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ständigkeit der deutschen Wirtschaft Ke erste ShmmSfcfimg ja einer Entwicklung nach dem Sozialismus hin sahen, so be- weist das nur. wie sehr sie selbst in das Fahrwasser der Frei- Händler hineingeraten sind. Nachdem Herr Ballod vor einigen Tagen es ihnen vorposaunt bat. daß die Valuta etwa auf einem Drittel ihres früheren Standes stabilifiart werden könnte, machen sie sich jetzt über das Benrühen, die Kaufkraft des Geldes im Ausland zu heben, lustig. Das ist ein Ver- gnügen. das wir ihnen gern gönnen. Vielleicht gibt uns aber dieFreiheit" auch das Rezept, wie man bei einem niedrigen Stand der Valuta dem Volke billige Auslandslebensmittel ohne Zuschüsse mis der geschwächten Reichskasse beschaffen.soll. Die Jnternationalisierung der Wirtschaft könnte heute nur durchgeführt werden auf Kosten des Umstandes, daß die kapi- talist-schen Ententemächte einen steigenden Einfluß auf die deutsche Wirtschaft gewinnen. Das bekümmert die unab- hängigen Sonialisten keineswegs. Es genügt ihnen vielmehr die Tatsachen und Anschauungen, auf denen Wissell gebaut hat. für ihre Propagandazwecke zu mißdeuten, nachdem sie sich schon vorher das zweifelhafte Verdienst erworben haben, durch ihren Widerstand gegen ein praktisches Wirtfchaftsprogramm dem nationalen Kapitalismus den Rücken zu stärken. Und wenn es dem Kapitalismus wirklich gelingen sollte, aus dem sozialistischen Bruderkrieg als einziger Sieger hervor- zugehen, woran übrigens die liberalen Blätter nach ihrem ersten Triumphgehenl schon ein wenig Zweifel hegen, so wird es der unbestrittene Ruhm der Unabhängigen sein, durch Quertreibereien gegen die Ansätze einer sozialisttschen Wirt- schaftspolitik diese Entwicklung tatkräftig gefördert zu haben. Ein Gegenstück zum Prozeß Klüber in yalle. Prozeß gegen die Mörder des ffriegsministerS Neuring in Dresden . «uS Dresden wirb nni geschrieben: Als Ergänzung Ihres Artikels in Nr. 343 vom 8. Juli unter der Uebecschrift.Die.Frei- heit" und der Prozeß Klüver" dürfte die Leser des»Vorwärts" das Folgende interessieren: Am Montag, den 31. FuK, beginnt vor dem Schwurgericht Dresden der Prozeß gegen die 11 Mörder, die am 12. April«den Kriegsminister Neuttmg mißhandelten, in die Elbe warfen und hinterher meuchlings erschossen. Genau wie im Falle Klüver zeigt sich auch im Fall« Neu ring bei den An- abhängigen eine auffallende Vorliebe für d-ie Mörder und genau wie im Falle Klüver haben auch im Falle Neuring die llnabhäigegen von Anfang an die bestiaksche Tat der Mörder nach jeder Richtung hin zu verteidigen gefuchtl Zunächst ist festzustellen, daß die sächsischen unabhängigen Blätter nicht ein einziges Wort des Abschcus gegen die Meuchelmörder aufgebracht haben. Die bestia» lisch« Mortat wurde lediglich als.Gewaltakt" hingestellt, die man heuchlerisch bedauerte. W>rr in der nächsten Zeile erklärt« man, daß die Meuchslmörder gute Gründe für ihre Schurkentat ge- habt hätten. So in der.Leipziger VolkSzaiwng", so in der un- abhängigenVolkszeitung" i-u Dresden und Pirna . Mit geradezu widerlichem Eifer spürte man in diesen Blättern für die Mörder mlidernde Umstände auf und erklärte milde, die.Lyncher" hätten sich zu dem Gewaltakt in der größten Erregung hinreißen lassen. Um die Mörder zu verteidigen, stellte die unabhängige Presse den Ermordeten Neuring Wider besseres Wissen als Gewaltmenschen hin und log ihrem Lesern vor. daß auch am d« Schießerei vom g. Januar(als die Spartakisten dieDresdner Volkszeitung" stürmten) Neuring die Schuld getragen hätte. Sie wüßt« aber ge- nau. daß Nsuring damals als Vorsitzender des Arbeiter- und Sol- datenrateS an dem Putsch überhaupt nicht beteiligt gewesen ist. Die unabhängige Presse hatte damals die Genugtuung, zu sehen, daß die alldeulsche �Deutsche Zeitung" mit in ihr Horn stieß. Drei Tage nach dem Morde erklärte in ihre? Nummer vom 15. April die unabhängige.Volkszeitung" im Pirna die Ermordung NeuringS als notwendige Folge" von NeuringS.Gewaltregiment". Not» wendige Folge! Das war also eine glatte Verteidigung der Mörder. Denn nichts Besseres konnten die sich wünschen ÄS den Bei weis, daß ihre Tat notwendig war. In derselben Nummer log dies unabhängige Blatt seinen Lesern vor, daß Neuring nurein Opfer de-r Volkswut" geworden sei. Der VolkSwutI DaS Volk hat Neuring gemeuchelt. Daher keine Ursache. Mörder auch Mörder

zu nennen. Gekröni wurde Kefe erhebende unabhängige Mora! dadurch, daß das Blatt m diesem Zusammenhange von.Lynch- justiz" sprach und ausdrücklichmildernde Umstände für die Lynch er" pvedigie! Im Laufe der Wochen find nun 176 Personen wegen Teil- nähme an der scheußlichen Bluttat vom 12. April verhaftet worden. Darübe« schreit urun die unabhängigeVolkSzeitung" in Dresden andauernd Zeter und Mord. In de: Nacht nach dem Morde, als die wildgewordene Meute vorübergehend das Ministerium besetzt hatte und die Regierung sich im einer Zwangslage befand, hatte sie sich auf Drängen der Spartakisten bereit erklärt, ein« Amnestie für diejenigen zu erlassen, die an der Demonstration gegen den Münster teilgenommen hatten. Ausgeschlossen von der Amnestie wurden aber die. die gemeine Verbrechen und Bergehen begangen hatten. Das ist für die unabhängige Presse ein Anlaß, fortwährend Me Freilassung fast sämtlicher Verhaftete» zu fordern. Die Re» gierung hat längst mitgeteilt, daß über 50 der Verhafteten auf Grund der Amnestte bereits freigelassen worden sind, daß aber ein großer Teil der noch in Haft Befindlichen gemeiner Verbrechen schuldig sind.(Sie haben sich an der Plünderung de? Ministeriums beteiligt, haben schweren HauSfredensbnjch, schwere Mißhandlung:» von Beamten usw. begangen usw.). Trotzdem fordert die unab» hängige.Volkszeiwng" vom 9. Juli nochmals die sofortige Eni» lassung sämtlicher Verhafteten. ES fehlt« nur noch, daß das Blatt auch die Freilassung der direkt des Mordes Bezichtigten forderte. ES ist also so: Di eunabhängige Presse will auch hie wie in Halle, daß die irregeleiteten Bestien, die am 12. April in so abicheulicker Weise die gesamte Revolution besudelten, straffroi aus» gehen. Eine erhebende Moral, von der sich hoffentlich weite Kreise der Arbeiterschaft aus Gründen der Reinlichkeit und guten Sitten abwenden werden!/_

Urteil im Prozeß Schneppenhorst. München , 9. Juli. In dem seit vergangenen Sonnabend vor dem hiesigen Schwurgericht währenden Prozeß des bayc- rischen Militärministers Schneppenhorst gegen den verani» wortlichen Schriftleiter derNeuen Zeitung", Friedrich N u t t< wegen Beleidigung wurde heute folgendes Urteil gefällt: Die Geschworenen bejahen folgende Schuldftagen: Der An- geklagte ist schuldig, einen-Beamten in bezug auf seinen Beruf beleidigt zu haben und zweitens: in bezug auf eine» anderen und zwar in bezug auf seinen Beruf Tatsachen behauptet und verbreitet zu haben, die nicht nachweislich wahr und ge» eignet sind, ihn verächtlich zu machen und in der öffentlichen Meinung herabzusetzen. Das Urteil lautete auf 8 6 9 Mark Geldstrafe. Die Veröffentlickung des Urteils erfolgt in der Neuen Zeitung" und imKampf".

keine Entschulöungszulage an Seamte. Berlin , 9. Juli. W.T.B. Die.B.Z.' am Mittag' vom 9. d. M. verbreitet eine Mitteilung, in der eS heißt, daß den Beamten im September eine erneute Entschuldungszulage bewilligt werden solle. Diese Mitteilung widerspricht, wie von zuständiger Seite mitgeteilt wird, den Tatsachen. Die preußische StaatSregierung hat wiederbolt erklärt, daß sie eine erhebliche und nachhaltige Verbilligung�der Lebens- mittel und Bedarfsgegenstände durch wirksame Maß­nahmen und Aufwendungen großer Mittel durlbzinetzen bemüht ist. Dieser Politik hat sich die Reichsregierung angeschlossen. Auch in der Beamtenschaft wird ihre Richtigkeit und Zweckmäßigkeit nicht bestritten.

Hegtza eluea Eisenbahaerstreik in Sraimschweiz. Eine Kundgebung. Braunschweig , 19. Juli. Eine gestern abend hier abgehalten« .Sisenbahnerversammlung, die von Beamten und anderen Eisenbahnern zahlreich besucht war, erklärte sich fast einstimmig gegen einen von linksradikalen Werkstättenarbertern geforderten neuen Eisenbahnerstreik. Falls«S doch zu einem solchen in Braunschweig kommen sollte, werden die Angestellten ihren Dienst weiter versehen und mti aller Kraft den Per» sonen» und Güterverkehr fortsetzen.

sondern sin will auch neue Arbeltsgelegenheii schaffen. Eine chemische Fabrik wiß z. B. ihren Betrieb erweitern,- sie wird dann eine gewisse Anzahl Arbeitsloser einstellen können. Tie Erwerbslosenfürsorge ermöglicht die BetriebSerweitcrung durch Gewährung von Zuschüssen. Auf Einzelheiten soll hier nicht weiter eingegangen werden. Ueberall der leitende Gedanke: den Millionenauf. wand der Erwerostosenftirforge es Handeft sich um die kostbaren Nffffonen eines verarmten Volkes zum Segen zu kehren: dieselben Summen, die morgen als Almofen per» schleudert werden müssen, oder auch nur einen Teil von ihnen weitblickend so anzulegen, daß sie wirtschaftlich und sittlich Gewinn bringen. Die Aufgabe ist so groß und so lohnend, daß bei vernünf- tiger Abwägung alle Bedenken an denen es freilich nicht fehlt, gegenüber den Vorteilen federleicht wiegen und daß die Wege zur Ueberwindung der Schwierigkeiten gefunden «erden müssen. Immer wieder wird der Einwand hervor- gekehrt, man zahle damit den Unternehmern die Löhne und fördere die Lohndrückerei. Selbstverständlich soll aber in jedem Falle geprüft werden, ob der Unternehmer nicht selbst die Kosten der vollen Entlohnung tragen kann, und kein Unternehmer wird sich mit Erfolg darauf berufen können. daß einem anderen Zuschüsse gewährt worden seien, die ihm versagt werden; denn nicht die Förderung des Unternehmers, sondern ausschließlich die Unterbringung der Erwerbslosen da, wo es nötig und möglich erscheint, ist der leitende Ge- sichtspunkt der produktiven Erwerbslosenfürforge. Wenn dann einmal ein Arbeitgeber aus den Maßnahmen der pro- duktiven Erwerbslosenfürsorge Gewinn zieht, so ist das eine ebenso unbeachtliche Nebenwirkung, wie es für den Arzt, der einem Totkranken eine Medizin verschreibt, unbeachtlich ist, daß der Apotheker hierdurch Geld verdient. Auch derHauptausschuß der Erwerbslosen­fürforge Groß-Berlin hat sich unter Billigung von Sachverständigen aus allen Wirtschaftsgebieten dem Ge- danken der produktiven Erwerbslosenfürforge angeschlossen und bei der Reichsvegierung die Genehmigung nachgesucht, zunächst zwei Millionen Mark für produktive Zwecke aus Mitteln der.Erwerbslosenfürsorae verwenden zu dürfen. Er hat beretts eine Spezialkommission zur Prüfung und Ent- scheidung der praktischen Fälle dieser Art eingesetzt. Ja, er hat sogar schon in einem Einzelfalle für hundert Berliner Arbeiterinnen, die nach auswärts vermittelt waren, auf die Tauer von drei Monaten einen Lohnzuschuß von zehn Pfen- nigen für die Arbeitsstunde bewilligt, weil die Arbeiterinnen sonst wieder auf unabsehbare Zeit erwerbslos geworden wären. Seid«? hat das ReichsarbeitSministerium bisher unter .Hinweis a»ff die geltende Rechtslage in offenbarer Berken- nung der Bedeutung der Frage alle Anträge dieser Art rund- lveg abgelehnt. Möge wenigstens die bevorstehende Novelle zur Reichs- Verordnung über Erwerbslosenfürsorge die allgemeine gesetz- liche Ermächtigung für die Gemeinden bringen, soweit als irgend angängig produktive Erwerbslosenfürforge zu treiben.

Der Triumph üer»Ireiheit�. Fortgesetzt triumphiert dieFreiheit" über den noch gar nicht erfolgten Rücktritt Wi s s el l s, den sie als einen Sieg des Kapitalismus auslegt. Sie verschweigt dabei, daß sie selbst Wisiells Ideen bekämpft hat. ohne Woge anzugeben, auf denen man unter Wahrung der Demokratie zu einem sozia- listtschen Wirtschaftsprogramm gelangen soll. Sie beruft sich auf die Arbeit der Sozialisierungskvmmission, die bekanntlich nur deswegen aus dem Amt geschieden ist, weil sie sich Befug- nisse augemaßt hat, die als Akte der Ncbenregierung ange­sehen werden mußten. Die Unabhängigen haben ja gut reden. Ihnen kam es nicht daraus an, die Diktatur des Prole- tariats zu einem Zeitpunkt zu fordern und zu unterstützen, wo die Einführung einer Minderheitsregierung einen Frieden unmöglich gemacht und die Versorgung des Volkes auf Jahre hinaus gefährdet hätte. Wenn sie jetzt noch beflissen sind, Wissell und seinen Mitarbeiter v. Moellendorff den Vor- wurf des Merkantilismus zu machen, weil diese in der Selb-

Straßenreöner. , Bon Emil Petrich. Die meisten Menschen haben ihren Beruf verfehlt. Wer es nicht glaubt? Nach dem 9. November konnte ein jeder beobachten, daß die meisten Menschen Rhetoriker And. Nur eines fehlte dabei zumeist: zu einer guten Rede(mehr noch zu einer schlechten) gehört eine gute Akustik; und da des Himmels Bläue zu hoch bängt über unserm geweihten Häuptlein, als daß in diesem großen Raum das Gesetz der Akustik in Kraft treten könnte, so klaffl hier, bei allen unfern technischen und kulturpolitischen Errungenschaften, noch immer eine große Lücke... Doch wie dem auch sei, wir haben schon so genug des Guten, Oratorischen von. unfern Straßenrednern. Stentorstimmen. die ein ganzes Orchester verstummen lassen können, gibt- es noch übergenug trotz Unterernährung und Belagerungszustand. Alle Propheten der Vergangenheit erblassen in ihrem rednerischen Ruhm und können nicht an gegen unsere großen Kanonen der Gegenwart; all' ihre Worte, all' ihre Begabung ist Schall und Rauch, gemessen an den rednerischen Leistungen unserer Straßen- redner. Großer Plato , du bist ein Weisenknabe gegen deine GegenwarlSgenossen, ganz andere Verteidigungsreden wtrden heule gehalten, als wie du sie für Sokrates hieltest. Sprach Buddha und Jesu«, so erzitterten die Zweige der Oelbäume, standen still die tosenden Fluten der Meere und erwachten die Toten; reden aber unsere modernen Priester heute, so schmilzt der Asphalt, platzen die Fensterscheiben, fallen umer Umständen Granaten oder Minen vom vierten Stock durch bis zum Parterre, stöhnen und sterben Menschen.... Man maß in bewegten Tagen Studien treiben. Irgendwo trifft man immer einen debattierenden Knäuel Menschen an, der erregt, als wärS ein einziger Mann, gestenreicht und verzerrt, mit vielen Händen fuchtelt, schimpft und flucht: denn die ganze deutsche Welt ist fast ein Diskutierklub geworden. Ich sage: die deutsche Welt! Denn in den westlichen Demokratien liegt die Hand noch an der Hosennaht oder in bestimmten Ellenbogenaraden am Mützcnichirm, und in der östlichen Räterepublik wird erst recht nicht diskutiert. sondern im umgekehrten Sinne zaristisch dekretiert... Darum wollen wir uns und die Welt begeistern an unseren Freiheiten l Nur die Verworrenheit! Ich habe in einer Stunde zehn verschiedene Redner dozieren hören über zwanzig verschiedene Themata. Der Weg fängt ge- wihnlich bei der Nationalökonomie an führt auf holperigem Pflaster

über Literatur, Kunst, Wissenschaft, Lohn- und Fachfragen und ver­läuft sich im Sande trister MeinungSversöbiedenheiten und Recht­habereien. Und ein Webe dem, der eine abweichende Meinung be­kundet, die nicht in die Schablone der Fanatiker paßt l Es hat schwüle Stunden gegeben in den Straßen Berlins und zuckende Blitze haben die diskutierenden Menschenhaufen entzündet und zur Explosion gebracht. Den.Kampf der Geister" hat dann mancher Ahnungslose mit»schlagenden Beweisen' zu spüren be- kommen. Die Leidenschaft kann die feinsten Gefühle und die hehrsten Kräfte der Seele auslösen aber sie kann auch saugrob werden.... Alle politischen Parteien haben ihre meist vngerufen be- rufenen Apostel. Wohl in den wenigsten Fällen operieren diese Dilettanten im Auftrage einer Partei. Aber weil sich diese Redner selbstherrlich zur Partei erheben, kommt e», daß die konfusesten Sachen serviert werden. Nichts weiter als Stimmungen, Per« stimmungen, die Ruhepunkte suchen im SolidaritätSgefühl Gleich- gesinnter und deshalb so unduldsam wie nur möglich sind.... Hier kämpft ein.Unabhängiger' gegen einen.NoSkeanhänger", dort ein grimmer.Kommunist' gegen einen.Geldsackdemokraten'. Hie Scheidemann I Hie Rätesystem I Am seltensten treten nationa- listische Elemente auf, wenn, dann nur dort, wo sie ihrer Sache sicher sind. Leider ist das viele Reden kein Zeichen der Aufgeklärtheit, sondern der Aufgeregtheit des Volkes. ES sind GaSblasen, die brodelnd auS dem vulkanischen Kessel der Meinungen emporgueJQen. Wie dem auch sei: wir find nicht nur ein Boll der Denker und Dichter, sondern seit dem 9. November auch ein Volk der Redner geworden... Leider? Wer weiß eS i

Jugenöpflege oder Jugendfürsorge! Dringender als je steht vor im« die NotwMdigkeit, unsere Jugend in Bahnen, ihr und dem Staat gedeihlich, zu leiten. Die Kriegszeit hat auf die Seelen unserer Kinder und Augendlichen ver. heereno geioirki. Nicht nur die Jugendkriminalität ist erschreckend gestiegen, sondern auch die Zahl derjenigen vergehen, die durch die Justiz nicht faßbar sind, ist so groß, daß man schleunigst Mittel und Wege suchen muß, zu bessern, was noch zu bessern ist. Von der Tatsache ausgehend, daß die Gerichte nur eingreifen, wenn.das Kind schon in den Brunnen gefallen ist", fordert Dr. Hoffmcmn in einer kehr nüchternen und scharf beobachtende» Bio- schürePsychologie der straffälligen Jugend' für die Jugend da? Recht der Jugendpflege durch den Staat. Die Schrift(im Verlag der Rvßbergschen Buchhandlung in Leipzig erschienen, Preis 2,35 Mark) kommt»ach eingehenden psychologische» Betrachtungen zu dem

Schluß, daß nicht die Fürsorgecmstalt. die die Jugendlichen aus- nimmt, die sich emweder mit den Gesetzen in Konflikt gebracht haben oder offensichtlich an der äußersten Grenze der BesserungZ- Möglichkeit stehen, der Weg ist, die Gesamtheit unseres vernach- läfstgten Nachwuchses zu bessern. Der Weg ist eine weitgreifende. mit keinem verächtlichen Beigeschmack behaftete Jugendpflege. Der Staat soll für die schulentlassene Jugend Gelegenheit schassen, ihre freie Zell in gesunden und befriedigenden Vergnügungen zu ver- bringen. Besonders für uneheliche Kinder soll da» Recht auf Er- ziehung und Jugendpflege in der kritischen Zeit von der Schul- eutlassung bis zum 29. Lebensjahre gesetzmäßig festgelegt werden. Die Forderung ist nur zu beArußen; bei der unumgänglichen Reform unseres R«his wird man sie berücksichtigen müssen.

Das Jubiläum einer wisfenschastlicheu Großtat. Dreihundert Jahre find dahingegangen, seit»ine umwälzende Entdeckung der Erkenntnis des menschlichen Körperbaues ganz neue Bahnen wies: seit William Harvey den Blutumlauf in dem lebenden tierischen Körper nachwies. Der englisch « Arzt, der da­durch der Begründer der modernen Physiologie wurde, war im Jahre 1613 zum Lehrer der Anatomie und Chirurgie bei dem Lon- ner College of physicians gewählt worden, und hier trug er im Jahre 1619 zum erstenmal feine Entdeckung vor. dj« das größre Aufsehen erregte. Harvey ist der erste gewesen, der den systematisch durchgeführten physiologischen Veisuch bei der Erforschung der Lebenstäligkeilen zur Anwendung bracht«. Nachdem er durch wiederHolle Versuche da? so einlach« und doch bis dahin wunderlich verkannte Gesetz des Bluttreislaufes seftgeslellk hatte, trug er die neue Lehre seit 1619 zuerst nur in seinen Borleiungen vor, zögerte aber mit der Veröffentlichung, weil er voraussah, daß er deswegen heftigen Angriffen ausgesetzt sein würde. Erst neun Jahre, nachdem er zum erstenmal seine Sätze öffentlich vorgetragen halte, entschloß er sich auf die dringenden Zureden seiner Freunde zur Veröffentlichung,»damit jedermann sich ein Urteil darüber bilden könne'. In den einleitenden Worren des 8. Kapitels dieses Werke? spricht er sich über das Wagnis dieser Mitteilung so aus: ,WaS ich aber jetzt zu sagen habe, ist etwa? so Neues und Unerhörtes, daß ich nicht nur befürchte. eS könne mir daraus durch einige Bosheit eiwaS UebleS erwachsen, sondern auch die Sorg«, mir dadurch alle Menschen zu Feinden zu machen. Sei eS, wie es will s Der Würfel ist gefallen! Meine Hoffnung steht auf der redlichen Gesinnung der Freunde der Wahrheit und der denken- den Gelehrten.' Harvey batte richtig geahnt. Sobald sein Werk i» den Händen der Fachgenossen war, wurden wüste Angriffe gegen ihn erboben und er.Marklschreier oder Ouack'alber" beschimpft. Diese Erleb- nisse machten einen so großen Eindruck auf ihn, daß er seine «eiteren grundlegenden Arbeiten über die Entwicklung der Tiere