Nr.382 38. Jahrgang
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Nr. 189
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Telegramm- Abreffe: Sozialdemokrat Berlia
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Montag, den 15. August 1921
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Die Stadtverordnetenwahlen, vor denen wir in Groß- Die furchtbare Notlage, in die Hungersnot und Seuchen aller Berlin stehen, haben für die Partei wie für die Bevölke- Art das russische Bolt gebracht haben, veranlaßten den 3nter- geht hervor, daß Uebersendung von Chinin, Afpirin, Salvarsan, Aus einem Schreiben des russischen Roten Kreuzes rung Groß- Berlins eine Bedeutung, die weit hinausgeht über nationalen Gewertschaftsbund( Siz Amsterdam ), Cardiaca Narcotica Sera und Gegenstände für den Laboratoriums die jeder anderen bisherigen Kommunalwahl. Diese Wahlen die angeschlossenen Landesorganisationen zu einer Ronferenz nach bedarf befonders wichtig tft und baß das russische Rote Kreuz bie verdienen daher die ernsteste Beachtung auch des Groß- Berliner Berlin einzuladen. Bezirkstages. weitestgehende Unterstüßung der ruffischen Regierung Die Konferenz fand am 13. umb 14. Auguft ftatt und war be- genießt. Es wird daher in erster Linie für die Uebersendung diefer Um zu einer richtigen Beurteilung der von der Partei bei fchickt von den gewerkschaftlichen Landeszentralen von Deutsch Meditamente Sorge getragen werden. Außerdem wird ein Sani diesen Wahlen einzuschlagenden Tattit zu gelangen, ift es erland, Frankreich , Holland , Belgien , Dänemart, tätsschiff mit Aerzten und Pflegepersonal abgehen. forderlich, furz rückschauend die Verhältnisse zu betrachten, die Schweden , Schweiz , Tschechoslowatet, Jugofla fich bei den letzten Wahlen am 20. Juni 1920 und seit dann wien und Bugemburg. Entschuldigt fehlten Bertretungen gabe meritas fein. Die Bersorgung mit Lebensmitteln wird vor allem die Aufa entwidelt haben. von England, Defterreich, Ungarn und Norwegen , beren Mandate zum Teil dem Bureau des Internationalen Gewertschaftsbundes Folgende übertragen worden waren.
Wir haben bei diefen Wahlen am 20. Juni 1920 ungünstig abgeschnitten. Daß es so tommen würde, war jedem Ein fichtigen von pornherein flar. Um das deutsche Bolt und die deutschen Arbeiter vor dem Absturz in den Abgrund zu retten, ist die SPD . nach dem Zusammenbruch des alten Regiments ohne Befinnen in die Bresche gesprungen und hat in der fürchterlichsten Situation, in der jemals ein Volf gestanden hat, die Verantwortung für die Führung der Regierungsgeschäfte übernommen.
Niemals war eine Partel vor schwierigere Aufgaben geftellt, niemals war es gleich unmöglich, auch nur einen Bruchteil der Hoffnungen und Erwartungen zu erfüllen, welche die Millionen ungefchulter Wähler
auf unsere Partei gesetzt hatten. Zu diesen durch den Verluft des Weltkrieges herbeigeführten Berhältnissen tam die hemmungslose, ungezügelte Agitation, mit der unsere Gegner von rechts und links nicht dem Strieg mit allem, was er im Gefolge hatte, sondern uns die Schuld am Elend des Volkes zuschrieben. Diese Agitation im Verein mit den bestehenden zwangsläufigen Verhältnissen zeitigten bei den Wahlen am 6. und 20. Juni für unsere Gegner Erfolge, und Hundert tausende von Wählern tehrten bei diesen Wahlen uns den Rüden und liefen den Bartelen zu, die ihnen mehr versprachen, als wir ehrlicherweise glaubten tun zu dürfen.
Gegenstand der Beratungen war ble außerordentlich gefährdete Bage weiter Kreise der Bevölkerung Rußlands , insonderheit der Arbeiter und Bauern und die Art, in welcher das internationale Proletariat, foweit es gewerkschaftlich organisiert ist, dem russischen Bolt zu Hilfe tommen tann. Daß letzteres zu geschehen habe, ob fchon die der Amsterdamer Internationale angeschlossenen Gewert schaften leit längerer Zeit fich ber
erbittertften Feindschaft der Mostaner Internationate
und ihrer Freunde in den übrigen Ländern zu erfreuen haben, barfiber bestand in ber Konferenz überhaupt feln Swelfel. Die der Amsterdamer Internationale angeschloffenen gewerkschaftlichen Landeszentralen find vom ersten Eintreffen der Hobsbotschaften aus Rußland vielmehr der Auffaffung gewesen, daß
dem ruffifchen Bolt aus rein menschlichen wie aus Gründen der Solidarität geholfen werden müffe.
m über bie Form, in der bles zu geschehen habe, wie auch über das Maß der Hilfe felbft bestanden Meinungsverschiedenheiten, die verständlich find, wenn man sich die Lage der europäischen Arbetter. schaft vergegenwärtigt.
leber die Dinge in Deutschland zu berichten, erlibrigt fic, ba fle allgemein bekannt find. Aber auch in den meisten anderen Län Durch folche Agitation gelang es insbesondere auch ber bern ist ble Lage der Arbeiter eine sehr prefäre. In Dänemart der damals noch geeinten USPD . am 20. Juni 1920 große und Schweben ist Scharen Berliner Arbeinter in ihr Lager herüberzuziehen und ein Drittel der gewerkschaftlich Organisierten arbeitslos, dadurch, daß diese Wahlen die Grundlage für den Aufbau und ein weiteres Drittel leiftet Kurzarbeit und die Bollbeschäftigten haben die Neuorganisation der- Berliner Stadtverwaltung bildeten, außerordentlich hohe Beiträge zu entrichten. Die Lage in den öft eine überragende Stellung in der Stadtverordnetenversammlichen Randstaaten ist berartig, daß ber Gebante, ruffische Kinder lung und im Magiftrat wie in den Bezirksversammlungen unb bort unterzubringen, faum verwirklicht werden fönnte. Aus Bett den Bezirksämtern zu erlangen. lamb finb an 30 000 Ellenbahnwaggons mit Maschinen nach Ruß land weggeführt worden, von denen erft 100 Waggons zurlidgebracht worden sind. Außerdem find während bes Strieges 700 000 Bettländer geflüchtet, die nun nach und nach zurückkehren und dadurch das Heer der Arbeitslosen noch weiter vergrößern.
Die tommenden Wahlen bieten bie Möglichtelt, biefe in den Berhältnissen nicht mehr begründete Stellung der USPD . zu erschüttern. Haben wir diese Möglichkeit zu begrüßen, so weisen wir doch jede Gemeinschaft mit der durch die D. Bp. erfolgten erfolgreichen Anfechtung der vorigen Wahlen weit von uns, denn diese Anfechtung ist erfolgt nur aus Feindschaft 3. Internationale angeschloffen hatten, nach dem Attentat auf den In Jugoslawien ist eine Reihe von Gewerkschaften, die sich der gegen das fozialistische Groß- Berlin und somit aus Er worden. Die Arbeiterparteien ber mägungen, die wir grundsätzlich und auf das schärffte be- Prinzregenten aufgelöst Tschechoslowatet aller Nationalitäten haben beschlossen, daß fämpfen. jeder Arbetter einen Stundenlohn in der Woche
Der Haß gegen das einheitliche Groß- Berlin und speziell gegen das einheitliche sozialistische Groß Berlin bildet eben das Band, das sich um alle bürgerliche Bar teien schlingt, und wenn es auch zu dem formellen Zusammen schluß dieser Parteien zum vielbesprochenen Bürgerblod nicht tommen sollte, so wird doch das sozialistische Groß- Berlin von ollen bürgerlichen Parteien in gleicher Weise berannt werden. Ihr Ziel ist die Bernichtung des einheitlichen sozialistischen Groß- Berlin und ihr Sieg würde das Ende der Politif bedeuten, die wir im Intereffe der minderbemittelten Bevölkerung unseres großen Gemeinwesens geführt haben.
Mit der gleichen Schroffheit wie die Rechtspartelen haben auch wir daher bei den kommenden Wahlen
schärfste Kampfstellung gegen rechts
für das hungernde Rußland opfern soll. für das hungernde Rußland opfern soll.
Besonders zu erwähnen ist, daß aus den eingegangenen Korrefpondenzen hervorzugehen scheint, daß die weitaus größte Menge der russischen Arbeiter und Bauern
fowjeffeindlich, aber sozialistisch gefinnt ist.
Eufschließung wurbe von der Ronferenz bes Internationalen Gewerkschaftsbundes angenommen:
Die Ronferenz bes Internationalen Gewerkschaftsbundes( Sig Amfterdam), die am 13. und 14. Auguft in Berlin über die Hungers not in Rußland beraten hat, erklärt the tiefftes Mitgefühl mit dem ruffifchen und georgischen Bolt, insbesondere mit der notleidenden Arbeiterschaft in beiden Ländern.
Die Konferenz nimmt Renntnis von den fpontanen Solidaritäts hundgebungen und Aktionen, die die Arbeiterschaft der angeschlossenen Organisationen bereits in die Wege geleitet hat.
Interesse ihrer sofortigen und wir samen Berwendung zusammenSie beschließt, die schon im Gange befindlichen Sammlungen im zufassen, zu erweitern und zu zentralisieren, und bestimmt zu diesem Zwed das Folgende:
1. Das Bureau des Internationalen Gewerkschaftsbundes wird beauftragt, fofort einen Aufruf an bas internationala Proletariat zu erlaffen.
2. Die gewerkschaftlichen Bandeszentralen aller Bänder haben die Sammlungserträge ber thnen angeschlossenen Berbände und der sonstigen Organisationen, die sich an bem Hilfswerk beteiligen, zu sentralisieren.
8. Die von den Landeszentralen zentralisierten Beträge werden in Gemäßheit der Anweisungen des Bureaus des Internationalen fchaftsbundes zur Berfügung gestellt Gewerkschaftsbundes dem Sekretariat bes Internationalen Gewerk
4. Die vom Internationalen Gewertschaftsbund zentralisierten Fonds follen, foweit möglich, zur sanitären Hilfeleistung und zur Beschaffung von Lebensmitteln verwendet werben. trolle bes Internationalen Gewerkschaftsbundes nach Rußland Eine erfte Erpebitton wirb fofort organifiert und unter Ronentfandt
Eine Summe
von einer Million Mart wird fofort aus den Mitteln bes Internationalen Gewerkschafts bundes bereitgestellt. Die Landeszentralen werden ferner ersucht, Borschüsse zu diesem Zweck zu gewähren.
Mit dem Roten Kreuz wird unter Wahrung der Unabhängig Beit der gewerkschaftlichen Aktion auf technischem und organi latorischem Gebiet Verbindung hergestellt, um die Transportfrage zu lösen. Die Landeszentralen find außerdem verpflichtet, auf ihre Regie rungen den stärksten Drud auszuüben, um diese zur unverzüglichen Hilfeleistung für das ruffische Bolt
zu bewegen.
Zur Beträftigung dieser Beschlüsse erklärt bie Internationale Gewerkschaftstonferenz, daß die unternommene Attion durch ihre rein menschlichen Ziele und angesichts der weltumfassenden Solidarität über allen politischen Meinungsverschiedenheiten steht. Sie ist ein proletarisches Bert, an dem die Arbeiter jeder Richtung teilnehmen müssen troß der Schwierigkeiten und der schweren Baften, welche auf die Arbeiterschaft aller Länder brüden."
darf natürlich in feiner Weise die Entschiedenheit beein trächtigen, mit der wir den Berliner Arbeitern flar zu machen beendet, und Sie alle wissen, daß die Partet fett dem Würz die unfelige Parteifpaltung haben, daß, ganz abgesehen von der bewußt zerstörenden burger Barteitag nicht müde geworden ist, bei jeder GelegenTätigkeit der Kommunisten auch nicht das duhendweiſe Stellen heit ihren Wunsch und ihre Bereitwilligkeit zur Verständigung von Anträgen, deren Finanzierung man uns und anderen auszusprechen. Wenn es bisher dazu nicht gekommen ist, fo Barteien überläßt und an deren Durchführbarkeit man vielfach ist das nicht unsere Schuld. Aber jetzt den Wahlkampf gegen zu nehmen, und es ist Pflicht aller Parteigenossen, auf das selber nicht glaubt, sondern lediglich die stetige organische, auf die Unabhängigen nicht mit aller Entschiedenheit, sondern lau eifrigste Aufklärung über das gemeinschädliche Verhalten dieser dem Boden der gegebenen Verhältnisse ruhende Aufbauarbeit, führen, ihnen zu Liebe hier ein bißchen und dort ein bißchen Barteien im Roten Haus zu verbreiten und das Material, das wie sie von der SPD . im Reich, in den Ländern und Ge von unseren Ueberzeugungen und Grundsägen nachlassen, das hierzu rechtzeitig zur Verfügung stehen wird, fleißig zu be- meinden geübt wird, für die Arbeiter von Vorteil und wäre kein Schritt auf dem Wege zur Einigung der Arbeitermuhen. Unsere Aufgabe aber in diesem Wahlkampf muß es Nußen ist. Solche flaffe, sondern das genaue Gegenteil. Es wäre ein Beginnen, sein, die zahlreichen Kreise, die immer noch den Rechtsparteien Aufklärungsarbeit über das die Unabhängigen ficherlich im geheimen, vielleicht nachlaufen, trohdem sie ihrem Klaffenintereffe nach zu uns ge- hat im lehten Jahre bei allen Wahlen den Arbeitern schon die ganz offen lachen und frohloden würden. hören, zu uns herüberzuziehen. Augen geöffnet über den Unterschied zwischen unserer systeUnd ebenso wie von rechts haben wir auch von links her matischen Tätigkeit im Interesse der minderbemittelten Be- fie wird um so sicherer und schneller tommen, je stärter und große Wählermaffen zurückzugewinnen. Wir haben daher im völkerung und der die Verantwortung vielfach scheuenden, geschlossener die SPD. dasteht. Wahlkampf auch Front gegen links, gegen die Kommunisten innerlich unwahren Demonstrationspolitit unserer Gegner; fie wie gegen die USPD . zu nehmen. Soweit wir in Frage hat die Partei innerlich gefestigt, nach außen groß und start tommen, müßte dieser Rampf gegen lints in rein fachlicher gemacht und wird und darf auch am 16. Oktober nicht vernicht gebäffiger Form geführt werden. Ob von den Unab- sagen.
hängigen und Kommunisten ebenso gehandelt werden wird, Durchaus zu verwerfen ist die Auffaffung: wir fönnten wollen wir abwarten. Ich persönlich habe nach allen bis etwa durch Abschwächung des Kampfes gegen lints irgend herigen Erfahrungen daran die stärksten Zweifel, stehe aber etwas Positives für die alsbaldige Einigung der Arbeiterklaffe auf dem Standpunkte, daß, felbst wenn meine Befürchtungen zutreffen, wir rein fachlich bleiben und alles vermelden sollten, was ben Bruderkampf unnötig vergiften tönnte. Diefe firenge Sachlichkeit
Die Einigung wird und muß fommen;
bemittelten Bevölkerung fann das sozialistische GroßAuf größere Leistungen im Interesse der minderBerlin bisher taum hinweisen. Wir, die Sozialdemokratische Stadtverordnetenfraktion, dürfen aber für uns in Anspruch nehmen, bei jeder Gelegenheit
für die minderbemittelte Bevölkerung
tun und damit etwas erreichen, was im Endziel wichtiger noch herausgeholt zu haben, mas nach Lage der Dinge möglich ma fei als ein großer Wahlerfolg. Nichts wäre verfehrter und Die fürchterlichen wirtschaftlichen Folgen des Weltkrieges haben falscher als dies. In diesem Saal fit ficherlich niemand, der leider auch in der Gemeinde unserem Streben auf Schritt und nicht den Tag herbeisehnt, der Tritt die schwersten Hindernisse entgegengestellt.