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yrwartigenden Repressalien gegen einander abgewogen, bevor sie das Geschäft gemacht haben. Nach der Prügelstrafe lechzt dieKreuz- Zeitung '. Angesichts einiger Lustmorde und ähnlicher Attentate auf Frauen, die in letzter Zeit zu verzeichnen waren, schreibt das konservative Blatt: Die Einführung der Prügelstrafe ist ein Gebot der Aothwendigkeit, und es ist unseres Er- achtens keine Zeit mehr zu verlieren, dieses wirk­same und bei Rohheiten und Mordthaten sehr angebrachte Zuchtmittel wieder zu einem tntegrirendcn Bestandtyeile der Straf« zu machen. Unsere Gefängnisse und Zuchthäuser weisen ununterbrochen eine erschreckende Fülle auf, eine große Anzahl von rohen Gesellen fristet hinter Kerkermauern ein sorgen- loses Dasein und verursacht dem Staate jährlich Tausende und Abertausende von Mark an Unkosten. Zuchthaus- und Ge- säugnißstrafe hat, wie die Erfahrung lehrt, für jene Elemente nichts Abschreckendes, und deshalb ist es an der Zeit, diese Strafen durch ein weiteres Zuchtmittel in Gestalt regelmäßiger körperlicher Züchtigung zu unterstützen. Daß die Abschreckunastheorie, die von der Wissenschaft wie von der Erfahrung längst überwunden wurde, in dem Organ für allgemeine Rückständigkeit noch ihr Dasein fristet, ist nicht weiter wunderbar. Aber sollten die Prügel- Verehrer nicht endlich zu der Einsicht kommen, daß Prügel nicht nur auf den Geprügelten verrohend einwirken, sondern auch aus den, der prügelt und prügeln läßt? Ffrüchtc der Kolonialpolitik. Welche Verwüstungen der Kolonial-Bazillus in menschlichen Schädeln anrichten kann, wird recht anschaulich vorgeführt durch die Thatsache, daß in deutschen Kolonialfexen-Zeitungen angesichts des belgisch -englischen Kongo -Vertrages allen Ernstes der Vorschlag gemacht und begründet wird. Deutsch - land solle sich mit Frankreich (dessen Regierung ebenfalls mit jenem Vertrag unzufrieden ist) zu erner Kolonial- sperre gegen England verbinden. Die deutsche Regierung könne hjer Gewaltiges leisten. Aber seufzen die besagten Kolonialfieber-Kranken, die auch sämmtlich an Bismarckitis leiden Caprivi hat nicht die Genialität seines großen Vorgängers. Damit man nicht glaube, wir machten nur einen schlechten Scherz, geben wir dasDeutsche Wochenblatt" als Quelle an. Der betreffende Artikel wird von fast allen sogenanntennationalen" Zeitungen nachgedruckt. Tüchtige Ngitatoren lesen wir im Leipziger Wähler" bereisen jetzt Stadt und Land, ohne irgendwie behelligt zu werden. Bei den einzelnen Bürgern werden sie vorstellig und überreichen Zettel voll aufrührerischen Inhalt?. Die Geschäfts- leute kommen vor die Thüren, um die Flugschrift mit derjenigen vom vorigen Jahre zu vergleichen: wahrhaftig, verd... sie ist noch viel aufreizender als dazumal. Da gwbt es längliche Ge- sichter in allen Formationen, nachdenkliche Mienen und trüb- selige Nasen. Selbst sie, die sonst jede Berührung mit bösen Genossen meiden wie die Pest, leihen einen Augenblick der düsteren Rede ihr Ohr. welche ihnen die Agitatoren predigen. Sie reden eindringlich von der Militärvorlage, deren Kosten nun, bis neue Steuern gefunden sind, aus die Einzelstaaten ab- gewälzt werden, und von der 1 M. l Pf., welche nach der Ver- sicherung militärfrommer Reichstags-Abgeordneten die Vorlage auf den Kopf der Bevölkerung kosten würde. Auch singen sie ein stürmisches, fast revolutionäres Lied von den tragfähigen Schultern! Ja, in diesen trockenen, nüchternen Zahlen liegt ein wirksamer Agitationsstoff angehäuft, und es ist, als wollen sie sich bewegen und zu Noten zu einer wilden, ausrührerischei, Melodie zusammensetzen. Wo ist Polizei und Staatsanwalt, um dem lecken Treiben dieser ruchlosen Gesellen einHalt!" zuzurufen? Ach Gott ! das geht ja nicht, die Agitatoren sind der Steuer-und Mahnzettel!! Ein Retter aus der Roth. Aus Rom wirb tele' graphirt: Rom , IS. Juni. Ein unbekannter junger Mann gab heute auf den Wagen des Ministerpräsidenten C r i s p i, als derselbe nach der Deputirtenkammer fuhr, Revolver- schüsse ab. Crispi blieb völlig unverletzt und ver- haftete selb st den Attentäter. Darauf setzte der Ministerpräsident die Fahrt zur Deputirtenkammer fort, wo ihm eine lebhafte Ovation dargebracht wurde. An dem Orte des Attentats hat sich eine zahlreiche Menschenmenge an- gesammelt. Wenn daS nicht hilft! Ein wie guter Arrangeur und Komödiant Herr CriSvi ist, ersieht man aus der folgenden Depesche: Rom , 16. Juni. Nachdem der Urheber des Attentats gegen Crispi fesiaenommeu war, wollte die angesammelte Menge demselben Gewalt anthun. Crispi, welcher vollkommen ruhig geblieben war, befahl dem Kutscher nach der Kammer zu fahren. Das Attentat fand um 2 Uhr 20 Min. statt, als Crispi von Hause kommend, in einem bedeckten Wagen um die Ecke der Via Gregoriana in die Via Capo le Cafe einbog. Der Abgeordnete Pugliese ergriff auf der Stelle den Revolver und übergab ihn Crispi. Die Volksmenge brach in begeisterte Hochrufe aus. Als Crispi in die Kammer eintrat, begab er sich zum Präsidenten, um diesem den Vorfall zu er- zählen. Die Deputirten umringten Crispi und beglück- wünschten ihn: dieser zog sich sodann aus dem Saale in die Wandelgänge der Kammer zurück. Der Präsident eröffnete die Sitzung, indem er im Namen der Kammer der Entrüstung über das Attentat, sowie dem Wunsche Aus druck gab, daß Crispi noch lange dem Aaterlande erhalten bleiben möge.(Stürmischer Beifall im ganzen Hause und auf den Tribünen.) Mordin» stellte an den Präsidenten das Er- suchen, Crispi die Gefühle des Hauses zum Ausdruck zu brin- gen. Währenddessen betrat Crispi wieder den Saal und wurde mit gewaltigen Ovationen empfangen. Er dankte be- wegt für die Kundgebung, die unauslöschlich in seinem Herze» bleiben werde(Lebhafter Beifall), und fügte hinzu, daß weder Drohungen noch Angriffe ihn jemals dahin bringen werden, von der Erfüllung seiner Pflicht abzuweichen.(An- haltender Beifall). Wie eine alte Thcatervettel, die am Ende ihrer Lauf- bahn angelangt, unfähig ist, noch etwas zu leisten, mit einem letzten Theaterkoup noch das öffentliche Mitleid herauszufordern sucht, so erscheint Crispi mit der hoffent- lich nicht mehr geladenen Reiterpistole, dieser im Zeitaller des Dynamits vorsintfluthlichen Attentatswaffe in der italienischen Kammer, um ein Rührdrama aufführen zu lassen. Die italienische Kammer, die sich zu einem solchen Spiele hergab, ist nicht besser wie ihr Repräsentant, der verkommene Crispi. Mit ihm muß das ganze System vom politischen Schauplatze verschwinden, bevor dem halb- geknechteten und ausgehungerten italienischen Volke endlich Zufriedenheit und Gerechtigkeit zu Theil wird. Ein neues schwedisches Partei- OrganFolk- bladct"(Volksblatt) geht uns aus Stockholm zu. Wir wünschen dem neuen Mitkämpfer bestes Gedeihen und großen Erfolg in der Gewinnung sozialistischer Gesinnungsgenossen unter der schwedischen Bevölkerung. Eine Rettung. Wir erhalten folgende Zuschrift: Sehr geehrter Herr Redakteur! Die Nummer lS4 Ihrer Zeitung beschäftigt sich mit meiner Person, und bringt einige unrichtige Bemerkungen, die ich au Grund des bekannten Paragraphen zu berichtigen ersuche. 1. Es ist unrichtig, daß ich dieZukunft" inaufdringlicher Weise in Westeuropa vertheidigte, und in Osteuropa lobte". Ich habe dieZukunft" und deren Herausgeber weder in Deutsch - land noch in Rußland jemals besprochen, sei's im lobenden, sei's im tadelnden Sinne. Ich habe lediglich einige von dieser Zeit- schrist veröffentlichte Artikel die mir für russische Lesers inter- essant erschienen sind in getreuer Uebersetzung und ohne jea- lichen politischen Kommentar derNowoje Wremja" mitgetheilt. Daffelbe pflege ich, pflichtgemäß, für jedes literarische Werk, das sich mit Rußland beschäfiigt, zu thun, vorausgesetzt natürlich, daß eS nicht in so verletzender Form geschrieben ist, daß deren Wiedergabe einer Beleidigung de? Vaterlandes gleichkäme. Dies fürOsteuropa ." InWesteuropa " habe ich dieZukunft" niemalsver- theidigt", sondern lediglich die Insinuation abgewiesen, als stünde ich in irgend welchen Beziehungen zu dieser Wochenschrift. Der Artikel derNowoje Wremja". den der Autor oder die Autoren dieser Jusinuationen ins Treffen führen und in dem ich angeblich die Tendenzen derZukunft" im voraus gewußt und erzählt hätte, war erstens nicht von mir geschrieben, zweitens ist er 10 Tage nach dem Erscheinen des gedruckten Programms derZukunft" veröffentlicht worden und drittens sagte er nur, daß man(auf grund seines Programms)vielleicht hoffen könnte, daß ein Schriftsteller, der für russische Dichter so tiefes Ver- ftändniß gezeigt hat, auch politische Zustände Rußlands gerecht und unparteilich beurtheilen würde." Ich weiß sehr wohl, daß die perfiden Insinuationen, mir welchen man mich seit einiger Zeit beehrt, nicht in der Redaktion deSVorwärts" entstanden sind, und auch eigentlich nicht mir gelten, und ich rechne so fest auf die Gerechtigkeit Ihrer Redaktion, sehr geehrter Herr, daß ich Sie bitte, mir zu gestatten, hier noch einmal diese Insinuationen auf das Entschieden st e abzuweisen, und erkläre hiermit, und zwar an Eides statt, daß ich(bei aller Hochachtung für dieZukunft" und deren Heraus- geber) nicht das gering st e mit der Re- daktion dieser Zeitschrift zu thun habe, seisdirekt, noch indirekt; daß ich niemals ein Wort für dieZukunft" geschrieben habe und erst mit allen anderen Abonnenten zugleich den Inhalt jedes neuen Heftes erfahre. Diese Erklärung wird vielleicht genügen, um mich von der wenig an- genehmen Rolle deS bekannten Mehlsackes zu befreien. 2. Es ist nicht richtig, daß dieNowoje Wremja" einrussisch- offiziöses" Blatt ist. Rußland hat. gottlob, noch gar keineoffiziösen", nur offizielle Blätter, undNowoje Wremja" ist eine durchaus unabhängige, aus privaten Mitteln gegründete Zeitung. die immer ihre persönliche Meinung sagt, was ihr übrigens bereits zweiVerivarnungen" eingebracht hat und somit die Gefahr, jeden Augenblick beseitigt werden zu können. 3. Die ethnographischen Verdienste derrussischen Revo- lutionäre", die Ihr Mitarbeiter anführt, waren mir allerdings völlig unbekannt, da ich mich mehr mit Literatur und Kunst als mit Wissenschaft und Politik beschäftige. Auch ist mir unklar, warum ich durch die einfache Thatsache, den Aufsatz eines berühmten deutschen Gelehrten nach Rußland übersetzt zu haben, die Pflicht übernehmen müßte, Deutschland über alle für mich unkontrollirbaren Ver- dienste russischer Revolutionärezu belehren". Ich freue mich jedenfalls, daß dieseVerbannten" für ihreIdeale" denn doch nicht garso schwer leiden" müssen, da sie sogar von derKaiser- lichen ethnographischen Gesellschaft" und demGeneral-Gouverneur von Sibirien " mit wissenschaftlichen Aufträgen betraut werden. Ich hoffe, daß die Loyalität und der Gerechtigkeitssinn der Partei, die sich aller Verfolgten annimmt(und man kann auch doch von einem Mitglied der Sozial-Demokrati« aus irgend welchen besonderen Gründen verfolgr sein) diese meine Er- widerung ohne Sinn entstellende Striche bringen wird, und bin gern bereit im Falle deren Umfang die gesetzlich fest- gestellte Grenzen übersteigen sollte die Jnserttonskosten zu tragen. Mit vorzüglicher Hochachtung ergebenst Else von Schabeliky. Zwar sind wir nach dem Preßgesctz keineswegs ver- pflichtet, vorstehendeBerichtigung" aufzunehmen. Indessen kommen wir um so lieber dem Wunsch der Einsenderin nach, als unsere Leser aus der Einsendung ersehen, wie sehr unsereberichtigte" Notiz in Nr. 135 ins Schwarze getroffen hat. Möge die kaiserlich- russische Regierung sich noch lange der freiwilligen Dienste dieser russischen Patriotin erfreuen! Das Gruben-Uuglück in Karmin. Ueber das fürchterliche Grubenunglück in Karwin ist uns bis zur Stunde noch kein direkter Bericht zugegangen. Dem Wolff'schen Bureau telegraphirt man aus Karwin : Nach den bisherigen Erhebungen waren in die von der Explosion betroffenen Schächte 7ö0 Bergleute eingefahren. Im Johann-, Franziska- und Tiefbauschachl wurden 168 getödtet: bis jetzt sind in allen drei Schächten 19 geborgen. Der Grubenbrand dauert fort, RettungSarbeiten sind vorläufig un- möglich. DerVossischen Zeitung" wird aus Karwin telegraphirt: Die Grubenexplosion erfolgte gleichzeitig in beiden Be- trieben, nachdem zwei Rettungszüge verunglückt waren. Es fuhren noch zwei weitere Rettungszttge ein, denen eS gelang, eine Anzahl Schwerverwundeter sowie Todter zu bergen. Die Rauch- wölken aus dem Franziskaschacht zeigten den Ausbruch eineS GrubenbrandeS an, welchem alsbald eine Reihe neuer Explosionen folgte. Hierauf erfolgte die Schließung sämmtlicher Schächte und Ventilationen, um den Brand zu ersticken. Bis dahin ist weder eine Bergung der Leichen noch«ine Hilfeleistung möglich. Die im Schacht Gebliebenen sind selbstverständlich alle todt. Die meisten der Verunglückten waren verheirathet undjj hinterlassen zahlreiche Kinder. Die Zahl der Verunglückten ist nicht genau festgestellt, da ein Theil der Geretteten sich sofort nach Hause begab, dürfte aber 200 übersteigen. Von der Rettungsmannschaft sind zwei Beamte, zwei Steiger, drei Häuer todt, elf Berg- leute schwer verletzt. Von diesen dürften nur wenige aufkommen. Bisher sind nur 18 Leichen geborgen. Die Ver- mundeten und Todten erlitten zumeist Arm- und Beinbrüche, da sie vom Schlagwetter an die Grubenwände geschleudert werden. Vielen fehlen auch einige Gliedmaßen. Die Familienangehörigen der Verunglückten verhalten sich zumeist merkivüdig ruhig, doch kommen auch furchtbare Szenen vor. Die Gattin des verun- glückten Schichtmeisters Kurz' wollte sich auS Verzweiflung in den Schacht stürzen. Durch das Unglück sind 4000 Berg- arbeiter in den Gruben des Grafen Larisch brodlos. Die Wiedereröffnung des Verschlusses steht in 14 Tagen bevor. Bis dahin erwartet man die Löschung des Brandes. Dann, verden die verkohlten Leichen ge- borgen, die Gruben venlilirt und wieder brauchbar gemacht, was drei Monate erfordert. Bis dahin ruht die Arbeit. Die Ursache der Explosion dürfte nie genau ermittelt werden, doch glaubt man allgemein, daß sie durch einen Sprengschuß erfolgte. und durch den Kohlenstaub sich durch alle anderen Gruben fortpflanzte." DemBerliner Tageblatt" wird aus Karwin telegraphirt: Die ersten Nachrichten über die entsetzliche Gruben- katastrophe erweisen sich leider nicht als übertrieben. Mindesten? zweihundert Menschenleben sind zu beklagen. Die genaue Anzahl der Opfer ist momentan allerdings unmöglich festzustellen, weil von den Ge- retteten viele ohne vorherige Anmeldung bei der Behörde sofort zu den Ihrigen eilten. Erst in einigen Tagen dürfte eine be- stimmte Abzählung erfolgen. Auch über die eigentliche Ursache der Katastrophe herrscht Ungewißheit. Nur gerüchtweise ver« lautet, daß die Unvorsichtigkeit eines Arbeiters das Unglück ver- schuldet habe. Zuverlässiges darüber wird vielleicht nie- malS konstatirt werden, da alle unmittelbaren Zeugen todt sind. So viel ist indeß bekannt, daß die Explosion in dem Franziska- und Johannesschacht am Tonnerstag Abend um 9'/« Uhr gleichzeitig erfolgte, um Vzll Uhr fand die zweite, Freitag um 4V2 Uhr morgens die dritte, gegen 7 Uhr die vierie und vor 10 Uhr die fünfte Explosion statt, eine immer fürchterlicher als die andere. Nach der ersten Explosion fuhren der Betriebsleiter Kohut, der Schichtmeister Kurz und der Steiger Lodnik sofort in den Johannesschacht. Kohut wurde sofort beiseite geschleudert, blieb in tiefer Betäubung liegen, ward später von einer neuen Rettungs- cxpedition aufgefunden und zu Tage gefördert, wo er sich wieder erholte. Kurz und Lodnik blieben todt auf dem Platze. Gleich- zeitig eilten der Assistent Razek, der Steiger Flamme und der Oberhäuer Opiol in den Franziskaschachl. wo alle drei durch die zweite Explosion umkamen. Trotzdem unternahmen Berg- rath Grey, Assistent Binder, Steiger Elias und Oberhäuer Habella mit einigen Arbeitern immer wieder Rettungsversuche, wobei sie ihr eigenes Leben in die Schanze schlugen. Sie fanden aber nur Todte, bargen unter steter Todesgefahr 18 Leichen, und mußten sich schließlich selber zurückziehen. Von ihnen wurden mehrere schwer verletzt. Aus dem Franziskafchacht sind bisher 13 Todte und 13 Ver- mundete geborgen, von oen eingefahrenen 360 Mann fehlen ISO. Nach der fünften Explosion wurde die Schließung sämmtlicher Schächte und Ventilationen angeordnet, um den Brand durch Luftabschluß zu ersticken, was noch eine längere Zeit erfordern wird: bis dahin ist weder an Bergung der Leichen noch an eine sonstige Rettungsaktion zu denken. Die im Schacht Gebliebenen sind selbstredend alle todt. Erschütternde Szenen spielen sich oben ab. Hunderte von Angehörigen und Freunden umstehen in düsterer Verzweiflung die Opfer der Katastrophe, welche einen graueuhaften Anblick bieten. Die meisten Verunglückten sind verheirathet und hinter- lassen zahlreiche Kinder. DaS Revier enthält fünf Schächte, davon ist blos der Heinrichsschacht intakt geblieben, während die übrigen vier monatelang außer Betrieb bleiben müssen, da vorerst der Gruben- brand gelöscht und nach vollständiger Abdämpfung längere Zeit ventilirt werden muß, um überhaupt den Zutritt zu den Gruben zu ermöglichen und die Todten bergen zu können. Erst dann kann wieder an der Herstellung der vollkommen verbrochenenund verbrannten Gruben gedacht werden. Bis dahin sind ungefähr 4000 Arbeiter brotlos." Ein Augenzeuge schreibt ferner demBerl. Tageblatt":- Am 14. Juni fuhren die Arbeiter wie gewöhnlich zur Nachtschicht in den Johann-, Franzens- und Tiesbauschacht ein, welche Bergbaue durch Gänge mit einander verbunden sind. Plötzlich vernahmen die im Tiefbau Arbeitenden eine furchtbare Detonation aus der Richtung des Franzensschachtes kommend, als sie auch sofort von dem Jngenieur-Assistenten Kazek mit dem Rufe:Kinder rettet Euch!" zur Auffahrt kommandirt wurden. Nur der Jngenieur-Assistent, der Schichtmeister Kurz, der Steiger Flamme und der Steiger Zednik verschmähten hochherzig den Rückzug und gingen mit Todesverachtung gegen die Unglücks- stätte zu und suchten mit aller Kraft zu rufen, um die Unglück- lichen, die sich vielleicht in die Nähe geflüchtet hatten, auf- merksam zu machen und mit sich an das Tageslicht zu befördern. Die Geretteten befanden sich schon eine Stunde oben, und noch immer waren die Wackeren nicht zurück, woraus sich eine weitere Abtheilung muthiger Männer entschloß, den allseits ver- ehrten Vorgesetzten mit seinen Getreuen aufzusuchen. Einige Männer dieser Rettungsaktion blieben wieder unten verschüttet. während es anderen gelang, den Ingenieur Assistenten Razek, in furchtbar verstümmeltem Zustande bereits todt und den Steiger E lamme halbtodt herauf zu befördern. Letzterer hatte noch die rast, nach Wasser zu rufen und einige Schritte vorwärts zu machen, brach dann aber zusammen und starb. Schichtmeister Kurz, Steiger Zednik»md noch mehrere Oberarbeiter konnten wegen einer unterdessen auch im Tiefbauschachte stattgefundenen Explosion nicht mehr herausbesördert werden und sind leider ge- wlß dem sicheren Verderben anHeim gefallen. Ein Arbeiter. welcher mit knapper Roth der größten Gefahr entrann, schildert immerwährend schluchzend die furchtbare Katastrophe im Franzens- schachte: Kurz vor der Explosion verspürte der Arbeiter, welcher im Bergbau ergraut ist, einen prickelnden Geruch, worauf er sofort seinen im selben Schachte arbeitenden Sohn und einige Käme- raden auf die schreckliche Gefahr aufmerksam machte, die Roth- glock« des Aufzugs anzog und mit ihnen die Fahrt ans Tages- licht unternahm. Kaum auf der Hälfte des Weges angelangt, vernahmen sie auch schon unter sich die furchtbare Explosion und das Wehegeschrei der Unglücklichen. Blitzschnell verbreitete sich da? Gerücht der entsetzlichen Katastrophe, und mit anerkennenswerthem Muthe und großer Energie gingen nun die Beamten an die Rettungsarbeit, bei welcher sich besonders Ingenieur Kohut hervorthat, welcher mit eigener Lebensgefahr das Terrain rekognoszirte und nur durch die Geistes- gegemvart des Steigers Elias vor einem Sturze in die Tiefe bewahrt wurde. Die Gesammtzahl der am Franzensschacht vermißten Arbeiter beträgt über 200. Gleichzeitig mit der Explosion im Franzensschachte erfolgten die schlagenden Wetter im Johannisschachte; während es aber den meisten der Arbeiter rechtzeitig gelang, herauszufahren, blieben über 60 zurück, die leider nicht mehr heraufgeschafft werden konnten. So stand die Situation um 11 Uhr Nachts. Seit diesem Zeitpunkte ist es unmöglich, auch nur daS Geringste für die Rettung der Unglücklichen zu thun und nur durch die Verrammelung der Kommunikation der Schachte wird die Vergrößerung des materiellen Verlustes verhindert, die armen verbrannten, erstickten, erschlagenen und verschütteten Arbeiter müssen ihrem traurigen Schicksale überlassen werden, da ihr Tod als sicher gilt. Bis zur Stunde wurden zwölf Todte und vier Lebende aus dem Tiefbau heraufbefördert. Die todten Bergleute wurden in dem Zechhause des noch nicht eröffnetenHeinrich-Schachtes" unter- gebracht, welches jetzt von Hunderten Menschen, meistens Frauen, belagert wird. Herzerschütternde Szenen spielen sich dort ab. Es befinden sich bis zur Stunde vier Kranke in einem Neben- zimmer des Zechsaales, wovon nur einer schwer verletzt ist, während die anderen drei mit Arm- und Beinbrüchen oavon kamen. Die Leiche des allseits sehr beliebten Steigers Flamme, der im blühendsten Alter stand und ein Mann von seltener Körperschönheit, wie Mannesmuth war, befindet sich in dem Hause seines trostlosen Vaters, Herrn Flamme sen., welcher selbst, über 80 Jahre alt, noch Schachtmeister im Johannschacht ist, sich aber glücklicherweise unter den Lebenden dieser Grube befindet. Die ganze Größe und eventuelle Tragweite des Un- glückes läßt sich momentan nicht konstatiren, da ganz Karwin von unbeschreiblichem Jammer erfüllt ist, das eine aber ist gewiß, daß über 100 Frauen mit ca. 400500 Kindern ihren Ernührer verloren haben. In stillem Schmerze durchziehen die Arbeiter die Straßen und auf dem Gesichte eines jeden ist herber Schmerz für die unglücklichen Kameraden ausgeprägt. Auf den anderen Schachten Karmins und der Umgebung ist keine Störung deS Betriebes erfolgt.(Siehe weiteres unter Depeschen.)