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Nr. 297 ZS. �ahrgaag

2. Beilage des Vorwärts

Sonntag, 2S. Juni 1921

GroßGerMl das tzaus öer Zische. Konnten wir unlängst berichten, daß unser berühmter Zoologi - scher Garten trotz der unausbleiblichen Schädigung durch die Kriegszeit wieder ganz auf der Höhe steht, gilt dies in gleichem Maße von dem stattlichen Gebäude, das sich an seiner Südseite erhebt, dem Aquarium. Es ist eine verhältnismäßig junge Schöpfung, hat aber schnell seinen Vorläufer, das alte Berliner Aquarium Unter den Linden, überflügelt und erfreut sich bei Männern der Wissenschast der gleichen Beliebcheit wie bei den weiten Kreisen des Volkes. Der unterste Raum führt in das Tierleben des Meer- und Süßwassers. In hergebrachter Weise hat uns die Dalmatinische Küste besonders reich versorgt. Malerisch wirken die in den Bassins befindlichen Tuffsteingrotten und Wasserpflanzen. Für Pflanzen hält der Laie meist auch Seenelken und Seerosen und erfährt mit Staunen, daß die bunten, zierlichen, blumenarrigen Gebilde auf dem Meeresgrunde in Wahrheit Tiere find. Neben ihrer anmutigen Er- scheinung nehmen sich die Gestalten des Stechrochens, des Einsiedler» krebses und gar erst der Seespinne grausig aus. Zwischen großen Gesteinen bewegen sich die Riesensalomander aus Japan . Wer mit den noch lange nicht abgeschlossenen Forschungen nach dem Menschen der Tertiärzeit vertraut ist, findet es begreiflich, daß man einst die versteinerten Skelette solcher Tiere für Reste vonSintflutmenschen"' hielt Ihr Verwandter, der Schlammteufel aus Nordamerika , zeigt weit weniger menschenartige Formen. Zu anttken Mythenbildun- gen Anlaß gegeben hat das Seepferdchen mit dem Pferdetopfe und dem gewundenen Greifschwanze. Gefällige Erscheinungen sind At- tinien. Purpurrosen, Seemannsliebchen und zahlreiche Fischarten wie Goldstrichbrassen und Regenbogenforellen. Hummern und Spiegel- korpfen von erstaunlicher Größe erregen den Appetit mancher Be- schauer. Beim Katzenhai erwarten viele ungeheurliche Tiere, finden aber nur kleine, zierliche Exemplare, die frellich noch sehr jung sind und auf die Dauer groß und stark zu werden versprechen. Schon hier im untersten Räume treffen wir Schildkröten, so die unechte und die echte Karettschildkröte und gar erst die große Geierschildkröt«, die im Seewaffer unermüdlich hin und herrudert und aus ihrem raubvogelartigcm Kopfe unheimliche Blicke versendet. Aber die Hauptvertreter dieser Tierart finden sich eine Treppe höher im Terrarium. Unter dm dortigen Riesenschildkröten ist eine elesanten- artige, deren ganzer Bau an die Wunder der Vorzeit gemahnt. Andere Arten wie die Matamata tummeln sich im Wasser. Mit Vergnügen schauen wir junge im Aquarium geborene Schildkröten. die zeigen, daß auch dies Haus gleich dem Zoologischen Garten eine für die Fortpflanzung mancher Tiere günstige Stätte ist. Den Mittelpunkt des Ganzen bildet das mächtige Krokodilhau». In seiner Treibhaustemperatur gedeihen Palmen, Bananm, Gummi- bäume und andere tropisch« Gewächse in üppiger Fülle. Auf der Brücke mit dem Bambusgeländer stehend, sieht man dos bösartige Volk der Krokodile, Alligatoren und Gaviale träge im Wasser gelagert. zuweilen den Rachm weit geöffnet, daneben auch einige Schildkröten. Daß die Zahl der großen Panzerechsm, von denen einige«inen gewalttgen Wuchs aufweisen, noch immer über zwanzig beträgt, zeugt von der guten Pflege, auch in den Tagen de» Krieges und der Not. Noch eine Treppe höher kommen wir zu einem Institute, das den Berlinern lapge Zeit fremd war, dem Insektorium. Als es eingerichtet wurde, hörte man manchen verwundert fragen, was denn wohl in einem solchen viel zu sehen sei, dachte er doch bei Insekten nur dn einheimische Fliegen, Käfer, Schmetterlinge u. dgl. Tatsächlich ist denn auch an einheimischen Tieren gerade kein Man- gel. Besonder» die schöne Waldpartte mit dem auf einer kleinen Insel gelegenen Ameisenhaufen und den Nesselfaltern hat für den Naturfreund viel Anziehendes. Die Hauptsache aber bllden die Bio- logischen Erscheinungen aus fernen Landen. Das unter Eichenlaub hausende Wandelnde Blatt hält mancher erst für ein wirkliches Baumblatt, den spindeldürren Körper der Stabheuschrecke für einen kleinen Zweig. Im Heim des Maulbeerseidenspinners wird die Ge-

winnung der Seide veranschaulicht. Der Pillenkäser aus Aegypten erinnert an den Tierdienst der alten Bewohner des Niltales. Neuer- dings ist auch in der Insektenabteilung ein merkwürdiger,Wasser- kalb" genannter Sattenwurm ausgestellt, der wie ein dunkles Pferde- haar aussieht und sich in mannigfachen Windungen verschlingt. Diese Tere, über die im Mittelalter viel gefabell Wörden ist, machen ihre erste Entwicklung nach Art der Trichinen als mikroskopische Wesen in den Muskeln kleiner Wasserinsekten durch und warten, bis ihre

Achtung, Zunktionarinnen! Wichtige Soaferenz am Mittwoch, de« 29. d.M.: Kundgebung zum Jugendwohlfahrtsgesetz. Besonders bedeutsam für die Wohlfahrtsausschüsse. Städtberordneten. Bezirlsverordneten, Elternbeiräte lreaktionäre Gefahtvn Verzuge). Lokal wird am Dienstag unter Parteinachrichten bekanntgegeben.

Wirte von größeren geftessen wurden. In diesen verwandeln sie sich dann vollends und verlassen den Körper z. B. der größeren Wasser- käfer als vollentwickette Tiere. Und so finden wir noch zahlreiche, oft unbeachtete Lebewesen, die die Wunder der Natur in schönster Weise offenbaren. Berlin wird dankbar anerkennen, daß auch diese letzte Abteilung des hoch- interessanten Hauses unter so gründlicher wissenschaftlicher Fürsorge steht._ Annahme öe? Gaspreiserhohung. Fortsetzung der Beratungen im Haushaltsausschutz. Der Haushaltsausschuß der Stadtverordnetenversammlung setzte gestern seine Verhandlungen mit der Beratung des Zentralhaushalts fort. Stadtkämmerer Dr. K a r d i n g gab einen Ueberblick über die Voranschläge der Siedtungsbauten, der Straßenbahn und der Werke. In der Aussprache machte der Redner der unabhängigen Fraktion Mttteilungen über den Ersatz der Einnahmen bei einer Ab- lehnung der Erhöhung der Gas- und Strompreise. Der Kämmerer bezeichnete die Vorlage alz keine sachliche Hilfe. Die Steuern seien schon so stark angespannt, daß sie nicht weiter In Anspruch genomen werden könnten. Die Hausangestellten- steuer werde nur die Hälfte bringen: wann die Wohnungsluxussteuer in Kraft trete, sei noch ungewiß. Die empfohlenen Steuern würden vom Magistrat geprüft werden. Es bleibe nichts anderes übrig, als die Werktarifs zu erhöhen. Bon deuffchnati analer Seite wurden die unabhängigen Vorschläge als anfängerhoft und in der Luft schwebend bezeichnet und demgegenüber 8 Punkte als Boraus- fetzungen für die Durchführung des"Housholts lS21 und die Gefun- dung der städtischen Finanzen aufgestellt. Die s o z i a l d e w o- Fraktion bezeichnete die unabhängigen Vorschläge als u n a n- nehm bar, ebenso die Fraktion der Deutschen Volkspartei. In namentlicher Abstimmung wurde dann der vom Magistrat beantragten Erhöhung des Gaspreises von 1,3S ans 1,50 M. mit 15 gegen 10 Stimmen(Unabhängige und Kommunisten) zugestimmt. Die bürgerlichen Frakttonen behielten sich die endgültig« Stellung bei der Verabschiedung des Haushaltsplanes vor. Die abgeSnderte yausangestellkensteuer. Der O b e r p r S f i d e n t hat dem Magistrat mitgeteilt, daß der eingereichten Hausangestelltenstcuerordnung trotz zweifelloser Be- denken nach Miteilung der Fachminister unter Voraussetzung gewisser Aenderungen wenig st ens auf ein Jahr zugestimmt wer- den könne. Der Magistrat bittet die Stadtverordnetenversammlung in einer Vorlage mit Rücksicht auf die erwünschte Verabschiedung der Steuer vor den Stadtverordnetenfcrien von einer Ausschußberatung abzusehen und den abgeänderten Entwurf einstweilen anzunehmen. Steuerfrei ist nach der neuen Borlage da. Beschäftigen des ersten Hausangestellten unter gewissen Umständen(Verwandte, Haustöchter, Jugendliche, mehr als 10 Jahre in demselben Haushalt Beschäftigte oder wenn der Haushalt, in dem sich keine weiblichen Personen befinden, aus mehr als S Personen besteht oder sich mehr als 3 Kinder unter 14 Jahren im Haushalt befinden. Wenn die Hausftau fehlt, krank oder als Haushaltungsoorstand zugleich er- werbs- und berusstätig ist).

Teilweises Bestehenbleibe« des Tchlostlazaretts? Der Kampf um das Bestehenbleiben des Schloßlazaretts scheint tellweise zu einem Erfolg für die Kriegsbeschädigten geführt zu haben. Nach Mitteilung einer Korrespondenz, die wir im Augen- blick nicht nachprüfen können, hat das R e i ch s a r b e i t s m i n i- sterium angeordnet, daß diejenigen Kriegsbeschädigten, die noch des weiteren der orthopädischen Behandlung bedürfen, in das dem Schloß Charlottenburg nahe gelegene Berforgungskranken- Haus Thüringer Allee verlegt werden sollen, wo bisher nur eine Station für Kieferverletzte sich befand. Die o r t h o p ä d i- schen Einrichtungen im Schloß Charlottenburg , der Zander-Saal und die Werkstätten für künstliche Gliedmaßen bleiben be st eben und sollen von den im Lazarett Thüringer Allee untergebrachten Kranken weiter benutzt werden. Die übrigen Insassen des Lazaretts Schloß Charlottenburg sollen auf andere Berliner Versorgungskrankenhäuser verteflt werden. Der Abtransport dorthin soll im Einvernehmen mit den Kriegsbeschädig- tenorganisattonen erfolgen. Morast öer Sitiettlostgkeit. Dos Urteil in der Dahlemer stuppeleiafäre. Die drettägige Verhandlung, die die 4. Strafkammer des Land­gerichts III unter Ausschluß der Oeffentlichkeit gegen den sehr wohl- habenden ehemaligen Landwirt und späteren Amateurbildhauer Georg Ahrens zu führen hatte, ist gestern zu Ende gegangen. Wie sich aus dem öffentlich verkündeten Urteil ergab, hat die Ver- Handlung in einen Morast von Sittenlosigkeit und Frivolität hineingeführt. Der Angeklagte hatte, wie mitgeteilt, in der Fontanestraße 14 in Dahlem eineInternationaleKünstlergesellschaft" begründet, als derenDirektor" er fort und fort ungezählte junge Mädchen alsModelle" zu sich kommen ließ und mit denen er dann Dinge trieb, die ihn dem Gericht als Wollüstling erscheinen ließen, wie er fetten vorkommt. Er war wegen Anstiftung zur Kuppelei, Verführung einer Minderjährigen und Blutschande mtt seiner un> ehelichen Tochter angeklagt. Das Urteil besagte, daß seine Opfer von nicht einwandfreier Art gewesen, er aber zur Verpestung des moralischen Sumpfes in oft raffinierter Weife beigetragen und feine bedeutenden Mittel und Gaben dazu benutzt hat, um widerstrebende Mädchen seinen Lüsten gefügig zu machen. Sein Treiben hat viel- fach bei seinen Nachbarn, so besonders auf seinen Besitzungen in Stechow und Westerland , Aergernis erregt. Die Verteidiger hatten in allen zur Anklage stehenden Punkten die Freisprechung beantragt, der Staatsanwatt hatte die beiden ersten Punkte der Anklage fallen lassen, dagegen wegen Blutschande und. Notzucht 8 Jahre Zucht- Haus und 5 Jahre Ehrverlust beantragt. Das Gericht sprach den Angeklagten von der Anstiftung zur Kuppelei und der Verführung einer Minderjährigen frei und ver- urteilte ihn wegen versuchter Blutschande in drei Fällen zu 10 M o n a t en Zuchthaus , die in 1 Jahr 3 Monate Gefängnis um- gewandett wurden. Der Rnbel auf Reisen. Die Strafkammer des Landgerichts l hatte am Sonnabend als Berufungsinstanz darüber zu entscheiden, ob das Verbot, ohne G e ire h m i g u n g Münzen nach Deutschland einzu- führen, übertreten bzw. ob die für Uebertretung dieses Verbors von der ersten Instanz verhängte Geldstrafe und verfügte Beschlag- nähme der in Frage kommenden Münzen gerechtferttgt sei. Die An-" geklagten Obmann und R p ch m a n n hatten den Versuch unter- nommen, ein erhebliches Onantum von Silberrubeln wohlverpackt einzuführen. Der Wert der Münzen wurde auf etwa 70 000 M a r k geschätzt. Die Behörden erhiellen aber Wind von der Sache and beschlagnahmten die Rubel. Das Gericht erster Instanz ver- urteille die Angeklagten zu einer Geldstrafe von 5000 Mark und sprach die Beschlagnahme des Geldes aus. Vor der Berufung»- kammer machte ihr Verteidiger(Iusttzrat Chodziesner) gellend, daß die falsche Deklaration der Kisten nur zu dem Zweck gewählt wurde, im Hinblick auf die unsicheren Verhältnisse einen Diebstahl zu ver- hindern. Es sei den Angeklagten auch zu glauben, daß ihnen von dem am 15. März ISIS erlassenen Verbot nicht» bekannt war. Sollte das Gegenteil angenommen werden, so würde doch eine mildere Strafe und Aufhebung der Beschlagnahme gerechtferttgt erscheinen, da sie sonst völlig ruiniert würden. Der Staatsanwalt beantragte die Abweisung der Berufung. Der Gerichtshof setzte die Strafe für

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Die Rächer.

Roman von Hermann Wagner. Reisner warf die übrigen Angebote, die äußerlich v glänzender aufgemacht waren, wieder in die Tasche zurück, verloren an Interesse für ihn immer mehr, während der Br des Ehrhard Gutzeit seine Phantasie nach wie vor beschäftigt� Sein kaufmännischer Instinkt, der die Gelegenheit, die günstig war, witterte, war erwacht. Er war voller Ungeduld und Neugier. Als der Zug an der nächsten Station hielt, übergab Reisner dem«Schaffner eine Depesche zur Besorgung. Sie war an Ehrhard Gutzeit gerichtet und teilte diesem mit. er möge noch heute kurz nach sechs gewärtig fein, in Angelegenheit der Beteiligung an einem Geschäft Besuch zu erhalten. In Berlin angekommen, fuhr Reisner sogleich in das Hotel Atlantic und bestellte zunächst für vierzchn Tage für sich zwei Zimmer. Er wusch sich, zog sich um. etwas und nahm ein Auto nach dem Westen. Es war etwas nach sechs, als er vor einem der großen modernen Miethäufsr hielt, an dessen eichener Tür ein blank geputztes Messingschild Ehrhard Gutzeit. I. Stock, angebracht war. Auf sein Läuten öffnete ein Mädchen, da? auf fein Kommen schon vorbereitet schien, denn es führte ihn sogleich in den verschwenderisch eingerichteten Salon und bat ihn, ein wenig zu warten: die gnädige Frau werde in wenigen Augenblicken erscheinen. Ich möchte Herrn Gutzeit selbst sprechen," sagte Reisner enttäuscht,ist er nicht da? Doch im gleichen Moment tnst eine junge Dame ein, bei deren Anblick Reisner vor Ueberrafchung die Augen aufritz. Es schien ihm unmöglich, daß sie die Frau Eutzeits fein könne, der doch von sich geschneben hatte, daß er ein alter Mann fei. Sie war nicht schön, aber hübsch und raffiniert nach der neuesten Mode gekleidet. An ihrem Gang und an ihrem Lächeln war etwas, das sich anbot. Zugleich aber hatte sie die beherrschten Formen einer fast prüden Frau. Er stand auf, verbeugte sich und nannte seinen Namen. Sie streckte ihren rechten Arm aus. um Reisner zu be- deuten, seinen Platz zu behatten. Dabei glitt der halblange weite Aermel ihres rohseidenen Kleides zurück und entblößte einen winzigen Teil des schön und fest geformten Oberarmes. dessen weiche Weiße sich von der dunklen Farbe des Kleides

sinnlich abhob. Sie lächelte maskenhaft und sagte mit dunkler Stimme, in der etwas wie Verachtung kür ihren Mann ent- hatten schien:Mein Mann ist mit den Kindern spazieren gegangen. Er tut das jetzt alle Tage, da er so viel freie Zeit hat. Ihre Depesche kam in seine? Abwesenheit. Ich möchte Sie bitten, einstweilen mit mir vorlieb zu nehmen." Noch mehr als ihre Worte bat ihn der Ton ihrer Stimme, zu bleiben, desgleichen ihr kalt aufreizendes Lächeln, dasselbe. dem er schon einmal in seinem Leben erlegen war. Die Er- innerung daran erfüllte ihn mit Schrecken, aber zugleich mit kaltem Haß. Er fühlte, daß er ihm nie mehr erliegen würde. Und diese Gewißheit gab ihm heitere Sicherheit und innere Ruhe. Gern," antwortete er und freute sich, daß sein Spott so beherrscht war, daß sie ihn kaum verstehen konnte,nur weiß ich nicht, gnädige Frau, ob Ihnen da«, was mich zu Ihrem Gatten führt, bekannt ist." Sie seufzte, ließ sich in einem Sessel nieder und schlug wie in Gedanken ein Bein über das andere, so daß er ihre feinen Knöchel bewundern konnte, die ein Strumpf von taubengrauer Seide höchst vorteilhaft hervorhob.Freilich," sagte sie,wir rechnen sehr auf Sie. Sie sah hilflos und bekümmert drein, war aber doch kalt genug, diese ihre Hilflosigkeit auf das vor­teilhafteste zur Schau zu stellen. Er weidete sich an diesem Versuch, ihn zu sangen. Wieder dachte er an die Jahre, die binter ihm lagen, und wunderte sich, wie er damals hatte so schwach sein können.Ich müßte," sagte er,ehe ich mich in irgendeiner Richtung entschließe, natürlich erst einen genauen Einblick in die Verhältnisse Ihres Gatten bekommen." Es war, als überhöre sie, was er sagte, denn sie fragte unvermittell:Sind Sie verheiratet?" Er war nicht im mindesten überrascht, sondern ant- wartete trocken:Nein." Sie sind noch jung," sagte sie und musterte ihn eine Weile ganz offen, mit einer Miene, die ihm zeigte, daß er ihr gefiel. Wieder seufzte sie.Mein Mann ist alt," setzte sie dann nach einer Pause hinzu. Wie alt?" fragte er. Er wird fünfundfünfzig. Und ich? Wie alt schätzen Sie mich?" Dierundzwanzig," antwortete er aufs Geradewohl. Cechsundzwanzig," verbesserte sie ihn. ihm kokett zu- nickend und ihm mtt einem Blick dankend.

Sie sprang plötzlich auf, ging unruhig im Salon hin und her und begann, sich in ein Fieber hineinredend, un- vermittelt die Geschichte ihres materiellen Zusammenbruchs zu erzählen. Er hörte ihr aufmerksam zu und wog gleichmütig ab, was an ihren Worten Wahrhett und was Lüge sein könne. Aber er fand schließlich, daß sich wohl alles in Wirklichkeit so verhalten und zugetragen haben konnte, wie sie es er- zählte. Sie war Schauspielerin gewesen. Sängerin am Thea- ter des Westens, allerdings erst eine Anfängerin, doch hatte man schon begonnen, ihr größere Rollen zu geben. Da lernte sie Gutzeit kennen, der sich in sie verliebte, und der Himmel und Hölle in Bewegung setzte, um sie heiraten zu können. Er tat es auch, nachdem es ihm gelungen war, sich von seiner ersten Frau scheiden zu lassen. Damals brach das erste Unglück über das Geschäft herein, denn Gutzeit mußte nach erfolgter Scheidung seiner ersten Frau die von ihr in die Ehe eingebrachte Mitgift von dreihunderttausend Mark zurückzahlen und zwar, was das Unglück war, in bar. Immerhin, Gutzeit, der sich aus den Ansängen eines kleinen Möbelfabrikanten emporgearbeitet hatte und der für seine Person sparsam war. gelang es, der Lage Herr zu werden. Besonders nachdem er in der Person eines Herrn Goedecke, eines jungen Berliners, einen außerordentlich tatkräftigen und gewandten Geschäftsführer erhalten hatte, vergrößerte sich der Umsatz ständig. Aber nach einer kurzen scheinbaren Blüte trat jäh und unerwartet die Katastrophe ein. Goe- decke, der nach Rußland gereist war, um dort einen großen Einkauf in Hölzern abzuschließen, kehrte von dieser Reise nicht mehr zurück und es ergab sich, daß er dem Geschäft, dessen Führung ihm in dummer Vertrauensseligkeit über- lassen worden war, in jahrelangen Unterschleifen an vier- malhunderttausend Mark entzogen hatte. Das war vor drei Monaten geschehen. Die Lage war zwar noch immer ver- worren, soviel aber sicher, daß, wenn nicht ein kapitalkrästi- ger Helfer einsprang, das Geschäft verloren war. Ein großes Sägewerk an der Ostsee , bedeutende Holzlager und das Haus, in dem sie wohnten alles Objekte, die hoch belastet waren, so daß man die Zinsen, die sie fraßen, nicht mehr aufbringen konnte. würden um einen Spottpreis verschleudert werden. Und ihnen selbst bliebe nichts. Nichts... (Forts, folgt.)