Nr. 156 ♦ 56. Jahrgang
Seilage öes vorwärts
Mlttwoch, 26. März 1616
wirtfthastsfragen in öer Nationalversammlung.
23. Sitzung, Dienstag, den 25. März ISIS. Am Regierungstisch: Scheidemann . Schiffer. Dr. Preutz, Wissell. Noske, Bell, Dr. David. Präsident Fehrenbach eröffnet die Sitzung gegen%4 Uhr. Auf der Tagesordnung stehen Anfragen. Abg. Dr. Richer(TVp.) führt'Beschwerde über Vergewalti- vunaen deutscher Zeitungen in der Pfalz durch die französische Be- satzunasbebörde. R�gierunaskommissar Dr. Haenuner: Tic Preff« der Pfalz wird sortaesetzt in schändlicher Weise geknechtet.(Hört, hört!) Es handelt sich um ein systematisches Vorgehen mit dem Ziel, di« Be» tvobner der Pfalz dem Reiche zu entfremden. Die Reaierung zweifelt aber keinen Augenblick an der Reichstrene der Pfälzer. (Beifall.) Wir sind in Sva Vorst elliq geworden. Bayrischer Ministerialdirektor Dr. Wolfs schließt sich dieser Erklärung an. Abg. Schiffer-Münster(Z.) wendet sich gegen die Verhängung der Vorzensur über christliche GewerkschaftZblätter durch den A.» und S.-Rat in Augsburg . <Aeh. Regierungsrat Welzer: Unter der Mitwirkung der Preß- obtei'ung des Zentralrates ist mit Wirkung vom 5. März ab die in Bayern eingerührte Vorzensur wieder aufgehoben worden. Abg. Felk sDcm.) erneuert eine schon früber gestellte Anfrage über ungenügende Versorgung der Rbeinlaude. Unterstaarssekretär Frhr. v. Braun sagt Berücksichtigung zu. Abg. Wevlich(Dnatl.) fordert unverzüglich« Freilassung der im Mefänanis in Iekatarinni'rod schmachtenden Offiziere vom Landsturminrgnterieregiment Rr. V. Oberst Waitz: Durch Einwirkung der Reichsregierung ist es bsrerts gelungen, den Abtransport sämtlicher in Jeka- tarinogrod internierten Militärpersonen zu er- reichen. Abg. Kunert sUnabh. Soz.l behauptet, daß die Truppen dcS Generals Macrker durch mangelhafte Ueberwachung den Plünderungen in Halle Vorschub geleistet haben und wirft ihnen Urunenschlichkeiten und AuSlchreitungen vor. Major von Gilsa: Die Reaierung ist bestrebt, ein: ausreichende Polizei- und Wehrmacht zu schaffen. iBeifall.) Auch von anderen schweren Ausschreitungen in Halle bat die Regierung Kenntnis bzw. von der schändlichen Ermordung des Oberstleut- n a n t s von K l ü b e r.(Sehr richtig!) Abg. ilunert: Wann wird endlich der organisierte Meuchelmord aufhören? ülnruk<.) Major von Gilsa: Ich habe meiner Antwort nichts hinzuzu- (Unrube bei den Soz.) Abz. Hasse iUngbb. Soz.) fraat nach den gesetzliche» Grundlagen des Erlasses des ReichSmin-sterS, wonach, wer in Berlin mit der Waffe kämvfend angetroffen wird, auf der Stelle erschossen werden sollte. Major von Gilsa: Dieser Erlaß ist wieder aufgehoben worden, sobald die Ordnung in Berlin wieder herge- stellt war. Abg. Hanse fragt nach den Gründen des Verbots der Zeitungen .Frevelt* und..Republik ". Major von Gilsa: Die beiden Zeitungen wurden während der Berliner Kampfiaae vorübergehend verboten, weil st« in g e« meingesährlich«r W«ise aus die ohnehin erregte Stimmung eines Teils der Berliner Bevölke- runo eingewirkt botten. �Zustimmung.) Abg. Haase: ES scheint zum System erhoben zu werden, uns«- ren rFagen auszuweichen. lUnrube.) In welchen konkreten Tat- fachen bat sich die Gemeingefährlichkeit dieser Zeitungen offenbart? Maior von Gilsa: Ich babe auch hier meiner Antwort nicht» hinzuzufügen. lHeiterkcit. Großer Lärm b«i den Unabh. Soz.) Auf eine Anfrage �e»-Abg. D r. R o e fi cke CDnatl.) erwidert vntcrstaatssekretär Dr. Frhr. v. Braun, daß die vom Reichsernäh- rungSministerium für die Bauern- und Landarbeiter- räHe erlassen« Wahlordnung unverändert bestehen bleibt. Redner erklärt weiter auf eine Anfrage des Abg. Dr. Ober- fahren sTnall.). die Regierung habe�gemeinsain mit der Reichs- fleischstell« alle Maßnahmen vorbereitet, um die bestmöglichste Aus- nudunq der ausgedehnten fruchtbaren Weiden in Schlcswig-Holstein und den angrenzenden Gebieten Nordwestdcutschlands zu ermög- lichen. Abg. Dr. Philipp lDnat-t fragt an, welche Maßnahmen die Regierung ergreifen will, um die beim letzten Leipziger Gene- ral streik an die Streikenden gegebenen Waffen
Sächsischer Militärbevollmächtigter Oberst Schulz erwidert, di« Regierung versuche in Verbindung mit dem sächsischen Ministerium des Innern alle Waffen wieder zu erlangen. Sollten dennoch solche Waffen zurückbehalten und dadurch die Sicherheit gefährdet werden, so bebalt« sich die Regierung vor. aufandere in Wege die Her- ausgooe der Waffen zu erzwingen.(Beifall.) Eine zweit« Anfrage des Abg. Dr. Philipp(Tnat.) besagt: Ge- legcntlich des Generalstreiks zu Leipzig ist der dortige Ober» bürgermeister unter Bedrohung mit militärischer Waffengewalt gezwungen worden, eine Anweisung auf Zahlung von 400 000 M. aus Mitteln der Stadt Leipzig zu geben. �Lebhafte Hört, hörULiufe.— Lache» bei den 11. Soz.)> Sächsischer Militävbepollmächtigter Oberst Schulz: Die Ange- legenheit konnte noch nicht zum Abschluß gebracht werden.(Unruhe rechts.« ilbg. Dr. Philipp(Dnat.): Warn t» konnte die Angelegenheit noch nicht zum Abschluß gebracht Werdens Oberst Schulz: Auf diese Anfrage habe ich keinen Anlaß, näher einzugehen.(Unruhe rechts.) ES folgt die Interpellation Gröber(Z.), v. P a h e r(Dem.) und Genossen betreffend Maßnahmen für die mittlere« und Rcitttttu Gewerbe- und Handeltreibende«. Auf Vorschlag des Präsidenten wird die(nachträglich auf die Tagesordnung gehetzte) Interpellation Arnstadt und Genossen (Dnat.) betreffend Wiederaufbau der während des Krieges stillgelegten oder geschwächten Betriebe gleichzeitig zur Beratung gestellt. Roichswirtfchaftsminiiter Wissell erklärt sich bereit, beide Jnter- pellationen sofort zu beantworten. Abg. Wctzlich(Dnat.) begründet di« Interpellation Arnstadt und Genossen: Er fordert für di« stillgelegten Betriebe die Ein- räumung ausreichenden Kredit», die Beschaffung von Rohstoffen, die Förderung des Genossenschaftswesens. Freilich, was nützen alle diese Maßregeln, wenn di« gegenwärtige Regierung drauf und dran iit. durch Sozialis ierungSexperimcnte die selbständigen Betriebe zu zertrümmern, nachdem die Partei, aus der diese Re- gierung hervorgegangen ist, früher schon mehr als einmal erklärt hat. sie habe an der Erhaltung des Mittelstandes überhaupt kein Interesse.(Sehr richtig! rechts.) Von unserer Regierung wird die Gemeinwirtschaft in einer Weise propagiert, die den Unter- gang der selbständigen Kreise des Mittelstandes bedeutet. Lassen Sie ab von einem solchen Beginnen.(Lebhafter Beifall rechts.) Die Interpellation Gröber(Z.), v. Payer(Dem.) begründet Abg. Irl(Z.): Durch die Revolution und durch die Sozialisie- rungSexpcrimente haben sich die AnSsichlen für Handwerk und Ge- werbe seitdem verschlimmert.(Sehr richtigl im Zentrum.) Das selbständige Handwerk darf nicht länger von der Regierung als Aschenbrödel behandelt werden.(Sehr richtig!) Die Arbeitsgemein- schasten sind auf die Bedürfnisse der Großindustrie zugeschnitten. DaS Handwerk kommt dabei zu kurz, besonders bei der Rohstoffver- teilung und bei der Vergebung staatlicher Aufträg«. Vor allem mutz dem Handwerk und Meingewerbe die Kreditbeschaffung erleichtert werden durch staatlich: Förderung der Kreditgenossen- schaften. Zur Beantwortung der Interpellation nimmt das Wort ReichSttnrtfchaftSmimftsr Wissell: 'Der Krieg hat un» eine ungeheure Umwälzung aller Wirt- schaftlichen Verhältnisse gebracht, die Wirkungen deS Krieges greifen tief in di« Struktur unseres Wirtschaftslebens ein. Da ist es unmöglich, de« Zustand vor 1014 wieder herzustellen. Di« Zer- trümmerung des Wirtschaftsleben? ist nicht auf die Revolution zurückzu führen, sondern eine Folge des Kriege«.(Widerspruch rechts. Zustimmung links.) Stürmische Lohnbewegungen und zahl- reiche Streiks hoben zwar die Rückkehr zur Friedenswirtschaft er- schwert, aber wer so tief gestürzt ist wie da» deutsche Volk, taumelt erst, ehe er wieder voll zu sich kommt. DaS Reich, die Gliedstaaten und die Gemeinden haben durch schleunige Erteilung van Aufträgen für ihre eigenen Bedürfnis)« l-ie Industrie und das.Handwerk über den toten Punkt binwcgzubringen gesucht. Im ReichSwirtschaftsministerium iit der Plan erwogen worden, vnt rinem Fonds von mehreren Milliarden im größten Stil Aufträge an das deutsche Wirtschaftsleben zu geben. Aber leider bat die außerordentlich angespannte Finanzlage deS Reiches diesen Gedanken niibt in vollem Umfang verwirklichen lassen. Doch ist im De m o b i lm a ck> u n g s a m t eine H i lfs- lasse für getvcrbliche Unternehmungen errichtet und mit 200 Millionen Mark ausgestattet worden. Im Zentralvorstand der Arbeitsgemeinschaft der Arbeitgeber und Arbeitnehmer ist als kom- pet enter Vertreter deS Handwerks aueb der O b e r m e i st e r
Plate Mitglied. DaS Handwerk ist also nicht grundsätzlich ausgeschlossen. Beim Neuausbau denken wir nicht an ein« Fort- setzung der bureaukrati scheu Methoden der Kriegs- Wirtschaft. Wir werden vielmehr Selbstvcrwaltungskörper der einzelnen ErwrrbSgruppe» schaffen, wobei Fachausschüsse für die Bearbeitung der einzelnen Fragen vorgesehen sind. Nur im Zusammenschluß liegt die Zukunft auch des Handwerks. Für die Belieferung des Handwerks mit Rohsteffen und Betriebsmitteln ist gesorgt, und hier sowohl wie bei der Auftragserteilung wird das organisierte Handwerk selbst mitwirken. Der Außenhandel wird, soweit er an E i n- u n d Ausfuhr unmittelbar beteiligt ist, auch nach dem Frieden mit Beschränkungen rechnen müssen. Der derzeitigen Notlage zahlreicher Kleingewerbetreibender und Handwerker abzuhelfen, ist außerordentlich schwer, solange nicht die Gütererzeugung wesentlich gesteigert werden kann. Nur wenn mir auS der Resignation er- wachen, werden wir tatkräftig unser Schicksal in die Hand nehmen können.(Beifall links.) Auf Antrag des Abg. Schnltz-Bromberg(Dtschnat.) wird die Besprechung der Interpellationen beschlossen. Abg. Brühne(Soz.): ES ist nicht wahr, daß die Revolution das ganze Wirtschasts- leben zugrunde gerichtet hat, das hat der Krieg getan.(Sehr richtig! b. d. Soz.) Obwohl im Handwerk und Kleingewerbe die Frauen während des Krieges große Opfer auch an ihrer Gesund- heit gebracht haben, um das Geschäft aufrecht zu erhalten, stehen viele Tausende von Kleingewerbetreibenden, die aus dem Kriege zu- rückgelchrt find, nun vor den Trümmern ihrer Existenz. Wir wollen alles tun, um den Kleingewerbetreibenden zu helfen. Das Haus vertagt die Wciterberatung auf Mittwoch, 3 Uhr. Außerdem Wahlprüfungen und kleine Vorlögen. Schluß gegen 7 Uhr._ Staötveroröqetenversammlung. Außerordenlliche Sitzung DienSiag, 26. März 1919, natm. 5 Uhr. Tumultschäden.— Gastcuernng.— Belagerungszustand. Gegen eine ganze Anzahl der zur Auslegung kommenden 48 Einbürgern n gsgetuck« erhebt Stadtv. Wege(Bürg. Vcr- cinigung) namens seiner Fraktion Widerspruch, ohne die einzelnen Personen näher zu bezeichnen. Die Begründung behält er sich vor. Gemeintem zur Beratung gestellt werden die dringliche n Anträge 1. der Sladtvv. Wege und Genossen(Bürgerl. Vgg.l betr. Schutz der Berliner Bürger, welche durch die revolui'.onäre Umwälzung unverschuldet in Not geraten sind; 2. Wetzl u. Gen.<U. Soz) belr. Uebernahme der durch die Unruhen cnistondenen Schäden auf da« Reich. 8. Cassel u. Gen.(Dem.) belr. den Schadenersatz aus Anlaß der RevolulionSunruhen. in Per- bindung mit der Nachiragsvorlage beir. die Errichtung eines Hilfsfonds von S Millionen au» Anlaß der sog. Tumulu schäden. Oberbürgermeister Mermuth : Dem Reiche und Staate liegt die Pflicht ob, die Ersatzlasten z» übernehmen. Der Magistrat bat sich viermal an die Staatsbebörde gewandt mit der Bitte, dieser Tatsache Rechnuiig zu trogen. Wir baben geltend ge- macht, wie unbillig eS sein würde, die Hauptstadt Haft- bar zu machen, wo sich alle« besonder« lräftrg geltend machr, und die immer noch der eigenen Polizeigewaft entoehrt. Die Antwort daraus war, baß.der Gegenstand der Er- wäguna unterliege". Niemand kann der Stadt Berlin zumuten. daß sie Lasten, unter denen die Gemeinde unbedingt zusammen- brechen würde, allein übernimmt. Auf der anderen Seite wäre es unverantwortlich, die Tausende von Ansprüchen einfach unerledigt liegen zu lassen. Reich, Staat und Gemeinde mnsten sich über ern Verfahren verständigen, mittel« dessen unter Vorbehalt der end- gültigen Entscheidung die Ersotzansprüche geprüft und befriedigt werden. Zunäckst aber müssen wir unsererseits dafür sorgen, daß die durch die Unruhen in Nor Geratenen unterstützt werden, und diesem Zwecke dien: die Vorlage, indem sie Darlehen und Unter- stützungen vorsieht.(Beifall.) Srad'v. Wege(B. B.): Es wäre nicht soweit gekommen, wenn sich ein Mann gefunden hätte, der eine Volkswehr zu schaffen fähig � war. Die Bürger wären tbm w'e ein Mann gefolgt. Sechs Millionen feien ganz unzureichend. Den ganz Verarmten, den Witwen, den ausgepumpten Haus« besitzern muß der Ersatz voischutzweise gezahlt werden, odne daß der Weg deS Darlehens oder der Unterstützung gegangen wird.
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Stine Mensthenkinö.
Von Martin Andersen Nexö . (Schluß.) Weder Sörine selbst noch Lars Peter erfuhren etwas von dem Gerede der Leute. Stine begegnete ihm in der Schule im Munde der anderen Kinder, trug es aber nicht weiter. War die Mutter ihr gegenüber allzu kriecherisch, dann kam es vor, daß der Haß in ihr aufloderte. Teufel! flüsterte es in ihr, und sie empfand plötzlich den Tmng. dein Vater zuzurufen: Mutter hat Großchen im Deckbett erstickt! Besonders, wenn sie mit- anhören mußte, wie Sörine allerlei schöne Worte über die Alte fafjte. Slber Stine dachte daran, wie traurig Lars Peter werden würde und hielt an sich. So ging er denn wie ein großes Kind umher und sah gar nichts, war bloß rein närrisch vor Verliebt- heit in Sörine. Die Freude darüber, daß die Dinge eine lo gute Wendung für ihn nahmen, machte ihn ganz verwirrt. Stine und die anderen hatten ihn nie so lieb gehabt wie jetzt. War Sörine zu hart gegen die Kinder, so versteckten sie sich wohl vor ihr draußen vor dem Hause und kamen erst wieder zuin Vorschein, wenn der Vater am Wend heimkehrte. Seit dem Tode der Großmutter war daS nicht notwendig gewesen. Die Mutter war eine andere: wenn ihr böser Sinn aufflackerte. war es, als würde sie von einer unsichtbaren Hand erfaßt und zurückgehalten. Aber es kam vor, daß Stine es nicht ertrug, mit der Mutter in derfell>en Stube zu sein. Tann wußte sie keinen anderen Rat, als zu dem alten Mittel zu greifen und sich zu verstecken. EinsS Abends lag sie in dem Weidenaebüsch und kroch m sich zusammen. Sörine kam mehrmals in der Türe zum Vor- schein und rief freundlich; jedesmal uberlief Stine ein Gefühl dcS Ekels. Sie machte eine Bewegung, als müßte sie sich über- geben. Die Mutter ging suchend um daS Haus herum und wanderte dann langsam die Landstraße entlang und wieder zurück, scharf ausspähend; ihr Kleid streifte daS Gesicht Dtines. Dann ging sie wieder in« Hau». ES ftor Stine, und sie war eS müde, sich hier zu verstecken;
aber hinein wollte sie nicht— nicht bevor der Vater nach Hause kam. Aber wenn er nun erst in der Nacht kam! /Oder überhaupt n'chtl Stine hatte daS schon früher erlebt, aber damals gab es Gründe dafür, auszuhalten. Jetzt erwartete sie keine Prügel mehr! Nein, aber es war wunderschön, an der Hand des Vaters ins Haus zu gehen. Er fragte sie nicht weiter aus. warf bloß der Mutter einen anklagenden Blick zu und wußte nicht, was er ihr Gutes antun sollte. Vielleicht ermöglichte er es. daß sie hinüberfuhr zu-- nein—— da?— Stine fing an zu weinen. Das war das Entsetzliche; jo sehr sie die Großmutter auch betrauerte, ganz plötzlich konnte sie sich dabei ertappen, daß sie ihren Tod vergessen hatte.„Großchen ist tot. daS liebe Großchen ist tot," wiederHolle sie vor sich hin, damit dos nicht wieder vorkäme, und nach einer Welle kam es doch wieder ebenso. Das war so entsetzlich treulos. Sie bcdaueme es. daß sie nicht hineingegangen war, als die Mutter sie rief. Jetzt war es zu spät. Sie zog die Füße untcrS Kleid und begann an dem Grase zu zerren, um sich wach- zuhalten. Ein ferner Laut veranlaßt? sie aufzustehen— eS kam ein Wagen! Wer ach. es war nicht das bekannte, gemütliche Rattern des Fuhrwerks ihres Vaters! Der Wagen bog vom Wege nach dem Elsternnest ab; zwei Männer stiegen aus und gingen hinein; sie hatten Mützen mit Schnüren auf dem Kopf. Stine schlich sich ganz bis ans Hau« hin, gedeckt von der Weide; ihr Herz hämmerte heftig. Einen Augenblick später kamen die beiden wieder heraus: sie statten die Mutter zwischen sich.Diese wehrte sich und schrie wie be- sesscn.„Lars Peter!" rief sie herzzerreißend ins Dunkel hinein. Die Männer mußten sie mit Gewalt auf den Wagen bringen. AuS der Stube ertönte da» Weinen der Kinder. Bei diesem Laut vergaß Stine alles andere und sprang hervor. Einer von den Männern packte sie am Arm, ließ sie aber auf einen Wink des andern wieder loS.„Gehörst du hierher?" fragte er.> Stine nickte. „Dann geh zu dernen kleinen Geschwistern hinem. und sage ihnen, daß sie kerne Angst haben sollen.— Fahr zu. Kutscher!" Sonne streckte wie der Blitz beide Beine zum Wagen hin-
aits, aber der Gendarm hielt sie fest.„Stine, hilf mir!" schrie Sörine. während der Wagen nach dem Wege abbog und per- schwand. O Als Lars Peter an dem Krämerladen auf die Landstraße einbiegen wollte, ungefähr eine halbe Meile von dem Elsternnest entfernt, jagte daS Fuhrwerk drüben vorbei: er sah die Mützen der Gendarmen in dem Scheine der Ladenlampe schimmern. „Die Obrigkeit ist heute abend unterwegs!" dachte er und schüttelte sich. Er bog auf die Straße ein und nahm wieder sein glückliches Brummen auf, während er mit der Peitsche mechanisch dem großen KlauS den Rücken klopfte. Er saß vornüber- geneigt da und dachte an die zu.Hause; er dachte daran, was Sörine ihm wohl heute abend vorsetzen würde— er hatte einen Riesenhunger, und an die Kinder dachte er. ES war eine Schande, daß er sich verspätet hatte— es machte immer so viel Freude, wenn alle vier ihm entgegengestürzt kamen. Wer zu Bett waren sie noch' nicht. Alle vier Kinder standen draußen an der Landstraße und erwarteten ihn: die kleineren hatten nicht den Mut, in der Stube zu bleiben. Wie versteinert war er, und er blieb im Wagen, während Stine weinend erzählte, was geschehen war. Es sah aus, als würde der große, starke Mann ganz zusammenfallen Dann aber raffte er sich auf und begleitete die Kinder nach dem Hause hin, wobei er ihnen gut zuredete; der große Klaus folgte mit dem Wagen von selbst nach. Der Vater half Stine, die anderen Kinder zu Bett zu bringen. Als das geschehen Wit. fragte er:„Kannst du heute auf die Kleinen achtgeben? Ich muß nach der Stadt fahren und Mutter holen— da» Ganze ist ja bloß ein Mißverständnis!" Seine Stimme klang weh. Stine nickte und ging mit ihm zum Wagen hincm». Er machte daS Fuhrwerk zurecht; das bereitete ihm Mühe. Und plötzlich hielt er ein. „Du weißt doch am besten Bescheid. Stine," sagte er.„Du mußt doch für deine Mutter gutsagen können?" Er lauschte, sah sie aber dabei nicht an. Es kam keine Antwort. Da drehte er das Fuhrwerk langsam um und fing an auS- zuspannen.