Die Kluft. <Si« bisher auch m Frankreich gänzlich unbekannter Ab- geordneter des nationalen Blocks namens M a i l l a r d hat den Ministerpräsidenten Briand wissen lassen, daß er ihn nach Schluß der parlamentarischen Ferien wegen seiner Haltung auf der Pariser Konferenz interpellieren werde. In dem Brief, durch den er diese seine Absicht mitteilt, heißt es u. a.: „Sie haben sich im Namen Frankreichs im voraus verpflichtel, die Teilung(Oberschlefiens) zu akzeptieren, die von.dieser Körper- fchaft(dem Völkerbundrat) beschlossen wird: wenn sich daraus die Zuteilung des Bergwerks- und Jnduftriedistriktes an Deutschland ergeben sollte, dann würde dadurch unsere nationale Slcherhrit in nicht wieder gutzumachender Weise gesährdei. Obgleich ich mir der Schwierigkeiten bewußt bin, denen Sie in Ihren Deryandlungen begegnen: erblicke ich in dem letzten Pa° riser Abkommen so schwerwiegende Folgen, daß ich glaube, in dem ich hierüber mein« ausdrücklichsten Bedenken ausspreche, die Alpdrücke der großen Mehrhcil meiner Sollcgen und des Landes zum Ausdruck zu bringen." Ob der anzstersullte Herr Maillard wirklich die„große Mehrheit" des Parlamentes oder gar des Landes tatsächlich hinter sich hat, oder lediglich von sich reden mackzen will, lassen wir dahingestellt. Vielleicht ist es nur eine? der vielen fran zösischen Großkapitalisten, die ihr Geld in polnische Industrie- werte gesteckt haben und die nun darüber wütend sind, daß es Briand nicht gelungen ist, das oberschlesisch« Industriegebiet wcgzueskamotieren. Bei den französischen Nationalisten ist es nämlich genau so wie bei den deutschen : wenn in pa- thetischen Tönen von der Würde und der Sicherheit des Ba- terlandes geredet wird, muß man stets dahinter G e l d s a ck- intereffen vermuten. Nun hat Briand in seiner letzten Antwort auf Lloyd Georges Untcrhausrede b e st r i t t e n, daß feine Haltung in der oberschlesischen Frage lediglich durch die Sorge um die Sicherheit Frankreichs diktiert worden fei. Er wird aber nicht bestreiten können, daß gerade dieses Argument in der letzten Zeit in der französischen Presse die Haupt- rolle gespielt und daß man täglich MMonen von naiven Zeitungslcscrn die Ueberzeugung eingetrichtert hat, ein beut- sches Oberschlesien bedeute den sicheren deutschen Revanche- krieg. Konnte sich ja die Pariser Nationalistenprefle auf das Zeugnis— der deutschnationalen Frau Dr. Käche Schirmacher berufen, die kürzlich im Berliner „Tag" von unserer oberschlesischen„Waffenschmiede" gefaselt hatte! Und dieses Leitmotiv findet eben seinen Niederschlag in dem„Alp- drücken" des Herrn Maillard. Was aber der französische Ministerpräsident, der also nicht lediglich an die„Sicherheit Frankreichs " gedacht haben will, zur Begründung seiner Haltung jetzt anführt, läßt die ganze französische Politik womöglich in einem noch wider- wärtigeren Licht erscheinen als bisher. Wir kannten allerdings schon längst aus Pariser Zeitungsartikeln jene rabulistische Beweisführung, mit deren Hilfe man«ine polnische Mehrheit im Industrierenier konstruieren will: man rechnet nämlich ganz Pleß und Rybnik zum Industriebezirk, substra- hier! wenn nötig die Stimmen der zugereisten Heimattreuen, und fertig ist der Zauber. Und wenn das alles nichts nützt, dann wird man grob und gemein, und spricht, wie Herr Bxiand zu den geladenen Pressevertretern, von Dingen, die gar nichts mit der Frage zu schaffen haben, von Deutschlands angeblicher ausschließlicher Schuld am Krieo«. von den im Frankfurter Frieden erpreßten 4 Milliarden Mark, mit dessen Deutschland allem feine Industriegegenden aufgebaut Häven soll, und ähnlichem Zeuge, womit man immer von neuem die nationalistischen Leidenschaften aufpeitscht. Indem Herr Briand diese üblen Taschenspielertricks seiner Pressekulis zu offiziellen Argumenten der französischen aus» wärtigcn Politik gemacht hat, hat«r nur in dankenswerte» Weise zur Klärung der Lage beigetragen. Nun weiß d'.e Welt, woran sie ist: das ofsizielle Frankreich benimmt sich im Derlust momöglicv noch unsympathischer als im Siege. Wir wollen kein Hehl daraus machen, daß auch nach u n» s e r e m Empfinden die Haltung Frankreichs auf der Pariser Konferenz dazu beigetragen hat, die Kluft zwischen Frank- reich und Deutschland noch bedeutend zu vertiefen. Nie- wand bedauert dies aufrichtiger als wir. die in einer Dersöh- nung zwischen Deutschland und Frankreich die best« Bürg- scbast für den europäischen Frieden erblicken. Aber lediglich auf fromme Wünsche können wir unsere Politik nicht ein- stAlen. Wenn in der oberschlesischen Frage Briand sogar für die Korfantv-Linie eintritt, wenn er in der Frage der Mili- tärkontrolle sich der Anregung Englands und Italiens wider- fetzt, diese Kontrolle als kostspielig, aufreizend und nunmehr überflüssig einzustellen, wenn er ferner die Ausrechterhaltung der militärischen Sanktionen durchsetzt und der Aufhebung der wirtschaftlichen Sanktionen nur mit allerhand Vorbehal- ten und Retriminationen zustimmt— will man uns da noch zumuten, daß wir dem deutschen Boll« einreden, Frankreich sei ihm wohlgesinnt und England« Entgegenkommen ent- springe lediglich egoistischen, imperialistischen Motiven. Und selbst wenn letzteres wahr wäre, wir halten uns in unserer absoluten Verlassenheit an dem, was ist. Mag sein, daß Briand nicht so schlimm ist. wie«r sich immer wieder offenbart, und daß er nur das terrorisierte Opfer von unzähligen Abgeordneten vom Schlage des„angst- erfüllten" Herrn Maillard ist. Aber solange die jetzige fran- zösische Kammer besteht, werden Herr Briand und seine Nach» folger nach deren Pfeife tanzen müssen. Und es kann dem offiziellen Frankreich nur ganz gesund sein, wenn es sich auf diese Art allmählich isoliert. Wir werden diese Entwicklung als passive Zuschauer, aber, offen gestanden, nicht ohne Scha- denfreude verfolgen. Und wenn das französische� Volk in später Erkenntnis von Ursache und Wirkung endlich seinen nationalen Block zum Teufel gejagt haben wird, dann wird es die deutsche Arbeiterklasse stets bereit zur aufrichtigen und dauernden Versöhnung finden. Die Genfer Hilfsaktion. Vsrllv. 18 August.(«TB.) Der vcrtret« de, Deutschen Roten Kreuzes auf der vom Präsidenten«dar für den 15. August 1921 nach Genf «inberufenen Konferenz für die Russische Hllss- ektion ist soeben zurückgekehrt. In zehn Resolutionen, di« von Genf aus dem Obersten Rat und dem Dölkerbund mitgeteilt werden, kommt in erster Linie die Un» Parteilichkeit der Hilfsbestrebungen des Roten Kreuzes für das not. leidende Rußland zum Ausdruck. Ein« internationale Kommisston de. Roten Kreuz«, soll alsbald di« Arbeiten für di« Hilfsaktion zu- gunsten aller so» der Hungersnot heimgesuchten Distrikte im Osten «chlch»«.
' Es wurde beschlossen, dies« Kommission aus Perireter» der Regierungen und der freiwilligen Htlssgesellschaften, insonderheit jen«r Roten Kreuze zusammenzusetzen, die bereits begonnen haben, sich aktiv an dem Hilfswerk für Rußland zu beteiligen, oder die di« Absicht dazu haben. Man bekannte sich zu der Ausfassung, daß angesichts des Problems, Millionen hungernder Menschen zu er- nähren und Rußland in seiner Rot zu helfen, engste Fühlung der freiwilligen Hilforgonisationen mit den Regierungen erforderlich sei. Die weiteren Borarbeiten dieser Kommission werdest von Gens aus geführt. Die Konferenz hat beschlossen, Dr. F. Nansen und Herbert H o o v e r die Leitung des ganzen Hilfswerks anzutragen. Di« sanitäre Hilfsattion des Deutschen Roten Kreuzes nimmt unabhängig davon ihren Fortgang. Wünchen, 18. August.(TU.) Heut« vormittag traf hier«in Sonderzug mit Heimkehrern und Zwilinternierten au» Südrußland von Salzburg kommend«in. Bürgermeister Schmidt(Soz.) be- grüßte in einer kurzen Anspreche di« Heimkehrer aufs herzlichst« und gab der Hoffnung Ausdruck, daß auch sie am Wiederaufbau mit- helfen werden. Hierauf erwiderte für die Heimkehrer der ehemalige Direktor des deutschen Lyzeums in Odessa , Dr. G i e s«. daß noch Tausend« Deutsche in Südrüßlond mit Sehnsucht aus di« Heim- kehr warten. Er schilderte rn kurzen Worten das furchtbar« Elend Rußland» infolge der Hungersnot und wie die blühenden deutschen Kolonien verlassen und oerödet sind. Die Heimkehrer wurden aufs freundlichst« bewirtet, und nach einstündigem Ausenthall ging der Zug noch Lager Lechfeld weiter.
Die interparlamentarische Konferenz. Stockholm , 18. August. (WTB.) Di« Berhandlungen der Interparlamentarischen Konseren, wurden heut« vor- mittag im Reichstagsgebäud«« r ö s i n e t. Abordnungen waren erschienen aus den Bereinigten Staaten von Nordamerika , Japan , Deutschland , O« st erreich, Dänemark , Groß- britannien, Finnland , Italien , Norwegen , Holland , Schwei , und Schweden . Zu Beginn der Konferen, fordert« der V o r s i tz« n d« des Interparlamentarischen Rates Lord weardale-Englond im Namen des Rates Freiherrn o. A de l s w ä r d- Schweden auf. als Präsident bei den Verhandlungen der 19. Interparlamentarischen Konferenz zu fungieren. Freiherr v. Ldelswörd hielt daraus ein« Ansprach«, in der er nach Begrüßung der Teilnehmer zunächst daran erinnert, wie die Konieren,, di« im Jahre 1914 hätte stallfinden sollen, im letzten Augenblick nicht eröffnet wurde. Di« Union fei indessen nicht be» rechtigt, vor dem Mißgeschick zurückzuweichen, das ihr durch den Kriegsausbruch zugestoßen sei. Zum Schluß hob v. Adelswärd her- vor, daß die Union den Dölkerbund unterstützrn müsse. Sodann wurde für>«d« an dem Kongreß ttilnehmend« Gruppe ein Vizepräsident gewählt: für Deutschland Prosessor S ch ü ck i n g, für Oesterreich Dr. M a t a j a, für Holland Senator van Kol und für die Schwei , Dr. U st e r i. Nachdem van Kol den Tätigkeitsbericht des Interporlamenwrischen Rates vorgetragen hatte, schlug Slay den-Amerika vor, daß di« südamerikanischen Parlamente eingeladen werden sollten, Gruppen in der Union zu bilden. Der Vorschlag wurde einstimmig angenommen. Lord W e a r d a l«- England hielt daraus«in« Red« über die Interparlamentarische Union und den Völkerbund. Auch dieser Redner betonte die Unvollkommen heil de» Völkerbundes in seiner jetzigen Gestall. Der Dölkerbund würde erst dann die Wünsch« der Iirterparlamentarier oerwirklichen, wenn diejenigen Nationen sich ihm anschlössen, die fetzt noch zögerten. Weardale wandte sich dann an die amerikanisch« Abordnung und betonte, daß man ihre Lorschläge mit der größten Sympathie und Ausmerk» samkett berücksichtigen werde. Zum Schluß erklärt« der Redner, daß es feiner Ansicht noch nicht mehr möglich sei, Deutschland au» dem Völkerbund auszvschließeu. und richtete«inen warmen Appell an di« Amerikaner, sich nicht der Zusammenarbeit bei der Schaffung einer universellen Organisation für die Erhaltung des Friedens zu entziehen. Die Ghneftiefel. Heber einen staunenswerten Fortschritt in Sowjetrußland be- richtet die„Rote Fahne" in Nr. 878 vom 18. August 1921 auf der dritten Seite ganz unten.(Wir zitieren möglichst genau, um jeder Vermutung unserer Leser vorzubeugen, daß wir un»«inen schlechten Witz erlaubten, oder daß unser Zitat nicht dem kommunistischen Zentralorgan, sondern der ontlbolschewistischen Korrespondenz ent» stamme.) Wir lesen also in der„Noten Fahne": Angesichts der Notlag« des Volkes Hot di« Kommunistische Partei in Rußland für ihre Mitglieder drakonisch« Be« s ch l ü s s e gefaßt. So wird z. B. jeder, der zwei Paar Stiesel besitzt, au, der Parket ausgeschlossen. Mit diesem Beschluß wird zweifellos das russisch« Proletariat einer immer strahlenderen Kullurhöhe«ntgegengesührt. Wir fragen uns: Warum ahmt die deutsche DKPD., die doch sonst eine so gelehrige Schülerin Moskau » ist, diese« Beschluß nicht nach? Wir wären gespannt, welch« Wirkung derartig« Beschlüsse aus ihr« Mit- glieder ausüben würden. politische Kämpfe in Sapern. München . 18. August(Eigener Drahibericht de»„vorwärts".) Der Hauptausschuß de« Stadtrates München beschästigte sich gestern mit dem Antrag« d»r UGP.-Fraktion auf Uebermituunq einer Ein- gab« an den Reichspräsidenten und an den Deutschen Reichstag um sofortize Außerkraftsetzung der von der bayerischen Regie- rung auf Grund des Artikels 48 der Reichsversassung getroffenen „einstweiligen Maßnahmen". Trotzdem di« Demokraten davon ab- sahen, das Reich anzurufen, wurde der Antr-m der Unabhängigen mit 12 Stimmen, einschließlich der Stimme de» Bürgermeister», Genossen Schmidt, gegen 11 bürgerlich« Stimmen angenommen. 0 München . 18. August.(Eigener Drahtbericht de,„vorwärts".) Die Beschwerde de» Republikanischen Bundes Bayern gegen die Verfügung des Dtoaiskommissarz für München -Stadt und- Land, in der der geplante Anmorsch der republikanischen Organisation zur Berfassungsseier am 21. August oerboten wurde, hat das Staats- Ministerium dienstaufsichtlich geprüft und— abgewiesen. Dies» Bekräftigung der bürgerlichen Willkürmaßnahmin gegen di« v«r- sossunastrenen bayerischen Republikaner durch das bayerisch« Staatsminifterium charakterisiert die in Bayern getriebene Politik wieder einmal zur Genüge. Der Gegensatz zwischen Nord- und Süddevtschland. Der Reichs- tagsabgeordnate S ch i r m« r(Bayr. Dp.) hielt in einer Versammlung christlicher Arbeiter ein« Red«, in der er auf den Gegensatz zwischen Nord- und Süddeuffchtand hinwies. Der Partttulorlsmus sei ein Fehler der Deutschen , der von den Franzosen stets ausgenützt worden sei. Ein bayerischrs Ausfuhrverbot von Getreide, Vieh oder dergleichen würde ohne weiteres«in« Sperrung der Einfuhr von Kohl«, Zucker und anderen wichtigen Produkten»och Bayern zur Folge haben._ Reichsrat. Der Reichsrat hiell am Donnerstag nachmittag unter Vorsitz des Ministers Rathenau eine ölsentlich« Sitzung ab. Sämi- lich« Steuervorlagen sind berits eingegangen. Sämtliche vorlogen wurden den imständiqen Ausschüssen überwiesen. Auf Wunsch eines preußischen Provinzialvertreter« wird bei den Lusschußberatiingen ein« Generaldebatte über den Gesamffteuerplan stattfinden. Italien » Verzicht bezieht sich nun aus«eldentschädigung durch vtcht aber aus den Anteil an de» Staatsdomänen.
MtetfehiZst valutafleööerer. Der plötzlich« Rückgang der Valuta ist unter de« Druck be» Auslands überwunden. Der Dollar ging gestern nach der amt- lichen Berliner Notierung im Preise wieder auf 83,41 herunter, nachdem er zwei Tage vorher schon auf 99,80 gestanden hatte. Darüber, daß diese Besserung nicht von ewigem Bestand ist, wenn es nicht ge- lingt, die Notenpresse einzudämmen, sind Zweifel nicht möglich. Wo die Gründe für dae starken Balutaschwankungen der letzten Zeit zu suchen sind, dazu erhalten wir von einem Bankfachmanne eines neu- tralen Staates folgende bemerkenswerten Mitteilungen: „Die Hamsterei der fremden Geldzeichen als bequemes Steuer- defraudatlonsmittel Hai natürlich in der legten Zeit mit Rücksicht aus die neuerdings drohenden Steuern wieder größer« Dimensionen angenommen und dürste nicht so schnell von der Tages- ordnung verschwinden, nachdem der Staat diesem schamlosen Trei- den müßig zusieht. Die deutschen Exporteure und In- d u st r i e l l e n tragen auch ihr Scherflein zur Verschlechterung der Mark bei, indem sie die Erlöse ihrer Exporte nicht etwa dem Reich zur Dersügung stellen, sondern sie bei ausländischen Bon- ken anlegen, nicht nur, um ihren eigenen Devisenbedarf für Importe zu decken, sondern weit darüber hinaus, um sich ein R e- seroekapital für alle Fälle zu schaffen. Die so dem Reich entzogenen Devisenbeträge erreichen ganz ungeheure Summen. Be- weis dafür, daß in den letzten Wochen im Ausland Devisen auf 2—3 Monate gegen sehr mäßigen Zins von deutschen Banken hin- gegeben wurden. Mit anderen Worten: Zu einer Zeit, wo die Reichsbank notwendig jeden Franken braucht und zusammenraffen muß. um die Goldmilliarde abliesern zu köunen, leihen deutsche Banken viele Millionen Franken, Gulden und Dollars gegen geringen Zins au das AusZand und vergrößern damit die Verlegenheit des Reiches. Banken, Exporteure und Industrielle arbeiten in schöner Seelenharmonie zusammen, um die Reichsmark in Grund und Boden zu bohren. Die Fabrikanten und Exporteure und mit ihnen auch mittelbar die Banken haben ein erhebliches Interesse an einem mag- lichst tiefen Stand der Mark, um dadurch die Exportc ins ungeheu-e zu steigern, denn je billiger die Mark ist, desto eher kaust das Ausland die Exportwaren. Freilich hat jede Verschlechterung des Markkurses notwendiger- weile auch ein« Verteuerung des Lebensunterhaltes in Deutschland selbst und damit Streikbewegungen zum Zwecke der Lohnerhöhung zur Folge. Diese Lohnerhöhungen werden aber nur zögernd zuge- standen und halten bei weitem nicht Schritt mit der rapiden Entwertung der Reichsmark. So hat der Fabrikant und Exporteur immer einen unge- Heuren vorteil durch den Vorsprung der Dcrbilli- qunq der Mark im Vergleich zur zögernd nach. hinkenden Lohnaufbesserung seiner Arbeiter." Diese Zellen wurden unter dem Eindruck des gewaltigen Kurs- rückganges der Mark niedergeschrieben. Sie kennzeichnen die trau- rigen Machenschaften des vaterlandslosen Kapitals in einer Weise, di« an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig läßt. Deutsche Unter- nehmer fleddern die zusammenbrechend« Kaufkraft des deutschen Volkes. Die Ausführungen beweisen aber auch, daß das Reich selbst der Leidtragende bei den Balutaschwankungen ist, eine Tat- fache, die nur dann gemildert, längst noch nicht aus der Welt ge- schafft werden kann, wenn dos Reich an den privatkapitalistischen Gewinnen der Industrie und des Handels interessiert wird. Da» ist aber nur möglich bei einer unmittelbaren Beteiligung der Allgemein- hell an den Erträgnissen der Produktion, bei einer wirksamen Erfassung der Goldwerte für da» Reich. Ueberfremduvg und Reichszuschttst. Di« Gefahr der Uebersremdung der deutschen Industrie hat mit dem liebergang der Gerb» und Farbstofswerk« Renner u. Co. in Hamburg «ine sehr eigenartige Beleuchtung erfahren. Dieses Unternehmen stand, wie wir kürzlich berichteten, vor dem Kriege In enger Verbindung zu der Gesellschaft F o r e st a l u. Co., die die Ausbeutung der Ouebracho-Gerbstoffe in Argentinien zur Aufgab« hatte. Die Gesellschaft verlegte dann ihren Sitz nach London und beherrschte so ziemlich den Markt mit ihrem wichtigen Gerbstoff- extrakt. Die deutsche Firma Renner u. Co. genoß während des Krieges bei einer sehr umfangreichen Ausdehnung ihrer Unterneh- mungen nahezu ein Monopol und hat während dieser Zeit, wo nur Eichen- und Kiefernrinde verarbeitet werden tonnte, reichlich« Gewinn« bei der Gerbflofsherstellung erzielt. Natürlich muht« diese Stellung der Firma in Gefahr kommen, sobald die sehr viel bllli- geren und auch sonstige vorteile bietenden Oucbracho-Exttakte wieder auf den Markt kamen. Man ist deshalb mit der englischen Gesell- schast übereingekommen, wieder die engere Angliederung vorzu- nehmen, damit di« gegenseitige Konkurrenz aufhört. Das eigen- artige ist ober dabei, daß die deutsche Gesellschaft ihre Selbständig- keit aufgibt und daß ihre gesamten Aktien in den Besitz der eng. tischen Gesellschaft übergehen. Die deutsche Gesellschaft hat aber bereits von der deutschen Re- gierung eine Entschädigung von fünf Millionen Mark erhalten für den Berlnst ihrer in England liquidierten Werte. Die Wirkung wäre nun die, daß die fünf Millionen Ent- Schädigung, die der deutschen Gesellschaft gegeben wurden, jetzt restlos der englischen Gesellschaft zugute kommen. Und noch zu einer anderen kritischen Betrachtung reizt dieser Bor - gang. Die Gesellschaft schützte sich seinerzeit gegen die Ueberfrem- dungsgesahr durch cm Mchrstimmrecht der Stammaktionäre. Jetzt wird dieses Mehr st immrecht schlankweg aufgehoben, wahrscheinlich um die Transaktionen nicht zu gefährden. Im Hin« blick auf dies« Vorgänge ist es immer wieder interessant heroorzu- heben, mit welchem Lärm die Börsenpresj« antwortete, als vom Wirtschoftsministcrium die Beteiligung am Aktienbesitz gefordert wurde und dieser Aktienbesitz eventuell zu einer Veräußerung im Ausland« benutzt werden sollte. Die Ueberfremdungsgesahr schien den kapitalistischen Interessenten ungelzeuer groß, aber wenn sie selbst gewinnbringend deutsche Induftrtewcrte nach dem Ausland- verschieben, so ist von einer Entrüstung nichts zu merken.
Die Eroberung des polnischen Marktes durch Frankreich . Die »olnisch« vußenhandclsstatistik gibt sehr interessante Aufschiüss« darüber, wie Frankreich seinen Produkten auf diesem Markte Ab- satz zu schassen vermag. Sa hat Polen im letzten Iabr 17 Proz. seiner Baumwollen wareneinfuhr und 40 Proz. seiner Einfuhr an Wollwaren von Frankreich bezogen, während die entsprechenden Prozentsätze der enzliichen Einfuhr 13 resp. 8 Proz. betrugen, obwohl di« Baumwoll- und Wollwarenprodultivn Eng- lande die französisch« bei weitem übertrisft. Auch sonst ist die eng- lisch« Industrie aus Polen verdrängt worden? in der Gesamteinfuhr sind englisch « Waren nur noch mit 1 Proz. betelligt. Lokomotiven für Zlassen. Ein italienischer ministerieller Au»- schuß hat sich nach der„Dena" unter Beziehung von Fachleuten und Industriellen dieser Tage mit dem Angebot D-uischlands zu befassen, Italien für di« Diedergutmochungsrechnung 800 fertige Lokomotiven für seine Staatsbahnen zu liefern. Italien kostet ein« Lvkomot'pe durchschnittlich rund eine Million Lire . Deutschland würde dies« Lieferung den Barzahlungen und Rohstosslieserunge« vorziehen.