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Heilage öes vorwärts
Mittwoch, 7. März 1922
Krankentransport und erste Hilfe.
Eine Großstadt braucht nicht nur öffentliche Krankenhäuser, fondern auch öffentliche Einrichtungen zur ersten Hilfe bei Unfällen und zum Transport von Kranken. In Berlin hat man, wie bei so vielen anderen Aufgaben der Gemeinde, auch beim Rettungs- und Krankentransportwesen zunächst der privaten Tätigkeit und dem gewinnsuchcnden Gewerbe das Feld überlassen. Erst später gelangte die Stadt zur Uebernahme und Ausgestaltung dieses Zweiges der ösfentlichen Gesundheitspflege, dessen Bedeutung für die Volksgcsundheit nicht unterschätzt werden darf. Ein Blick in den Betrieb des Berliner Rettungsamtes, das zum ärzt- lichen Direktor den Sanilätsrat Dr. Frank hat und eine Abteilung des Gesundheitsamtes der Stadt ist, zeigt die Wichtigkeit dieses Arbeitsgebieten Die krankenwagenöepots. Die haupkverwallung des Rettungsamtes hat ihren Sitz in der Auguststraße, teils in gemieteten Räumen des früheren Kranken- Hauses der Jüdischen Gemeinde, teils auf den zusammenhängenden Grundstücken Auguststr. 9 und Artilleriestr. 28. Auf dem Hof von Auguststr. 9 befindet sich ein Hauptdepot für Krankentransport, das sechs Krankenautomobile in Bereitschaft hat. Kleinere Depots mit einer geringeren Zahl Automobile gibt es in der Gegend des Friedrichshains, in Charlottenburg , in Schöneberg , iy Reinickendorf. Im ganzen verfügt das Rettungsamt über 2S Wagen, von denen allerdings infolge starker Beanspruchung dauernd mehrere in Re- paratur sind. Die betriebsfähigen Wagen sind gewöhnlich den ganzen Tag unterwegs und fahren nach Ausführung eines Krankentrans- ports sofort vom Krankenhaus unter Umgehung des Depots weiter zur Abholung eines anderen Kranken. Rur nach dem Transport eines Jnfektionskrankcn muß der Wagen in das Depot zurückkehren, um dort desinfiziert zu werden. Solche Unterbrechungen bringen Zeitverlust uizd machen sich im Betrieb mitunter sehr unangenehm fühlbar. Das Depot hat eigene Einrichtungen zur Desinfizierung des Wagens und zur Reinigung des Bezuges der Krankenbahre, der nach jedem Transport erneuert wird. ?m Hauptquartier öes Krankentransportwesens. Die Fäden des ganzen Krankentransportapparotes laufen zu- fammen in der Telephonzentrale, die im Hause Artilleriestr. 28(in sehr unzulänglichen Räumen) untergebracht ist. Sie ist verbunden mit allen Krankenhäusern, mit allen Rettungsstellen, mit den Krankentransporldepots der Stadt, mit den wenigen privaten Krankenlransportinstituten, die sich noch behauptet haben, ferner mit der Polizei und einigen anderen Behörden. Täglich dreimal werden aus allen Krankenhäusern die freien Betten an die Zentrale ge- meldet, so daß auf jede Anfrage sofort in unentgeltlich erteilter Aus- kunft das für einen Kranken in Frage kommende Krankenhaus an- gegeben werden kann. Diese Tätigkeit erfordert viel Umsicht des damit betrauten Personals der Zentrale, dem das anfragende Publikum nicht durch Ungeduld die im Interesse aller Kranken zu wünschende glatte Abwicklung der Arbeit erschweren sollte. Das früher so oft beklagte stundenlange Umherkutschieren von einer über- füllten Anstalt zur anderen, das den bedauernswerten Kraizken schädigte, kann bei der Inanspruchnahme dieser Meldestelle nicht mehr vorkommen. Wird zugleich ein Krankenwagen verlangt, so sührt die Zentrale gleichfalls die Bestellung aus. Im Januar 1922 be- sorgte das Rettungsamt nicht weniger als 4589 Krankentransporte, � das macht durchschnittlich pro Tag 148 Transporte. Die Zentrale ist auch nachts in Betrieb, um Betten nachweisen und Krankenwagen schicken zu können. Jederzeit ist sie darüber unterrichtet, wo ein! Wagen einen Kranken abzuholen und in welches Krankenhaus er I ihn einzuliefern hat. Sie kann durch telephonischen Anruf jeden! Wagen von einem Krankenhaus an eine Stelle schicken, wo er im Augenblick dringend gebraucht wird. Das kommt zum Beispiel vor, wenn Massenunfälle sich ereignen und die Heranziehung möglichst aller Wagen nötig machen. Oer Kostenpunkt. Die Kosten des Krankentransportwcsens sind nicht gering: sie belaufen sich zurzeit auf 234 bis 3 Millionen Mark. Ein Kranken- automobil kostet heute bereits 200 999 M., gegenüber 30 900 M., für die es noch vor drei Jahren zu haben war. Gummireifen und Be- triebsstoff sind so teuer, daß man sie kaum noch bezahlen kann. Die Verwaltung geht damit um, die Krankenkassen allmählich zur Zah
lung des vollen Selbstkostenpreises der Transporte heranzuziehen. Künftig wollen die Kassen jeden Transport mit 199 M. bezahlen, aber das bleibt noch weit hinter dem jetzigen Selbstkostenpreis zurück, j Die Aufwendungen pro Kilometer Fahrt stellen sich heute aus durch-! schnittlich 15 M., so daß bei einer durchschnittlichen Fahrtlänge von! 14 Kilometer die Gesamtkosten einer Fahrt durchschnittlich 219 M. 1 betragen. Zurzeit fordern die privaten Krankentransportunter-' nehmer mehr als das städkische Krankentransportwesen, das durch seine Konkurrenz preisregelnd wirkt. Die Rettungsstellen für erste Hilfe. Neben dem Krankentransportwesen ist das Rettungswesen für die Großstadt unentbehrlich. Berlin hat 42 Reltungsslellen, die jedem Verletzten oder plötzlich Erkrankten erste Hilfe gewähren. Die weitere Behandlung bleibt dem privaten Arzt überlassen oder dem Krankenhaus, in das die Rettungsstelle den Kranken nötigenfalls überweist. Der Arzt einer Rettungsstelle kommt in dringenden Fällen zur ersten Hilfe auch in die Wohnung und bringt eine jeder- zeit bereitgehaltcne Auswahl wichtigster Medikamente und In- strumente mit. In etwa 79 009 Fällen pro Iahr leisten die Rettungs- stellen ihre Hilfe. Die Hilfeleistung wird nicht von der Zahlungs- sähigkeit abhängig gemacht, aber die Rettungsstelle sucht von dem tatsächlich Zahlungsfähigen hinterher die Kostenerstattung zu erreichen. • Die neue und größere Stadtgemeinde Berlin steht heute vor der Aufgabe, das Krankentransport- und Rettungs- wesen der bisherigen Einzel gemei.n den zu einem einheitlichen Ganzen zusammenzufassen. In manchen Gemeinden hat noch das private Unternehmertum eine be- � herrschende Stellung, in einigen anderen Gemeinden liegt das Krankentransportwesen in den Händen der Feuerwehr. Die Leitung des Berliner Rettungsamtcs wünscht, in dem ganzen Gemeinde- gebiet Berlins die Feuerwehr in den Dien st des Kranken t-ransportwesens zu stellen. Sie möchte der Feuerwehr den Transport vom Unfallverletzten zuweisen, so daß dem Rettungsamt nur der Krankentransport bliebe und für diesen jederzeit das Personal und der Wagenpark uneingeschränkt zur Ver-' fügung stände. vergolüeter Schunö. Der Kamps gegen die Schundliteratur, eine Zeitlang durch den Kampf gegen den Schundfilm zurückgedrängt, scheint jetzt wieder mehr in den Vordergrund zu treten. Oft genügt es, wenn man die Bücher erst gar nicht liest, sondern sich nur die verlegerischen An- kündigungen ansieht. Man weiß dann, wenn man nur einen Blick für die Dinge hat, sofort, was los ist. Der Prospekt eines guten bürgerlichen Verlages liegt da. Er kündigt nur Roman « an. Nicht erstklassige Autoren. Aber immer- hin solche von Namen, hier' und da einer von Rang. An seinen Ankündigung kann man den Roman ' erkennen. Also' laßt sehen: „Mit blendender Erzählerkunst wird der Gang eines Genies gekenn- zeichnet, das sich aus den Niederungen des Kriegsschiebertums zu den reinen Höhen eines seiner Verantwortung bewußten Geld- f ü r st« n erhebt." Herrlich muß die„reine Höhe" sein, auf der so ein Geldsürst lebt. Ein anderer Roman wird also angekündigt:„Die Jagd nach dem Glück, der Taumel der Millionen, das ist das Thema, das jetzt alle Kreise Deutschlands beherrscht. Em Kriegsgewinnler im wahren Sinn des Wortes steht im Mittelpunkt der Handlung, die uns von der Destille in der Ackerstraße nach der vornehmen Stille des Pots- damer Generalhauses führt."— Destille und Stille, wie kann es anders sein, als daß sie sich aufeinander reimen. Und endlich:„... im Mittelpunkt der kühne Reiters- mann und die hochmütige Dollarprinzessi n".— Man kann sich selber vorstellen, was daraus wird, wenn die beiden zusammenkommen. Deshalb wollen wir den Vorhang über diesen vergoldeten Schund schließen.-
Zum Reichsmietengesetz. Der Bund deutscher Mietervereine(Sitz Dresden ), der vor kurzem seine Delcgiertenversammlung in Berlin abhielt, legt in einer Kundgebung mit Entschiedenheit und Entrüstung einstimmig dagegen Verwahrung ein, daß der Hausbesitz versucht, in letzter Stunde durch demagogische Kampfesweise und erpresserische Drohungen(Steuerstreik, absichtliches Zer° fallenlassen oder Anstecken der Häuser, Verkauf an Ausländer usw.) d a s G e s c tz z u Ja l l z u b r i n g e n. Es heißt in der Kundgebung dann weiter:„Die Delegiertenversammlung richtet an den Reichstag das dringende Ersuchen, sich durch dieses Gebaren des Hausbesitzes nicht irremachen zu lassen, sondern das Gesetz, dessen wir dringend bedürfen, um Ordnung in die Hauswirtschaft zu bringen, zu ver- abschieden. Daß das Gesetz die Hoffnungen der Spekulation bis auf weiteres einschränkt, ist ein besonderer Vorzug, ist mit der damit ver- suchten Festhaltung der Grundrente eine Notwendigkeit, ohne die unsere gesamte Wirtschaft durch Belastung mit neuen ungeheuren Schulden schwersten Schaden leiden würde und ohne die der Mieter- schaft die schweren Lasten, die sie mit dem Gesetz übernehmen muß, nicht zugemutet werden können. Die Mieterschast ist bereit, sich mit dem neuerdings vorliegenden Kompromißvorschlag abzufinden, auch wenn in ihm viele berechtigte Forderungen nicht erfüllt sind. Der Bund der Mietervereine ist sich seiner Verantwortung gegenüber der gesamten Volkswirtschaft bewußt. Er hat sein Verantwortungs- gesühl durch ruhige, sachliche Arbeir bewiesen, er erwartet dafür aber, daß diese Arbeit entsprechend gewürdigt wird und es nicht der dema- gogischen Arbeit der Gegenseite gelingt, das Gesetz zu Fall zu bringen. Die Unruhe in der Mieterschast ist außerordentlich groß. Wenn das Rcichsmietengesetz fällt, lehnt der„Bund deutscher Mieter- vereine? die Verantwortung für die unabsehbaren Folgen ab. lleberfremdungsgefahr? Unter den Bedenken, die gegen den Entwurf des Reichsmieten- gesetzes erhoben werden, tritt besonders häufig die Behauptung auf, das Reichsmietengesetz werde„die Ueberfremdungfördern". Eine Ueberfremdungsgefahr könnte in der Tat dann vorliegen, wenn wirtschaftlich schwachen Hausbesitzern die Mittel fehlen, um die Lasten des Hausbesitzes zu tragen, die Verwaltung ordnungsgemäß zu führen und die notwendigen Reparaturen auszuführen. Gerade die Mittel hierfür aber stellt das Rcichsmietengesetz, und zwar unstreitig in ausreichendem Umfang, zur Verfügung, so daß die Notwendig- keit der Verschleuderung von Hausbesitz für kei- nen Hausbesitzer mehr besteht, wenn das Gesetz zustande kommt. G e st e i g e r t aber würde die Ueberfremdungs» g e i a h r gerade dann, wenn den weitergehenden Wünschen ein- zelner Grundbesitzerkreise stattgegeben und volle Freiheit in der Steigerung der Mieten gewährt würde. Denn dann würden die Wohnhäuser wieder in stärkerem Maß Handels- und Spekulationsobjekte und für Ausländer würde ein Anreiz zu spekulativem Auftauf des deutschen Hausbesiges über- Haupt erst geschaffen._ Eine Kleinstaöt-Tragoöie. Den Schwiegersohn niedergeschossen. Eine Totschlagsafiäre, die in dem benachbarten Bernau seinerzeit großes Aufsehen erregt hotte, lag einer Anklage zugrunde, die gestern das Schwurgericht des Landgerichts III beschäftigte. Das urfprüng- lich auf Mord lautende Verfahren, das sich schließlich zu einer Anklage wegen vorsätzlichen Totschlags verdichtete, richtet sich gegen den ögjährigen Schlächtermeister. Ferdinand C s ch b a ch, der seinerzeit gegen Stellung einer hchcn Kaution aus der Haft entlassen wor- den war. Der Getötete war der Schwiegersohn des Angeklagten, der frühere Kriminalwachtmeistcr Peter Krachten aus Düsseldorf , der während des Kriegs als Unteroffizier die Tochter des E. kennen gelernt hatte. Aus Liebe zu dieser trat K. vom katholischen zum evangelischen Glauben über und gab auch seinen Beruf auf, um bei seinem Schwiegervater das Schlächterhandwerk zu erlernen.— Während die Ehe anfänglich eine sehr glückliche war, trat später bald das Gegenteil ein. Nach der Anklage soll die Hauptschuld die Ehefrau haben, weil sie angeblich ein sehr leichtfertiges Leben führte, häufig ohne Wissen ihres Mannes nach Berlin fuhr, hier Kaffeehäuser und Theater besuchte und sich auch sonst in Bernau nicht des besten Rufes erfreute. Dies führte wiederholt zu heftigen Szenen, bei denen der Angeklagte für feine Tochter, die als„Einzige" etwas verzogen war, eintrat. Als es wiederholt dazu kam, daß Krachten auf seine Frau einschlug, soll der Angeklagte geäußert haben, er werde dazwischen gehen und K. niederschießen. Als es am b. Fe- bruar v. I. wieder zu einer heftigen Szene kam, erklärte K. dem Angeklagten:„Du hast sie verzogen. Sie mußte Prügel haben!"
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Die Sünde im Wasser.
Von Wilhelm Schmidtbonn . Die beiden sprachen kein Wort. Er faßte sie fester und legte ihr die Hand auf den Kops, um sie zu schützen. Sie fühlten die Nähe des Todes, der da draußen in der Waffernocht ein Menschenherz hatte ausschlagen machen. Sie glaubten ihn langschrittig über das Wasser zu ihnen herkommen zu sehen. Sie bückten sich ganz in sich zusammen, wie zwei Katzen, die sich klein vor dem Hund machen. Sie klammerten sich enger an den Stamm, als ob die Blättermauer sie schützen könne vor der Knochenhand, die aus dem Dunkel heraus weiß und mit langen Fingern nach ihnen griff. So hockten sie lange. Sie fürchteten sich,, ein Wort zu sprechen. Nur hin und wieder drückte sich eins fester ans andere, wie um zu sagen:„Ich lebe noch, lebst du noch?" Sie redeten nicht mehr davon, daß sie sterben mußten— sie wußten es, sie fühlten es als ein Schwarzes und Schweres auf sich liegen. Unter diesem Schwarzen und Schweren, wie unter einer Decke, die sie von Welt und Menschen trennte, blühten endlich ihre Leiber ineinander. Das Furchthämmeni des Herzens erstickte endlich unter den Stammellauten alles vergessender Trunkenheit. Was sterben mußte, lebte endlich noch einmal auf im tiefsten Taumel des Blutes. Schliefen sie, oder waren sie wach? Sie wußten es nicht mehr, sie hatten keine Kraft mehr, darüber nachzudenken. Rur das Bewußtsein von etwas Ueberglücklichem, von etwas Wunderseligem, etwas geheimnisvoll Stummem, das sich nicht sagen ließ, und das doch in ihnen jauchzte und jauchzte, das Gefühl, dieses Seligste gelebt zu haben, eine Minute oder eine Ewigkeit— lag dämmernd auf ihren Stirnen. Und keine quälende Sehnsucht, nur noch Stille und Friede war in ihnen. Sie hatten Arm in Arm geschlungen, wie zwei, zwischen denen alles, was sie getrennt hatte, gefallen war, die sich ge- hörten, ganz, für immer. So lagen sie und warteten auf den Tod. „Mein Fuß hängt im Wasser," sagte er noch einmal. Sie antwortete nicht, Sie träumte. Sie hörte die Orgel in der Kirche brausen, durch die großen Fenster flutete das
goldene Sonnenlicht auf die vielen weißen Kleider der Mädchen und die ernsten Gesichter der Männer. Ihre Mutter, die kleine Frau, drehte den Kopf nach ihr und lachte ihr zu. Der junge, goldene Tag stieg auf. Rudcrfchläge und Stimmen kamen näher— das Leben kam. Hein schrie auf. Er schlug mit den Fäusten auf das Mädchen, um sie wach zu machen. Mit großen, verständnislosen Augen sah sie ihn an. Sie ließ es geschehen, daß er ihr Strümpfe und Schuhe anzog. sie ließ sich den Hut von ihm aufsetzen, in den er das lange Haar ungeordnet und ungeflochten hineinsteckte.. Als die Stimme ihres Verlobten an ihr Ohr schlug, faßte sie in die Aeste und wollte fliehen, wollte ins Wasser hinein. Hein packte sie mit eisernem Arm, schwenkte seinen Hut und rief und schrie. Und von dem Baum weg warfen sich die Vögel mit jauch- zenden Kehlen den Kommenden entgegen.
Es war ein Tag im Mai, voll phantastischer, weißer Wolken am blauen Himmel und goldener, wechselnder Schatten überall. Das über die Ufer geflutete Wasser war seit Wochen ver- laufen, und aus der satten Erde war wunderbare Sommer- pracht hervorgeschossen. Alles wogte von Duft und Farbe. An ollen Hecken, an allen Fenstern leuchtete ein Rosenglück aus grünen Blättern, das noch dem hemdärmeligen Schiffer weit im Rhein mit seinem süßen Geruch die Brust eng machte. In den Wipfeln lärmte ein Heer von tausend Kehlen gegen das andere, so voll Sang hing der Himmel, daß die Sonne kaum durchzudringen schien. Und an den Bächen, die zwischen den Weiden dahinfchäumten, im Gras der weiten Wiesen, auf den Sonnenflecken im Buchenwald kroch und flog und surrte und summte alles von Ameisen und Käfern und Fliegen und Bienen. In den Ställen brüllten die Kühe, scharrten die Pferde mit den Hufen. An den Ketten weinten die Hunde und gingen im Bogen umher, so weit die Kette reichte. Und die Menschen! Sic taten alle Fenster auf. Sie ließen die Betller sich in die Laube setzen und machten ihnen die Suppe vom vorigen Tage warm. Sie gaben allen die Hand, an denen sie sonst
vorübergingen. Die jungen Frauen fühlten ihr Kind unter dem Herzen und waren ganz still vor verschwiegenem Glück. Die Mädchen und Burschen streiften mit den Ellenbogen an- einander und sahen sich eins nach dem andern um, ehe sie ins Haus gingen. Und die alten Leute saßen mit gebogenen Rücken und altniodischen Jacken auf den Bänken am Ufer und sahen die Schiffe mit schwarzen Schornsteinen und weißen Segeln an sich vorüberziehen. Alle, die sonst ernst und bedächtig waren und die Hände ans dem Rücken hielten, gingen nun mit einem leisen Lied und mit schwingenden Armen durch die Straßen. Eine un- erklärliche Freude am Leben war über alle gekommen. Jede zwei Augen waren der Spiegel eines Menschenherzens voll Liebe und geheimnisvoller Seligkeit.— Die beiden Freunde, Hein und Georg, der Verlobte Gretes, waren wie immer beisammen, an ihrem alten trauten Platz hinter dem Haus. Das Haus war auf den Resten einer alten Kirche gebaut, und in der hinteren Basaltwand war eine Nische ausgehauen, die wohl einmal ein Muttergottesbild und brennende Kerzen, eine Betbank und still gefaltete Hände um- faßt hatte. Jetzt standen ein weißgedeckter Tisch, eine Bant und hellgestrichene Stühle da. Der schlichthaarige Georg hatte eine Zeitung über den Tisch gebreitet und stand darauf und stellte mit leisen Händen einen blühenden Wiesenstrauß vor das geschlossene Fenster oben. Hein saß auf der Bank und ließ sich die Sonne auf die gesunden Backen brennen. Seine breite Brust atmete tief, wie die eines Schlafenden. Er hatte seinen Rock neben sich gelegt und das Hemd an den starken Annen in die Höhe gestreist. Voller Lust putzte er über das Metall der Flinte, die auf seinen Schenkeln lag,' und hielt sie von sich, daß die Sonne darin blitzte. Dann saßen sie nebeneinander. Georg blätterte in seinem Buche, legte dann den Kopf zurück und sah in den blauen Himmel über sich.„Kerl," sagte er einfach und mit leiser Stimme,„ich bin glücklich. Ehe du gehst heute, will ich dir das noch sagen." Und das Glück sah durch die goldene Brille aus seinen schönen, blauen Kinder- äugen, die so groß waren, als hätte das lange Ausschauen nach dem Glück sie weit gemacht. �Fortsetzung folgt.)