Nr.H— 1�18
Unterhaltungsblatt öes vorwärts ..........................................................................................
Mittwoch, H.?anu«
Motten im Pfeffer.
Bon Th. Thomas-Frankfurt a. R. Jakob Paulmann war einer von denen, die nicht aus falschen Rivpen gemacht werden. Aer ihn für dumm verkaufen wollte, der mützie schon sehr früh aufstehen. Nur einmal bat ihm seine Schlau- Heu einen dummen Stretch gespielt, aber auch da war.eigentlich meine Frau schuld�. Paulmann war nämlich Besitzer eines Havelocks, der, wenn man genau biniab, noch Spurxn eineS ehemaligen Pelmussatzes zeigte. Dieien paar Haaren zuliebe muhte die Paulmännrn jedes Frühjahr das wertvolle Stück tüchtig mit Pfeffer einstreuen, damit der.Pelz� nicht von den Motten gefresien würde. Die letzte» Jahre war das nun eine iade Sache. Pfeffer ist ein rarer Artikel. Aber Paulmann halte süc den Pelz und für seinen Hals vorgesorgt. Mit richtigem Blick erramschtc er noch schnell zwei Pfund Pfeffer, das Psund für 54 Wart.»Garantiert echte Ware�. Er war zwar schon gemahlen, das ist immer ein schlechtes Zeichen, well der Verdacht besteht, es tönnlen andere schwarz angestrichene Ersatzmittel in der Tüte sein. Echter Pfeffer steigt in die Nase, wenn man dran schnuppert. Diese Probe konnte Paulmann nicht machen, da er stark schnupfte, srine Naie war so schon immer wie ein ausgepichtes Pfefferiähchen. Zu Haule erzählt« er natürlich den Handel ganz anders. Es ist eine schwache Seile vieler Ehemänner, dah sie Muttern gegen- über ihr Talent zum Einlaufen immer ins hellste Licht rücken wollen. Manche Frau wundert sich über da« fabelhafte Glück ihres Mannes. Kein Wunder; er legt heimlich sein Geld zn. um der Frau zu ztlgen, was für ein heller Kopf er ist. »Da bab' ich wieder einmal einen guten Kauf gemacht.41 Mit diesen Worten übergab Paulmann abends seiner Frau die Tüte. »Soll da« Kaffeeeriay sein, oder Zigorettentabak Z4' »Ja, riechst D» denn das nicht f4 Sie blähte die Rüstern auf, wie ein Kaninchen, machte.nfnfnfnfn', fand aber keme Aehnlichkett mit dem Gewächs, das auS Indien stammt. »Es kommt mir vor. wie pulverisiertes Trockengemüse/ meinte sie enolich. »Du Kamel, da« ist doch Pfeffer.., echter Pfeffer.� „Pfeffer? Den muß ich mir genau ansehen, riechen tut das kein Mensch." Nun lag der Inhalt offen vor ihr. Sie nahm einen tiefen Zug von dem Aroma, dann entschied sie:»Pfeffer ist das mein Leben nicht, das hat höchsten« einmal neben ihm gelegen. Was kost denn der Dreck?* »Fünf Mark vierzig das Pfund," log Paulmann. Er hatte Angst vor dem Lärm, den sie machen könnte, wenn er die Wahr« heu sagte. r .DaderfÜr kann man da» Zeug schon verwenden, aber mit Deinem guten Kauf da ist es wieder einmal nischt, laß Dir man de Augen auswischen." Die Frau verwandte gleich einen Teil des kostbaren schwarzen Material«, um den Pelz einzustreuen. Dafür würde eS schon noch gut genug sein, hoffte sie. Wochen vergingen. Paulmann dachte gar nicht mehr au seinen Reinsall, da fiel ihn eines Abends sein Pelz ein. .Anna", rief er seiner Tochter zu,.ist denn mein Wintermantel tüchiig eingepseffert worden?" »Ich meine, Mutter hätte ihn fertig gemacht, bestimmt weiß ich es nicht." »Sieh doch mal nach, es wäre schade, wenn fetzt bei die Zeiten ein Faden verloren ging, denn heutzutage ist sowas»ich mehr zu haben." Sie tat es. aber in dem Kleidungsstück war keine Spur von Pfeffer zu finden, trotzdem Mutter eine schöne Handvoll hineingerieben halle. Dagegen waren schon Löcher drinn. die nicht von schlechten Motten waren. Diese hatten bei dem Mangel an Wolle nicht nur den Pfeffer gefressen, sondern auch schon den Mantel stark verfrüh» stückt. Pautmann war außer ficht »Nun habe ich exira das viele Geld für den Pfeffer au«- gegeben, jetzt gehl mir der teure Pelz auch noch kapult. Anna, bal- famier mir den Havelol gut ein. Dem Viehzeug wollen wir schon die Puste austreiben." Die schonte nun die Pfeffertüte in keiner Weis ». Wer wird sich darüber wundern, niemand im Hause hatte ja«ine Ahnung, welch' Kapital in der schwarzen Masse steckte. Die nächsten Tage gab es unter den Motten der Umgegend
ein schönes Schlemmerleben. Jakob PaulmannS Wintermantel wurde ihnen ein Moilenkempinski. Wo sich immer zwei der silbernen Insekten trafen, da wisperten sie fich zn: Bei Paulmann fließt Milch und Honig. Bald entwickelte sich in ihm ein kleines Mollen- Paradies, mit Kinderstuben. HeiratSbureauS und allen Süßigkeiten eines Mottenlevens. Der Pfeffer war nämlich ein Surrogat auS pflanzlichen Sämereien aller Art, mit einem Zusatz von Essenzen. Die kleinen Feinschmecker liehen fich freilich absolut nicht dadurch stöien. Als Nachspeise verzehrten sie ja immer ein Stück vom Wintermantel mit Pelzkragen, fanden auch sonst manches, da» ihnen schmeckte. Mitte August sah Frau Paulmann wieder nach. Sie bekam keinen schlechten Schreck. alS sie das Kleidungsstück in die Hände nahm. Sie halte gerade nicht viel Zeit. Um ihr Gewissen zu be- ruhigen, schmiß sie noch einmal von dein Pieffer hinein und be« arbeitete da« Ganze so tüchtig, daß der schäbige Rest des alten Mantels vor Angst die Haare ließ. Dann hing sie ihn wieder an seinen Play. Die Motten waren in den traurige» Ruinen nun wieder geborgen, für die nächste wollefreffende Generation war gesorgt. Es wurde kalt nnd kälter, eine« Tages mußt« der Pelz hervor- gelucht werden. Aber es war von ihm nicht« mehr zu sehen, wie Löcher, er war buchstäblich in einen Schweizerkäse verwandelt. Die Motten hatten Pfeffer, Wolle. Pelz und Futter so gründlich ver- zehrt, daß eigentlich nur die Knöpfe noch gut waren, an ein weiteres Tragen war überhaupt nicht zu denken. Als unser Freund das Sleb sah, machte er einen fürchterlichen Krach. »Daran ist Dein Pfeffer schuld, Dein schöner Pfeffer." »Was ist schuld?' »Ja. ja. frag' noch lang, Dein Pfeffer. Da« war Motten- futier!' Paulmonn wollte etwas erwidern, aber seine Frau ließ sich nicht aus dem Gleise bringen.»Pfeffer? Hahahahal Du kennst weiter lein Gemüse als Schnupftabak, da brtngste son Zeug hemt."/ »Da ist auch nicht eil/ Gramm Pfeffer rein gekommen," schrie Paulinann, dessen Nase Pente zufällig noch Jungfrau war,»nicht ein Gramm, da riech mal.""" »Kein Gramm? Alle zwei Pfnnd sind verstreut worden wegen dem Feyen. Nu lannste ja selber sehen, was d« damals für ein Kraul gebracht hast." »Alle zwei Pfund, in den Mantel? Ogoltegottegott." »Was ist, den» los, Jakob?" Er stierte nämlich immer an die Decke, ols-wtnn da die Pfefferrechnung angeschrieben stände. »Jaköbche. ist... Du vecfäbst Dich ja.. »Es is' schon wieder gut. Schaff mir den auS den Augen "Nnd bring mir einen kleinen Pfefferminz. Wie heißt eS im Sprichwort? Pfeffer bringt den Mann aufs Pferd Und die Frau unter die Erb.. D�.SmaI ist es beinahe anders gekommen. Dann aber besorgte er fich einen Bezugschein und kaufte für 268 M. einen neuen Manlel, der nicht viel bester war, wie der. den die Moften zerfressen hatten. Aber ein Gutes hat der neue an sich: An ihn gehen die ileinen Insekten nicht heran, weil«r ebensowenig Wolle ist, wie der Pfeffer Pfeffer war.
Schneefiocken. Aus dem Felde wird uns geichrieben:, Grau und düster ist der Himmel. Äeffe, ganz leise fallen die Schneeflocken zur Erde, legen sich aus Baam und Strauch. Haus und Hof, fallen aus die holprige Landstraß« und. hüllen alles in ein blendende« Weiß. Die Strohdächer scheinen unter der Last der weißen Masie zusammenbrechen zu wollen; schief, winzig und blind schielen die llernen Fenster der Panjehütten hinein in die schneeige Landschaft. Ich stehe am Fenster unserer armseligen Bude und schaue dem neckischen Spiel der Schneeflocken zu. Meine Gedanken weilen in der Heimat— weit, weit fort von hier. AlS ich noch ein Knabe war. stand\rb allein auch am Fenster im Elternhaus und iah dem Treiben der Flöckchen zu. griff mit dem Händchen danach und tat«inen Jauchzer, wenn ich eine erhascht hatte, und Baler und Mutter er« freuten sich am Spiel ihres Buben. Und wenn ich dann abends im Beilchen lag und Bali und Mutti den Gute-Racht-Kuß gegeben halte, dann ichloß ern glücklieber Knabe die Aeuglein und träumte von den Engelein im weißen Kleidchen, die die Schneeflöckchen zur Erde schütteten, woran fich die Kinder erfreuten.— O glücktiche Kinderzeit l
Jahre sind seit dem verflossen, die eilende Zeit hat auch mich zum Mann reifen laflen. Und wieder tanzen die Schneeflocken"wie vor vielen Jahren und wieder siehe ich am Fenster und sehe�rm lustigen Trelben zu. Aber es ist ein anderes Fenster, klein und winzig gegen daS im Elternhaus— weit, weit lern von der Hei» mat l Mit Schellenklang gleitet ein Schlitten vorüber; luftig blinken die Augen der Pferde, frisch stampfen sie hinein in da» Schneegestöber, als wollten sie nach den Flöckchen haschen.— In der Ferne erklingt das Schellengeläute des Schlittens und die Schneeflocken küssen leii« dl« Erde. — Immer mehr werden eS— im wirbelnden Tanze jagt sie der Wind bald hierhin, bald dorthin, bis ein jegliches sein Plätzchen gefunden hat. Ganz dicht drängen sie sich zu mir an da» Fenster, als wollten sie sagen: »Komm doch heraus und spiele mit uns!" »Nein, früher einmal, vor vielen Jahren, da spielte ich mit Euch, aber heute ist eine andere Zettl Doch wenn ich erst wieder daheim bin und im Elternhaus am Fenster stehe, dann werde ich sagen:»Seht, Schneeflöckchen, hier bin ich, kommt her, damit ich Euch baschen kann, heule lst eine bessere Zeit I Und leise, ganz leise werden dann die Schneeflocken zur Erde fallen, wie einst im fremden Lande!——— Gerauchter Tee. Zu unseren Susführungen über Tabakersatz in Nr. L wird unS geschrieben: Wie alles auf dieser kugelrunden Welt schon dagewesen ist, so auch gerauchter Tee. Der Ruhm, damit vorangegangen zu sein, muß man der Engländerin' lassen. Beim englischen Fumuhr-Tre kamen im Jahre 189S aus grünem Teekraut gefertigte Zigaretten auf. die ihren Weg auch nach Pari» gefunden haben. In Kenfinglon wurde ein Damenklub gegründet, dessen ausübende Mtt« gltcder nur Tee-Zigaretten verpafften. Drei bekannte Schau- spielerinnen- gaben zweimal wöchentlich einen„Doo smokirr�4'. Ein« ebenso bekannte Schriftstellerin lieble Tee«Zlgaretten so leiden- schastlich, daß sie täglich 20 vi» 80 Slück rauchte, obwohl der Arzt' dagegen Einwendungen erhob. Der Assistent am pharmakologischen� Institut der Jrnisbrucker Universität kam in einer eigens an-� gestellten Untersuchung zu dem Schlüsse, daß daS Teerauchen, waS die physiologitche Wirkung betrifft, da« schwerer ausführbare Tee- trinken auf Märschen oder bei Hochtouren ersetzen kann. Weniger Erbauliches hörte man im Jahre 1M4 aus London . Hatte die Teezigaretten rauchende Frau Mischung aus Suchong und Hyson zu würdigen begonnen, so gab sie dieses Rauchen nicht eher aus, als bis sie sich notwendig an den Arzt wenden mußte. Der Geichmack der Mischung wurde als nicht unangenehm bezeichnet, aber die Nachwirkungen dieser Art Tee zu rauchen, waren nach den eigenen Worten eine« dieser Opfer höchst traurig. Der Kopf schwindelte einem, man wollte sich nur festhalten, damit man nicht umfalle, und ein Zustand der Betäubung und Starrheit sslgte, dann traten Phantasien von einer himmlischen Vision und die Ver- zückungcn des OpiumesserS ein. Das tiefe Einziehen verursachte Brechreiz und man vermochte leine Nahrung zu sich zu nehmen, nur Tee, so stark er hergestellt werden- konnte. Auch Seeleute, so erzählte man, nahmen aus langen Seereisen in Ermangelung von Tabak getrocknete Teeblätter zum Stopfen ihrer Pfeifen. _ Dr. E. M. Krönfeld. Notizen. — Zu dem Konzert des Klinglerquartett», da» Sonntag mittag 12 Uhr in der Volksbühne vom Verband der freien Vollsbühnen veranstaltet wird, find noch Karten auch sür Nichtmit» glieder in den Zahlstellen und an der Theaterkasse zu haben. -7 Julius Wellhausen , der hervorragendste Bibelkcitiker und Foricher aus dem Gebiete der altjüdischen Geschichte, ist im 74. Lebensjahre in Götiingcn gestorben. Wellhausen hat die Grund« sätze htslorischer Krttik auf das Alte Testament mit solchem Erfolge angewandt, daß das Bild der altjüdiichen Geschichte ein völlig andere? geworden ist. Besonder» die Zerlegung der sog. Bücher Mose « in ihre einzelnen, Jahrhunderte auseinanderliegende» Be« standtetle ist sein Werl . Die Geietzgebung Moses ' ist danach bat Wert der nachexilischen Priesterschaft, die überhaupt dem ganzen späteren Judentum das Gepräge gibt. Der in der ganzen Welt an» erkannte Gelehrte mußte in der philosophischen Fakultät unter« gebracht werden, da die Theologen ihn in die ihre nicht mehr hin» einließen. WellhausenS knappe„Israelitische und jüdische Geschichte" ist besonders auch unseren jüdischen Mitbürgern, die zum Teil noch ganz falsche Lorstellungen von ihrer eigenen Geschichte haben, zu empfehlen.
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Töchter üer yetuba.
Ein Roman auS unserer Zeit von Tiara V i e b i g. „Ja. das Warten ist schrecklich," sagte irgend jemand. »Das Allerschrecklichste." Ach ja! Sie seufzten alle. Auch Gertrud kannte das Warten und seine Oual. Auch sie hatte gewartet, erst mit heimlicher Ungeduld, daß er noch« mals aus Urlaub kommen sollte, ehe er ausrückte, sie zu seiner Frau machen, ehe er ins Feld zog. Ihr hoffendes Warten war vergeblich gewesen, er hatte nicht auf ihre Bitte gehört. Und dann hatte sie trotzdem wieder gewartet! auf eine Karte, einen Brief, ein Lebenszeichen von ihm— auch das Warten war vergeblich gewesen. Er kam nicht mehr wieder, was auch seine Mutter sagte! Ein tiefer Seufzer. der wie ein Stöhnen klang, entrang sich ihr; alles blickte auf sie. „Sie können wohl nicht mehr stehen?" Ein junges Mäd. chen, das bis dahin anscheinend teilnahmlos in seiner Ecke ge- sessen hatte, stand auf und gab ihr seinen Platz. Sie setzte sich. Dankbar lächelte sie das Mädchen an, das nun vor ihr stand. Wie mager die war! Unter der leichten weißen Bluse zeichneten sich die Arme dünn ab, und der Hals, der sich aus dem Ausschnitt reckte, war gleichfalls sehr dünn. Und die Augen übergroß und weit. Die wartete sicherlich, der sah man es an. Unwillkürlich fragte Gertrud: »Sie haben wohl auch jemand draußen?" Die andere nickte hasllg, ein tiefes Rot flammte über das bleichsüchtige Weiß ihrer Haut.»Meinen Bräutigam!" Nun wendeten sich ihr alle Blicke zu: schwer für ein Mädchen, den Bräutigam draußen!„Wo steht er denn?" Sie lächelte.„Ach. immer da. wo es am tollsten zugeht. Erst an der Weichsel , und dann tief in Rußland —- und dann in Frankreich — und jetzt— jetzt— na, jetzt ist er mit vor Przemysl ." „Na. sowas!' Das allgemein? Interesse war erregt. Erst in Rußland , dann in Frankreich und nun wieder In Galizienl Der wurde ja ordentlich herumgeworfen. Selbst die Dame in Trauer erkundigte sich näher:»Bei Welchem Truppenteil steht Ihr Herr Bräutigam denn Die Braut schien die Frage zu überhören. Mit einer Lebhaftigkeit, die seltsam von ihrer vorherigen Teilnahm« losigkeit abstach, erzählte sie jetzt:„Oh. mein Bräutigam ist sehr tüchtig. Der hat Mut. Er hat aber auch schon
lange daS Kreuz. Nnd nun ist er eingegeben fürs Kreuz Erster." Voller Bewundern blickten alle. „Mein Mann hat auch's Kreuz,44 sagte die junge Frau, die das Kind auf dem Schoß hielt, leise,„aber nur s Kreuz Zweiter." ..Ist Ihr Herr Bräutigam denn Offizier?" fragte die Dame in Trauer. „Nein, das nicht." Eine gewisse Unsicherheit kam w den Blick des Mädchens.„Gefreiter." Dann war das doppelt anzuerkennen: gemeiner Soldat und das Kreuz Ersterl Die Bewunderung stieg noch. Und wie getragen von dieser allgemeinen Bewunderung flammte die Braut immer höher auf, ihre unscheinbare Ge- stalt schien zu wachsen, ihr mageres Gesicht wurde ordentlich hübsch. Sie war so stolz auf ihn. so überaus glücklich trotz aller Schwere der Zeit.»Und was er für Briese schreibt 1 Hochinteressant. Wenn ich vom Amt komme— ich bin Telephonisiin— warte ich's kaum ab, bis ich sie lesen kann!" „Schreibt er denn so oft?" „Ja. sehr oft!" „Dann sind Sie aber glücklich dran." seufzte die junge Frau, die nach einer Nachricht ihres Mannes von Fpern bangte. „Ich schreibe ihm aber auch täglich!" Die Glückliche, daß die das konnte! Es stieg wie Neid in Gertruds auf. Sie las in den Augen des unscheinbaren Mädchens lchltev.g�nugtuung, lauter Befriedigung. Die war vielleicht die einzige im Wagen, diejenige von all den Wartenden hier, dieytlcht mürbe darüber geworden war, nicht niedergeschlagen und verbittert. Als sie ausstiegen, gab Gertrud ihr die'Hand. Nun das Mädchen nicht mehr von dem Bräutigam sprach, war es wieder blaß, still und unscheinbar wie vordem.„Fräulein. ich wünsche Ihnen alles Gute. Sie haben viel Glück. Unser- einer ist nicht so gut dran." Es stieg feucht in Gertruds Augen, sie kam sich gegenüber dieser glücklichen Braut noch verlassener als sonst vor. und trotzdem zog es sie zu jener so hin, als sei die auch eine Leidensgefährtin. Sie nannte ihren Namen und ihre Wohnung.„Wenn's Ihnen nichts aus- macht, Fräulein, besuchen Sie mich doch mal. Ich bin abends meist von achte an zu Hause und Sonntags den ganzen Tag." Die andere errötete schüchtern, lächelte und flüsterte, jetzt so bescheiden:„Gerne!"— Die Dombrowski, die Gertrud abholte, bannte das
Mädchen von Ansehen.„Ach diel Das ist die Tochter von Dietrichs auS'm Zigarrenladen; da wohnt Je bei ihrer Mutter. Der Vater war an der Post; der tS vor zwei Jahren ge- storben." „Die ist verlobt?" „DaS weiß ich nich," sagte die DombrowSki.„Kann sein. Ich würd' mir ja nich mit die verloben, wenn ich'n Mann wäre. Schön is anders l" Sie lachte, ihre dunklen Beerenaugen funkelten.„Fräuleinchen, heut war's schön, Wenn wir noch'n kleinen Bummel machen könnten, waL?"' „Ich bin müde." Gertrud gähnte abgespannt. Sie be« merkte es nicht, wie die Augen der anderen suchend herum« spazierten; sie dachte nur an das Kmd und wie sie es heut finden würde. Ss hatte gestern abend so geschrien, sie hatte es auf der Straße, ein gutes Ende noch vom Hause weg, schon gehört. Und sie war gelaufen, gestürzt. Sw wollte jetzt wieder eilen, aber die Dombrowski hielt sie am Aermel zurück:„Noch'n Augenblick. Da steht die Exzellenz, die Frau General von Voigt, bei die wasch ich." Sie war ordentlich stolz auf ihre Beziehungen.„Die muß ich sprechen. Morgen soll ich bei die ihre Tochter kommen. Bei die Jtaljänerin. Da�pntz ich Fenster."� Die einzige Tochter deS Generals von Voigt hatte vor vier Jahren den italienischen Leutnant Rossi geheiratet. Sie hatte ihn kennen gelernt, als si« mit ihren Eltern in Italien reiste. Herr von Voigt, damals noch Oberst, hatte kein Arg dabei gehabt, daß sie den jungen Offizier immer wieder trafen: in Venedig , in Mailand , sogar in Florenz . Da der Italiener kein Deutsch sprach und der Deutsche kein Italienisch, mußte Lili Dolmetscher spielen, oder die Unterhaltung wurde französisch geführt. Der junge Mann-war sehr liebenswürdig. trotz seiner etwas nachlässigen Haltung sehr schneidig; es machte dem deutschen Offizier Spaß, wie genau der klein? italienische Leutnant über die österreichischen Grenzbefestigungen Bescheid wußte. Er sprach mit einer gewissen Nichtachtung von Oesterreichs Kraft und Wehrmacht, von Deutschland da- gegen mit großem Respekt. Der Oberst fand Gefallen an ihm— ein intelligenter netter Mensch--- bis plötzlich der Nebel zerriß, den der Wirbel der Reisceindrücke und das Enttücktsein aus dem gewohnten Alltag ihm vor die Augen gelegt hatten. Was, seine Tochter, die Tochter eine?' Preußischen Offiziers wollte einen Italiener heiraten? Lili war verrückt! Sie reisten schleunigst mit der Tochter nach Hause. tLorts. foIaU