Nr. 57. 35. Jahrg.
Bezugspreis:
Bierteljahr. 450 L, monatl, 1,50 H frei ins Haus, borauszahlbar. Einzelne Nummern 10 Bfg. Bostbezug: Monat lich 1,50 L Unter Rreusband für Deutschland und Desterreich Ungarn 8,-, für das übrige Ausland 4.50. monatlich. Bersand ins Feld bei birefter Bestellung monatl. 1,50 ML Boftbestellungen nehmen an Dänemart, Holland , Luxemburg , Schweden und die Schweiz . Eingetragen in die
Post- Zeitungs- Breisliste. Erfcheint täglich.
Telegramm- Abreffe
Sosialdemokrat Berlin".
Vorwärts
Berliner Volksblatt.
10 Pfennig
Anzeigenpreis:
Die Nebengespaltene stolonelzelle loftet 60 Big. Rleine Anzeigen", das fettgebrudte ort 20 Bfg.( zulässig 2 fettgebrudte Worte), jedes weitere ort 10 fg. Stellengesuche und Schlafftellenanzeigen das erste Mort 10 Bfg., jedes weitere Wort 5 fa. Worte über 16 Buchstaben zählen für awei Borte. Leuerungszuschlag 20%- Familien Anzeigen 50 Pfg., politifche u. gemertschaftliche BereinsAnzeigen 40 Bfg. die Beile. Anzeigen für ble nächste Rummer müssen bis 5 Nhe nachmitt. im Hauptgeschäft. Berlin 28.68, Lindenstraße 3, abgegeben werden. Geöffnet von 8 11 früh bis 7 1hr abends.
Redaktion: Sw. 68, Lindenstraße 3. Berniprecher: Amt Morigplas, Mr. 151 90-151 97.
Dienstag, den 26. Februar 1918.
Expedition: SW. 68, Lindenstraße 3. Fernsprecher: Amt Morikplay, Mr. 151 90-151 97.
Reichstagsreden Hertlings und Payers.
Frieden mit Rußland.- Friedensruf an die Weltmächte.- Tunkertumult gegen den Vizekanzler.
Der Borsitzende des Rates der Boltsbeauftragten: Wladimir Lenin . Der Volksbeauftragte für Auswärtige Angelegenheiten: Leo Trozki.
sich freischende Pfuirufe von rechts mischten, übertönte ihn. Sätten die Sozialdemokraten einen Regierungsvertreter so behandelt, wie gestern die Konservativen Herrn v. Bayer: die ganze fonservative Presse wirde heute den Untergang des Staates prophezeien, wenn nicht mit Ausnahmegesehen gegen die Sozialdemokratie vorgegangen werde. Doch die Junker dürfen sich alles erlauben, wenn man ihnen androht sie mit andern gleich zustellen.
Mitten im größten aller Kriege erlebt die Welt dies schmähliche Schauspiel einer unferrebolte gegen das gleiche Recht. Aber diese Revolte wird um den Ausdruck eines fonservativen Redners aus dem preußischen Ver. fassungsausschuß zu gebrauchen niedergeschlagen werden. Die Geschichte wird von der preußischen Junkerherrschaft sagen: Sie vermochte nicht einmal in Schönheit zu sterben, und ihr Ende war ein Ende in Schande.
Die Sitzung.
133. Sigung. Montag, 25. Februar 1918, nachmittag& 8 11 hr.
Am Bundesratstische: Graf Sertling, Bayer, Graf Rödern, Dr. Friedberg, Wallraf, v. Capelle, Frei herr v. Stein, Waldow, Drews, v. Krause, Müdlin, Das Haus und die Tribunen find überfüllt. Vizepräsident Dr. Paafde gedenkt des Ablebens des Großberzogs von Mecklenburg - Strelig.
Erste Lesung des Etats in Verbindung mit der Beratung des Gefeßentwurfs zur Renberung er Kriegssteuergefege.
Petersburg, 24. Februar. Meldung der In ihrem größten Teil beschäftigte sich die Kanzlerrede Petersburger Telegraphenagentur. In der Nacht vom jedoch mit dem Westen. Und da ist eine Annäherung 24. Februar fand eine Volligung des Ausführenden an Wilson und Czernin nicht zu verkennen. Graf Hauptausschusses statt. Nach heftiger Debatte wurden Hertling macht sich jetzt den Gedanken Czernins zu eigen, daß die deutschen Friedensbedingungen eine Aussprache in engerem, Kreise stattfinden solle, die frei von Breft Litowsk, die aber durch die letzten lich zunächst unverbindlicher Natur sein müsse. Er vollzieht 3usäge v. Kühlmanns ergänzt waren, ange- dabei ein Schrittchen des Entgegenkommens in der belgischen nommen. 126 Stimmen wurden dafür und 85 da- Frage, indem er versichert, daß wir nicht daran denten, gegen abgegeben; 26 Mitglieder enthielten sich der Belgien zu behalten. Allerdings müsse Deutschland Stimme und 2 Anarchisten nahmen an der Abstimmung vor der Gefahr geschützt werden, daß Belgien das Aufinarsch nicht teil. gebiet feindlicher Mächte werde. Worauf die Gegner wohl, Petersburg, 24. Februar. Meldung der unter Heranziehung geschichtlichen Materials, erklären werden: Petersburger Telegraphenagentur. Folgendes Tele- Umgekehrt wird ein Schuh daraus. Wir müssen vor der gramm wurde am 24. Februar um 7 Uhr früh durch Gefahr geschützt werden, daß Belgien ein Aufmarschgebiet Funtspruch an die deutsche Regierung in Deutschlands gegen uns wird." Es ist noch nicht zu sehen, wie Berlin , die österreichisch- ungarische in Wien , die bul - dieser Meinungsstreit geschlichtet werden soll, doch ist der garische in Sofia und die osmanische in Konstantinopel Wunsch auf alle Fälle zu unterstützen, daß seine Schlichtung abgesandt: Gemäß der vom Ausführenden Hauptaus- durch eine Aussprache in kleinerem Kreise versucht werde. schuß und vom Rat der Vertreter der Arbeiter, Bauern In wiederholten, breiten Ausführungen hat der Reichsund Soldaten am 24. Februar 4 Uhr 30 Minuten früh kanzler die deutsche Regierung gegen den Verdacht anneriogetroffenen Entscheidung hat der Rat der Volksbeauf- nistischer Absichten verteidigt und auf der andern Seite die tragten beschlossen, die von der deutschen Re- Gegner solcher Absichten beschuldigt. Auch hier braucht man gierung gestellten Friedensbedingun- fein Prophet zu sein, um das Echo aus dem Ententewalde gen anzunehmen und eine Abordnung zur vorauszuhören. Wenn z. B. Graf Hertling fagt, England 11uterzeichnung des Friedens unch Brest - intereffiere fich für die Selbständigkeit Arabiens, un tiefce Litowsk zu senden. 311 feinem Schusstaat zu machen und auf solche Weise seine Wacht zu erweitern, dies aber sei Annegionismus, so wird man von drüben antworten, daß Deutschland doch bezüglich der russischen Randländer die gleichen Biele verfolge, sich also selbst annexionistischer Absichten. beschuldige. Wenn die Staatsmänner von hüben wie von drüben ihre vollkommen Die deutsche Regierung hat der russischen ihre Friedens- uneigennützige Friedensliebe beteuern, alles Richt nur auf der bedingungen in Form eines Ultimatums zugehen lassen, das einen, allen Schatten nur auf der andern Seite sehen, muß im Prinzip angenommen worden ist. Ueber das Weitere soll man immer an die Schlußworte des schönen Liedes von in Brest verhandelt werden. Graf Hertling sieht in dem Brahms denken:„ Und a floan's bisserl Falschheit ist allweil Frieden, der nun in sicherer Aussicht stehe, ein glückliches Er- dabei." gebnis. Allgemeiner Dauerfrieden, Völkerversöhnung. Am 22. Februar hatte der Nat der Volkskommissare einen mas friegt man dafür? Menschheitsverbrüderung, alles schön und herrlich aber Aufruf unterzeichnet, der verlangt: alle Kräfte des Landes sollten in den Dienst der Verteidigung der Revolution dieser Beziehung keine Vorwürfe zu machen haben, steht Gerade weil nun die Gegner der deutschen Regierung in gestellt, und diese Verteidigung solle bis zum lebihnen die Miene der entrüsteten Ablehnung gegenüber dem ten Blutstropfen durchgeführt werden. Es werden deutschen Besprechungsvorschlag nicht an. Sie können höch- der friegführenden Mächte stattfinden würden.( Sehr gut 1) Bei dann militärische Anordnungen getroffen, und zum Schluß stens so argumentieren: Die Absicht, den Gegner übers Ohr folcher Aussprache würden auch unfere Gegner unsere Worte fo heißt es: Das fozialistische Vaterlandist in Ge- zu hauen besteht auf beiden Seiten, angesichts der gegebenen nehmen müffen, wie sie gemeint find, und auch sie müßten fahr!" Zwei Tage darauf wurde das Ultimatum im Prin Striegslage sind aber die Aussichten Deutschlands dabei mit der Sprache herausrüden.( Zustimmung.) Die Worte, die id aip angenommen. Somit wird der Unterschied zwischen der günstiger, also sagen wir Nein! Diese Argumentation hätte bisher a weimal hier gesprochen habe, baben im Ausland eine fozialdemokratischen und der bolichemistischen Politik flar. nur dann einen guten Sinn, wenn die Gegner eine Besserung fprechung im engeren Kreise werden auch die Einzelheiten, objettive Würdigung nicht gefunden. Bei einer BeWir wollen das Vaterland erst verteidigen und es dann der Kriegslage für sich erivarten könnten, andernfalls bedeutet die bei der Löfung großer Konflikte zur Sprache tommen müffen, sozialistisch machen, die Bolschewiki wollten das Vaterland erst die Fortsetzung des Krieges die überflüssige Hinopferung erörtert werden und eine Verständigung über sie könnte dort erzielt fozialistisch machen und dann verteidigen. Welche von Gunderttausender. Abgesehen davon, nimmt ja eine unverwerben. Dabei bente ich ganz besonders an Belgien . Zu den beiden Methoden die richtige ist, daüber wurde jahrelang bindliche Besprechung den Gegnern nicht die Möglichkeit, den wiederholten Malen ist von dieser Stelle aus erklärt worden, debattiert. Jetzt aber hat die Weltgeschichte entschieden. Inmitten dieses ungeheuren Kriegselends empfindet man Krieg fortzusehen, wenn sich die Besprechung zerschlägt. daß wir nicht daran denken, Belgien zu behalten, jeden Frieden als Erleichterung. Ob der mit Rußland ab. Staat, sondern es ist die Sorge um die Zukunft Europas , die daß dicier Staat, mit dem wir nach dem Kriege in Frieden und Es ist nicht die Sorge um Deutschlands Zukunft als daß wir aber gegen die Gefahr geschüßt sein müssen, zuschließende Friedensvertrag in jeder Beziehung als ein uns den Wunsch nabelegt, es möge so bald wie möglich eine Freundichaft leben wollen, nicht zum Aufmarschgebiet feindlicher glüdliches Ergebnis zu betrachten ist, muß die Zukunft ühlungnahme zwischen den beiden Streitteilen eintreten. Wachenschaften gemacht würde, sowie das auch in der Papstnote vom lehren. Noch ist im Osten alles im Werden, und die bisher Dann entsteht wenigstens die Hoffnung, daß die befreiuguft ausgeführt worden ist. Die Mittel und Wege zu solcher gewonnenen Ergebnisse erftbehren der Klarheit. Die deutiche en den Worte gefunden werden, die die Welt aus dem Politik follte aber darauf eingestellt sein, zwischen Deutsch Blutbann erlösen. land, Rußland und den zwischen ihnen zu schaffenden Ge. bilden einen haltbaren Zustand zu schaffen nach dem Grund
*
*
Lage und die Stellung der Reichsleitung zu ihr unterrichtet gu Das hohe Haus hat Anspruch darauf, über die außerpolitische werden, wenn ich auch 3 weifel an dem Nusen der von den Staatsmännern der friegführenden Mächte vor der Deffentlichkeit gehaltenen 8 wiegespräche habe.( Sehr richtig!) Mit dem früheren englischen Minister Runciman bin ich der Meinung, es würde uns dem Frieden weit näher bringen, wenn stattdessen Gespräche in einem Kreise zwischen berufenen verantwortlichen Vertretern
ung würden zweifellos am besten in einer folden engeren
Gemeinschaft besprochen werden. Wenn also von der Gegen. seite, etwa von der Regierung in Le Havre eine dahingehende Anregung fommen sollte, so würden wir uns nicht von vornnach aus, als ob diese Anregung Runcimans greifbare Gestalt herein ablehnend verhalten. Aber bis jetzt ficht es nicht ba gewinnen würde und so muß ich einstweilen noch die Methode der Ich gebe zu, daß man in der
faz: Reben und leben lassen. Graf Hertling hat seltsamer- Die Nede, mit der Herr v. Payer, der Bizekanzler, fich und bedauerlicherweise den Inhalt des deutschen Ultimatums in fein neues Amt einführte, hat sofort einen scharfen son an Rußland dem Reichstag nicht mitgeteilt. Man darf aber flikt zwischen der Regierung und den StonDialoge fortsetzen. annehmen, daß mit seiner Annahme die Lostrennung be- iervativen in Erscheinung treten lassen. Die tobten vie ftimmter Gebiete von Rußland vollendete Tatsache ist. Nicht die Wilden, weil Herr v. Bayer die wüste Schießrede vollendete Tatsache ist noch der Anschluß dieser Gebiete an des Januschauers, die vom Bund der Landwirte mit vom 11. d. M. vielleicht eine leinere Annaberung finden Botschaft des Präsidenten Wilson Deutschland oder die Mittelmächte, und ebensowenig ist es johlendem Beifall aufgenommen worden war, mit fräftiger tann. Seine Ausführungen gipfeln in vier Sägen, bon benen notwendig, daß für Rußland unübersteigbare Barrieren gegen Gegenrede beantwortete. Die Stonservativen find gewöhnt, er annimmt, fie fönnten die allgemeinen Grundlagen des Friedens die Ostseeküste aufgerichtet werden. In diesen Punkten ist für ihre schamlosen Seyreden gegen das Volk schonende Dul- bilden. Der erste diefer Säge befagt, daß der Friebe auf der Gebor Ueberstürzung zu warnen: am besten ist, wenn ihre end- dung vom Regierungstisch zu finden und können sich noch nicht red tig fet aufgebaut fein muß und auf einem Ausgleich, gültige Regelung erst erfolgt, wenn der allgemeine Frieden in den Gedanken finden, daß diese schöne Zeit vorüber ist. der einen dauernden Frieden am wahrscheinlichsten herbeigeschlossen wird. Graf Hertling bat versichert, wir dächten nicht daran, uns daß die Reichsregierung in der Wahlrechtsfrage fest anderthalb Jahrtausenden ausgesprochen hat Justitio fundamentum Ebensowenig mochte ihnen die Versicherung Vayers passen, führen fann. Wer wollte dem widersprechen?( Sehr richtig!) Der Eatz. den der große Mirchenbater Augustinus bor in Estland und Livland festzusetzen. Ueber Litauen und hinter der preußischen Regierung stehe. Diese Ungewohnt regnorum"( Die Gerechtigkeit ist die Grundlage der Staaten) gilt Kurland sagte er nichts. Von Polen sagte er dagegen, es solle heiten, in breitem gemütlichen Schwäbisch vorgetragen, mußten noch heute. Der zweite Gag verlangt, daß Bölker und Provinzen ein selbständiger Staat werden mit ungehemmter Ent- auf die Junter aufreizend wirken, die es sich nun einmal nicht nicht von einer Staatsoberhoheit in eine andere herumfaltung. Wenn wir recht verstehen, schließt das eine mehr vorstellen können, daß bom Regierungstisch andere Töne gefchoben werden, als ob es sich um Gegenstände oder oder weniger unfreiwillige Anlehnung" an die Mittelmächte erklingen als die Schnarrtöne der preußischen Dreiklassenstaat- Steine in einem Spiele handelte, wenn auch in dem großen aus. Auch freut er sich darüber, daß wegen des Cholmer Ge- Autorität. Sie werden sich daran gewöhnen müssen, und mit Spiel des Gleichgewichts der Sträfte, bas nun für alle Zeiten disbiets schon eine gewisse Beruhigung geschaffen ist, woraus der Zeit auch noch an anderes! man schließen dürfte, er wolle nicht durch die gewaltsame Angliederung polnischen Gebiets an Deutschland neue Beun ruhigung schaffen.
trebitiert ist. Auch diesem Saz laun man zustimmen und man Der Lärm war so start, daß die Schlußworte Payers und fonders einzuschärfen. Er lautet fast wie eine Polemik muß sich wundern, daß Wilfon es für nötig hält, ihn be. die Ermahnungen des Präsidenten in ihm untergingen, Erft gegen längst verschwundene Suftände und Anschauungen, gegen der donnernde Beifall des Hauses und der Tribünen, in den Stabinettspolitit unb Rabinettefriege früherer