Nr. 261.
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64. Jahrg.
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Zentralorgan der fozialdemokratifcben Partei Deutfcblands.
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Sonntag, de« 23. September 1917,
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fUndern und Iaeobttadt.
Ein neuer englischerAngriffabgeschlagen.— 39 Flugzeuge, zwei Fesselballons ab- geschossen.— Der russische Brückenkopf von Jacobstadt genommen.— 4000 Gesaugene, 50 Geschütze erbeutet. Amtlich. Großes Hauptquartier, 22. September 1917.<W. T.».) Westlicher Kriegsschauplatz. Heeresgruppe Kronprinz Nupprecht. Nach heftigen Feuerstößen, denen nur bei St. Julien er- gebnislose Teilangriffe des Feindes folgten, flaute gestern vor- mittag der Feuerkainpf au der flandrische» Front ab. Bon Mittag an steigerte er sich an der Küste und vor der Iser bis zur Deule wieder zu großer Heftigkeit. 6 Uhr abends fetzte von Langemarck bis Hollebeke schlagartig stärkstes Trommelfeuer von cinstündiger Dauer ein. Im Anschluß daran ging englische Infanterie an vielen Stellen der Front wieder zum Angriff über. Wo zwischen den Bahnen Boesinghe— Staden und Apcrn— Roulers der feindliche Ansturm in der ver» heerendcu Abwehrwirkung unserer Artillerie zur Durchführung kam, wurde er im Nahkampf zurückgeschlagen. Weiter südlich bis zum Kanal bei Hollebeke brach die Wucht unseres Bcrnichtungs- feuerö den feindlichen Angriffswillen; nur vereinzelt kamen eng« tische Sturmtruppen aus ihren Trichtcrstcllungcn heraus; sie «irden abgewiesen, Heute früh entspanne» sich nach neuer Feuerftcigerung örtliche Jufanterictämpse, dir durchweg für uus günstig verlirseu. Lei den anderen Armeen der Westfront herrschte fast überall geringe Gefechtstätigkeit. An den Kämpfen i» Flandern hatten die Flieger hervor- rageüden Anteil. In den beide« letzte» Tagen wurde« Z9 feindliche Flugzeuge und zwei Fesselballons abgeschoffeu. Drei unserer Flieger find abgestürzt. Oberleutnant Schleich errang seine» 21. und 22. Luftsieg. Leutnant v. Bülow schoß seinen 21. Gegner, Leutnant Wüsthof und Leutnant Adam schössen je zwei feindliche Flieger ab. Oestlicher Kriegsschauplatz. Front Prinz Leopold. Auf dem Wcstufer der Düna gelang es den unter Befehl des Generalleutnants Graf v. Schmettow lEgon) fechtenden Di-
Visionen durch wohlvorVereitrten und kraftvoll durchgeführten An- griff die russischen Stellungen nordwestlich von Jacobstadt zu durchbrechen. Ausgezeichnete Artillerie- und Minenwerfer-Wirkunz bahnte den Weg sür die Infanterie, die von de» Fliegern unter Führung des Rittmeisters Prinzen Friedrich Sigismund von Preußen trotz ungünstigster Witterung sehr gut unterstützt wurde. In ungestümem Stoß wurde der Feind gegen den Fluß zurückgeworfen; er gab unter dem Druck unserer Truppen den 40 Kilometer breiten und etwa 10 Kilometer tiefen Brückenkopf auf dem Wcstufer der Düna auf und flüchtete eilends auf das östliche Ufer. Jacobstadt ist in unserer Hand! Bisher sind mehr als 4000 Russen gefangen, über 50 Ge- schütze als Beute gemeldet. Mazedonische �front. Im Bcrggelände zwischen Ochrida-Sec und Skumbi-Tal griffen starke französische Kräfte an. Deutsche und österreichisch- ungarische Truppen warfen in hartem Kampf den Feind zurück. Der Erste Generalquartiermeister. Ludcndorff.
Zlbendbericht. Berlin , 22. September 1917, abends. Amtlich. Der Feuerkampf in Flandern dauert an. I« der Verfolgung der weichenden Russen wurde von Liwenhof flustabwärts überall die Düna erreicht.
Ter österreichische Bericht. Wien , den 22. September 1917.(W. T. B.) Amtlich wird verlautbart: Südöstlicher Kriegsschauplatz. Westlich vom Ochrida-See haben österreichisch-ungarische und deutsche Truppen einen starken französischen Angriff in schwerem Kampfe abgewiesen. Oestlicher Kriegsschauplatz. Bei de» österreichisch-ungarischen Truppe» keine besonderen Ereignisse. Italienischer Kriegsschauplatz. Unverändert. Der Chef des Generalstabes.
?m Mugust 808000 Tonnen versenkt. Amtlich. Berlin , 22. September. Im Monat August find an Haudelsschiffsranm insgesamt 808 000 Br.-R.-To. durch kriegerische Maßnahmen der Mittelmächte versenkt worden. Seit Beginn des uneingeschränkten U-Boot-Krieges sind damit 8 303 000 Br.-R.-To. des für unsere Feinde nutzbaren Handels- schiffsranms vernichtet worden. Der Chef des AdmiralstabeS der Marine. Flandern und Iakobftadt. Berlin , 22. September. Der Verlauf dar Kämpfe am 21. Sep- tember, dem zweiten Angriffstag in Flandern verstärkt den Eindruck eines schweren englischen Mißerfolges. Tiotzdem das klare Wetter die Engländer begünstigte, lam es zu keinem einheitlichen starken Angriff mehr. Am Vormittage setzten die Engländer lediglich zwei Teilangriffe zwischen Langemarck und Frezen- berg an. Tanks, die auf St. Julien vorfuhren, wurden niedergekämpft. Von Mittag ab verstärkte sich das Feuer erheblich. Um 6 Uhr abends setzte auf der ganzen Kampffront schlagartig Trommelfeuer ein. Nachdem es eine Stunde getobt hatte, griffen die Engländer zwischen Langemarck und Frezen- berg an. In Gegend Langemarck brach der Angriff bereits 60 Meter vor den deutschen Stellungen blutig zu- sammen. Oestlich St. Julien wurden sie im Gegenangriff wieder geworfen. Nur am Strombek verblieb ihnen ein Grabonnest, doch auch dieses gelangte während der Nacht wieder in deutschen Besitz, Vom Zonebeek bis westlich Geluvelt lam der englische Angriff im deutschen Ver- nicht» n gSfeuer nicht zur Durchi'ührung. Nur einzelne Leute kamen bis an die deutschen Gräben, Auch weiter südlich bis in Gegend Hollebeke wurde der Angriff durch Feuer nieder- gehalten. Mit Einbruch der Nacht waren die Engländer überall wieder zurückgeworfen. Um 10 Uhr abends trat auf der ganzen Armeefront verhältnismäßige Ruhe' ein. Erst später nahmen die Engländer das Feuer wieder auf,., das sie durch zahlreiche Bombenabwürfe unterstützten. Zwischen 4 und 6 Uhr be- ganneu sie wieder zu trommaln. Es folgten jedoch nur örtliche
Angriffe, die überall scheiterten. Bei dem klaren Wetter konnte man hinter der englischen Front zahlreiche Verwundeten-AuloS und Trägertrupps mit der Roten-Kreuz-Flagge bemerken, die damit beschäftigt waren, die gewaltige Zahl englischer Verwundeten zu bergen und zurückzutransportieren. Die bisherigen Erfolge der dritten Flandernschlacht bleiben noch weit hinter denen der zweiten und ersten zurück. Da es den Engländern nicht gelang, auch die kleinste Ortschaft zu nehmen, hilft sich der britische Heeresbericht damit, die lokalen Be- nennungen einzelner genommener Gräben oder Stütz- punkte, wie sie auf den Generalstabskarten üblich find, aufzuzählen. Im Osten ist die Eroberung von Jakodfladt ein erneuter Be- weis, in welchem Maße die deutsche Führung sich die völlige Freiheit des Handelns trotz aller Ententeangriffe im Westen bewahrt. Der Brückenkopf, den die Rüsten hier noch auf dem westlichen Dünaufer hielten, wurde von den Deutschen in raschem erfolgreichen Angriff genommen. Nachdem die russischen Linien nordwestlich Jakobstadt durchbrochen waren, wurde am Nachmittag der Sussei-Abschnitt überschritten und im weiteren Verlaus der Kämpfe Jakob st adt besetzt. Der ganze Brückenkopf ist in deutscher Hand, die Beute noch nicht zn über- sehen.
I/o n Friedrich stadt bis Liwenhof
Wenn der Reichstag morgen wieder zusammentritt, so soll sich jedes seiner Mitglieder ohne Unterschied der Parter sagen, daß es zu allernächst eine Pflicht zu erfüllen chbt. Die Renten der Kriegsbeschädigten müssen neu- geregelt und allgemein erhöhst werden. Heute gibt es Männer in Deutschland , die draußen bis zur vollstäridigeu Er- Iverbslosigkeit zu Krüppeln geschlagen worden sind, die be- ziehen jetzt eine Rente von 67,50 Mk. monatlich und sollen davon ihre Familie ernähren. Das ist ein Zustand, der zum Himmel schreit, kein Tag darf versäumt werden, nm ihn zu ändern. Dies vorausgeschickt, darf wohl eine Forderung erhoben werden, die im Interesse der Presse selbst liegt. Im Haupt- ausschuß sind vor einigen Wochen sehr entschiedene Töne cm- geschlagen worden gegen die Zensur. Geholfen hat es nichts I Der bestehende Zustand muß aber abgeändert werden, weil er ganz unsinnig ist. Hätte der Reichstag schon'das Recht der Expertenvernehmung, so würden wir ihm vorschlagen, nicht nur die Vertreter der Presse, sondern auch die Zen» s o r e n s e l b st als Sachverständige vorzuladen, das Ergebnis 'dieser Vernehmung würde das sichere Ende der Zensur bedeuten. Es würde sich mit vollkommener Klarheit herausstellen, daß die Zensur nur ein Mittel ist, Mißtrauen und Verärge- rung zu schaffen, daß sie aber im übrigen ein Messer ohne Klinge ist. Die Zensur hat auf allen Gebieten Schifsbruch gelitten: der schon peinlich anmuteude Mißerfolg ihres Bestre- bens, den sagenhast gewordenen„Birrgfrieden" austechtzu- erhalten, ist nur ein Beispiel dafür. Die Aufhebung der Zen- sur in Deutschland würde aber in kürzester Zeit die gleiche Maßregel in Frankreich und England zur Folge haben, und dies könnte für die Sache des Friedens von großer,.vielleicht von entscheidender Wirkung sein. Ein dritter Gegenstand, dem sich der Reichstag mit größter Beschleunigung zuwenden soll, sind die Arbeiter- fragen. Ob das Hifsdienstgesetz zum Zwecke einer von den Scharsirtacheni gewünschten Reform neuerlich vor den Reichstag gebracht werden wird, steht dahin. Die Aussichten des Erfolges dürsten vielleicht doch zu gering sein. Aber es genügt nicht, reaktionären Bestrebungen einen Riegel vorzu- schieben, es müssen auch die Fesseln zerbrochen werden, die das Arbeitsverhältnis einengen. Nach ihren ungecheuren Leistun- gen in diesem Kriege hat die Arbeiterschast das Recht zu der- langen, daß der§ 153 der Gewerbeordnung fällt, und daß die Bestimmungen fallen, die der freien Koo- lition der Landarbeiter im Wege stehen. Nicht minder notwendig ist, daß den Gefahren vorgebeugt wird, die der werktätigen Bevölkerung aus dem plötzlichen Stillstand der Kriegsindustrie infolge eines Friedensschlusses drohen, daß der Zustrom freigewordener Arbeitskräfte aus dem Felde in ein geregeltes Bett geleitet, die Wirtschaft über die bevorstehende schwere Erschütterung sorgsam hinweg- geleitet wird. Dazu ist neben wirtschastsorganisatorischen Maßnahmen großen Stils die Arbeits losenversiche-» rung unentbehrlich. Die sozialpolitischen Ausgaben, vor die der Reichstag ge- stellt ist, sind mit diesen kurzen Hinweisen selbstverständlich nicht erschöpft. Aber nur von dem Allerwichttgsten soll hier die Rede sein, das getan werden kann und getan werden muß. Dafür, daß die Berfassungsfrag« des Reichs auf der Tagesordnung bleibt, werden neben der inneren Not- wendigkeit auch genug äußere Anlässe sorgen. Schon durch die Vorlage des zweiten Nachtragsetats, der für die neuen Staatssekretäre und Unterstaatssekretäre Gehälter fordert, wird die Frage der sogenannten„Parlamentarisierung" auf- gerollt werden. Von anderer Seite wird durch die augckllij- digte Vorlage über die Aufteilung der größten Reichstags- Wahlkreise eine Mette wichtige Frage des Verfassungslebens berührt. Der Schwerpunkt der Arbeit wird aber zunächst in den Verfassungsausschuß zu legen sein, der nächster Tage seine Tätigkeit wieder aufnimmt. Es ist nichts weiter notwendig als auszusprechen, was ist. Die deutsche Volksvertretung steht, wenn sie will, hinter keinem Parlament der Welt cm Macht zurück. Daß ein Reichs- kanzler gegen ihren Willen auch nur einen Tag im Amte bleiben könnte, ist doch nichts weiter mehr als eine verfasiungs- rechtliche Fiktion. Das muß offen ausgesprochen werden, daß heute in keinem Lande der Welt mehr gegen die Volksver- tretung regiert werden kann, und daß Deutschland nur mit unrecht in dem Rufe steht, ein solches orientalisches Märchen- land zu sein, in dem dies noch möglich ist. Hätte sich der neue Reichskanzler bei seinem Amtsantritt zur Erklärung der Selbstverständlichkeit verstanden, daß er keinen Tag mehr�im Amte bleiben werde, wenn ihm der Reichstag sein Vertrauen entziehen sollte, so wären wir schon heute über den Graben. Da er das nicht ge- tan hat, stehen wir noch vor ihm. Und dadurch hat auch die