Nr. 40S ❖ Z9. Jahrgang
Heilage ües vorwärts
Mittwoch. ZS. August 1922
was fängt man mit ein paar Mark anl
Wer vor langen Jahren in der schönen chandwerksburschenzeit auf der Walze fechten ging, war noch glücklich über einen kleinen Sechser- und Groschcnregen. Mit einem blanken Taler konnte man sich zur Not drei Tage lang über Wasser halten. Und selbst in der großen Stadt Berlin konnte man für ein„Vierpfund", für fünfzig Pfennig, sogar ein richtiggehendes Bett in einem sogenannten Kremdenlogis für eine Nacht bekommen. Legtest du noch 25 Pf. zu, so versicherte dir der Schlummeroater mit freundlichem Grinsen, daß sein Fremdenquartier kein Bienenkorb sei. Viel Vöglein flogen ein und aus, aber„Bienen"— davor hatte alles auch an diesem Orte«in heiliges Grauen. Verrücke das Komma und hänge an die Fünf eine hübsche runde Null, dann treibst du mit einigem Glück für fünfzig Topetenmark vielleicht ein halbwegs sauberes Bett auf. Sei aber nicht anspruchsvoll, zügele deine Zungel Zehn andere lauern schon vor der Tür und überbieten dich mit Wonne. Du lachst, du schimpfst, du wütest. Was nützt dir das? Sei stiedlich und ge- mütlich, verziehe keine Miene und— berappe! Mit fünf Mark in der Tasche kannst du ganz Berlin abklappern, und es bleibt dir für die laue Sommernacht immer nur„Mutter Grün". Und der Bettler, dem wagst du heute einen Sechser oder einen Eisengroschen gar nicht mehr anzubieten. Was soll er damit anfangen? Er hat Hunger wie du und erhält für fünf Mark gerade zwei trockene muffige Schrippen. Wer schenkt ihm denn noch«twas von dem wahnsinnig teuren Brot? Mit einer Papiermark kommt man besser weg. Und viele solcher schmutziger Papierfctzen müssen zusammen- flattern, ehe es reicht zu einem„warmen Löffelstiel". Immer noch für zehn Pfennig! Eine Briefmarke? Ach, geht mir doch. Die Sorten für 5 und 10 Pf. sind längst„alle". Herrn Giesberts Jünger sehen mich schon mitleidig an, wenn ich ein« einzige Marke für 25 Pf. verlange. Das ist doch gar kein Portosatz. Gutmütig setze ich dem Schalter- männchen auseinander, wozu ich die Marke zu 25 Pf. gebrauche. Wenn's mir paßt, klebe ich sie an den nächsten Laternenpfahl oder an den Briefkasten. Aber im Ernst— es gibt noch etwas für 10 Pf. Sogar im Warenhaus. Ja, nun staunt ihr Bauklötzer! Garn, richtiges Garn. Jedes Röllchen 10 Ps. Einen ganzen Korb voll habe ich gesehen.„Fräulein, bitte, die Aufsicht!" Sie kam, im schwarzen Trauerkleid, sehr höflich und sehr gemessen.„Worüber beschwert sich der Herr?" Ach so, die Aufsicht ist dazu da, sich zu beschweren. Zur Abwechslung beschwerte ich mich üb«r die Billig- kcit, über diese offenbare Absicht, das Publikum zu veräppeln.„Aber, mein Herr!" Ich ließ mich nicht aus der Fassung bringen. Ja- wohl, das ist eins Gemeinheit, das ist Preisdrückerei, das ist un- lauterer Wettbewerb, das ist..... Ja, das ist Stopfgarn," fiel sie mir hohnlachend ins Wort,„und das kostet immer noch 10 Pf.!" lDie Redaktion will ihrem Gewährsmann bei der Schilderung dieses fabelhaften 10-Pf.-Artikels nicht ins Wort fallen, kann sich jedoch des Gedankens nicht erwehren, daß das Röllchen Stopfgarn heut« bestimmt nicht mehr für 10 Pf. zu haben sein wird. D. Red.) Ich war gerührt und bat im Innersten den Wucherern vieles ab. Herr, deine Wege sind wunderbar. Nähgarn 25 IN. und Stopfgarn einen Eisengroschen. Da hat die Wuchererzunft etwas vergessen. Zehn Mark müßte das Röllchen Stopfgarn kosten. So wär's richtig. Der valutagrofchen. So nennt der Bolkswitz den Fünfmarkschein. Bis die Blätter fallen und der Dollar aus 2000 steigt,'ist's der Zehnmarkschein. Wozu sich da noch wundern, sagen die Flundern. Lachen müßt ihr, lachen über all den Wahnsinn, der die Welt regiert. Trotz alledem, es gibt noch genug für fünf Emmchen und für noch weniger. Für 5 M. könnt ihr im Rachbarortverkehr beinahe ein halbes Dutzend Liebes- oder auch Mahnbriefe loslassen und dreimal bei Frau Schulze durch die Strinpe anfragen, wie sie zu ruhen geruht habe. Aber sprecht nicht auf euren eigenen Apparat. Da ist Onkel Giesberts kitzlich und nimmt euch ab, was ihr wert seid. Nächstens kostet es pro Jahr eine Zehntäufendmarknote. Na, und die Berliner Eisenbahn- direktion hat doch auch noch einen billigen Laden. Ein paar Stiefel- sohlen tosten die Bescheidenheit von 250 M. Denkt doch einmal darüber nach, wieviel ihr davon abläuft, wenn ihr von Treptow nach Charlottenburg auf Schusters Rappen reitet, anstatt das Fahrgeldopfer von lumpigen drei Mark zu bringen. Sie zetern
darüber, daß Sie drei Mark ausgeben müssen, um in die Zeitung Ihr Frühstück einzuwickeln? Nehmen Sie, bitte, drei Serviettchcn aus Seidenpapier. Die kosten auch drei Meter. Für den drucker- geschwärzten Geist, der Ihnen täglich erzählt, welche Kletterkünste der Dollar und welche Treppenwitze Freund Poincare macht, wollen Sie nichts ausgeben, aber für den Rattengiftgeist aus der söge- nannten Kognakflasche haben Sie mutig und wortlos das Dreifache übrig, für einen einzigen Schluck. Was, Sie wollen den Aerger hinunterspülen? Mensch, ärgere dich nicht, wenn es für fünf Mark noch eine Zitrone gibt oder drei Zwiebeln oder eine halbe Aprikose oder für den Allerweltskatzenjammer eine Flasche Selters. Für deinen papiernen Valutagroschen erhältst du auch noch eine Tasse Bouillon mit zweieinhalb Fettaugen, ein Dutzend Haarnadeln für dein liebes Frauchen, drei anständige Briefbogen, eine echte Havanna aus Schwedt a. d. O. zum Berqualmcn im Freien, einen Pfannkuchen. einen Rollmops, eine Neine Schachtel Stiefelwichse, oder du kannst auch, wenn dich die Lust anwandelt, dir fünfmal den Hochgenuß des stillvergnügten Träumers in der idyllischen Zurück- gezogenheit ein«r Rotunde verschaffen. Hast du gerade einen Blei- oder Tintenstift schlechtester Sorte für den Valutagroschen bei dir, dann kannst du bei der gleichen zähen Seßhaftigkeit und mit einem weiteren Fünfmarkschein auch noch drei Ansichtskartengrüße an deine Freunde versenden, die«s in ihrem Luftkurort sicher nicht so billig haben wie du in dem deinigcn. » Welch Vergnügen, zu leben! Da seht ihr, was die Ein-, Zwei- und Fünfmarkpapierchen noch für einen Wert haben. Nur recht viel davon muß es sein. Dann kann man sich mit einem ganzen Warenlager von Kleinkram eindecken. Was damit anzufangen Ist, bleibt eine andere Frage. Bon Hosenknöpfen, Schlüsselringen, Streichhölzern und Zahnstochern wird man nicht satt und nicht fett. Wer unglücklicherweise noch Junggeselle ist, gehe zu dem„spou- billigen" Aschinger . Der ist der Gradmesser für alles andere. Cr knöpft euch für einen Teller Erbsensuppe mit Speck 18 M. plus 10 Proz. Zuschlag ab. Nehmt aber ein Vergrößerungsglas mit, um den Speck nicht zu übersehen wie ein Pfefferkörnlein. Oder stopft euch den Bauch mit trockenen Schrippen voll. Für 18 M. gibt es genau 8 Stück. Beeilt euch, bitte! Morgen tostet vielleicht schon jede einzelne Kaffeebohne und jeder Happen Brot einen Baluta- groschen. SlumenZauber. Tie Gartenbauausstellung im Bellevne-Park. Im Schloßpark Bellevue sind jetzt mit dem sterbenden Sommer viel wunderbare und seltene Blumen eingezogen, in einer solch«» Fülle und Mannigfaltigkeit, daß Tage dazu gehören, um diese ganze Pracht richtig zu würdigen. Es ist die I a h r h u n d e r t a u s» ftellung der deutschen Gartenbaugeseklschaft, di« dort so ziemlich alles zeigt, was auf dem Gebiete des Gartenbaues und der Blumenkunst— das ist eine Kunst, über die es noch keine Literatur gibt— geleistet worden ist. Man hat weit mehr als ein halbes Jahr gebraucht, um di« Blumen, um die üppigen Ge- wüchse, die unserem Auge noch fremd sind, in den Rahmen dieser alten Buchen und Linden einzufügen.» Jetzt wandelt man durch die Weg«, auf die schon hin und wieder ein vergilbtes Blatt niederrieselt und sieht sich plötzlich, wenn die Bäume etwas zurücktreten, den prangenden Farben gegenüber, die gärtnerisch« Kunst im Laufe von Jahren aus anspruchslosen Blüten zu entwickeln vermochte. Die Beete sind nicht mehr so niedrig ge- halten, wie wir sie früher als Teppichbeete kannten. Man bevor- zugt etwas Plastik. Die Mitte hebt sich, verflacht im Kreise und an besonders betonten Ecken wird das ganze wieder«rhöht. In den Gipselpunkten prangen die hellen und leuchtenden Farben, senken sich in den Tiefen zu dunklen und gesättigten Nuancen, zum tiefen Rot, zum abgründigen Blau. Da sind die großen und be> kannten Blumenzüchterfirm«n Späth, Koschl und Hermann Rothe. Der Späth erzielt die wunderbarsten Effekte mit den einfachsten Mitteln der deutschen Flora. Die verwendeten Blumen sind oft nur unsere simplen Stauden- und Sommerblütler: Rittersporn, Rantkresse, Astern, Japanische An«moncn und Rosen. Be� Koschl
merkt man schon, daß es sich hier um empfindlichere Dinge handelt, dos sind die Hahnenkämme, die Celosien, Lobelien, Chrysanthemum und die Fülle der Fuchsienarten. Eine ganz verwöhnte Gesellschaft sind aber die Orchideen, die von Beyrodt aus Samen herangezogen werden und deren Aufzucht so unendlich mühselig ist, daß es sechs bis sieben Jahre dauert, bis aus der kleinen, kaum sichtbaren Säm- lingspflänze eine jener herrlichen Blüten wird, die die Schönheit des Sommers in ihren weitgeöffneten Lippen aufgesogen zu haben scheinen. Ein Teil dieser herrlichen Blütenkunst sammelt sich draußen unter den alten Bäumen im Grün des Rasens, der andere Teil ist zu empfindlich, als daß er den wetterwendischen Einflüssen unseres Klimas so ohn« weiteres ausgesetzt werden kann. Für diese ist in leichten Zelten Unterkunft geschaffen. So hat der Verband der Blumengeschäftsinhaber Deutschlands ein Zelt hingestellt, in dem er zeigt, in welch mannigfacher Art die Blumen Verwendung finden können. In einem Wandelgang öffn«n sich Nischen und man blickt in Dioramen, die die Blumen und Gewächse der Heimat und fremder Länder in charakteristischen Bildern vorführen. Ja, man sieht in dem deutschen Wald, wie er jetzt, fast zu Beginn des Herbstes, im Schmuck von hunderttausend duftenden Maiglöck- ch e n steht, richtig in den Waldboden gewachsenen Maiglöckchen. Das sind nun keine Maiblumen für den deutschen Geldbeutel, aber der Ausländer wird sie sich für 20 Mark das Stück kaufen können. Fern«r blüht Blume an Blume ein japanisches Chrysanthemum- feld. Ein japanischer Garten mit seinen Zwerggewächsen zeigt sich ein Stückchen weiter und dicht daneben erheben sich unter den über- hängenden Felsen der Cordilleren die pittoresken Formen seltener Kakteen. Dann weitet sich wieder der Blick in ein Vegetations- gebiet Indiens und in den tropischen Urwald mit seinen saftftrotzcn- den Blättern und Schlinggewächsen. Alles ist mit unsäglicher Ge- duld fest in der Erde verwurzelt und scheint sich unter ausopfernder Pflege an den märkischen Sand, gewöhnt zu haben. Ein Ham- burger Kakteensammler hat ein eigenes Zelt gebaut und darin eine große mexikanische Wüstenlondschaft errichtet, in der nichts anderes gedeiht, als Kakteen und Sukkulenten. Es handelt sich hier um eine der berühmtesten Kakteensammlungen der ganzen Welt und man kann die Beobachtung machen, wie diese Gewächse in sich eine völlig eigene Flora darstellen. Wie sie Bäume bilden, Blätter, schlangengleich sich am Boden winden, kürbisbunt und spinnwebüberzogen. Fabelhafte Formen einer uns ganz unbe- kannten Welt. Auch die Berliner Marktgärtnereien sind zusammenhängend vertreten. Da sind' die Siedlungs- und Kleingärten, u. a. die Eisenbahnerkleingartenkolonie, die einen vollständigen Obst- und Blumengarten mit Laube zeigt. Auch sonst wird aus der Aus- ftellung des Bundes der deutschen Laubenkolonisten die Liebe zur eigenen Scholle und zur Blume deuttich erkennbar.— Zurzeit ist noch nicht alles fertiggestellt. Es wird noch gepflanzt und große Transporte sind noch unterwegs. Später wird noch. Gelegenheit gegeben sein, auf das ganze in Einzelheiten zurückzukommen. Die Eröffnung der Ausstellung findet heute vormittag durch den Reichspräsidenten statt. Huch die Hochbahn erhöht. Der allgemeinen PreiZerböhung folgt jetzt auch die Hochbahn. Wie die Gesellicbast mitteilt,, sieht sie sich infolge der neuerding« eingetretenen starken Erhöhung der Löhne und Materialpreiie ge«�■ nötigt, vom 1. September ab ihre Fahrpreise wie folgt festzusetzen:' � 3. Klaffe:. 2. Klasse: Bis fünf Stationen.... 5 Mark 7 Mark Darüber hinaus..... 7„ g„ Für Fahrkartenbündel zu 10 Stück wird eine Er- Mäßigung von 2 M. gewährt.— Der bisher auf der WilmerS« dorf-Dahlemer Sirecke erhobene Zuschlag voiMl M. zugunsten der Stadt Berlin bleibt bestehen. «- Die neue Erhöhung des Straßenbahntarifs hatte in der Stadt- Verwaltung die Befürchtung hervorgerufen, daß die erhoffte Mehr- einnähme durch eine übermäßig starke Abwanderung der Fahrgäste wieder ausgeglichen werden würde.- Diese An- nähme scheint jedoch nicht zuzutreffen. Die Straßenbahnen hatten am Montag eine Einnahme von 8,5 Millionen Mark, während man in der Berwaltung damit gerechnet hatte, daß bei einer Abwanderung von etwa 15 Proz. d«r Fahrgäste bestenfalls
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Der Sprung in die Welk. Ein Iungarbeikerroman von Arkur Zickler.
Erleidet alles, alles... Hans war auf das tieffte er- schöpft. Rudi schlief im alten Friedhof des Rheindörfchens � den großen, frühen Schlaf. Sein Vater war zur Beerdigung dagewesen, mit hartem, finsterem Gesicht war er dem arm- seligen Sarge des Sohnes gefolgt, kein Wort hatte Hans mit ihm gewechselt. Das war nun einmal so, daß der Alte rech- nete: wenn ihr euch nicht in der Welt herumgetrieben hättet, lebte mein Sohn noch. Hans fühlte keine Schuld: sie waren mit ihrem Mut, zu wagen, im Rechte, was verstanden die Alten davon. Sein eigener Vater hatte ihm geschrieben, er hatte den Brief nicht zu Ende gelesen, als er ihn zerriß— allzu oft war die Freude darin, daß es den anderen, nicht Hans getroffen hatte. Hans fuhr nach Frankfurt . Er wollte den Rhein nicht mehr sehen. Das Geld war alle geworden, ohne daß er daran dachte, was Nun werden sollte. Als er das Schlafen nicht mehr bezahlen konnte, blieb er die Nacht über gleichmütig im Freien. Er vernachlässigte sein Aeußeres, wusch sich selten, der leichte Flaum seiner siebzehn Jahre umrahmte das Gesicht. Gelegentlich gab es Arbeit, am Mainkai, doch lief er ihr nicht nach. Manchmal aß er einen ganzen Tag nichts, dafür schlug er sich am nächsten den Leib mit einer Unmasse trockenen Brotes voll. Bekanntschaften mied er, er litt unter der Nähe von Menschen, nur Kinder schienen ihm erträglich. Oft schlug seine verdrossene Gleichgültigkeit unvermittelt und ohne äußere Ursache in schmerzliche Spannung um. dann weinte er solange, bis er müde wurde. Die bunte Melancholie des Herbstes paßte zu seinen Stimmungen, immer fror er ein wenig und suchte das wärmende Licht der Sonne. Dabei merkte er kaum, daß Wochen vergingen, daß das Leder seiner Schuhe brüchig wurde und die wenig geschonten Kleider dumpf und schäbig. Schon sahen sich die Polizisten manchmal nach ihm um. Einmal bot ihm einer einen Schluck Schnaps aus seiner Flasche an, da erfaßte ihn eine heftige Gier nach diesem Ge- tränk, er verkaufte das Letzte, was er entbehren konnte, seine Uhr, und trank sich voll. Komisch, dachte er, als sich alles um ihn�ieränderte, grotesk, bizarr und unverständlich wurde. Er taumelte durch den regsten Verkehr, ein Wunder, daß ihm
nichts zustieß. Kinder umjohlten ihn, er kollerte ihnen Pfennige zu, und wenn ihn Erwachsene anhielten, um ihn zu fragen, ob er sich nicht schäme, verneinte er das: denn er fühlte sich wirklich glücklich. So glücklich wie ein Kind im Theater. Dann sah er einen Menschen laufen, der wie Rudi aussah, eilte auf ihn zu— die Aenlichkeit zerfloß in kalte Fremdheit. Zum Schluß wurde ihm übel, lind er mußte sich übergeben. Der Kops schmerzte ihm zum Zerspringen. In seiner Verzweiflung steckte er ihn in das Wasserbecken eines Springbrunnens,{ias half ein wenig. Die Stadt wurde ruhig, Hans trat wieder sicherer, sein Schritt wurde laut und hallte von den Häuserwänden zurück. Irgendwo sank er nieder, legte seinen wüsten Schädel an kalten Stein, bis die Morgensonne kam. Die führte ihn hinaus aus dem Gewirr der Straßen, über die windige Mainbrllcke wegan zu den freien Höhen. So fand sich Hans wieder zur Landstraße zurück. Der kühle Septembertag wirbelte raschelnde Blätter vor ihm her, aus den Aeckern stieg ein starker Duft. Hans blickte wieder geradeaus, fühlte keine Neigung mehr, den Kopf zu wenden oder hängen zu lassen. Neues Schicksal vor ihm! Bei einem Bauern fuhr er Mist und spürte dabei, daß er nichts von seiner Kraft verloren hatte. Auch sein Herz hing noch innig an den Dingen, besonders Tieren fühlte er sich nahe, er streichelte Pferde. Hunde und Kühe. Der Bauer wollte ihn gern behalten, aber Hans ging weiter. In Heidelberg wurde er Auswäscher in einer Gastwirt- schaft. Er arbeitete mit einem Mädchen zusammen, das er ganz gut leiden mochte, als er jedoch merkte, daß sich die Gustel abends an ihn drängen wollte, wurde ihm die Arbeit leid, und er machte wieder Schluß. Bevor er die Stadt ver- ließ, lief er deB Weg zum Schloß hinan. Als sein Blick sich weiten wollte vor der Pracht des Neckarlandes, stach ihn wieder der Schmerz des Alleinseins, peinigte ihn das Weh um den verlorenen Kameraden, und er kehrte wieder um. In Stuttgart zog Hans mit siebzig Pfennigen Barbestand ein. Das reichte gerade, um in einer Wirtsstube an der Hauptstädter Straße Leberspätzele zu essen und ein Bier darauf- zuschütten. Eine Aufschrist an der Wand besagte: Stuegert ischt e feine Stadt, Stuegert leiht im Tale, wo so schöne Maidle hat— leider so brutale!
Hans dachte lange darüber nach, fand aber keinen Sinn dabei, der ihm hätte nützen sollen. Vielmehr packte ihn, als es finsterte, eine heftige Sehnsucht nach einem rechtschaffenen Bett. Darum beschloß er, der christlichen Wohltätigkeit an- heimzufallen. So brach er aus nach der„Heiligkeit, wo er auch Aufnahme fand, nachdem er das Versprechen abgelegt hatte, am nächsten Morgen in Treu und Züchten Holz zu hacken. Vorher wurde das Harmonium brausen gelassen und Lied 298, Vers 1 und 2 gesungen. Im Schlafsaal wurde noch ein Genie entdeckt, ein Mann, der mit dem Munde eine Kreis- säge, einen Karusselmotor und ein Grammophon nachmachen konnte. Hans merkte, daß er seine Fröhlichkeit wieder- gefunden hatte und fand den ruhigsten Schlaf seit Monaten. Als die Schulkinder neugierig über den Garteuzaun guckten, hatte er schon eine halbe Klafter in Scheite getrieben. Nach dem Frühstück wurde das Holz auf einen Wagen geladen und nach Degerloch in eine Villa gefahren. Diese Villa hatte einen großen Garten, und eine schöne zarte Frau sah den Spalt- brüdern, wie sie sich nannten, beim Holzschleppen zu. Nach- dem die Arbeit fertig war. lächelt« die schöne Frau und ließ einige Gläser mit Apfelmost bringen. Die alten Kruken, dip sonst für alles eine dreckige Bemerkung hatten, taten ganz verlegen und nippten zimperlich an dem Apfelmost. Nur der Mann mit dem genialen Maulwerk hatte einen Mut und ließ die Kreissäge erschallen. Die schöne junge Frau war ganz entzückt davon, und nun mußte auch noch das Grammophon und der Karusselmotor daran glauben. Jetzt rief die junge Frau ihren Mann herzu, einen kleinen dicken Herrn mit einer Glatze, der allgemein enttäuschte, und nun mußte alles wieder von vorn ansangen, obwohl dem Genie schon der Hals weh tat.. Der Mann, der eben vom Schreibtisch gekommen zu sein schien, war noch verlegener als die Kunden und half sich schließlich damit, daß er die Zigarrentasche zog und Importen mit Bauchbinde verteilte. Mit gehobenem Selbstgefühl mar- schirrten die Kunden schließlich durch die Mitte ab, und es gab zum Schluß noch eine wagehalsige Heimfahrt: denn der Wagen lief auf der abschüssigen Straße von allein. Das christliche Mittagessen fiel reichlich mager aus. Harmonium- lieber und Tischgebete sind ein unzureichender Ersatz für mangelndes Fleisch. Grund genug für Hans, mit der„Heilig- keit" zu brechen und das Weite zu suchen. Er landete in einer Lesehalle und vergaß zwischen den Büchern die Zeit. tFortsetzung folgt.)