Nr.454.36.Jahrg.
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Sozialdemotrat Berlin".
Abend- Ausgabe.
Vorwärts
Berliner Volksblatt.
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Freitag, den 5. September 1919.
Wilsons Völkerbundreise.
Der Kampf um den Friedensvertrag.
Präsident Wilson hat am Donnerstag in Columbia gebe, wolle es Fiume aus strategischen nd militäim Staate Ohio seine erste Rede über den Völkerbund rischen Erwägungen heraus doch haben. Falls aber gehalten. Er erklärte, daß er beabsichtige, das Land zu be- der Völkerbund zustande komme, dann brauche es diesen fuchen und überall über die Pariser Verhandlungen und den Stüßpunkt nicht. Standpunkt, den er dort für Amerika vertreten habe, Bericht zu erstatten. Etwa 4000 Menschen wohnten seinem Vortrag bei. Der Präsident führte in seiner Rede, die wiederholt von Beifall unterbrochen war, aus: Das Abkommen mit Deutschland beabsichtige zwar Deutschland zu strafen, aber niemals habe die Absicht bestanden, ein großes Volf endgültig zu unterdrücken oder zu zermalmen. Man habe fich auch in seinen Forderungen nach Schadenersatz Beschränkungen auferlegt. Diese Entschädigungen seien nicht größer als Deutschland zu zahlen imstande wäre. Wilson erflärte, er wundere sich über verschiedene Behauptungen bezüglich des Abkommens, die einen vollständigen Mangel an Verständnis für die Bedeutung des Vertrages beweisen.
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Novemberfozialisten.
Jm November 1918 fonnte man das erheiternde Schauspiel genießen, daß die sogenannten Stüßen der alten Regierung im Freiheitssturm wie Holunderſtämmchen umfnickten. Viele hatten zwar dem alten System, dem sie viel Gutes verdankten, Treue bis in den Tod geschworen. Als es aber ihren Herren an den Kragen zu gehen schien, verfrochen sie sich nicht nur vor lauter Feigheit, sondern forderten durch ihre Gesinnungslumperei den Spott jedes anständigen Menschen heraus.
Der Haager„ Nieuwe Courant" meldet aus Washington , Hätten sie den Zusammenbruch der Staatsform, die sie daß der demokratische Führer Kitchod im Senat den für die richtige hielten, bedauert; hätten sie die Umwälzung Kampf für die Ratifizierung des Friedensabkommens als ein Unglück bezeichnet oder gar bekämpft, so würden die eröffnet hat. Er sagte, daß sämtliche Aenderungsanträge a b.Sozialisten sie zwar als Feinde betrachtet, ihrem Mannesmut gelehnt werden müßten. Wenn der Aenderungsvorschlag und ihrer Ueberzeugungstreue aber die Anerkennung nicht bezüglich des Schantung paragraphen beispielsweise versagt haben. Wer aber am 9. November verbrannte, was angenommen würde, würde Wilson sich weigern, in der er bisher angebetet hatte, und das anzubeten sich anschickte, Behandlung des Abkommens weiterzugehen oder diesen das er am liebsten verbrannt hätte, der ist ein Wicht; und Aenderungsantrag feinen Alliierten vorlegen. In diesem die Partei wird an ihm keine Freude erleben. Er hing sich Falle würde Japan unbedingt sich dem Friedensabkommen nur an die sozialdemokratischen Rodschöße, weil er ein Amt entziehen. oder ein Mandat zu erlangen hoffte. Sobald er sich aber in Der Völker bund wurde als Erfüllung des Ver= Präsident Wilson hat am Mittwoch seine Propa- feinen Erwartungen enttäuscht findet, und wenn ein anderer sprechens, das die Vereinigten Staaten abgaben, gebildet, gandareise für den Bölferbund angetreten. Er Wind zu blasen beginnt, dann fällt er wie eine wurmstichige weil sie sich in den Kampf stürzten, um den Kriegein für reist in einem Extrazuge und wird von 30 Journalisten be- Pflaume ab. Verschiedene dieser Novembersozialisten find allemal aus der Welt zu schaffen. Wenn man den gleitet. In 27 Tagen wird er eine Reise von 10 000 Meilen bereits ins bürgerliche Lager zurückgekehrt oder versuchen, um Völkerbund nun nicht gründen wollte, so wäre dies einfach zurücklegen und während dieser Zeit, 30 Reden halten. Die dennoch, Revolutionsgewinne zu machen, bei den ein Wortbruch den Helden gegenüber, die auf dem Sanipagne ist gestern in Columbi im Staate Ohio er- Unabhängigen oder Spartakisten ihr Glück. Wir beneiden Schlachtfelde gefallen find. Wilson meinte noch, daß das öffnet worden und wird in Louisville im Staate Rentudy unsere Gegner von der äußersten Rinken um diesen WertVölkerbuudsabkommen die Ketten der Unterdrückung schließen. Man glaubt, daß Wilson in seinen Reden auch die zuwachs" nicht! zerbreche und den kleinen Nationen das Recht gebe, ein industrielle Lage der Vereinigten Staaten behandeln eigenes Leben zu leben. Das wäre der amerikanische Stand- wird. Von woblinformierter Seite wird darauf hingewiesen, punkt, den er in Paris bertreten habe. daß er diese Reise nicht unternommen haben würde, wenn die Italien z. B. habe der Konferenz einen Gegenvormerikanische Strise wirklich bedrohlich gewesen wäre, und daß schlag gemacht, in dem es Ansprüche auf Fiume erhob. anscheinend auch die Gefahr für einen allgemeinen Eisen- Lager, die sich bisher wenig mit Politik befaßt hatten, und Obwohl es dort nur wenige verstreute italienische Gebiete bahnerstreit vorläufig beseitigt ist.
Ministerpräsident und Arbeiterforderungen. Der deutsch - lettische Siedlungsvertrag. Aus mit au wird gemeldet: Die lettländische Regierung Ministerpräsident Friedrich erklärte einer Budapester Arbeiterdeputation, die Erfüllung der Wünsche der Arbeiter hinsichtlich in Riga , der lettländische Geschäftsträger in Berlin und die der Wiederaufnahme der Arbeitslosenunterstütung sei lettische Presse leugnen, daß am 29. Dezember 1918 in sehr schwer, denn alle Fabriken seien in Konkurs. Mit Aus- Riga zwischen dem deutschen Gesandten und der lettländinahme der staatlichen sei keine in Betrieb. Es sei kein Geld schen Regierung ein Vertrag geschlossen worden ist, demvorhanden. Die Banknotenpresse werde die Regierung aber zufolge die deutschen Kurland kämpfer das lettische Bürgernicht in Betrieb sezen. Boftsparkassengeld werde nur soviel gedruckt, recht und damit das Recht auf Siedlung erworben als Zehntausendkronennoten als Deckung einlaufen. Der Wunsch haben. Die Regierung, der Geschäftsträger und die Presse nach einer Lohnerhöhung sei eine äußerst schwierige Frage. Lettlands entstellen damit die Tatsachen. Der genannte Bertrag, der in Riga abgeschlossen wurde, lautet wörtlich: Riga , den 29. Dezember 1918. Vertrag
Der Ministerpräsident wies als Beispiel für die Lage der Fabrifen auf die Liptafsche Fabrik hin, deren Arbeiterrat während des Kommunismus 97 Millionen Schulden machte, um die Arbeiter dieser Fabrik zn beschäftigen. Es sei ein Arbeislosenfonds seitens des Ministeriums der öffentlichen Arbeiten geplant.
zwischen den Bevollmächtigten des Deutschen Reiches und der provisorischen lettländischen Regierung.
Hierfür seien jedoch 10 Millionen in gutem Geld notwendig, übrigens zeige die Arbeiterschaft keine große Neigung zur Teilnahme an öffentlichen Arbeiten. So seien bei einer Gelegenheit 4300 Arbeiter allen fremdstaatlichen Heeresangehörigen, die mindestens vier gesucht worden; es hätten sich jedoch insgesamt nnr 160 gemeldet. Hinsichtlich der Arbeitslosenunterstütung habe der Staat immer mehr getan, als er eigentlich hätte tun können.
Dhne die schwierige Wirtschaftslage Ungarns zu verfennen, darf man sich doch der Ansicht nicht verschließen, daß das erzreaktionäre Kabinett in Budapest und ins besondere der Ministerpräsident Friedrich zur Beurteilung fozialer Fragen nicht gerade geeignet erscheinen.
Streikzusammenbruch in Gesterreich. Wie Wiener Blätter melden, ist der Streit bei der Ost
1. Die provisorische lettländische Regierung erklärt sich bereit, Wochen im Verbande von Freiwilligen formationen beim Kampf: für die Befreiung des Gebietes des lettländischen Staates von den Bolschewiti tätig gewesen sind, auf ihren Antrag das volle Staatsbürgerrecht des lettischen Staates zu gewähren.
2. Die deutsch - baltischen Angehörigen des lettländischen Staates erhalten das Recht, in die reichsdeutschen Freiwilligenverbände einzutreten. Andererseits bestehen für die Dauer des Feldzuges teine Bedenken gegen Verwendung reichsdeutscher Offiziere und Unteroffiziere im Berbande der deutsch - lettischen Kompagnien der Landeswehr als Instrukteure.
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Nicht alle Novemberjozialisten aber sind solches Gesinnungsgeschmeiß, das sich auf den für sie auemechselbaren!- Boden der jeweiligen Verhältnisse stellt. In Scharen famen nach der Revolution solche ins sozialistische die von der Woge der revolutionären Begeisterung fortgerissen wurden. Auch sie nahm man mit gemischten Gefühlen auf, da man damals nicht wußte, ob man eine frisch entfachte Glut von Dauer oder nur ein Strohfeuer 10 Revolutionsmonaten hat sich gezeigt, wessen Herz dem bor sich hatte, das bald niedergebrannt sein würde. In den Steinichten glich( ,, Und es ging bald auf. Da aber die Sonne fam, verwelfete es, darum, daß es nicht Wurzel hatte"), und fam, verwelfete es, darum, daß es nicht Wurzel hatte"), und bei wem das sozialistische Wort- um abermals biblisch zu reden auf„ gut Land" gefallen war.
währt; und es besteht die Aussicht, daß er ein tüchtiger ParMancher dieser Novembersozialisten hat sich bisher beteigenoffe werden wird. Es stehen noch viele abseits. Vollständig spurlos sind wohl die Ereignisse seit dem November. 1918 an feinem vorübergegangen. Aber nicht wenige haben sich immer noch nicht dazu aufraffen können, dort Anschluß zu begehren, wohin sie gehören. Sie aufzusuchen, erst als Leser und Bezieher der Parteipresse zu gewinnen, dann aber zum Eintritt in die Partei zu besuchen, ist eine wesentliche Aufgabe der sozialdemokratischen Propaganda.
Dieses Werben von Person zu Person wird auch bei denen nicht Halt machen, von welchen man bestimmt weiß, daß sie im falschen Lager stehen. Mancher Berufsgenosse billigt das Treiben der U. S. P. oder K. P. D., der, er sich in einer Stunde augenblicklicher Verärgerung anschloß, nicht mehr. Er würde gern zur Mehrheitspartei zurüdkehren, wenn jemand das Anfinnen an ihn stellte. Umgefehrt gehört mancher im Herzen zu uns, hat sich aber immer noch nicht entschlossen, seinen äußerlichen Zusammenhang mit einer bürgerlichen Partei zu lösen. Auch bei solchen muß angeklopft werden. Den entscheidenden Schritt hätten diese 3. Das im Vertrage vom 7. Dezember den deutschen Balten zu Beute allerdings gleich nach der Revolution tun sollen. Vorgestandene Recht zur Bildung von sieben nationalen Kompagnien es sei nur an die Beamten erinnert! und zwei Batterien im Verbande der Landeswehr wird seitens der her war es vielen - einfach unmöglich, Sozialdemokrat zu sein. Sie wurden bahn, der Aspangbahn und der Südbahn beendet. provisorischen Regierung ausdrücklich garantiert, auch wenn§ 2 der bereits mit Mißtrauen behandelt, wenn sie nicht fonservativ beutich- baltischen Verbände führen sollte. Bei einer Erhöhung der waren, und gemaßregelt, wenn sie nach links neigten". So vorliegenden zur Bahl der lettischen Kompagnien der Landeswehr tritt eine ent- hat man den bekannten Mecklenburger Seminarlehrer sprechende Erhöhung der Zahl der deutschen Kompagnien ein. Sivkovich, weil er fortschrittlich organisiert war, 4. Die in Ausführung von§ 1 notwendigen Listen über Zu- das Leben unendlich schwer gemacht und schließlich erreicht, Die englischen Bergarbeiter für Nationalisierung. und Abgang von Freiwilligen werden der provisorischen Regierung daß er im fräftigen Mannesalter sein Amt niederlegte. Und Aus London wird gemeldet: Wie zu erwarten, haben die mindestens einmal wöchentlich überfandt. Es wird auf Grund dieser so hat mancher liberale oder freisinnige Beamte mindestens 150 Delegierten der Bergarbeitertonferenz mit Liſten zwischen den Bertragschließenden festgesetzt werden, welche ebenso viel Drangsalierungen- wenn nicht noch mehr- allen Stimmen den Beschluß der Berwaltung betreffend die deutschen Staatsangehörigen fich das Staatsbürgerrecht gemäߧ 1 ausstehen müssen, wie ein Arbeiter wegen seiner ZugehörigNationalisierung der Bergwerte angenommen. feit zur sozialdemokratischen Partei. Daß solche Leute im fortschrittlichen Lager nicht gegen links fämpften, sondern K. Ulmanis, Ministerpräsident. Fr. Paegel. J. Sanlita lediglich gegen rechts, liegt wohl auf der Hand. Sie Es ist zu bemerken, daß dieser Vertrag vom gegenstanden eben so weit links, als ihnen unter den alten VerImanis hältnissen gerade noch erlaubt war!
Es wurden keine besonderen Zugeständnisse gemacht, vielmehr brach der Streit zusammen, weil sich die Provinz ablehnend verhielt.
erworben haben.
Aus Washington wird gemeldet: Laut Nachrichten aus allen wärtigen Ministerpräsidenten Zeilen Ameritas find die Arbeiter nicht geneigt, die Bitte der unterzeichnet worden ist, der heute den moralischen Mut aufFabritanten, einen Burgfrieden zu schließen, zu erfüllen. bringt, diesen Vertrag zu brechen. um Wilson Gelegenheit zu geben, feine Bläne zur erab fegung der Preise durchzuführen. Fast überall haben die radikalen Elemente in den Arbeiterorganisationen die Führung.
Generalftreiz im Bariser Konfettiousgewerbe. Aus Paris wird gemeldet: Jm Ronfettionsgewerbe wurde ber Generalftreif proflamiert.
Die Flottenverfenkung. Freiherr v. Lersner überreichte Donnerstag nachmittag in Versailles eine Note, die eine Rechtfertigung des Admirals . Seuter bei der Berseutung ber beutschen Flotte in Scapa& low bezwedt,
Nun sind die Schranken gefallen, die den Weg ins sozialistische Lager versperrten. Soll man nun solche wadere Streiter für Recht und Freiheit, die im Herzen schon lange sozialistisch dachten, und deren Handeln ebenfalls fozialistisch war, mit dem Spottruf Novemberſozialisten" da.. für trafen, daß sie erst im November Mitglieder der fozialdemokratischen Partei werden durften? Ihr Los ist feineswegs so leicht, wie es sich viele vorstellen. Denn man cher Novemberfozialist wurde vor der Revolution von seines