der einen Brauerei mit denen der anderen sich herausbilden werde.--- Soweit Herr Rösicke! Wie diese Worte zu seinen Thaten, und so dicht und zart ist, wie das feinste Wassermoos. Dort die Sropshire Schafe, zierlich, glatt geschoren, mit schwarzen Köpfen und Beinen, die kleinen Heidschnuckeu, die hochbeinigen ostfriesischen Milchschafe, deren Haar, schwarz- braun oder weiß urinlang herabwallt wie bei den Angoraziegen. Kommt man von diesen Echasriesen dann zu dem einsamen Somali- Fetlsteiß-Knirps, der einem aus seiner Negervisage anblinzelt wie ein geprügelter Hund, so muß man unwillkürlich lachen. Das ehrwürdigste lebendige Gestell in der ganzen Ausstellung aber ist der Ziegenbock Peter; hätte der unier der Negierung des seligen ikaisers Hadrian sein mannbares Alter erreicht, er hätte ans grund seines Monstrunis von einem Barte eine An- stellung als Staatsphilosopb sicher erlangt. Die Zahl der ausgestellten Pferde, Rinder und Schweine ist Legion. Es zeigt sich auch bei ihnen, wie Faullenzen und gutes Esse» die Körper veriveichlicht und desormirt. So ein feistes Jorkshire Schwein schläft länger als ein Rentier, während die knochigen oberpfälzer Landschweine ihre langen Köpfe eifrig hin und her werfen und jeden Augenblick bereit sind, ihre Hauer zu probiren. Unter den Rindern scheint viel„Ausstellungswaare" zu sein. Wenigstens sagte ein Aussteller z» einem Bäuerlein, das nach langem Zögern, Ueberlegen und Rechnen seine Geneigtheit zu erkennen gab, eine Prachtkuh in seinen Besitz zu bringen: „Geht nicht, mein Lieber. Die verknusen wir nicht. Die haben wir extra für die Ausstellung präparirt. Betritt man den großen, viereckigen Platz, auf welchem die taufende von Maschinen und Gerälhe Ausstellung gefunden, dann erkennt man so recht, in welchem Maße die Landwirth- schaft heule Wissenschaft geworden. Wie weit ist hier die Eni- Wickelung fortgeschritten, wieviel Menschenkraft ist durch Maschinen unnöthig gemacht, durch Maschinen, die oft so zierlich sich ans- nehmen, wie ein Spielzeug. Eine Berliner Firma hat ein vicrpferdigcs Petroleum- lokomobil ausgestellt, das kaum größer ist als die Gewandtruhe eines Dienstboten; und doch genügt sie vollständig für jede Kleinbahn. Wie plump und unbeholfen waren noch vor wenigen Jahren die in Deutschland gebauten Lokomobilen für Dampfdreschmaschinen! Heute hat schier jede das Aussehen eines Schmuckstückes. Und immer praktischer, immer handlicher werden selbst die einfachsten Gerälhe. Aus der Ausstellung sieht man eine neue Buttermaschine, die nach dem System der Wellenbadschaukel konstruirt ist; der leiseste Anstoß bringt das Ganze in wiegende Bewegung. Wie uralt und un- praktisch nimmt sich dagegen das schmächtige Faß aus, mit welchem sich die bayerische Gebirgsbäueri» stundenlang herum- ärgert, daß ihr der Schweiß in ganzen Strömen vom Ge- sichte fließt! Und doch, wenn man sich die Sache überlegt, für wen haben all diese Erfinder und Konstrukteure sich abgemüht? Wem fällt der Nutzen, der Profit zu, der mit diesen hundert und tausend Maschinen erzielt wird? Dem Kapitalisten, dem Groß- den vollzogenen und den neuerdings angedrohten Entlassungen völlig schuldloser Arbeiter, stimmen— darüber keine Worte, das wissen die Arbeiter, die so lange thätig sein werden, bis sie den Sieg über Rösicke und Konsorlen errungen haben. Sie haben den„großen" Bismarck besiegt, sie werden auch mit diesen„kleinen Bismarcks" fertig werden. Allgemeine Heiterkeit dürfte unter der Arbeiterschaft ei« Geseires erwecken, das in einem der berufensten Jobberblätter, dem„Berliner Börsen-Courier" zur Zeit angestimmt wird. Das Blatt, das schmunzelnd zugeschaut hat, wie die Arbeiter vor, unter und nach dem Sozialistengesetz von Behörden und Unter- nehmern gehudelt worden sind, schreit jetzt gelegentlich des Bier« boykotts und der angeblich terroristischen Kontrollmaßregeln, die damit verbunden sein sollen, in die Welt hinaus: � „Weite B-völkerungsschichten stehen thatsächlich bei uns unter dem Bann des Sozialismus, nicht etwa seiner Lehren und seiner Anschauungen, sondern seiner Schreckensherrschaft, seines Zwanges, der weit schlimmer ist, als es jemals irgendwo der von den Sozialdemokraten so böse gemalte Zwang des Kapitalismus ge- wesen. Kleine Gewerbetreibende und Handwerker müssen zu den sozialdemokratischen Kassen beisteuern, müssen sozial- demokratisch stimmen und womöglich sich auch äußerlich sozial- demokratisch geberden, wenn sie nicht wirthschaftlich ruiNirt sein wolle». Mit dieser Rücksichtslosigkeit, welche die Sozialdemo- kraten von den Agrariern erlernt haben könnten, haben die Sozialdemokraten gewisse Vortheile und Erfolge erzielt, und deswegen haben sie sich jetzt daran gemacht, das gleiche Spiel in einem weiteren Kreise und gegenüber kräftigeren Elementen zu versuchen. Es ist geradezu unglaublich, was bisher schon die Brauereien und die Gastwirthe von den Sozial- demokraten sich haben gefallen lassen, und es geschieht ihnen ganz recht, wenn auf grund ihrer Nachgiebigkeit und Schwachherzigkeit die Forderungen an sie immer mehr gestiegen sind. Jetzt sind sie allerdings bis in's Maßlose gestiegen, und das wird ver sozialdemokratischen Gewaltherrschaft hoffentlich ein Ende bereiten." Wir glauben im lächelnden Einverständniß mit unseren Lesern handeln zu können, wenn wir den Schmerzensschre» des Organs der Brauerei-Akiionäre, deren Papierchens immer tiefer im Kurs sinken, dankend als Zeugniß dafür quittiren, daß die Abwehrmaßregeln, zu denen die Arbeiterschast schreiten mußte, vollauf die wünfchenswerthe Wirkung ausüben. Die Schläge sitzen, denn der Jobber schreit! Sie lassen mit sich handeln. Wie das„Kleine Journal' mittheilt, hat die Höhe der Konventionalstrafe, welche in der Saalbesitzer-Versammlung festgesetzt ist, eine Abänderung erfahren. Es soll jetzt eine Konventionalstrafe von S00 M.(nicht 3000 M.) und sür die Brauereien eine solche von 3000 M.(nicht 10000 M.) beschlossen worden sein. Vielleicht ist man großmüthig und läßt noch einige Nullen ab. Woher sollen die„Saatbesitzer" in ihrem stillen Kämmerlein denn auch die Tausende nehmen und nicht stehlen? Die sozialdemokratische Fraktion der Stadtverordneten« Versammlung hat folgenden Antrag eingebracht: Die Versammlung ersucht den Magistrat, die amt- lichen Bekanntmachungen auch durch die hier erscheinende Zeitung„Vorwärts" Berliner Volksblatt zur öffentlichen Kenntuiß zu bringen. Arbeiter-Vildungsschule. Die Klasse für Nationalökonomie der Nordschule veranstaltet am Sonntag, den 10. d. Mts., einen Ausflug in die Landwirth schaftliche Ausstellung, die gegenwärtig im Treptower Park stattfindet. Der Eintritts- preis ist für die Theilnehmer dieses Ausflugs um die Hälfte herabgesetzt und beträgt S0 Pfennige. Da sich Gäste anschließen können, und bekanntlich nur dieser eine Sonntag in die Äusstellungswoche fällt, so ist Jedem, der sich für die gegenwärtige Entwickelung der landwirth- schaftlichen Technik, das Maschinenwesen u. s. w. interessirt, zu empfehle», sich an der Exkursion zu bctheiligen. Die Theil- nehmer versammeln sich Sonntag früh 9 Uhr am Bahnhof „Alexanderplatz ", Haupteingang von der Königstraße. Wem es grundbesitzer, dem Großbauer und höchstens noch dem Mittel- bauer. Eine von Fowler neu konstrnirte Lokomobile sür den Dampfpflug kostet 25 000 M. All diese vier-, sechs- und acht« scharigen Dainpspflüge, diese Mähmaschinen, Sämaschinen. Rieseneggen, Kartoffel-Legemaschinen, Centrifngen kosten Geld und setzen einen großen Betrieb voraus, sollen sie sich rentire». Ich sah manchen Bauer, der mit glänzenden Augen an ein Ge- räth herantrat, dessen Brauchbarkeit er aus den ersten Blick er- kannt, aber nachdem er den Preis erfahren, zuckte er zusammen und drückte sich seitwärts. Sehr interessant ist die Darstellung der in einigen Gegenden Norddeutschlands immer mehr in Aufschwung kommende Moor- kultur; ungeheuere Torfmoore werdender Landwirthschaft zu- gänglich gemacht. Der auf Mooruntergrund gezogene Weizen und Roggen ist schier gerade so entwickelt wie der in den fettesten Boden gesäte. Diese Abtheilung mögen sich besonders diejenigen Herren ansehen, die eine Narrenlache anschlugen, als vor Jahr und Tag ein Sozialdemokrat von der Kultivirung der Lüneburger Haide sprach. Auch das preußische Ministerium für Landwirthschaft be- findet sich unter den Ausstellern. Unter andern hat es auch einige Photographien von Gehöften der neuen Rentenbauern zur Ansicht ausgestellt. Aufrichtig ge- standen, einen besonders guten Eindruck machen diese Wohn- und Wirthschaftsstälten nicht, ob sie nun nach niedersächsischer Art, Hans und Scheuer in einem Truinm oder in der geschlossenen viereckigen Hofform erbaut sind. Die Wände sind meist Riegelbau, und stellenweise ist sehr viel Holz verwendet. Freilich kosten sie nur 600 bis 700 M., aber wir glaube», das ist noch manchem Ne»ten„bauer" viel zu viel. Die Ausstellung ist im allgemeinen noch immer schwach be- sucht, obwohl sie nur noch bis zum Montag dauert. Der eine Grund mag lie schlechte Witterung sein, der andere ist ganz entschieden der hohe Eintrittspreis. Am ersten Tag betrug dieser 3 Mark, an den nächsten zwei Tagen 2 Mark, für jeden der übrigen Tage soll eine Mark bezahlt werden. Das ist doch sehr geschmalzen! Nun ja, die deutsche Landwirthschafts- Gesellschaft, welche die Ausstellung veranstaltet, hat im letzten Jahre nur 270 000 M. Ueberschutz erzielt. Man steht im schönen Treptower Park jetzt viele Grafen und Herren und Großgrund- besitzer herumstolziren, aber auch viele Bauern zaghaft von einem Schaustück zum andern sich wenden. In dieser Beziehung unter- scheidet sich die Ausstellung sehr vortheilhakl von der Feenpalast- Versamnilung der Bündler. Am meisten Aussehen erregte am Freitag ein schwäbischer Bauer. Mit einem unbändigen Dreispitz, rother Weste, langen Gamaschen und einem Schwanker, dessen Schäjte bis an die Knöchel reichten, kam er dahergestiegen. In der Rechten hielt er einen großen Moses - stecken, und seine vorgeschobene Unterlippe schien zu schmunzeln: Wasch? Ich gefall' Euch?! Sanften und setzten?! Und es sah ihm jeder nach vom kleinste« bis zum größten.—
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