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Nr. 32C» 39. Iahrgong

2. Seilage öes vorwärts

Sonntag, 9. JuK?922

Hei den wannfeeaten.

Des Sonntags in der Frühe beugen sich aus den Fenstern der Verliner Mietskasernen Tausende von lang- und kurzhaarigen Köpfen und blinzeln in den Himmel hinauf: ob er blau ist und ob er wohl blau bleibt.Justov, det Wetta is schnicke, wa machen uns uff de Beene nach'n Wannsee !" Iustao räkelt sich im Bett, tut einen großen Gähner unH meint:Det könn'n wa machen, putz man de Jähren uff!* Zwei Stunden später ächzen und schnaufen schon die Lokomotiven der Wannseebahn und der Stadtbahn unter schweren Losten. In den Ahteilep könnte ein Apfel auch dann nicht zur Erde, wenn jemand einan hätte, Kinder singen und Korsettstangen krachen: Berlin schwürmt aus! Der nackichte Riese. In blendenher Weiße heizt die Sommersonne hernieder. Wenn man mit dem Sterndampfer um die Mittagszeit nach Cladow hin- überfährt, biet/t ein Blick nach dem-Freibad hinüber ein Bild, das helles Lachen weckt: Zehntausendenackichter" Leiber glänzen und schimmeln rosig im Lichte. So dicht ist das Menschengewühl am Strande und im Wasser, daß man glaubt' den einzigen Leib eines gewaltigen Riefen zu sehen, der sich behäbig im Wasier wälzt. Die Füße dieses Riesen stoßen an das Wannseeschlößchen, der waldige Kopf liegt bei Schwanenwerder, der fette, alles überwälzende Bauch aber ist das Freibad Wannfe«. Erst wenn der sanfte Abend rotschimmernd von Pnisdam herüberkommt, schrumpft dieser dicke Bauch zusammen, rollt sich der Riese ein, um sich in die heimfahrenden Züge zu verkrümeln. Man zieht sich aus: halb halb halb ganz. Wenn der Sand von unten und die Sonne von oben brennt, wird es in den Kleidern ungemütlich. Die Kleinen werden ousgc- pellt und quackeln, wie sie Gott geschaffen hat, im Wasser und im Sande herum: die reifere Jugend schlüpft in Bodetrikots oder macht das Hemd mit einem kühnen Griff zu einem solchen Vater und Mutter aber, wo kein solches haben, tun als ob sie zu Hause wären. Sie zeigen ihr frischgewaschenes Unterzeug(Gott sei Dank! Immer noch!) und Vater macht sich aus den Frostbeulen so wenig wie Mutter aus den Krampfadern. Braucht ja keiner hinzutieken! Die goldene Jugend aber stelzt selbstbewußt und sich gegenseitig taxierend dahin. Die.staut ist dankbar für Luft und Llcht, blüht auf. dehm sich und atinei. Stullenpavicr knistert auf, von flüssiger Butter glänzend, mit Seelust schmeckt alles nochmal fo gut, und die ganz Feinen haben einen Kocher mitgebracht, darin bruzzeln die Koteletts. Bon den Sommeraärten wehen die Melodien der Blasinstrumente herüber: Schlaf Püppchen Liese.." Zerre, zerre, zick, zick, zick! Wir haben den Obulus entrichtet und sausen die Bohlentreppe zum Strand hinunter. In den Zelten werden wir unsere Kleider los und hüpfen adomhaft in die allgemeine Nacktheit hinaus. Es gibt allerhand fliegende Bereine im Freibad, von denWaünseeaten* angefangen bis zum GcfelligkeitsverelnKalte Geige". Das hat sich in Klumpen zusammengeballt, spielt auf derSehnsuchtsbrat- pfanne*(Zupfgeige) und dem-..Wimmerkürbis*(Mandoline) und was dazu gesungen wird,«st nicht immer ganz hormlos. Be- sonders ein gewisfer Gymnäsiastenklüngel, nackt mit schiefer Bunt- mutz«, ist schon wacker hinter derWirtin von der Lahn * her.Au, au, au zerre, zerr«, zick, zick, au!* Auch das Kraftmenschenwm ist hier zu stause. Box- und Ringkämpfe werden ausgesochten, und hier wie anderwärts brüllt ein eifriges Publikum:Schiebung!!!* Rch ein sjefu*' isi üabei. Er liegt gleich beim ersten Zelt und raucht dicke Zigarren. Sein lange? Haar fällt sorgfältig gescheitelt auf die Schultern und auch das Bärtchen ist vorschriftsmäßig. Augen hat er wie ein Bern - hardinrr, und weil er wirklich schöne Zähne hat. liebt er es, zu lachen. Dauernd ist ein Kreis um ihn, der ihn zu foppen sucht, aber er wehrt sich, manchmal plump, öfter mit gutem Witz. Zum Schluß> wird ex ober offiziell häußerhast, schimpft aus die verderbte Welt, macht einen eigenen Gottssladen aus, spricht in Dibelworten und wird zur peinlichen Karikatur dessen, den er kopiert. Und raucht dabei wie ein Stinnes-Schlot...

Und üas Vasier... Im Wannsee , wenigstens im Freibad am Sonntag, kann man überhaupt nicht baden, sondern nurbaden". Das heißt: wenn man vomBaden" nach Hause kommt, tut man gut, sich den ganzen Körper abzuwaschen: denn das Wasser am Wannscestrande ist so ein Mittelding zwischen Schlamm und Brei. Kein Wunder Zehn­tausend« quaddcln im seichten Wasser umher, und was sie nicht mit- gebracht haben, wühlen sie vom Grunde auf. Zehntausende Ber- liner auf einmal im Wannsee , kein Wunder, wenn die Fische sterben.. Aufbruch. Zwischen sechs und sieben Uhr abends flutet die Dölkerwanderung zurück. Aus den Mädchen werden wieder halbe Filmdivas, aus den Burschen kesse Kavaliere, Mutter schmeißt sich ins Halbseidene, Bater deckt die Hosenträger zu, quält sich in den Stehkragen. Fünf i Drehorgeln quengeln an der Straße zum Bahnhof, da handelt einer mit sauren Gurken, dort einer mit Britzer Knoublinchen, eine alte Frau will dich wiegen, eine Waffelbäckerei duftet, Karussells kreiseln, j Luftgondeln schwingen...Schokolade, Z'gretten?* I Am Bahnhof Nikolassee aber tobt die Fahrkartenschlacht. Zwischen den Beinen der ungeduldig Wartenden krauchen einge- borene Kinder und putzen ungebeten die Stiefel ärgerlich greift man in die Tasche und läßt einen Markschein in die kleinen, gierigen, schmutzigen Hände gleiten. Es ist nun mal Sonntag! Bon der Heimfahrt aber schweigt des Sängers Höflichkeit... ___ ArturZickler. Wir winden einen bunten Kranz. Auf der kleinen Spielwiese im Treptower Park geht's lustig zu. Mancher Vorübergehende bleibt mit lachendem Staunen stehen. Da spielen ßt! 70 Erwachsene die Spiele der Kleinen und Kleinsten. Da fügen sich Männer in die Spielregeln der kleinsten Mädchen, die immer so gerneGroße Wäsche kleine Wäsche" spielen und eine Biertelstunde später bemühen sich dann die Frauen beim Völkerball", den Männern nicht nachzustehen und sie versuchen lachend, durch kräftiges Werfen und die gewagtesten Sprünge das Spiel zu gewinnen. Ein Lehrer verkündet die Spielregeln und leitet den ganzen Kreis, der in wenigen Stunden scheinbar alle Freuden des Spiclalters auskosten will. Endlich tritt eine kurze Pause ein, so daß wir eine Teilnehme- rin fragen können: Wer sind denn diese Glücklichen alle, die sich so dem Frohmut der Kinderzeit zu erhalten verstehen und mit 30 und 40 Jahren noch heiter und jung wie Kinder sein können? Das ist, lautet die Antwort, die Berliner Arbeitsgemeinschaft der Kinderfreunde: sie hält hier einen Spielleiterkursus ab, damit ihre Mitglieder in den Ferien mit den Kindern des Prole- tariats Ferienspiele veranstalten können. Einträchtig spielen hier Genossen und Genossinnen aller drei Parteien zusammen. Nie- mand denkt hier an Parteipolitik und alle denken nur daran, wie man den armen Großstadtkindern Freude und Gesundheit verschafft. Für die Kinder des Proletariats fanden sich warmherzige Menschen zusammen, um mit vereinten Kräften ihnen zu helfen. Das ist die Auskunft, die man erhält. Und dann geht das Spiel auch schon weiter:Wir winden einen bunten Kranz und singen hell zum frohen Tanz.* Darum ergeht an alle Genosien und Genossinnen die Bitte: Unterstützt die Arbeitsgemeinschaft der Kindersreunde! Helft ihr den bunten Kranz der Lebensfreude für die Jugend winden! Ferienspiele derArbeitsgemeinschaft der Kin» derfreunde* finden statt: Pionierplatz an der Hasen» Heide: Mittwoch und Sonnabend von Ü3 bis 547 Uhr. Exer­zierplatz an der einsamen Pappel: Dienstag und Frei- tag von H3 bis H7 Uhr. Spielplatz Wiesen st raße: Dienstag und Freitag von 2 bis>7 Uhr. Lichtenberg , Wagnerplatz: Mittwoch und Sonnabend von 143 bis%7 Uhr. S ü d e n d e, Parkrestaurant: Dienstag und Freitag von>3 bis]/j7 Uhr. Nähere Auskunft erteilen die Leiterinnen: 3. Bezirk

(Wedding ): Vogt, Usedomstr. 18a: Weißkrodt, Christianiastr. III. 4. Bezirk(Prenzlauer Berg ): Wendt, Iablonskistr. 30; Müller, Kopenhagene? Straße 5. 5. Bezirk(Friedrichshain ): Schmidt, An- dreasstr. 12; Pohlitz, Goßlerstr. 6. 6. Bezirk(Kreuzberg ): Döltz, Forster Str. 44: Wollstein , Lietzmannstr. 5. 11. Bezirk(Schöneberg): Krone, Tempelhofer Str. 16: Roeder, Hauptstr. 97. 12. Bezirk (Südende): Jerman , Brandenburgstr. 5. 17. Bezirk(Lichtenberg ): Grosche, Bürgerhcimstr. S. Die Arbeitsgemeinschaft der stinderfrcunde im 19. verwalkungs- bezirk(Pankow , Ricderschönhausen, Heinersdorf , BuchhMZ, Karow , Blankenburg und Buch) veranstaltet jeden Dienstag und Donnerstag in ihrem Bezirk Ferienausflüge und Spiel«. Di« Aufgab« der Helfer und Helferinnen ist es, den Kindern unserer Genossen und Freunde fröhliche Stunden zu be» reiten. Die Arbeitsgemeinschaft bittet die Genossen, ihre Kinder' recht zahlreich an diesen Beranstaltungen teilnehmen zu lassen An» Meldungen nehmen die Konsumzweigstellen und die Bezirks» leiter der Sozialdemokratischen Partei entgegen. Auch an den Spiel» tagen werden Anmeldungen entgegengenommen. 1. Ferien- spiel am Dienstag, den 11. Juli, nachmittags 26 Uhr, Spielplatz (Schloßpark Schönhausen ) Restaurant Mendel, neben dem Restaurant Strauchwiese. 2. F e r i e n a u s f l u g: Donneretag, den 13. Juli, nach Tegel - Fließ , Freibaden und Waldspiele. Treffpunkt 8�4 Uhr am Bahnhof Pankow (Nordbahn). Badeanzug und Mundvorrat mit». bringen. Fahrgeld 2 M. Kein unnützes Geld mitgeben, da für Er- frischungen gesorgt ist. Ellern willkommen. Helfer und Helferinnen müssen pünktlich am Platze sein. Die neuen �lektrizitäts- unü Wasserpreise. Der Magistrat gibt folgendes bekannt: Die Gemeindebehörden haben im Versorgungsgebiet sämtlicher Elektrizitätswerk« der neuen Stadtgemeinde Berlin die Tarife für die Abgabe elektrischer Kraft wie folgt festgesetzt: 1. Einheitstarif für Wohnungen, Werkstätten und chausbeleuchtung(Treppen, Keller usw.): Strompreis 5 M. für die Kilowattstunde. 2. Pauschaltarif: Leistung in Watt: 60 80 100 140 200 250 300 Jahresgebühr: 300 402 501 702 1002 1251 1500 3. Besonderer Sichttarif: 9 M. für 1 Kilowattstunde. 4. Besonderer Tarif für D e t r i e b s k r a f t und ge» werbliche Zwecke: 5 M. je Kilowattstunde. Diese erhöhten Gebühren und Preise gelangen von der auf diesen Beschluß folgenden Zählerablesung zur Berrechnung. Für das Versorgungsgebiet der aus den bisherigen G e» meindewasserwerken mit Wasser belieferten Teile der Stadt Groß-Berlins wird der Preis für 1 Kubikmeter aus dem Wasserrohrnetz abgegebenen Wassers, beginnend mit dem Tag» der Verkündung. auf 3,50 M. festgesetzt. Für die zwischen den Tag der Verkündung und die darauf folgende Wassermesserablesung fallende Zeit wird als Wasserverbrauch der durchschnittliche tägliche Verbrauch desjenigen Zeitabschnittes zugrunde gelegt, der durch die letzte vor dem Stichtage und durch die nächste hinter dem Stichtags liegende Wassermesserablesung begrenzt ist. Die neben dem Wasser» preis bisher erhobenen Gebühren bleiben bis zur Einführung ein- heitlicher Wasserlieferungsbedingungen bestehen. Trauerfeier für Ernst väumig. Im Krematorium in der Gerichtstraße fand am Sonnahend,. nachmittag die Trauerfeier für Ernst Däumig unter großer Beteiii» gung statt. Nach einleitendem Orgelspiel trug«in Arbeiterchor da» Lied:Ein Sohn des Volkes wollt er sein* vor. Für die USP. sprach dann i>er Parteivorsitzende C r i s p i e n, der das Leben und Werden des Verstorbenen schilderte, für den der Sozialismus nicht nur eine Idee, sondern eine Religion gewesen sei. Namens der Frei- religiösen Gemeinde Berlins , deren Prediger und Lehrer Däumig war. ergriff Adolf Hoffmann das Wort. Für die Reichstags- fraktion der USP. sprach Dr. Paul L e v i. Däumig sei so früh ge. starben, so führte er aus, weil er den Rückschlag, den die vorwärts- dringende Arbeiterschaft erlitten habe, innerlich habe nie verwinde«- können. Für die Kommunisten widmeten Richard Müller und Emil Eichhorn dem Verstorbenen letzte Abschiedsworte. Ztach Vortrag des LiedesTord Foleson* sank der von reichen Kranz. spenden bedeckte Sarg unter Orgelklängen in die Tiefe. Die Bei­setzung der Urne mit den Aschcnresten findet am Dienstagnachmittag auf dem Friedhof der Freireligiösen Gemeinde statt.

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Der Ruf durchs Fenster. Roman von Paul Frank.

Das Mädchen hatte mittlerweile Hut und Pelz gebracht. Aengstigen Sie sich darum nicht," tröstete ihn Herr Tudplin. Bis dahin ist noch lange Zeit. Ich werde den Bur- fchen rasch genug zur Räson gebracht haben. Vor mir wird ihm die Lust vergehen, den Obstinaten zu spielen! Und nun entschuldigt mich, meine Herrschaften... Gute Nacht, mein Kind..." Er küßte seine Frau auf Stirn und Wangen , reichte Garbislander die Hand, verabschiedete sich herzlich von ihm und rief, schon in der Tür stehend, zurück:Sie lassen sich natürlich nicht stören, bleiben, solange es Ihnen gefällt... Und morgen vormittag sehen wir uns in meinem Bureau, nicht wahr? Und Kopf hoch! Es wird schon alles gut gehen!* Damit ließ er seine Frau mit ihrem Gast allein, die sich in den Salon zurückbegaben, wo sie ihre frühere Plätze einnahmen. .Wenn ich der Zeit denke," sagte Frau Tudolin schwärme- risch,da Reuß mein Partner war... Mit ihm zu spielen, ist ein wahres Glück gewesen...* Das glaube ich gern." entgegnete Klaus Garbislander. Ich habe etwas ganz ähnliches über ihn zu sagen...* Nämlich?" Es ist vollends ein Glück, von ihm gespielt zu werden... für ihn schreiben zu dürfen." Natürlich! Er hat doch die Hauptrolle in Ihrem Stück dargestellt!" Wie er sie gespielt hat, gnädige Frau? Ich verdanke diesem Mann alles, was ich bin... was zwar noch nicht über- mäßig viel bedeutet..." ..Nicht so bescheiden! Ich bedaure es von ganzem Herzen. daß�ch der Aufführung Ihres Stückes nicht beiwohnen durste. Da Sie mir den Inhalt vorhin erzählt haben, brenne ich eigent- lich daraus, das Stück auf der Bühne kennenzulernen. Außer- dem mltß die Rolle der Leonore ja geradezu brillant sein." Ich darf wohl sagen, daß das Stück durchweg gute Rallen enthält, und was den Melchior Krafft anlangt, den Albert Reuß dargestellt hat...* Nicht böf« sein, lieber Dichter aber mich interessiert begreiflicherweise nur die Leonore! Dieses beklagenswerte, liebenswürdige Geschöpf, ganz in den bösen Bann des Wehr-

wolfs geraten... Als Sie vorhin nur andeutungsweise davon gesprochen haben, habe ich diese Mädchengestalt lebendig vor mir gesehen. Und nun raten Sie bloß, durch wen verkörpert? Durch mich selbst, mein lieber Dichter! Denn wenn ich auch längst die ehrsame Frau des Rigaer Polizeipräfekten geworden bin, so lebe ich dennoch mit jedem Atemzug in der Erinnerung an jene Zeit, da ich noch der Bühne angehört habe. Sie können mir glauben, daß ich nur schweren Herzens der Stimme der Vernunft Gehör geschenkt und dem Theater Ade gesagt habe! Warum haben Sie IhrenWehrwolf" nicht damals schon geschrieben, als ich noch Albert Reuß' Partnerin gewesen bin?" Ob er ihn jemals wieder spielen wird?" seufzte Garbis- lander sinnend versunken,ob er überhaupt noch einmal auf- treten wird?" Vor einer halben Stunde waren Sie noch voll Hoffnung, und jetzt finde ich Sie zu Tode betrübt? Wie reimt sich das?" Stimmungsumschwung, gnädige Frau..." Ganz umsonst haben Sie diese Reise nach Riga dennoch nicht unternommen!" Bisher allerdings..- Die Ehre, Sie, gnädige Frau, kennengelernt zu haben, natürlich ausgenommen!" Sie haben aus jeden Fall neue Eindrücke gewonnen, und nichts ist für den Schriftsteller notwendiger, als daß er seiner Umgebung entflieht. Ich bin überzeugt, daß manches entstehen wird, zu dem Sie in Riga den Keim empfangen haben. Ge- rade diese Häufung der absonderlichsten Ereignisse, deren un- freiwilliger Zeuge Sie geworden sind... Ich bin wahrhaftig neugierig, wie Sic die hier geholten Impressionen verwerten werden..." Vorläufig denke ich noch gar nicht daran." 7/ Nur Geduld." Vorbedingung für das Schaffen ist die Ruhe des Ge- mütcs." Die stellt sich später ein; automatisch, unbewußt, nicht wahr?" Ungefähr." Wenn der Keim an die Oberfläche drängt und sich ent- falten will... Schließlich arbeitet jeder Künstler nach der Natur..." Er sollte es wenigstens tun..." Der Schriftsteller am meisten... Die Menschen, die ihm tagsüber begegnen, die verwendet er hinterher, die fetzt er, nachdem er sie entspreckzend umgeformt hat. in die eigene, er- dichtete Welt hinein... So stelle ich mir's wenigstens vor."

Da Garbislander vorerst keine Antwort gab, entstand eine kleine Pause. Diese Konversation zu führen, dachte er, bereitet mir gründliche Schwierigkeiten, da ich wahrhaftig nicht in der Verfassung bin, schöngeistige Eröffnungen aus der Werk- statt zum besten zu geben, die die Dame anscheinend von mir erwartet... Frau Tudolin. die den Ehrgeiz zu besitzen schien, den Dialog nicht ins Stocken geraten zu lasten, nahm einen kleinen Anlauf und gab sich jede erdenkliche Mühe, das Gespräch nicht zur Ruhe kommen zu lassen; sie war um einen Uebergang, wenn dieser vonnöten war, nicht allzu mühselig besorgt und sprang hierhin und dorthin, schwelgte erneut-entzückt in Bühnen- und Garderobeerinnerungen, prahlte mit den vielen vornehmen Bekanntschaften aus jener glücklichen Zeit, wußte von zahllosen Heiratsanträgen zu berichten, die die höchst» gestellten Persönlichkeiten ihr gemacht, von den mehr als glän- zendcn Kontrakten, die ihr vorgelegen, als sie es dennoch vor- gezogen hatte, der Welt des Scheins zu entsagen, um in die einer ftigendsamen Ehcftau zu treten. Anschließend schwärmte sie von den Autoren, die ihre erklärten Lieblinge waren, von denen auch, die ihrem Bekanntenkreis angehörten, sie pries die Zukunft der jungrussischen Literatur und rühmte die Fülle der Begabungen, die in diesem Lande unerkannt aufwuchs. Garbislander fühlte der Aufgeräumtheit und über» sprudelnden Lebhaftigkeit seiner Gastgeberin gegenüber seine Müdigkeit tiefer und tiefer werden; er weilte weit entfernt von Frau Tudolin und ihrer Unermüdlichkeit, war ebenso nur mehr ganz oberflächlich bei dem Gespräch, das sie entfesselt hatte, das er fern seinem Ohr vorbeiplätschern hörte, und das ihn gar nicht interessierte. Ein Unerklärliches peinigte, bedrückte ihn, so daß er w eine böse Stimmung geraten war, der er sich natürlich nicht hingeben durfte. Ihm war, als versäume er Allerwichtigstes. während er hier untätig verharrte, als gehe kostbarste Zeit unwiederbringlich verloren und mit ihr eine Chance, die nimmer wiederkehrte. Er vernahm Frau Tudolins angeregtes Geplauder, das er verwünschte, weil es den eigenen Gedanken- gang störte und die fortlaufende Kette der Assoziationen unter- brach, die er zu knüpfen liebte. Er sehnte sich fort von hier, und nur seine Wohlerzogenheit ließ ihn verweilen. Erdachte an Frau Hedwig, die sich in ihrem kahlen Hotelzimmer in Ungewißheit und Sehnsucht verzehrte, an den braven Dokwr Jordan, der ebensowenig in der Lage war, ihr Trost oder Hilfe zu bringen. (Fortsetzung folgt.).'