Ar. 216 39.Jahrgang Ausgabe Afr. 108
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Dienstag, den 9. Mai 1922
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Die Schicksalstunde der Konferenz.
fortiums der Sowjetregierung für eigene Wiederaufbauarbeiten zur Verfügung zu stellen, während der andere Teil den ausländischen Industriellen für die Wiederaufnahme des Handelsverkehrs überlassen werden soll. Das der Sowjetregierung zu leihende Geld müßte auf jeden Fall dem russischen Wiederaufbau dienen. Auf diese Weise hoffe man, den Wünschen der Sowjets entgegenzukommen, erwarte aber von ihnen gleichzeitig die Annahme des Memorandums. Dieser Vorschlag unterliegt gegenwärtig einer Prüfung durch die alliierten Sachverständigen.
Neue Schwenkung Lloyd Georges?
Die grundlegende Veränderung der Weltlage durch die Pariser Angst vor einem fünftigen friegerisch starten und die Konferenz von Genua und der Bruch Englands mit feindlich gesinnten Deutschland in der geschichtlichen Erfahrung Frankreich sind Dinge, die sich vielleicht noch verschleiern, aber ihre Stüße findet. Der französische Osten wie der deutsche nicht mehr aus der Welt schaffen lassen. Selbst ein notdürftig Westen gleichen einem narbenbedeckten Leib: von Heidelberg gezimmertes Kompromiß, an das heute nur wenige glauben, und Mainz bis St. Quentin und Rheims , überall hat die GePonnte an der Tatsache nichts ändern, daß die Einigkeit schichte Beweise dafür hinterlassen, welcher Wahnsinn es ist, der Entente nicht mehr besteht und daß die auseinander wenn zwei Nachbarvölker in dauerndem, nur von einstweiligen strebenden Kräfte in ihr über die zusammenhaltenden mit jedem Friedensschlüssen unterbrochenem Kriegszustand leben! Tage mehr die Oberhand gewinnen. Die Tendenz zum Aus- Nicht darin besteht Frankreichs Verbrechen, daß es gegen einanderfallen war schon während des Krieges vorhanden und die Wiederkehr solcher Ereignisse Schuß sucht, sondern darin, hat die Kraft der Verbündeten gegen Deutschland gelähmt; daß es dazu die untauglichsten Mittel wählt. Es suchte seinen fie verstärkte sich während der Friedensverhandlungen und ge- Schuß in einer großen gegen Deutschland gerichte Genua , 8. Mai. ( WIB.- Spezialbericht.) Lloyd George wann von da ab immer mehr an Kraft. Das Londoner Finanz- ten Roalition: England, Belgien , Italien , Jugoslavien , erschien heute nachmittag um 6 Uhr in einem Saale der Universität diftat, jetzt genau vor einem Jahr, war die letzte gelungene die Vereinigten Staaten , Bolen, Rumänien , die Tschecho- vor einer Versammlung englischer und amerikanischer PresseKraftprobe einer mühsam hergestellten Einigkeit. Seitdem slowakei , Gott und die Welt sollten für ewige Zeit zusammen vertreter unt beantwortete im Berlauf etwa einer Stunde cine haben sich in allen Weltfragen, der türkischen, der russischen, stehen, um Frankreich zu schützen. Drei Jahre haben genügt, größere Reihe von Fragen, die an ihn gerichtet wurden. In den der deutschen , steigende Divergenzen ergeben, und so reiften um diesen Traum in nichts zerstieben zu lassen. die Dinge mit großer Schnelligkeit zum Bruch. Das andere Mittel- Deutschlands Entwaffersten Antworten führte er ungefähr folgendes aus: Genuas Ende bedeutet den Beginn eines neuen Abschnittes nung, Franfreichs Ueberbemaffnung ist ge- Die russische Antwort werde vielleicht morgen abend, unserer Zeitgeschichte, der äußerst verworren und gefahr eignet, etwas länger vorzuhalten; aber fein vernünftiger wahrscheinlich aber erst Mittwoch vormittag, erfolgen. Auf die drohend erscheint. Die alten Konstellationen verschwinden, Mensch kann sich von ihm ewige Wirkungen versprechen. Es Frage, ob die Antwort Ja oder Nein lauten müsse, so wie neue haben sich noch nicht gebildet. Noch ist ganz ungewiß, ist nun einmal eine Tatsache, daß es in Europa ungefähr es Barthou gefordert habe, erwiderte Lloyd George , alles hänge wer bei Frankreich bleibt, wenn England es verläßt; doppelt soviel Deutsche als Franzosen gibt, und so müßte ge- von dem Cherafter der ruffischen Antwort ab. Wenn sie die Hoffdenn daß England sich nicht von Europa zurückziehen fann, wissermaßen jeder Franzose je zwei Deutsche am Kragen halten, nung biete, hier in Genua eine Lösung zu finden, werde man um den ganzen Einfluß auf die mittleren und östlichen Gebiete um fich für alle Zeit das llebergewicht der Gewalt zu sichern. sicher mit den Verhandlungen fortfahren. Bei seinen Besprechungen unferes Weltteils Frankreich zu überlassen, ist augenscheinlich. Das geht aber auf die Dauer nicht, sintemal man seine Hände mit Tschitscherin und Kraffin habe es sich darum gehandelt, daß In Brüssel , Prag , Warschau und anderorts wird die englische gelegentlich auch zu etwas anderem braucht. Diplomatie aus der bisherigen Passivität heraustreten und nicht mehr Ententepolitit, sondern englische Politik treiben. Welcher Art diese Politik sein und welcher Erfolg ihr beschieden fein wird, läßt sich nicht voraussagen, aber die Logik der Entwicklung spricht dafür, daß sie darauf gerichtet sein wird, der französischen Uebermacht ein wirksames Gegengewicht entgegenzusetzen.
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das Memorandum, welches von mancher Seite als flar und
Nein, in weltgeschichtlicher Perspektive gesehen gibt es deutlich erachtet würde, von den Russen in vielen Bunften unflar fein Mittel, Frankreich zu schüßen, als das eine: die friege- gefunden wurde. Außenminister Schanzer habe der Besprechu rische Gesinnung, den Völkerhaß hüben und drüben bis an die heute vormittag beigewohnt. Wurzel auszurotten. An dieser Möglichkeit ist Frankreich bisAuf die Frage, ob man bereit sein würde, den Russen her blind vorübergegangen; es weiß nichts von dem neuen von Regierung zu Regierung eine Anleihe Deutschland , nichts von seiner tief friedlichen Gesinnung. zu gewähren, erwiderte Llont George mit einer Berneinung. Die deutsche Revolution? Komödie! Die deutsche Republik? Die internationalen Rorporationen genügten für diefen 3wed vollMaskerade! Die deutsche Friedensliebe?- Heuchelei! So ständig.
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Bei dieser Ungewißheit der Weltlage ist es begreiflich, daß viele Leute wie hypnotisiert auf das deutsch hat Frankreich alle Deutschen , die im Kampf für eine friedliche, Auf eine Anfrage bezüglich der in London über seine Be russische Abkommen blicken. Mehr im übrigen Europa national gerechte Demokratie Europas seine Bundessprechung mit Barthou veröffentlichten Berichte erklärte als in Deutschland , stellenweise aber auch hier tauchen wilde genossen sein fonnten, zurüdgestoßen; noch während des Lloyd George , dic Beljauptung der„ Times", er habe Barthou unter Phantasien auf, die, an geschichtliche Erinnerungen anknüpfend, Krieges hatte es in Deutschland Freunde, jetzt besitzt es keinen anderem erklärt, die Entente sei zu Ende, wäre eine abso. Deutschland und Rußland schon vereint gegen Frankreich mar einzigen mehr! lut tolle Erfindung. Kein Wort in dieser Erzählung sei schieren sehen. Unter solchen Umständen ist es geradezu ein Was hier gesagt ist gilt für das offizielle Frankreich der wahr. Er, Lloyd George , habe nur gesagt, er habe nichts gegen Glück zu nennen, daß an sich unbegründete- Aengste um Poincaré und Clemenceau , nicht für das franzöfifche die Beröffentlichung des Protokolls der Besprechung turch die franinnerpolitische Rüdwirtungen und flare Einsicht in die ge- arbeitende Bolk. Bei ihm ruht heute so schwach sie zösische Regierung. gebenen militärischen Stärteverhältnisse jede Propaganda für auch im Augenblick erscheinen mag. Europas Hoffnung. Auf die Anfrage, welchen Standpunkt er bezüglich der Idee, die den deutsch - russischen Phantasiekrieg im Reim erstiden. 3war Ein neuer Zeitabschnitt beginnt; in ihm wird Europas ferneres Signatarmächte des Bersailler Bertrages zu einer gemein. bilden Deutsche und Russen, wie Lloyd George fürzlich be- Geschick durch Frankreichs Politik bestimmt werden. Die samen Beratung zusammenzubringen, einnehme, erwiderte merkte, zwei Drittel der Bevölkerung von Europa , aber die Welt hat ihren Haß gegen Deutschland begraben, Frankreich der englische Premierminister, er habe niemal seine Idee aufMöglichkeit, ihnen eine friegsbrauchbare Organisation zu ist der letzte, der an ihm festhält. Gleichsam als ob es Deutsch gegeben, und er hoffe, daß es noch zu dieser gemeinsamen Beratung geben, besteht nicht. Man fennt in Deutschland die eigene land fagen wollte, daß es auf Berständigung mit allen tommen würde. militärische Ohnmacht und hat zu der Roten Armee, trotz der Völkern der Welt hoffen dürfe, fich aber Frankreich gegenüber wilhelminischen Baradereden Troykis, wenig Vertrauen. solcher Hoffnung für alle Zeit entschlagen müsse!
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Bezüglich des Burgfriedens pattes fagte er, dieser Baft hänge durchaus von einer befriedigenden Regelung mit den Russen rafter beurteilt werden.
Wenn diese Antwort zeige, daß man auf russischer Seite den aufrichtigen Wunsch nach einer Berständigung habe, dann werde auch diese Lösung möglich sein. Er, Lloyd George , werde
Auf
als die Möglichkeit bestehe, zu einer Einigung zu gelangen. die Frage, ob er glaube, daß Frankreich sich von der Konferenz zurüdziehen würde, erwiderte Lloyd George mit Rein. Frankreich werde wie bisher mit den anderen Nationen gemeinsam handeln, wenn die ruffische Antwort befriedigender Natur sei. Auf die Frage, ob heute die Lage besser sei als gestern, erwiderte Lloyd George , er könne darauf nichts erwidern, bevor er die russische Antmort gesehen habe. Bei ihrem Besuche hätte die Ruffen nur Fragen gestellt, aber nichts über den Charakter ihrer Antwort verlauten lassen. Hierauf wurde Lloyd George über die Angelegenheit des Ar= Er er:
Dennoch ist die offizielle französische Lehre, daß nur Das ist nicht Politit, sondern Wahnsinn, um so hellerer ab. Er wiederholte, die russische Antwort müsse nach ihrem Cha Frankreichs militärisches Uebergewicht den Frieden Europas Wahnsinn, als Deutschland die endgültige Beraufrechterhalten könne, grundfalsch. Die Kriegsgefahr föhnung und Verständigung mit Frankreich ist nicht unmittelbar drohend, aber sie ist in diesem chaotischen wünscht und herbeisehnt und die überwiegende Mehr Europa , das der Frieden von Bersailles zurückgelaffen hat, vor- heit des deutschen Boltes zweifellos bereit ist, für die Erreichung handen, und sie wird wachsen, wenn nicht eine neue Form dieses Ziels große Opfer zu bringen. Denn es gibt nur für das friedliche Zusammenleben der Völker gefunden wird. einen„ Böllerbund", der die reale Macht hat, den Frieden Es genügt eben nicht, daß man den Frieden will auch der Europas dauernd zu sichern: das ist der englisch deutsch beste Wille könnte im späteren Verlauf der Ereignisse über- französische. Das neue Deutschland will nicht mit Eng: rannt werden sondern es ist notwendig, die zweckdienlichen land oder gar mit Rußland gegen Frankreich , sondern will Mittel zu wählen, um ihn zu erhalten und dauernd zu sichern. mit England und Frankreich gemeinsam einen dauern Die militaristische Lehre, daß der Frieden durch das den Friedenszustand schaffen. Von der weiteren Entwick Schwert gesichert werden müsse, ist uns in Deutschland nicht lung der Dinge in Frankreich hängt es ab, ob dieser Plan, unbekannt. Sie hat aber bisher nie länger gegolten als bis Europa vor dem Untergang zu retten, gelingt. zum nächsten Krieg, den sie mit Naturnotwendigkeit hervorbringt. Einen Gegner mit Gewalt niederhalten, das kann zehn, dreißig, hundert Jahre lang gelingen, eines Tages steht er aber doch wieder auf. Ja, in der Lehre, man müsse einen Gegner so festhalten, daß er nie wieder losschlagen könne, 11 Uhr zu Cloyd George gebeten worden, wo später auch titels 7 im Memorandum an Rußland befragt. liegt geradezu die Aufforderung an ihn, loszuschlagen, Tschitscherin einfraf, der vorher mit Dr. Wirth und Rathe- widerte, man müsse fich deutlich vor Augen halten, daß es zwei wenn er einmal für einen Augenblick die Arme frei bekommt. na u unterhandelt hatte. Die Unterhandlungen in der Villa Alberti Punkte in der Canner Resolution gebe, die beide ihren besonderen Und welche Sicherung gäbe es gegen solche Augenblice? dauerfen noch um 12 Uhr mittags fort und drehten sich um eine Aus- Charakter hätten. Der erste erkenne das absolute Recht Rußlands Wir sprechen nicht von heute oder übermorgen, nicht von gleichsformel mit den Russen über den Privatbesih, die den an, das Regierungsfyftem und das Eigentumsystem so zu wählen, der Zeit in einigen Jahren, auch später wird es noch Men- Franzosen und Belgiern den Beitritt zum Memorandum ermöglichen wie es ihnen gut scheine. schen geben, die zu fostbar sind, als daß der Gedante, auch foll. Tschitscherin wurde flargemacht, daß die Räteregierung ihre Artikel 3 der Resolution besage, daß die Russen alle beschlagfie könnten wieder hingeopfert werden, erträglich wäre. Auch kreditforderungen zurückschrauben müsse, wenn sie nahmten Güter in Rußland ihren Eigentümern zurückgeben ein siegreicher Krieg würde nur einer kleinen Minderheit die konferenz nicht zum Scheitern bringen wolle. Der Urheber der oder dafür eine Entschädigung leisten müßten. Ruhm und Gewinn bringen, die ungeheure Masse der arbei- neuen Berföhnnugsausgleichsformel zur Auswirkung neuer krijen Auf eine Frage bezüglich der d'e jure Anerkennung tenden Menschen würde nach ihm nur noch tiefer ins Elend ist Schanzer, dessen Verständigungsversuche alle Aussicht auf Erfolg der Sowjetregierung verwies Lloyd George auf den Wortlaut der sinken. Wahrscheinlich bedeutete er das Ende der europäischen haben dürfen. Die Antwort der Ruffen auf dieses Memorandum Resolution con Cannes und seine Erklärung im englischen UnterKultur. wird von der Konferenzleifung nicht vor Dienstag oder Mittwoch hause. Damit ist die ungeheure weltgeschichtliche Berantwortung erwartet. Um eine schreffe Form und einen unverföhnlichen Inhalt Zu Artikel 7 führte Lloyd George noch aus: Artifei 7 ist durch festgestellt, die hente auf dem französischen Volke zu vermeiden, verhandelt Cloyd George jeght täglich mit Ischitscherin. hrei Juristen verfaßt morden, einen Franzosen und einen Engländer, ruht. Frankreich treibt heute eine Politik, die ein Verbrechen Das von Schanzer ausgearbeitete Kompromiß besteht in dem die bereits bei dem Bersailler Vertrag gemeinsam gearbeitet haben, an Frankreich selber ist. Wir verfennen keinen Augenblid, daß Borjólag, einen Teil des kapitals des internationalen Kon- und einen Belgier, der nicht nur Jurist, sondern auch Bantier und