Str. 345 37.Jahrgang Ausgabe B Nr. 35
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Sonnabend, den 10. Juli 1920
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Abbruch der Konferenz von Spa?
Das unmögliche Kohlen- Ultimatum.
Ueber die Ereignisse, die sich im Laufe des heutigen Vor. Dieser Hinweis zeigt deutlich, wohin die Reife geht.
mittags in Spa abgeſpielt haben, liegen zur Stunde noch Je schärfer die Entente bie Schraube des Friedensvertrag Die Notlage der Studenten.
feine Meldungen vor. Es ist jedoch kaum anzunehmen, daß die heutige Sigung zu einer Verständigung geführt hat. Die deutsche Vertretung ist der Ueberzeugung, daß sie durch das Kohlenultimatum Millerands in eine ganz unmögliche Situation versetzt worden sei, daß sie diefes Ulti matum nicht annehmen könne, ohne damit das deutsche Wirtschaftsleben vollständig preiszugeben.
Es ist unter diesen Umständen mit der Möglichkeit zu rechnen, daß die Verhandlungen in Spa heute abge brochen werden, und daß die deutsche Delegation noch
Der Eindruck der Kohlenforderung. Amsterdam , 10. Juli. ( TU) Der Berichterstatter des Allgemeen Handelsblad" in Spa schreibt unter dem 9. Juli: Der Eindruck, den die Haltung der Entente in der Kohlenfrage auf die deutschen Vertreter und die deutschen Kohlenfachverständigen gemacht hat, ist, wie ich vernehme, womöglich noch nieder schmetternder als der des militärischen ultimatum 8. Die deutschen Sachverständigen, beson ders Hugo Stinnes , find im höchsten Grabe entrüstet, und Stinnes hat bereits erklärt, daß Deutschland diese For derungen unmöglich erfüllen könne.
Spa, 10. Juli. ( Meldung des Hollandsch Nieuws Bureau.) Es herrschte gestern abend bei den Deutschen eine jehr nervöse Stimmung. Man war sehr enttäuscht über die Tatsache, daß man nicht mit ihnen unterhandelte, jondern, daß alles bereits festgesetzt und ihnen nur aur Unterschrift borgelegt wurde. Man hatte erwartet, daß die Beschlüsse nicht gefaßt werden würden, ohne daß eine ge: meiniame Beratung vorangegangen sei. Auf der Sonferenz waren viele deutsche Sachverständige anwesend, wie Stinnes , Hue, Vieper usw. Sie hatten abe: feine Gelegenheit, ihre Ansicht vorzubringen. Der Wider stand der Deutschen gegen diese Art der Behandlung wird allmählich stärker.
Baris, 10. Juli. In der Frage der Kohlenlieferungen herrscht unter den A14iierten, wie ein Savas - Telegramm befagt, ebenso volle Hebereinstimmung wie in der Entwaffnungsfrage, was in der Ankündigung von Repreffalien als gemein. fame Entschließung zum Ausdrud kam.
Das Entwaffnungsprotokoll. Spa, 10. Juli. ( Meldung des Hollandsch Nieuwsbureau.) Das Protokoll bezüglich der Entwaffnung wurde lediglich von Fehrenbach und Simons unterschrieben, nicht aber von Geßler.
Aus studentischen Kreisen wird uns geschrieben:
anzieht, desto sicherer muß ein Stück des Arbeiterschutzes und der Sozialpolitik nach dem anderen zum Teufel gehen. Man Während das deutsche Proletariat mit unerhörter Vehemeng kann die Frage aufwerfen, was dann die Bestimmungen über um seine politische und wirtschaftliche Emanzipation kämpft, den internationalen Arbeiterschutz im Friedens- um feine politische und wirtschaftliche Emanzipation kämpft, vertrag zu bedeuten haben und mozu das Internationale geht in der deutschen Studentenschaft ein Prozeß vor sich, der dem kämpfenden Proletariat über kurz oder lang Arbeitsamt unter der Leitung von Albert Thomas da ist. mit Notwendigkeit neue natürliche Verbündete zuführen wird, Die Antwort lautet, daß diese Bestimmungen und diese Ein- die Proletarisierung der der Studentenschaft richtung genau dieselbe Bedeutung haben wie der Völfer- nämlich. Es bedurfte kaum noch der vor einigen Tagen abbund, daß fie bloß einen mißglückten Versuch darstellen, den gehaltenen Kundgebung, um die Oeffentlichkeit über die unbrutal militaristischen und kapitalistischen Charakter der geheure Notlage, in der sich die deutschen Studenten Ententepolitik zu verhüllen.
befinden, aufzuklären.
Auch in der Kohlenfrage wie in der Entwaffnungsfrage Diese Notlage entspringt einer zwiefachen Wurzel: sie ist hat sich England, soweit man bisher sieht, ganz zum Boll- seelischer wie körperlicher Natur. Die Verschärfung des wirtftreder der französischen Wünsche gemacht. Soweit man bis- schaftlichen Kampfes ums Dasein, die Erschwerung des Beschaffens her sieht, findet man auf der ganzen Konferenz von Spa der materiellen Lebensnotwendigkeiten, die unablässige TeucFrankreich führend, England auf jede eigene Politik rung der Anschaffungskosten für Bücher, der Vorlesungsgelder berzichtend. Man staunt über diese Entsagung Englands u. a. m. haben in der deutschen Studentenschaft eine unfagund fragt sich, was wohl als Frankreichs Gegenleistung bare Notlage geschaffen. Hierzu kommt die seelische Not, die ausbedungen fein möge aber Geheimverträge sind ja durch durch 42 Jahre Weltkrieg und die nunmehr 1½ Jahre die Bölkerbundsatte berboten! Revolution bedingt und verschärft wurde. Die Krise begann schleichend, ihr Verlauf gibt zu größten Besorgnissen Anlaß, und ein schlimmer Ausgang des Prozesses ist zu befürchten, wenn nicht dem töflichen Verlauf in letzter Stunde ein Damm entgegengestellt wird.
Es
Millerand, als Anwalt gegen Deutschland . Spa, 10. Juli. ( T. U.) Die Besprechung der Kohlenfrage Bon verschiedenen Seiten hat man in der letzten Zeit. begann mit einer ausführlichen Darlegung des Staatssekretärs Bergmann, der die Gründe für die Rückständigkeit der deutschen der großen Not unserer jungen Afddemiker wirisam zu beRieferungen gegenüber den von der Wiedergutmachungstommiffion gegnen gesucht. Es sei hier an die großzügige Quäferfestgesetzten 3iffern auseinandersetzte. Als solche Gründe wurden peisung sowie an manche Maßnahmie seitens der Reinnere Unruhen, Streits, Hochwasser des Rheins u. a. angeführt. gierung erinnert. Der Kernpunkt der Sache aber fann Bergmann stellte feft, daß seit April die abgelieferten Stohlen- nicht getroffen und das Problem nicht gelöst werden, wenn mengen dauernd gestiegen sind und im Mai eine Steigerung man nicht dem Uebel an seiner eigentlichen Quelle entgegenbon etwa 40 000 Tonnen gegenüber dem Vormonat erreicht haben. zutreten versucht. Man sollte annehmen, daß die gemeinsame Not ArDeutschland wünsche ein vernünftiges Abkommen mit den Alliierten zu schließen, jei aber barin von der regelmäßigen Riefe. beiter und Studenten einander näher bringe. Man tommt leicht in Versuchung, an die Vorbilder aus der rung der oberschlesischen Sohle abhängig. Auf diese Darlegungen Bergmanns erwiderte Millerand, der europäischen Geschichte zu denken, an das Heldenjahr 1848, Schulter auf in der Sohlenfrage als Sprecher der Entente auftritt, daß das von wo Studenten und Arbeiter Schulter an ben deutschen Delegierten gewünschte Abkommen im Versailler Ver- den Barrikaden den Freiheitsfampf tämpften, an die trag bereits bestehe, nach dessen Bestimmungen Deutschland ur- russische Revolution vom Jahre 1905, in der gleid)- fprünglich zur Lieferung von 39 Millionen Tonnen falls Proletarier und Intellektuelle gemeinsam die Freiheitsberpflichtet gewesen sei, die später von der Wiedergutmachungs- fahnen führten; und doch ist es irrig, aus diesen Vorbildern fommission auf 27 Millionen Tonnen herabgesetzt worden feien. Wie einer großen Vergangenheit Rückschlüsse auf die Gegenwart seien diese Verpflichtungen erfüllt worden? In dem von Berg- zu ziehen. Die Abneigung der Studenien richtet sich weniger gegen mann als günstig angeführten Monat April habe die Lieferung 800 000 Tonnen betragen, im Mai ungefähr 1 100 000 Tonnen, das den Arbeiter als solchen, als gegen seine parteipolitische, sei also etwa die Hälfte der vereinbarten Menge. Vom feine Klassenvertretung: die Sozialdemokratie. 15. Juni an habe die deutsche Regierung auf eigene Fauft die Liefe- ist nicht Aufgabe dieser Zeilen, irgendwelchen Agitations rungen auf 10 000 Tonnen täglich herabgesetzt. Der Vorwand, daß bedürfnissen zu dienen, und doch muß völlig leidenschaftslos, in dieser Zeit die oberschlesische Sohle nach Polen ge- sine ira et studio festgestellt werden: Die Stritit der rechtsliefert wurde, fei nicht stichhaltig, da durch erhöhte Produktion tat stehenden Studentenschaft an der Sozialdemokratie übersieg Schon in dem Schriftwechsel über das Friedensdiftat fächlich 165 000 Tonnen mehr erzielt worden seien als im Mai. in den letzten Jahres jedes auch gesteigerten Ansprüchen an von Versailles ist von den deutschen Sachverständigen nach Deutschland sei in günstigerer Lage als Frant gepaste Maß. Welche Erklärung ist nun für diese Erscheinung gewiesen worden, daß die Kohlenlieferungen, die die En- reich, denn seine Kohlendeckung betrage 79 b.. gegen 59 b.. zu finden? Es genügt nicht, von dem Radaupatriotismus, tente von Deutschland fordert, die deutschen Kräfte bei in Frankreich . Wenn Deutschland die Bestimmungen des Vertrages von Korpsstudentengewohnheiten, von Biertischmanieren usw. weitem übersteigen. Deutschland braucht Kohle, um seine genau erfülle, sei es mit 67 v. H. Deckung noch immer besser gestellt zu sprechen; denn gerade diese zweifellos vorhandenen als Frankreich . Dabei dürfe man nicht vergessen, daß die Ver- Symptome sollen ja erst ursächlich erklärt werden. Hierzu Bevölkerung im Winter vor dem Erfrieren zu schützen, pflichtungen Deutschlands auf der militärischen Notwendigkeit und bedarf es eines Einblicks in den typischen Verlauf der denn eine an Kälte dahinsterbende Bevölkerung fann nicht nur zu volkswirtschaftlichen Zweden erfolgte 3erstörung der Studentenlaufbahn. die Waren produzieren, die sie zum Zweck der Wiedergut Kohlenbergwerke Nordfranfreichs beruhen. Im alten Obrigkeitssta at war die Ablegung machung herstellen muß. Deutschland braucht Kohle, um Miller and betonte ferner, daß Deutschland in demselben mehrerer Gramina unerläßliche Vorbedingung für die feine Produktion in Gang zu halten, Rohlenmangel Augenblid, in dem es gegen seine Verpflichtungen verstoße, mit Einschlagung der sogenannten höheren" Laufbahn. Nicht bedeutet Arbeitslosigkeit, Produktionsunfähigkeit und damit seinen Nachbarn Lieferungsverträge abgeschlossen habe, und zwar die Befähigung war maßgebend, sondern fast auswieder Unfähigkeit zur Wiedergutmachung. Deutschland trotz des Einspruchs der Wiedergutmachungskommission. Angesichts schließlich der Prüfungsschein, der zwar von einem braucht schließlich Kohle, um sie gegen Lebensmittel biefer Tatsache hätten die Alliierten gemäß dem Vertrage beschlossen, bestandenen Examen fündete, durchaus nicht inmer aber obauszutauschen, denn der Ertrag seiner Ernte reicht die von ihnen festgesetzten Maßregeln bekanntzugeben. Mille- jektiven Ausdruck für das Maß des Wissens des Genicht, und Kohle ist sein wichtigster Ausfuhrartikel. rand verlas hierauf die bekannte Erklärung. Im prüften bot. So kam es, daß nur der Besit über die Anschluß an die Verlesung dieses Schriftstücks forderte Millerand Einnahme einer Stellung, nicht aber die Befähigung entdie deutsche Delegation auf, diese Erklärung, die von ihm ausdrück lich als Entscheidung bezeichnet wurde, zu unterschreiben. Minister Simons erwiderte, dies sei nicht möglich, da die Delegation erst eingehend mit den Sachverständigen beraten müsse, worauf vereinbart wurde, daß die Deutschen ihre Antwort heute vormittag um elf Uhr in einer neuen Sigung erteilen würden.
Die Kohlensklaverei.
Wenn eine internationale Rommission nach Berlin tommt, um über die geförderten Kohlenmengen zu verfügen und aus ihnen vorwegzunehmen, was Frankreich beansprucht, so wird dem deutschen Volke meniger Kohle bleiben, als es zur Aufrechterhaltung seiner Leistungsfähigkeit braucht, und fortschreitende Berelendung wird die Folge sein. Inwieweit es noch möglich ist. ihr durch steigende Kohlenförderung zu begegnen, steht dahin, sicher ist es nicht möglich, ohne daß neue gewaltige Forderungen an die Arbeitsleistung der Roblenarbeiter gestellt werden. Schon hat Herr Stinnes erklärt, daß man unter den beränderten Verhältnissen mit dem bisherigen Maß von Arbeitsstunden nicht auskommen werde
Millerands Rückkehr.
Paris , 10. Juli. Havas.) Miller and wird am 13. Juli nach Paris zurückkehren und dann einen Rabinettsrat abhalten.
schied. Darüber hinaus wurden bestimmte Stellen ausschließlich für Angehörige bestimmter Fakultäten vorbehalten, so die Bekleidung eines höheren politischen oder Verwaltungspostens für Juristen usw. Aus diesen Gründen ist es kaum allzu verwunderlich, wenn sich in der Studentenschaft nach und nach die Ueberzeugung von ihrer besonderen Mission, von ihrer Führerschaft am Volfe" Bahn brach.
Der Krieg riß viele Studenten aus der Fortsetzung ihrer Studien heraus, und die Revolution begann mit den Traditionen des Obrigkeitsstaates aufzuräumen. Diese beiden Punkte sind entscheidend für die neue Einstellung der Studentenschaft auf die sie umgebenden Probleme. Sie