Nr. 560 ❖ ZS. Jahrgang
2. Heilage öes Vorwärts
Sonntag, 27. November 102t
wie tan« der Wucher bekämpft werden! Schnell arbeitende Wnchergerichte sind notwendig. (Vgl. auch die Ausführungen in Nr. 554.) f er uns mitteilte, hauptsächlich mit den Hausfrauen des mittleren Das Vorgehen der Behörden gegen den Wucher kann natürlich und kleinen Bcamtcnftandes, der Angestellten und auch mit Arbeiter- nur auf Erund gesetzlicher Bestimmungen erfolgen. Die wichtigsten! frauen zu tun hatte, wiewohl die letzteren, wie er ingrimmig meinte, bH-r Bestimmungen sind enthalten in der Bundesratsverordnung['t5me.r rne�r,?fn.,�er c'"e®lrofie weiter befindlichen Filiale des
gegen Preistreiberei vom 8. Mai 1918, der Bundesratsverordnung über den Aushang von Preisen in Verkaufsräumen des Kleinhandels vom 24. Juni 1915 und der Bekanntmachung des Bundesrats über die Errichtung von Preisprüfungsstellen vom 25. September/4. No- vember 1915 nebst der ebenfalls darauf bezüglichen Verordnung des Berliner Magistrats vom 8. Januar 1921. Den größten Unwillen hat in Kleinhandelskreisen seit ihrem Bestehen die Berliner Preis« Prüfungsstelle erregt und es sind immer wieder Versuche ge- macht worden, die Stelle abzubauen und einzuziehen. Noch am 9. Mai d. I. versuchte die Demokratische Partei durch einen Antrag in der Groß-Berliner Stadtverordnetenversammlung die Aufhebung
„Konsums geschluckt" werden. Er meinte, seine Kunden hätten schon „soviel Vertrauen" zu ihm, daß er es nicht mehr nötig habe, so streng auf die Auszeichnung aller Waren zu achten. Außerdem mache ihm die Auszeichnung auch, wie er nicht leugnen wolle, eine Unmenge Arbeit. Bei allen Fettartikeln lohne es tat- sächlich gar nicht, die Preise auszuzeichnen, denn einmal bekomme er so wenig herein, daß ihm die Ware unter der Hand weggehe, und dann ändern sich hier die Preise von Tag zu Tag. Er verwies dann aber auf eine F e i n k o st h a n d l u n g, die sich 14 Häuser weiter befinde. Diese, meinte er, wage es schon seit Mo- naten nicht mehr, ihre Artikel wie Weine, Liköre, edle Früchte, Pa- steten, Käse und alle die vielen leckeren Dinge, die im Schaufenster liegen, auszuzeichnen, denn wenn das Publikum die hör
Steuer durch die Arbeitgeber eine große Zahl von Zensiten bei der Veranlagung ausgeschieden sind. Interessant ist auch die Entwicklung, die bei der Gewerbesteuer zu verzeichnen ist. Allein im laufenden Stcuerjahr 1921 konnte hier eine Zunahme der Zahl der veranlagten Betriebe im gesamten Stadtgebiet von 145 849 auf 178 891, d. i. um 22,7 Proz., festgestellt werden. Noch bemerkenswerter sind die eingetretenen Verände- rungen in den einzelnen Ecwerbesteuerklasien. Bon 1920 zu 1921 ergab sich in der Gewerbesteuerklasse I eine Zunahme von 4182 Zen- siten, d. i. 67,96 Proz. In den übrigen drei Klassen sind folgende Verschiebungen zu verzeichnen: Klasse II ein Mehr von 11741 oder 181,66 Proz.; Klasie III: Zunahme 78 013 Zensiten oder 119,19 Proz. Dagegen hat die Klasse IV(niederste Klasse) um 60 874, v i. 75,18 Prozent, abgenommen, ein Beweis, wie trotz aller Lohn- und Ge- Haltserhöhungen Gewerbe und Industrie trefflich gedeihen.
�.....................>......— o—-- iv----- i iicytu, uus�ufleiuMien, ueiui lut'iiii uu»-puuiiiuni uie gut* der Prüfungsstelle zu erreichen. Der Antrag wurde aber abgelehnt,'renden Preise sehe, würde es vor Empörung, daß
In einem am 2. November im Berliner Rathaus gehaltenen Vortrag legte Oberverwaltungsgerichtsrat Dr. Falck dar, daß die Preisprü- fungsstelle angesichts eines gewissen Versagens der Rechtsprechung gegenüber dem Preiswucher im Kriege entstanden sei, weiterhin aber auch, um gewissen Bestrebungen in Handelskreisen entgegenzutreten, die mehr das„freie Spiel der Kräfte" und den freien Wettbewerb im Auge hatten als das Gesamtwohl des Volkes. Die Tätigkeit üer Preisprüfungsstelle. Der Hauptzweck der Preisprüfungsstelle ist nun, den Kleinhandel durch Vorschriften über Preisaushänge schärfer zu kontrol- l i e r e n und die Konsumenten dadurch zu schützen. Infolgedessen bestimmt, die Verordnung, daß über Obst, Früchte, Gemüse, Kar- tosfeln, Fleisch, Flcischwaren, Fische, Geflügel, Brot, Kuchen, Milch. Butter, alle Arten Speisefette und Oele, Eier, Käse, Hülsenfrüchte, Mehl, Teigwaren, Kaffee. Tee, Schokolade, Kakao, Weine und Spi- rituosen, kurz über alle Lebens- und Nahrungsmittel in dem Ber - kaufsraum gut leserliche Verzeichnisse angebracht sein müssen, aus denen der tatsächliche Berkaufspreis zu ersehen ist. Es wird auch bestimmt, daß der Preis für ein ganzes Pfund angegeben wird, nicht etwa, wie das oft beliebt wird, für ein halbes und gar ein Viertelpfund. Wenn dann die Hausfrau, erfreut über den Preis, kaufen will, wird ihr mit höhnischem Lächeln bedeutet, daß der Preis nicht für ein Pfund, sondern nur für ein Viertelpfund gelte. Derartige„Späßc" sind verboten. Hier sind vor allem die fliegenden Händler zu nennen, die seit langer Zeit ein/ besondere Methode gewählt haben, um den Käufer möglichst Im unklaren zu lassen, ob es sich um ein Pfund oder um ein halbes handelt. Sic haben folgendes Zeichen erfunden:
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Da die Vorschrift aber ausdrücklich verlangt, daß dieses Verzeich- nis auch die Gegen st ände des täglichen Bedarfs ein- schließen soll/ so müssen auch für Tabak, Tabakwaren, Seife, Petroleum. Spiritus, Holz, Koble usw. Preistafeln vorhanden sein. Ferner müssen die Preise für Web-, Strick-, Wirk- und Textilwaren, für Schuhwaren, Hüte, Mützen, Regenschirme, Haus- und Küchen- gerate, Schreibwaren, Schuhzatatcn, Nähmaschinen, Schulartikel. Spielwaren, Arzneimittel und Bücher ausgezeichnet oder durch Preistafeln erüchtlich sein. Auch Waren, die im Schau- fcnster liegen, müssen die Preise aufweisen. Die Magistratsvcrord- nung über diese Aushangverordnung sagt ausdrücklich, daß diese Preise nicht überschritten werden dürfen. Die Be- stimmung besagt dann weiter, daß die Abgabe der im Klein- verkauf üblichen Mengen zu den angekündigten Preisen nicht verwei- gert werden darf. Jedoch kann der Käufer nicht verlangen, daß künstlerische Schaufensterdekorationen seinetwegen zerstört wer- den. Zuwiderhandlungen können mit Geldstrafe oder mit Gefängnis, auch mit Entziehung der Handclserlaubnis bestraft werden. Neben der Arbeit der Wucherpolizei wird also die Berliner Preisprüsungsstelle und ihre Organe ein wichtiges Wort in der Kon- trolle der Berliner Kleingeschäfte mitzusprechen haben. Was öer kleinhänöier sagt. Wir nahmen nun auf Grund dieser bestehenden Vorschriften An- laß, mit einem Kolonialwarenhändlerzu sprechen, der, wie
solche Preise bezahlt werden, die Fenster einwer- f e n. Er hingegen mit seiner Frau, so meinte er zufrieden lächelnd, könne ruhigen Gewissens seinen Laden abends abschließen. Gewiß wolle er ebenso leben, wie jeder andere Mensch auch, aber er halte immer auf reine Papiere. Jäh brauste aber der gute Mann auf, als die Sprache auf Kar- t o f f e l n kam. Hier solle und müsse die Regierung mit aller Kraft zupacken. Auf dem Lanhx werde vom Großagrarier bis zum Klein- baucrn herab eine unerhörte Ausplünderung der städtischen Bevölke- rung getrieben. Wenn die Regierung die Agrarier und die Groß- Händler energisch anpacken könnte, würde die Hauptquelle des Wuchers im Inland verstopft werden. Die Gerichte arbeiten zu langsam. Nach zwei weiteren ergebnislosen Besuchen— die Herren Chefs waren höchst ungnädig über den ganzen„Rummel", den man mit dem angeblichen Wucher machte— trafen wir auf einen Kleinkauf- mann, der uns wieder zur Verfügung stand. Er berichtete uns ahn- lich wie der erste und wies uns auf ein besonderes juristisches Mo- ment hin. Sowohl dem Kleinhandel wie dem Publikum, meinte er, müsie doch an einer schnellen gerichtlichen Erledigung aller wirklich feftaestellten Wucherfälle gelegen sein. Das aber sei nicht der Fall. Die Polizei zwar arbeite schnell, die Gerichte ober unendlich l o n g s a m, so daß die jetzt festgestellten Fälle erst nach vielen Monaten zur Perhandlung kämen. Beide, Publikum und Händler, hätten aber ein sehr großes Interesse daran, daß gerade in diesen Wucherfällen die Justiz rasch arbeite. Von ju- ristischer Seite werden wir hierzu darauf hingewiesen, daß z. B. in England die Polizeigerichte bestehen, die derartige Fälle innerhalb 24 Stunden erledigen. Auch eine ähnliche schnelle Justiz gehöre, besonders in dieser Zeit, nach Deutschland .« In den breiten Massen der konsumierenden Pevölkerung aber herrscht nur der eine einzige Wunsch, daß sich die Behörden durch keinerlei Schimpfkanonaden der Produzenten und Händler beein- slusfen lassen, sondern auf dem einmal beschrittenen Wege energisch wciterschreiten müssen._■ öerlin als Steuerquelle. Der auf Grund des früheren Einkommensteuergesetzes sich er- gebende �Bstrag des Veranlagungssolls.beziffert sich in der Stadt- gemeinde Berlin für das Steuerjahr 1919 auf 134,3 Millionen Mark. Die entsprechende Zahl lautet für den preußischen Staat mit Aus- schluß der früheren Regierungsbezirke Posen und Bromberg 669,1 Millionen Mark, so daß die Stadtgemeinde Berlin allein über ein Fünftel, 20,07 Proz., des gesamten staatlichen Veranlagungs- solls der physischen Zensiten aufbringt. Auch hier ergeben sich große Unterschiede zwischen den einzelnen Stadtteilen. So marschiert Bezirk X(Zehlendors) mit 118,49 M. pro Kopf der veranlagten Zensiten an der Spitze Es geht dann abwärts über Wilmersdorf , Charlottenburg usw. bis zu Weißensee mit 21,76 und Neukölln mit 20,30 M. Der Eesamldurchschnitt der Siadt beziffert sich auf 35,30 M., d. i. rund das Doppelte von der 17,70 M. betragenden Kopsquote im Rahmen des gesamten Staates. Eine jetzt vorzunehmende Veranlagung würde freilich ein ganz anderes Bild ergeben, nachdem durch die direkte Einziehung der
die Volksküchen gehen ein. Eine Nachricht, die in dieser Zeit der allgemeinen Teuerung Aufsehen erregen muß, wird vom Bezirksamt Neukölln verbreitet. Danach ist die Beteiligung an den von der Gemeinde eingerichteten Massenspeisungen so sehr zurückgegangen, daß sich dos Bezirksamt veranlaßt gesehen hat, die vorhandenen Küchenbetriebe bis auf einen zu schließen. Wir hatten keine Gelegenheit, das in Neukölln verausgabte Essen zu prüfen, vielleicht aber ist der Rückgang im wesentlichen auf die Zubereitung der in dieser Masse hergestellten Speisen zurückzuführen. Das Bezirksamt Neukölln teilt in dieser Angelegenheit folgendes mit: Der immer mehr in die Erscheinung getretene Rückgang der städtischen Masienspeisuugen hat das Bezirksamt Neukölln oeran- laßt, die vorhandenen Küchenbetriebe nach und nach bis auf denjenigen in der Cannerstr. 46 st i l l z u l e g e n. Wie das Ergebnis der letzten Monate zeigt, wird auch diese Küche nicht mehr in dem erwarteten Umfange in Anspruch genommen. Im Monat A u g u st gelangten insgesamt 6471, im September 5719 und im vergangenen Monat sogar nur 5531 Essen- v o r t i o n e n zur'Ausgabe. Damit ist der bisher niedrigste Stand der städtischen Massenspeisung erreicht. Der ! gewaltige Rückgang erhellt unter Gegenüberstellung des Monats i Juli 1917, in welchem bei Berabfolgunq ppn 581 317 Portionen die höchsten Anforderungen an die" Stadtküchen gestellt wurden. Dennoch ist in Anbetracht obiger Ilmstände die Weiterführung dieles alleinigen Küchenbetriebes zunächst nicht in Frage gestellt.
Warum öle Milch so teuer ist. Unkostm durch mangelnde Sorgsalk der Produzenlen. Dem Berliner Milchamt wird von Milchhändlern und von einer gewissen Presse immer wieder vorgeworfen, daß durch die Organi- sotion dieser Verwaltungsstelle die Milch eine ungebührliche Vcr- teuerung erleidet. Demgegenüber erklärt das Milchamt nun, wie sich der Preis der Milch im einzelnen zusammensetzt. Der Milchprcis ist stets bedingt durch die Menge des Mllchein- gongs bzw. die Höhe der Bahnfrachten. Wenn ab 1. November die mit 3,18 M. frei Bahnhof Berlin gelieferte Milch auf 4,34 M. (nicht 4,32 M.) kommt, so erklärt sich dies dadurch, daß mehrere Erwerbs st ände, die auch bis zum Kriege durch und von der Milch lebten, unter gänzlich veränderten wirtschaftlichen Verhält- nissen auch heute von der großstädtischen Milchversorgung nicht auegeschieden werden können. Es handelt sich hierbei um die Milcheinführer, die Milchfahrer und die M i l ch k l e i n-' h S n d l er. Da nicht sämtliche Milch, die in Berlin eingeführt wird, im» mittelbar vom Erzeuger, sondern ein Teil von ländlichen Molke-' reien, wo sie wegen allzu entfernter Lage der Erzeuger bereits vor- behandelt und haltbar gemacht werden muß, geliefert wird, so muß die hierfür anteilig zu zahlende Entschädigung auf den Preis frei Berlin mit 14 Pf. zugeschlagen werden. Der Einführcr erhält 17 Pf., der Fahrer 21 Pf., der Kleinhändler 32 Pf. Da nun be- dauerlicherweise die vor dem Kriege übliche Sorgfalt bei der Ge- winnung der Milch zurzeit nicht mehr in derselben Weise in den Ställen beobachtet wird, kommt die geringe Milchanfuhr in einem Zustand in Berlin an, in dem sie an die Verbraucher aus hygienischen Gründen nicht abgegeben werden kann, d. h. sie muß gereinigt, zum Teil entsäuert, tief gekühlt und halt- bar gemacht werden. Hierdurch entstehen 18 Pf. Unkosten j je Liter, die durch sorgfältige Behandlung der Milch �bei der Gewinnung hätten vermieden werden können. Für die Bereitstellung von Fastage, die im Kriege her- I gestellt, sich außerordentlich schnell abnutzt und deren Ersatz zurzeit
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Fräulein.
Von Paul Enderling . „Was fällt Ihnen ein?" fragte Annemarie. Der Schutzmann sah sie finster und durchbohrend an. „Sind Sie das Fräulein hier?" „Ich heiße Annemarie Tefsmer," antwortete sie.„Wie kommen Sie dazu?" Der S6)utzmann war auf den Doden des Koffers gelangt. „Es ist nichts mehr drinnen," sagte er zu Julius Görke.„Soll ich nachsehen, ob der Koffer doppelten Boden hat?" Annemarie trat dazwischen und nahm ihm den Koffer weg.„Wer hat Ihnen das Recht hierzu gegeben?" „Das Recht?" echote der Schutzmann.„Hoho, das Recht? Das ist doch augenscheinlich, hoho." Minna Görke schluchzte.„Es ist doch, well das Geld fehlt, das Geld aus der Schublade—" „— und well es nur einer aus dem Hause genommen haben kann," vollendete der Hausherr.„Und weil es zum mindesten auffällig ist, daß Sie gerade setzt fort wollen." Annemarie war erblaßt.„Ach so," sagte sie langsam. „Mo kann nur ich es genommen haben. Natürlich. Da müssen Sie ja bei mir nachsehen." Ihre Ruhe verblüffte alle. Der Schutzmann schrieb etwas in fein Notizbuch. Julius Görke strich nervös und verlegen über sein Gesicht. Frau Görke schluchzte in ihr Taschentuch:„Aber es wird ja wohl nicht sein, und dann ist es ja gut, Fräulein." „Ja. dann ist es gut," sagte Annemarie. Sie wollte lachen, aber sie brachte nichts heraus. Plötzlich sank sie in die Knie« und weinte, und da sie ihr Taschentuch nicht fand, wischte sie mit einem Wäschestück, das neben ihr lag, die Tränen fort. Der Schutzmann sah Julius Görke an, als wartete er nur auf einen Wink, um auf die Verbrecherin zuzustürzen und sie zu verhaften. Denn es war doch augenscheinlich, hoho, äugen- scheinlich! Aber Julius Görke winkte ihm ärgerlich ab und verließ das Zimmer. „Das war abscheulich, Dater," sagte Thea.
Als Annemarie aufblickte, waren alle fort. Nur Thea kniete neben ihr und hielt sie umfaßt.„Er muß alles wieder gut machen," sagte sie.„Glaube es mir, Annemarie, er muß alles wieder gut machen." Einen Augenblick hackten die beiden Mädchen mitten im Wirrwarr der Wäschestücke, der Bücher und Kleider stumm nebeneinander. Plötzlich fragte Annemarie:„Warum weinst du auch, Thea?" „Ich wein« ja gar nicht, Annemarie." „Doch, du weinst,"— und sie mußten durch ihre Tränen hindurch über die seltsame Situation lochen. Thea hob sie empor.„Ich hätte mir den Abschied so schön gedacht. Und nun kam dies." „Aber dies war ja noch gar nicht der Abschied," tröstete Annemari«, und sie kniete kopfschüttelnd nieder und begann die auseinandergeworfenen Sachen wieder einzupacken. Plötzlich fuhr sie auf.„Wo ist dein Bruder?" fragte sie voll Angst. „Hermann? Ich weiß nicht." „Oh. paß auf ihn auf! Ich habe'Angst um ihn." „Aber warum?" „Ich habe Angst um ihn." Annemarie sah die Szene im nächtlichen Garten in Zopvot und sah Cäsar Iustitz wieder vor sich. t 0 Eine Stunde später traf Annemarie Hermann vor der Wohnung des Notars. „Ich gratuliere," sagte Hermann.„Nicht wahr, Sie haben doch heute Geburtstag?" „Hoben Sie es behalten?" „Freilich." „Es ist gut, daß wir uns treffen—" „Ja, Sie wollen ja heute fort von uns." „Nicht deswegen." Sie sah ihn scharf an.„Wisien Sie schon, was mir heute passiert ist?" ..Ich komme eben aus Langfuhr . Ich weiß nichts." Annemarie erzählte. Hermann kratzte mit dem Spazier- stock auf dem Steinpflaster herum und sah zu Boden.„Vater sieht Gespenster," sagte er undeutlich Es kostete ihm sichtlich Anstrengung, auch nur diese wenigen Worte zu sagen. Es schlug drei.
„Ich glaube, es ist Zeit." Sie gingen nach oben und traten einzeln ein. Das Ehe- paar Görke stand schon an einem Fcnster mit Tiedemanns, Brondstätters und den Tanten. Thea trat zu Annemarie. ?llle blickten forschend auf sie. Tiedemann rauchte eine große Zigarre und stieß große Wolken hervor. Seine Frau patschte ihm von Zeit zu Zeit auf den Rücken.„Sei nur ruhig, Manne." Er räusperte sich dann jedesmal energisch und blickte aus Julius Görke, als wolle er ihn zu einer entscheiden» den Aeußerung veranlassen. Dore Franzius knöpfte nervös ihre Handschuhe aus und zu und fragte Hermann irgend etwas Gleichgültiges. Frau Görke stand unglücklich wie ein verregnetes Huhn. Tante Berta blickte boshaft von Görkes zu Annemarie, als wolle sie sagen:„Das habe ich kommen sehen. Warum habt ihr nicht aus mich gehört?" Tante Tine rang chre großen Fuhrmamishände und sah gänzlich hilflos im Raum umher: wenn sie Annemarie streifte, bekam ihr Blick etwas Vorwurfs- volles. Baurat Brandstätter sah streng zu Annemarie herüber. Offenbar hatte er einen Verweis auf der Zunge, den er nicht hervorbrachte. Julius Görke ging von Zell zu Zeit zum Bureauvorsteher und fragte ihn flüsternd, aber so, daß es jeder verstehen konnte: „Ist's endlich so weit?" Annemarie existierte für ihn an- scheinend nicht. Annemarie dachte daran, daß er sich noch nicht entschuldigt habe. Sie drückte Theas Hand fest. Thea tat ihr wohl: sie war das einzige Freundschaftliche in diesem ganzen Remn, der von einer Atmosphäre der Feindseligkeit und des Arg- wohns erfüllt war. Der Notar kam und las ans der letztwilligen Verfügung des Oberlehrers Otto Sanders vor. Der Notar war ein ele- ganter, noch recht jugendlicher Herr. Sein Taschentuch war parfümiert, und sein Atem roch beim Sprechen nach ägyptischen Zigaretten. Keiner hörte recht zu, bis er an die entscheidende Steve kann.„So vermache ich denn mein gesamtes Vermögen und meine Möbel je zur Hälfte meinem Neffen Hermann Görke und Fräulein Annemarie Tessmer. Beide gehören zu denen, denen man helfen muß. (Forts, folgt.,