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Nr. 552 3$. Jahrgang

1. Heilage ües vorwärts

Mittwoch, 2Z. November1H2t

Die wacklige �Mehrheit" im Rathaus. Vervollständigung der Vorstandswahlcn. Notstandsdebatten mit Tn multen.

Nachdem in der vorigen Stadtoerordnetensitzung der B ü r g e r b l o ck bei den Vorstandswahlen gezeigt balte, daß er nicht mal bis zum zweiten Wahlgang ein be- M>lu&sahiges Haus beisammenhalten konnte, wurden gestern die noch ausstehenden Vorstandswahlen vollzogen. Da die ge- samte Linke sich der Abstimmung enthielt, so hatte die Rechte zu erwarten, daß sie sich in derselben Weise blamieren würde. Mit erheiternder Voreiligkeit verkündete der Vorsteher Caspari im Ton des Triumphes, daß bei der Wahl des ersten Vor- steherstellvertreters 114 Stimmen abgegeben worden seien, aber die Zählung der Zettel ergab dann nur 11V Stimmen. Zur Beschlußfähigkeit sind sonst 11Z Stimmen nötig, doch glaubte dieMehrheit", sick für diese Wiederholung der in der vorigen Sitzung verunglückten Wahl auf den Ausnahme- Paragraphen der Stödteordnung berufen zu dürfen. Bei der Wahl der übrigen Vorstandsmitglieder verzichtete die Linke darauf. Zettelwahl zu fordern, weil die einmalige Feststellung der Imvotenz derMehrheit" genügte. Die Linke ließ im Vorstand die Bürgerlichen unter sich. Nach der Konstituierung der Versammlung konnte man an die Erledigung der dringlichen Magistratsvorlagen über die neuen Gehalts- und Lohnforderungen heran- gehen, die durch die Teuerungswelle nötig geworden sind. Einen Weg, die Erhöhung der vom Magistrat bisher gewährten und größtenteils schon ausgezahlten Lohnbeihilfennoch zu erhöhen und auch dieses Mehr sofort auszuzahlen, zeigte ein Antrag der sozialdemokratischen Fraktion, den der Genosse FranzKrüger begründete. Leider wurde mit den Vorlagen und den dazu gestellten anderen Anträgen auch dieser Antrag Krüger zunächst einem Ausschuß über- wiesen. Bei der Vorlage über Bereitstellung von 9 M i l- lionen Mark zur Winterunter st ützung für Minderbemittelte und Erwerbslose hiest der deutschnationale Tischlerinnungsobermeister Paeth eine pro- vozierende Rede mit Ausfällen gegen Arbeiter und Erwerbs- kose. Es kam zu Tumulten"auf der Tribüne, die dann der Vorsteher Caspari nach Unterbrechung der Sitzung räumen ließ. Sitzungsbericht. Außerordentlich« Sitzung. Dienstag, 2 2. N o- vewber 1921. Die zu heuteS Uhr pünktlich" einberufene Sitzung wird um .'6 Uhr durch Dr. Caspari eröffnet. Von zwei vorliegenden Dringlichkeilsanträgen stößt der von U. Soz. und Komm, eingebrachte, der die Versammlung zur Unter- stützung der Forderung auf sofortige Entlassung der in den Hunger- streik eingetretenen Lichtenburger Gefangenen veranlassen will, auf den Widerstand der Rechten; der zweite, der eine Verkehrssteuer auf Luxuslokalc legen will, wird heute eventuell noch verhandelt werden.--"' Auf der Tagesordnung für heute stehen außer der Magistrats- vorläge, die für die Minderbemittelten als Winterbeihilfe 9 Mil­lionen Mark auswirft, sämtliche Gegenstände, die am 17. November wegen Beschlußunfähigkeit der Versammlung unerledigt blieben. Für diele Gegenstände ist nach dem Wortlaut der Tagesordnung d'e Vorschrift der Beschlußfähigkeit auf Grund des 8 57 der Ge­schäfts- und des§ 42 der Stadteordnung außer Kraft gesetzt. Schumacher(Komm.) beantragt, die Magistratsvorlagen betreffend die Erhöhung der Gehälter und Löhne der städtischen Beamten, Angestellten und Arbeiter vor der Wahl der Vorsteher-Stellvertreter, die an erster Stelle steht, zu beraten. v. Eynern lD. Vp.) widerspricht, da das Bureau der Ber- sammlung noch nicht vollständig sei. Der Bor st eher erklärt für selbswerständlich, daß die Kon- stituierung öorangehen muß. Dr. W e>i l(U. Soz.) legt gegen die Tagesordnung Rechts- Verwahrung ein.

Der Vor st eher sucht die betreffenden Bestimmungen im Sinne seiner Auffassung auszulegen, v. Eynern desgleichen. Dörr(Komm.) schließt sich dem Protest Weyls an. Dittmann(II. Soz.): Der Worllaut des§ 42, der über denselben Gegenstand", also in der Einzahl spricht, entscheidet für uns. Sie haben in der vorigen Sitzung sich stark gemacht, allein die Geschäfte des Hauses zu führen, es ist also auch Ihre Sache, die Arbeitsfähigkeit der Versammlung zu garantieren, nachdem Sie diese Gewaltpolitik proklamiert haben.(Lärm in der Mehrheit.) Nicht eine Stunde lang haben Sic in der vorigen Sitzung Ihre berühmte Mehrheit zusammenhalten können. Dr. Leidig(D. Vp.): Eine Konstituierung liege schon vor, wenn der Alterspräsident den Vorsitz übernimmt. Es sei den Bür- gerlichen nie«ingefallen, die Sozialdemokraten vom Vorstande aus­zuschließen: auch sei es wohl üblich, aber nicht Vorschrift oder auch nur Tradition, daß die stärkste Fraktion den Vorsteher stellt. Es wird in die Wahl des ersten Dorsteher-Slellverlrekers eingetreten, nachdem zuvor für den nicht eingetretenen Stadtv. Haberland(Komm.) Grylewicz(Komm.) vom Vorsteher ver- pflichtet ist. Von den 119 abgegebenen Stimmzetteln lauten 109 aus Fabian(Dna t.), einer i st weiß. Fabian ist gewählt und nimmt an. Dr. W e v l(U. Soz.): Di« bürgerlich« Mehrheit hat also ihre Mehrheit nicht zusammengehabt: 3 oder 4 haben gefehlt. Wir konstatieren, nach unserer Auffassung ist die Wahl ungültig. Der sogenannte Bürgerblock ist ein kinderschreck geworden. Wir Wilden sind aber besiere Menschen: im Inter- est« der wichtigen materiellen Vorlagen haben wir nichts dag«gen, wenn Sie den übrigen Vorstand durch Zuruf wählen wollen. Dörr bleibt prinzipiell auf seiner Auffassung stehen, schließt sich ober im übrigen auch dem Borredner an. Die beiden Proteste gehen zu Protokoll und den Protesterhebern bleiben ihr« Rechte vorbehalten. Zum zweiten und dritten Stellvertreter wählt die Versamm­lung durch Zuruf Dr. Oskar Meyer(Dem.) und Schwarz (DVP .), zu Beisitzern R u t t s a tz, Frau Fromm, Pohl und Merten, zu Stellvertretern Jgntzow, Röder, Galle und Dankwardt. Darauf wird über die Einsetzung und Zusammen- setzung des Wahlprüfungsausschusses und der ständigen Ausschüsse Beschluß gefaßt. lieber den Termin� für die Wahl der unbesoldeten Stadträte wird man sich später einigen. Die regelmäßigen Sitzungen sollen auch in Zukunft am Don- nerstog von 3 Uhr ab stattfinden. Fn der Besprechung der Vorlogen betr. Erhöhung der Gehäl- ter für die Beamten-und Festangestellten sowie betr. Aufbesserung der Löhne und Vergütungen der städtischen Arbeiter und nichtüän- digen Angestellten erk-ennt L u d i ck e(Dnat.) die Notwendigkeit einer Lohnerhöhung auch für die Arbeiter an und entrüstet sich leb- Haft über den Versuch, eine enorm« Erhöhung der Magistratsgehäl- ter durchzudrücken. Dr. W e y l beantragt Ausschußberatung für beide Vorlagen. Deitmer(II. Soz.) ist mit Lüdicke einverstanden. Schumacher bringt den Antrag ein, den Arbeitern eine Wirtschaftsbeihilfe von 1009 M. und von 250 M. für jedes Kind zu gewähren und diesen Antrag ohne Ausschußberatung sofort zum Beschluß zu erheben; die bereits ausgezahlten Beträge sollen dar- auf angerechnet werde.n. Brolat(Soz.) findet es erfreulich, daß die Rechte jetzt die Notwendigkeit der Lohnerhöhung einsieht. Die Arbeiterschaft habe ihre Forderungen durch ihre Noklage gezwungen erhoben: leider seien ihre berechtigten Ansprüche immer erst be- willigt worden, wenn sie infolge der ständigen Weiterverteuerung der Lebensmittel kaum noch Wert hatten. In Zukunft werde hoffent- lich die Rechte an ihrer Voreingenommenheit gegenüber Arbeiter- forderungen nicht mehr so-strikte festhalten.(Unruhe rechts.) Die Stadwerwaltung sei nicht dafür verantwortlich zu machen, wenn ihre Absichten durch den Gang der Reichspolitik illusorisch gemacht werden,«wenn die Lebensmittelpreise unter Ihrem(rechts) Einfluß in ein paar Wochen so skandalös steigen. Die Regierung

müsse der Katastrophenpolitik der Industrie energisch einen Riegel vorschieben. Einer Kritik der Eingruppierungsvorschläge der Magistratsmitglieder wolle er sich enthalten.(Aha! rechts.) Der Ausschuß müsse schnelle Arbeit leisten, damit die Arbeiter und Angestellten schnell zu den Zuschüssen kommen. Während über die Au-schußberatung der beiden Vorlagen im übrigen Einverständnis herrscht, gehen über die Zulässigkeit des Antrages Schumacher, die Wirtschaftsbeihilfe sofort zu bewilligen, die Meinungen weit auseinander. Der sofortigen Annahme wider- spricht Stadtrat Koblenzer und Kämmerer Karding. Von Krüger(Soz.) geht ein Antrag ein, den Magistrat zu ersuchen, die gezahlten Lohnerhöhungen auf 1000 M. herauszusetzen, die Differenz sofort zu zahlen und der Versammlung eine Nachtrags- vorläge zugehen zu lassen. Ein Schlußanirag wird mit 102 gegen 101 Stimmen angenommen, durch eine Bemerkung des Stadtsyndikus Lange aber sofort die Verhandlung wieder eröffnet. Der Stadt- syndikus greift auf eine in der Aussprache gefallene kritische Be- merkung Weyls zurück, die gegen die Absicht des Magistrats, auch den früheren, nicht wiedergewählten Magistratsmitglie- d e r n und Gemeindevorständen einen Vorschuß von 9999 Mark zu gewähren, gerichtet war: in der Besprechung der Fraktionsoor- stände habe Dr. Weyl keinen Widerspruch erhoben. Krüger(Soz.) empfiehlt kurz seinen Antrag, der einen Mittelweg weise, zur Annahme. Dr. W e y l: 9000 M. Vorschuß für Leute, die vielfach noch über Einkommen von 80 000 oder 100 000 Mark verfügen, ist geradezu ein Skandal! In der Abstimmung wird der Antrag Schumacher und durch Auszählung mit 100 gegen 96 Stimmen auch der Antrag Krüger dem lägliedrigen Ausschuß überwiesen, an den auch die Vorlagen gehen.(Lärm bei den Komm.)« Die n«ue Vergnügungssteuerordnung geht an einen Ausschuß. Zur Vorlage wegen Bewilligung von 9 Millionen Mark als Winterbeihilfe für die minderbemittelte Bevölkerung führt Päth(Dnall.) aus, daß man den Erwerbslosen, die keine Ar- beit erhalten können, zu Hilfe kommen müsse und der Vorlage zu- stimme, daß man aber dadurch mit dem Zustande aus dem Arbeits- Nachweis sich keineswegs identifiziere. Sehr bedauerlich fei, daß die städtische Erwerbslosenfürsorge noch immer nicht zu einer produk- tioen gestaltet worden sei.(Zurufe auf der Zuhörertribüne: Wir haben Hunger!) Davon werden die Arbeiter nicht satt! Infolge der fortgefetzten Zurufe der Tribüne kündigt der Stadt- verordnetenvorsteh«r die Räumung der'Tribüne an. Diese Ankündigung wird von einem Teil der Besucher mit wüstem Lärm beantwortet. Mit geballten Fäusten schreien die Menschen in den Saal hinunter: Ihr Halunken, Ihr Schurken! War- tet nur noch vier Wochen! Ihr werdet'? noch bald genug mit der Angst zu tun bekommen! Wir kommen wieder! Schließlich gelingt «s dem Stadtrat Wege und den Dienern, die Räumung durchzu- führen. Nach Wiedereröffnung der Sitzung führt Päth seine Rede noch eine halbe Stunde, bis gegen 1s 10 Uhr fort. Stadtrat Weife verteidigt sehr nachdrücklich die Organisation und has Funktionie­ren der Erwerbslosenfürsorge. Nicht die Arbeitnehmer, sondern mindestens 40 Proz. der Arbeitgeber hätten den Tarif durchbrochen. Die Verabschiedung der Vorlage noch in der heutigen Sitzung, sel im Interesse der Nötleidenden dringend geboten. Reuter(Komm.) greift die Person des Vorstehers an. Er habe ohne zwingende Veranlassung die Tribüne räumen lassen.(Der Vorsteher will eine Erörterung darüber nicht gestatten.) Eine Verwarnung hätte genügt. Ein Antrag gegen die Geschäftsführung werde vorbehalten. Ein Redner der U.- S o z. tritt diesem Pro- test bei. Dave(Dem.) protestiert gegen diesen Mißbrauch der Geschäfts- ordnung durch die beiden Borredner. Schumacher(Komm.): Die Sätze, die aus dem Fonds von 9 Millionen Mark gewährt werden sollen, sind lächerlich niedrig. Wir beantraaen Sätze von je 1000 M., außerdem 100 M. für die Ehefrau, 50 M. für jedes Kind. Die Angriffe des Herrn Päth gegen den holzarbeitervcrband sind aus der Luft gegriffen: möge er seine heutig« Rede in einer Arbeitslosenver�ammlung wiederholen! Z u b e i l(U. Soz.): Die Rechte ist an den senden heutigen Zuständen auch in Berlin mitschuldig, weil sie durch'ihrWeg mit der Zwangswirtschaft!" dem ungeheuerlichsten

60s

Fräulein.

Von Paul Enderling . Annemarie sah sie erschreckt an.'Sie?" Ja, ich." Thea gab den Blick fest zurück.Denken Sie, zu solchen Mitteln griff ich. Ich habe ihn gebeten, zu kommen, und ihm sogar den Zug angegeben." Und daraufhin ist er gekommen?" fragte Annemarie erblassend. 9 Ich hatte.Fräulein' unterschrieben." Aber Thea!" Nicht wahr, jetzt geben Sie mir nicht mehr die Hand?" Warum taten Sie das?" fragte Annemarie traurig. Ich mußte es tun. Ich hatte es mir in den Kopf gesetzt. daß ich ihn noch einmal sprechen müßte. Ich habe ihn ja auch gesprochen Ach Gott , sehen Sie mich doch nicht immer so entsetzt an!" Annemarie erhob sich.Und warum sagen Sie mir das alles?" v r Damit Sie es ihm wiedersagen. Cr soll von Ihnen nicht schlecht denken." Nur darum? Ja." Nun stand auch Thea auf.Ich möchte, daß Sie gut von mir denken, jetzt, wo Sie ja fortgehen von hier. Darum mußte ich die Wahrheit sagen. Das ist ja das Einzige, wodurch ich alles wieder etwas gutmachen kann." Wieder schwiegen beide. Nach einer Weile fragte Anne- narie:Weiß Herr Henning von dem allen?" Nein. Bw jetzt nicht." . Aber jetzt wollen Sie es ihm sagen?" Thea senkte die Augen.Ich werde es wohl müssen." ' Annemarie nahm ihre Hand.Finden Sie das nicht selbst?" Thea nickte als Zeichen der Zustimmung. Sie konnte plötzlich nicht weiter sprechen. Sie fühlte sich so müde, wie damals auf dem Bahnhof, als sie fortgewollt. Annemarie nahm sie sachte in den Arm.Ich verstehe Sie so gut und wünsche Ihnen so viel Glück. Aber ohne Wahrheit gibt es dos nicht, Thea." Thea schwieg. Zwei Tränen saßen in ihren Augen.

Noch eine Bitte," sagte Annemarie.»Wir wollen uns du nennen, ja?" Ja, Annemarie." Meinen Namen kennst du also doch?" Thea schlug beide Arme um Annemarie und küßte sie. Annemarie spürte, wie Theas Tränen auf sie glitten, und sie wischte sie mit ihrem Tafchentuch ab. Thea lochte.Ich glaube wahrhaftig, ich habe geflennt. Ich bin doch ein verdrehtes Hundchen, nicht wahr?" ** Als Henning nachmittags kam, sieß ihn Thea in ihr Zimmer bitten. Er war noch nie darin gewesen. Er war glücklich, daß er das heute durfte.Liebe Thea, ein größeres Geschenk tonntest du nur nicht geben." Sie lächelte müde.Setz dich, bitte. Ich muß etwas mft dir sprechen." So streng?" Aber als er sie ansah, erstarrte ihm der Scherz. Sie sah so ernst aus, fo fremd und eigenllich auch überlegen. Ihn überströmte eine kalte Welle der Angst. Stets hatte er den Abstand zwischen sich und ihr gespürt. Nie war sie ihm trotz gelegentlicher Zärtlichkeiten so nahe gekommen, wie eine Braut dem Bräutigmn kommen sollte oder wie er sich das doch ausgemalt hatte. Aber er war ja am Ende nur ein unbeholfener, ungewandter, schüchterner Mensch, unbewandert in den Gewohnheiten ihrer Welt. So hatte er gewartet und gehofft, von einem Tag zum anderen, immer von dem dunklen Gefühl überschattet, daß das alles eines Tages ein Ende haben werde. Seit Oberlehrer Sanders tot war. hatte er auch die letzte Möglichkeit verloren, sich zu einem Menschen über sie auszusprechen. Nein, gemütlich war seine Verlobungszeit nicht gewesen. Und nun saß sie da drüben, ohne ihm die Hand zu geben, und blickte drein, als ob sie ihn zum ersten Male sähe. Oder als ob sie ihm den Abschied geben wollte. Henning war un- ruhig und aufgeregt. Wenn sie nur spreckien wollte! Dieses Schweigen war unerträglich. Mit jeder Minute Schweigens schien sie weiter von ihm fort zu gleiten. Er sprang auf.Sprich doch, Thea. Nur ein Wort!" Und er griff nach ihrer Hand. Sie zog beide Hönde aus den Rücken. Was soll das, Thea?"

Sie sah ihn fragend an, verwundert, wie einen Fremden. Und schwieg immer noch. Du wolltest mir doch etwas sagen, Thea, so sag es doch. Spann mich doch nicht auf die Folter." Und er zerblätterte das Refedasträußchen, das er noch immer Hielt, in seinen Händen. Thea blickte nachdenklich auf diese dicken Hände und die mattgrünen Blüten, die zur Erde fielen. Du siehst doch, daß ich leide," fuhr er fort. Leidest du?" sagte sie endlich und sah ihn wieder mit jenem seltsam prüfenden Ausdruck an, der ihn immer mehr beunruhigte. Ja. ich leide," sagte er erregt. Er schrie es fast.Das mußt du doch wissen. Du weißt doch, daß ich dich liebe!" Das weiß ich." sagte sie langsam, unnatürlich ruhig. Aber ob du mich noch lieben wirst, wenn ich dir alles gesagt habe, das ist eben die Frage." Thea!" Ja. dos ist eben die Frage." wiederholte sie in demselben müden Tonfall. Ich schwöre dir, daß ich dich immer lieben werde." Ja, aber ob du mich dann noch zur Frau haben willst?" Sie sprach immer ganz langsam, als müsse sie sich mühsam überlegen, was sii zu sagen habe und ob sie es überhaupt sagen solle. Er trat dicht vor sie.Liebst du einen anderen?" fragte er heiser. Wie kommst du darauf?" Ich weiß, daß etwas zwischen uns steht, die ganze Zeit die ganze Zeit. Aber ich wollte nicht in dich dringen. Ich dachte, das würde nun, wo wir Brautleute sind, wieder ver- schwinden." Setz dich wieder hin. Nein, dorthin. An den Tisch. Dann will ich alles sagen." Henning setzte sich gehorsam an den angewiesenen Platz. Die ganze Stube lag zwischen ihnen.Nun," sagte er, unge- duldig mit dem Fuß auf den Boden klopfend. Langsam begann sie zu erzählen, immer vor sich her auf den Boden sehend, wo die kleinen zerrupften Resedablüten lagen. Sie sprach von ihrer Liebe zu Lothar. Sie erzählte von ihrem Fluchwersuch, und wie Annemarie sie zurückgebracht. (Forts, folgt.)