r. 162 37.Jahrgang
3. Beilage des Vorwärts
Während sich der Umbau der sozialen und politischen Welt vollziek geschieht in aller Etille das gleiche auch in dem Reiche der Winschaften. Die mit tausend Sorgen beschäftigte Oeffentlichkeit hat ir wenig Gelegenheit und feine Zeit, diesen Prozeß in allen feine Einzelheiten, so anziehend sie auch sein mögen, zu verfolgen. Nur und zu dringt eine der Aeußerlichkeiten davon einem weiten Sveifgum Bewußtsein, so etwa wenn Prof. Einstein mit dem erstenissenschaftlichen Preise der Welt ausgezeichnet werden sollte ( tatfäcich fam es ja nicht dazu) oder eine Zeitungsnachricht die Runderm die Welt macht, daß die jüngste bedeutsamere Sonnen finstern ein von ihm prophezeites Phänomen wirklich beobachten fief. Die Menschen des praktischen Lebens merken wohl barous, daß etne grte Neuerung in wissenschaftlichen Dingen im Gange sei, hören ah das eine oder andere Schlagwort daraus trie Relativi tätslehre, Quantenhypothese, Revolution des physikalischen Weltbildes, as alles aber bleibt ohne Verständnis und Zusammen hang, dan kommt irgendeine Notwendigkeit ves Lebens und hinbert dara, sich selbit, auch bei dem glühendsten Interesse, aus den Bruchstüd diesen Zusammenhang zu erarbeiten.
Ich michte darum dieses werdende neue Weltbild hier auf eine ganz einfche und verständliche Formel bringen.
Aisgegangen ist, das alles von den Schwierigkeiten, die Tat fachen er leftrizitäts- und Lichtlehre in Ginklang mit den reche nerischer Grundlagen zu bringen. Zweifeln fonnte man an den Tatsache nicht, und kann es auch heute nicht, denn eine große Anzahl von Erfindungen beruhte auf ihnen. Daß wir mit Affumulatoren abeiten, elektrische Kraftfernleitungen haben, ohne Draht leitungen'elegraphieren und leht auch über die Meere telephonieren fönnen, dß man Bilder durch Elektrizität weiterleiten fann und jest schon ersuchsmodelle von sehenden Maschinen" hat, das alles beweist, da die Auffassung von den Lichts und elektrischen Wellen, auf denen iese Erfindungen beruhen, rechnerisch richtig sind. Diese Rechnungen aber widersprechen den Auffassungen von Geschwindig teit, Beweging und Zeit, mit denen die Physik, namentlich ihr Mechanik gerannter Teil sonst arbeitet.
Der Widrspruch ist so in die Augen springend, daß man nur die Wahl hat, en tweder die Elektrizitäts- und LichtTehre oderbie Mechanik für irrig zu erklären. Um die Sache bildich auszudrücken, iar die Sachlage etwa dermaßen: Nach der Mechanik tam bei einer bestimmten Rechnung heraus, das Licht brauche für einen gewissen Weg eine Minute. Nach der Glet trizitätslehre fan mit aller Bestimmtheit heraus, das Licht brauche für diesen Weg ine Minute und einen Bruchteil dazu. 1 der alten Physik war nach der neuen Physik nicht immer 1.
uns zu anzunehmen, daß eine Stunde nicht ein absolutes Zeitmaß sei, sondern z. B. auf der Sonne oder im Weltenraum, je nach dem Ort, an dem sich ein Geschehen vollzieht, andere Werbe habe. Er tat bies ausdrücklich mit dem Bewußtsein, sich nur eines mathematischen Hilfsmittels zu bedienen, um eben dadurch die aufgetretenen rechnerischen Widersprüche in Ginklang zu bringen.
Einstein machte nun aus dieser Hilfshypothese eine Theorie. Eo würde man sich in gelehrter Sprache ausdrüden. Auf deutsch und in der Sprache des wirklichen Lebens gejagt, vertraute er mehr dem praktischen Erfolg als dem Augenschein.
Er meinte, die au wirklich brauchba.en Erfindungen ummüngvare Rechnung habe mehr Anrecht als Wahrheit zu gelten, als die sehr willfürlichen Zurechilegungen der älteren Zeit. Darum warf er furg entschlossen die ganze alte Mechanit fort und behielt die Lorenzsche Anschauung als neue Mechanik".
Das ist seine Relativitätstheorie, die er 1905 aufstellte. Und feitdem versucht er, und eine wachsende Zahl von Physikern mit ihm, die Gesetze der Elektrizitätslehre auf alle Erscheinungen der Welt anzuwenden.
Das ist, auf die einfachste Form gebracht, dieses rätselhafte, tiel. besprochene Neue, das jeht die gelehrte und gebildete Welt in Aufregung verfekt.
Man muß gestehen, daß die neue Mechanik seit den 15 Jahren ihres Bestehens Erfolg gehabt hat. Immer mehr, Gebiete ergreift fie. immer mehr schwer deutbare Erscheinungen vermag sie zu er hellen, und es ist heute kein Zweifel, daß ihr der Sieg zufallen wird. Einstein verdient feinen Ruhm.
Nur wird dadurch die sehr ehrivürdige alte Physik auf den Kopf gestellt. Und dagegen wehrt sie sich natürlich. Das ist der Kantpf, der die wissenschaftliche Welt erschüttert.
Die Relativitätstheorie hat ungeheuerliche Konfequenzen für bas alltägliche Denken, die an allem zweifeln lassen, was zu den Gr fahrungen des Augenscheins gehört. Gleichzeitig Geschehendes wird durch sie als ungleichzeitig hingestellt, der Begriff des Raumes wird durch sie überhaupt aufgehoben wie letzten Endes auch der der Materie. Der Begriff der mathematischen Wahrheit wird in Frage gestellt.
Gilfertige Federn Halb- und ganzpopulärer Wissenschaft, die wie die Trommler den Regimentern auch dem Heereszug der Wissenschaftler vorauslaufen, verfünden bereits die umfassendste Umwälzung des Menschengeistes, seitdem er zum erstenmal seine kühnen Fragen des Wie und des Warum in den dunklen Himmel hinausschrie.
Aber ich glaube, es ist keine Ursache zu diesen Erregungen. Was sich ereignet hat, ist nichts weiter, als daß endlich einmal philosophisches, d. 5. allgemeines und weltumfassendes Denken in eine Spezialwissenschaft, diesmal in die Physik eingebrochen ist. Das ist der ganzen Umwälzung tiefere Ursache.
Sonntag, 28. März 1920
solches zu sagen? Wir haben da nur die grobe alltägliche Sinnenerfahrung berallgemeinert. Ohne Recht, auch bloßer Willfür, auf guten Glauben hin. Trotzdem schon ein klein wenig Besinnlichkeit uns darauf aufmerksam machte, wie sehr einem die Welt anders bortommt, wenn man sie von einem anderen Standpunkt aus betrachtet.
Es war, gelinbe gesagt, eine Unbebachtsamkeit, zu glauben, daß unser fleiner subjektiver Menschenstandpunkt der absolut gültige fei. Es lag doch gar keine Notwendigkeit vor, das anzunehmen, und die großen Denker der Menschheit haben vor dieser etwas findlichen Verwechslung des Jch- und des Weltstandpunktes schon immer gewarnt.
Aber die Welt hatte sich so entwidelt, daß, wenn einer Physiler war, er vor lauter Rechnungen und Experimenten gar keine Zeit fand, fich auch in der Gedankenwelt der großen Denker umzusehen. Es gab so viele Einzelheiten zu lernen, daß man in der Welt der Fachmenschen vor Bäumen den Wald nicht, und noch weniger das Land und die Erde sah, zu denen der Wald gehörte. Jn feber Wissenschaft arbeitete man abgefchloffen als ungemein vielwissender Spezialist für sich und tut es noch und oft hört man mit Stolz aus gelehrtem Munde: das geht mich nichts an, ich werde mich hüten, in eine fremde Wissenschaft hineinzureden....
Und so tommt es, daß nach und nach jede Wissenschaft sich zu denselben Einsichten durcharbeitet und es für etwas grundlegend Neues hält, was der Nachbar schon weiß.
Die Physiker haben seit 1905 entdeckt, daß des Menschen Er fenntnisfähigkeit nur einen Standpunktwert habe. Das wissen, mit Verlaub, die Philofophen eigentlich schon seit bem vor zwei Jahre taufenden verstorbenen Brotagoras, der die Sache in die ein fachen Worte fleidete: Der Mensch ist das Maß aller Dinge. Und feitdem haben das viele Denker immer wieder in andere Ausdrucks formen gegossen.
Mit anderen Worten: die Phyfiler denken jezt philosophisch und schaffen sich dadurch ein neues Weltbild.
Das ist, auf einen verständlichen Sag gebracht, die ganze 1 gebeure Revolution, die sich gegenwärtig in den Naturwissenschaften vollzieht. Das hindert natürlich nicht, daß fie unabsehbare Folgen haben kann. Es führt nämlich immer zu sehr wertvollen Dingen, wenn einer nicht nur arbeitet, sondern auch denkt.
Dem Denker ist die neue Mechanik mit ihrer Lativität und neuen Auffassung von Lichtatomen" und Naumzeit nichts Neues, sondern etwas längst Erwartetes. Er erwartet sich sogar noch etwas ganz anderes. Groß aufgerichtet und von dem Zauberlicht der Zukunft wie von einer Morgenröte übergossen, steht vor ihm die Notwendigkeit, daß alle Wissenschaften, also nicht nur die der Natur, sondern auch die des Geistes, daß seine gesamte Erkenntnisfähigkeit in eine gemeinsame Einsicht mündet. Das ganze Weltbild find nur seine eigenen auseinandergelegten, mit einander in Beziehung gesezten Eigenschaften. Er schafft mit seinem Erleben, feinen Sinnen alle Objette; was er nicht merft, ist nicht, und was er Geseze nennt, daß hat sein Erleben zuerst felbft in das„ Sein" gebracht. Auf dieſes Biel steuern sichtbarlich von allen Richtungen her
Man überlege doch nur ein wenig. Worauf war denn die Was kann nan in einem solchen Fall tun? Der Holländer ältere Physik aufgebaut, bei deren Zeichenbegängnis nun die LeidH. A. Porent, einer der Führer der physikalischen Wissenschaft, tragenden ihre empfindsamen Chöre singen? Auf dem Glauben, tat das einzige, mis übrig blieb. Damit die elektrischen und opti- daß der Augenschein nicht trüge. Daß, was greifbar sei, auch stoffschen Gesetze stimnen, änderte er die Gültigkeit der mechanischen Ticher Natur sei, daß, wenn wir ein Band heute an einem Meterftab alle Wissenschaftserkenntnisse, aber es wird natürlich wieder wie Gesetze, im besonderen die Zeit uno Längenbestimmungen. Gr abmessen. dieses Band zu allen Zeiten und überall im Weltenraum eine neue große Entdedung wirken, wenn derjenige, der das zuerst klar führte den Begriff der Raumzeit ein. Das heißt, er mutetel als ein Meter anerkannt werden müsse. Wer gab uns das Recht, lertennt und ausspricht, seine ersten Jünger gefunden haben wird.
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