liche Maßnahmen, insbesondere durch Steigerung der Produttion herbeizuführen". Die zweite Note vom 13. November d. I. besagt: Deutschland wird alle erforderlichen und geeigneten Maßnahmen ergreifen, um insbesondere durch Erhöhung des Wirkungsgrades der Arbeit zu einer Steigerung der Produttion und damit zu einem Ausgleich der Handelsbilanz zu gelangen. Zu diesem Zweck wird insbesondere eine Neuregelung des Arbeitszeitrechtes unter Fefchaltung des Achtstundentages als Normalarbeitstag und unter Zulassung gesetzlich begrenzter Ausnahmen auf tariflichem und behördlichem Wege zur Behebung der Notlage der deutschen Wirt- schaft in die Wege geleitet. Nach dem ersten Gutachten der ausländischen Finanzsach- verständigen hängt der Erfolg der Stabilisierung ab„von der Gestaltung der Produktionsverhältnisse und des Staatshaus- Haltes in Deutschland ". Im Gutachten von Dissering, Dubois und Kamenka heißt es: Um die Handelsbilanz aktiv zu gestalten, muß vor allem eine Vermehrung der Produktion herbeigeführt werden, sowohl durch Verbesserung der Arbeitsmethoden, als durch Erhöhung der Arbeits- intenfitöt und gegebenenfalls durch eine Verlängerung der Arbeitszeit. Während in diesen Gutachten immer wieder die Stabilifie- rung als der erste notwendige Schritt gekennzeichnet wird, steht Stinnes, der Wortführer der Schwerindustrie, auf dem Standpunkt,„daß die Loraussetzung des Lebens in Deutschland ganz große Ueberarbeit ist" und„daß das deutsche Lolk eine Reihe von Jahren, zehn, fünfzehn Jahre sicherlich, zwei StundenproTagwirdmehrarbeitenmüssen". Ohne nochmals in eine kritische Würdigung dieser schon mehrfach besprochenen Aeußerungen einzutreten, darf gesagt werden, daß bei der Auslegung des Schlagwortes„Steigerung der Produktion" wieder einmal der verflossene Reichskanzler Michaelis seinen Leitsatz verwirklicht sehen könnte:„wie ich sie auffasse". Die Vereinigte Sozialdemokratische Partei hat deshalb gut daran getan, jenem vagen Begriff der gesteigerten Produktiv! tät einen festenund klarenJnhaltzu geben. Sie ver- kennt nicht, daß in einem Teil der Betriebe die Arbeitsintensi tät noch nicht den in der Vorkriegszeit festgestellten Wirkungs- grad erreicht hat, wenngleich im allgemeinen die Arbeits leiftungen der letzten Jahre den Vorkriegsleiftungen gleiche kommen oder sie sogar nachweislich erheblich überschritten hab«n. Die vorgenommenen Arbeitsmessungen zeigen aber, daß in vielen Betrieben technische Mängel den Hemmschuh einer gesteigerten Produktion bilden. Die deutschen Unternehmer, die vor dem Kriege nur konkurrenzfähig bleiben konnten, wenn sie aus ihren Produktionsgcwinnen erhebliche Geldmittel zur Verbesserung ihrer technischen Betriebseinrichtungen auf» zuwenden bereit waren, halten in den letzten Jahren ihre Ge- winne krampfhast fest, weil ihnen die Entwertung der Mark, die dadtrrch bedingten niedrigenLöhneund billigen Preise deutscher Waren bisher den Abfatz im Ausland ge- sichert haben, ohne daß immer Qualitätsware geliefert zu werden brauchte. Es grenzt deshalb an Heuchelei, in diesem Augenblick von den Arbeitern das unerträgliche Opfer einer längeren Lrbeitszest zu fordern, während das Unternehmer- tum selbst es ablehnt, auch nur ein bescheidenes Opfer zu bringen und von seinen riesenhaften Valutagewinnen die nötigen Mittel für die technische Vervollkommnung der Pro» duktionsmittel abzuzweigen. Die von ihm so stürmisch ver- langte Verlängerung der Arbeitszeit bedeutet also lediglich eine Steigerung der privaten Produktionsgewinne, nicht aber die„Steigerung der Produktion". In Uebereinstimmung mit den Gewerkschaften lehnt des- halb auch die Sozialdemokratie eine Verlängerung des gefetz- lichen Achtstundentages entschieden ab. Es ist dabei selbftver- ständlich, daß die Arbeitnehmer die Gesetze der Menschlichkeit zu achten gewillt sind. Im Arbeitszeitgesetz werden diejenigen Ausnahmen vom Achtstundentag zuzulassen sein, die durch
Notfälle und sonstige Fälle höherer Gewalt bedingt werden. Es geht aber nicht an, etwa durch eine generelle Leistung von Ueberarbeit den gesetzlichen Achtstundentag zur Farce zu machen. Die Arbeiter, Angestellten und Beamten müsien die Verfügungsgewalt über die eigene Arbeitskraft in ihrer Hand behalten. Bei dem Verlangen von Ueberstunden muß es ihrer Entschließungsfreiheit vorbehalten bleiben, die Bedürfnisfrage selbst zu entscheiden. Die Leistung von Ueberstunden kann darum nur von Fall zu Fall, zeillich begrenzt und nur durch kollektive Vereinbarung mit den zuständigen Gewerkschaften erfolgen. Die Sozialdemokratie hat sich unmittelbar nach ihrer Gründung mit ihrem Währungsprogramm der Lebensftage des deutschen Volkes zugewandt und sich damit als die wirk- liche Volkspartei erwiesen. Sie ist auch entschlossen, an seiner Verwirklichung tatkräftig mitzuwirken. Die Verantwortung für ein weiteres„Treiben-Lafsen" des wirtschaftlichen Zerfalls kann ihr aber nicht zugemutet werden.
vierbunü für üen fichtstunüentag. Die sozialdemokratische Reichstagsfrak- t i o n hat zur Frage der Produktionsförderung und des Acht- ftundentages nach eingchender Beratung und tn Uebereinstimmung mit dem ADGB. , der AfA und dem Allgemeinen Deutschen BecHtüenbund folgenden Beschluß gefaßt: Ohne eine aktiv« Währungspolitik, die der weiteren Geldentwertung und Teuerung Einhalt gebietet, ist der gegenwärti- gen Nollage des deutschen Volkes nicht zu steuern. Di« Stabil!- sierung der Mark ist die dringlichst« und erste Aufgabe einer Politik, deren Ziel die Behebung dieser Notlage ist. Der Versuch, durch Verlängerung der Arbeitszeit unter Zurückstellung der Stabilisierung der Mark eine Produktionssteigerung hcrbeizu- führen, muß abgelehnt werden. Jede Produktionssteigerung ist bei fortbestehender Währungszerrüttung gehemmt. Denn so- lange der Verdienst der Arbeiter durch den Währungsverfall von Woch« zu Woche geschmä. lert wird, bleibt bei der Arbeiterklasse ein sortdauerndes Gefühl stärk st er Beunruhigung, so daß sie nicht zu der sonst möglichen Steige- rung der Intensität ihrer Arbeit gelangen kann. Unter grundsätzlicher Betonung dieses Standpunktes hält die Vereinigte Sozialdemokratische Partei Deutschlands nach wi« vor an dem alten sozialistischen Grundsatz fest, daß die Ar- beiterklasse alles Interesse an einer wirksamen rationellen Ausge- staltung und Vermehrung der Produktion hat. Die bisher vorgenommenen Untersuchungen über di« Steige- rung der Arbeitsleistung haben erwiesen, daß trotz der Ungunst der VerhälMisse in einem.Teil der Industrie die Arbeits- leiftung der Vorkriegszeit wiedep erreicht, in einem anderen Teil bereits erheblich überschritten ist. Sie haben aber auch weiter er- geben, daß in jenen Betrieben, in denen der frühere Wirkungsgrad noch nicht wieder erreicht ist, Mängel technischer Art die Hauptursache waren. Während die deutschen Unternehmen in der Vorkriegszeit zur (Erhaltung ihrer Konkurrenzfähigkeit auf dem Weltmarkt genötigt waren, einen wesentlichen Teil der erzielten Produktionsgewinne zur steten technischen Vervollkommnung ihrer Pro- duktionsmittel und organisatorischen Ausgestaltung ihrer Betriebe abzuzweigen, enthebt di« fortgesetzte Geldentwertung durch Ausschaltung der Konkurrenz und durch monopolistische Preisgestal- wng die Produzenten heute von dem Zwange, in gleichem Matze wie früher ihre Aufmerksamkeit und ihre Mittel dem technischen Ausbau der Betriebe zuzuwenden. Dazu kommt die erhebliche Ver- schlechterung des Verhältnisses der produktiven zu den unproduk- tiven Leistungen der Volkswirtschaft, insbesondere durch übermäßige Ausdehnung des Zwischenhandels, der Spekulation und übermäßig« Verwaltungsakbeiten und-kosten. Alit oller Entschiedenheit lehnt die vereinigte Sozialdemokra tische Partei Deutschlands jede Verlängerung der gesetzlichen acht- ständigen Arbeitszeit ab. Gesetzliche Ausnahmen können
nur ln den Fällen höherer Gewalk zugelassen werden. Sonst kann die Leistung von Ueberstunden nur von Fall zu Fall. zeitlich begrenzt und nur durch kollektive Vereinbarung mit den zuständigen Gewerkschaften erfolgen. Da Produktionsprozeß und Staatsverwaltung innere Zusam- menhänge aufweisen, kann auch für die Steigerung der Arbeits- intensität in den Staatsbetrieben nur die grundsätzliche Anwendung vorstehender Richtlinien in Frage kommen. Eine wirkliche Gesundung der Wirtschaft erfordert die An- «rkennung des Grundsatzes, daß die Gesamtinteressen den Einzel- interessen voranzugehen haben und daß die Arbeitnehmer als gleichberechtigte Faktoren der Wirtschaft anerkannt werden." Dieser Beschluß kommt zur rechten Zeit. Partei, Arbeiter, Angestellte und Beamte treten durch ihn als ein V i e r b u n d zum Schutz des Achtstundentages in Erscheinung. Mit diesem Vierbund wird auch jede künftige bürgerst che Reichsregierung rechnen müssen.
Die Zusammensetzung des Reichstags. Infolge der Wahlen in Oberschlesien geht die Zahl der Reichs- tagsmitglieder von bisher 4S9 auf 459 zurück. Diese verteilen sich auf die einzelnen Fraktionen wie folgt: vereinigte Sozialdemokratie 173, Zentrum 68, Deutschnationale Volkspartei 67 , Deutsche Volks- partei 66, Deutsche demokratische Partei 29, Bayerische Volkspartei 20, Kommunisten 15, Bayerischer» Bauernbund 4, Deutschvölkische Gruppe 3, Deutschhannoversche Landespartei 2. Zu keiner Partei gehörig 2(Led-bour und Wegmann), zusammen 469.
Die öaüener Gemeinüewahlen. Geringe Beteiligung. Karlsruhe , 20. November. (TU.) Nach dem Ergebnis der gestrigen Gemeindewahlen haben in Karlsruhe die Dereinigte So- zialdemokratische Partei einen Stimmenzuwachs von 900, das Zen- trum einen solchen von 800 und die Deutschnationalen einen solchen von 1500 Stimmen zu verzeichnen. Die Demokraten haben 5400 Stimmen verloren, die der Deutschen Volkspartei zugefallen sind. Aus den Resultaten der größeren badischen Städte ist'folgendes her- oorzuheben: In Mannheim erhielten die Deutsche Volkspartei 12, das Zentrum 13, die Sozialdemokraten 28, die Deutschnatio- nalen 4, die Kommunisten 9, die Demokraten 8 Sitze. Die Mittelstandsvereinigung erhielt 4 und der Mittelstandsbund 1 Sitz. In Heidelberg fielen der Sozialdemokratie 21, den Kommu- nisten 9, den Demokraten 12, den vereinigten bürgerlichen Gruppen 16, der Deutschen Volkspartei 12 und dem Zentrum 14 Sitze zu. In Pforzheim erhielten die Sozialdemokraten 3 0, die Kom- munisten 6, die Mittelstandsoereinigung 13 und die vereinigten bür. gerlichen Parteien 26 Sitze. In Karlsruhe erhielten die Sozial» demokraten 2 6. die Kommunisten 6, das Zentrum 19, die Deutsche Volkspartei 9, die politisch und religiös Neutralen 1, die Wirtschaftliche Vereinigung 5, die Demokraten 10 und die Deutsch - nationale Volkspartei 9 Sitze. In Freiburg erhielten das Zentrum 32, die Sozialdemokraten 19, die Haus- und Grundbesitzer 10, die Deutschnationalen 8, die Demotraten 6, di« Deutschs Volks- partei und die Kommunisten 3 Sitze. In Konstanz fielen dem Zen- trum 33, den Sozialdemokraten 16, der Miüelstandsver- einigung 11. der Demokratischen Partei 10, den Kommunisten 7 und den vereinigten Rechtsparteien 7 Sitze zu. Charakteristisch für die b a d i s ch e n Gemeindewahlen, die den Besitzstand der Parteien nicht wesentlich verändern, ist ebenso wie in Hessen die geringe Beteiligung. Sie trifft zwar alle Parteien, bat aber z. B. in Mannheim zum Verlust der sozialistischen Mehrheit geführt. Die Deutsch - nationalen haben einigen Zuwachs, die Demokraten fast überall Verluste an die Deutsche Volkspartei zu verzeichnen, während das Zentrum, wie stets, seine Sitze behauptet. Das Ergebnis der Wahlen zeigt, daß auf dem Gebiete der Ge- meindepolitik für den Sozialismus noch viel zu tun bleibt. Der Verlust von Mannheim bei noch nicht 50 Proz. Wahlbeteiligung ist eine Scharte, die baldmöglichst ausgewetzt werden muß.
Geöämpste Revolutionen. von Hans Klabautermann. Die nach modernen Gesichtspunkten arrangierten Revolutionen eirtdehren der Hitzigkeit, die man früher anzuwenden beliebte. Eine der gedämpften Revolutionen, die die Geschichte zu verzeichnen hat, stellt die Fascistenerhebung in Italien dar, deren erster Geschäfts- führer Mussolini ist. Diese Revolution hat dem liebenswürdigen Entgegenkommen des italienischen Königs ihren Erfolg zu verdanken. Mussolini wollte sich dem König vorstellen, dessen Einverständnis zur Revolution er haben mußte. Aber olle seine Versuche, bei seinen Gesinnungsgenossen zu diesem Zweck Bratenrock und Zylinder zu entleihen, schlugen fehl. Sie hatten all« nur Hemden, die noch c.azu bereits fidwvrz waren. Li« Revolution drohte zusammenzu- brechen, da faßte er sich endlich ein fterz.{türmte, wie er ging und stand, zum König und sprach:„Ich bitte um Verzeihung, Majestät, wenn ich mich in schwarzer Blu'e vorstelle." Das war die erste offizielle Kundgebung des Fascistensührers: der Reoolutionshisto- riker wird sich die denkwürdigen Worte merken müssen. Glücklicher- weise nahm der König an der Aufmachung Mussolinis keinen An- stoß— ein Zeichen hoher sittlicher Würde—, und so tonnte der Umsturz seinen Fortgang nehmen. Hier sieht man wieder, welch wichtige Roll« tm Weltgeschehen der monarchisch« Gedanke spielt. Hätte der König, engherzig den Regeln der Etikette folgend, Musso. lini hinausgeworfen, so stände e» heut« faul um den Fascismus, und die- Kulturgeschichte wäre um eine Tat ärmer. Anfangs hatte der König übrigens die ewigen Quengeleien der Fascisten mit Miß- trauen beobachtet. Als ihm aber noch dem Gelingen der Revolu» tion der Vizepräsident der Fascisten, de Vecchi, versicherte daß der Fascismus die Monarchie respektieren werde, da fiel ihm ein Stein vom Herzen, und er umarmte Herrn de Vecchi sehr bewegt Denn mit dieser Zusicherung schien ihm das Volkswohl am besten gewähr. leistet, worauf es bekanntlich einem König stets allein ankommt. Was den Kulturfortschritt anbetrifft, den der König durch die Ge. nehmigung der Revolution angebahnt hat, so hoben die Fascisten bereits zwei hervorragende Leistungen aufzuweisen. Dem nativ.> nalistischen Abgeordneten Misuri gebührt das Verdienst, die Rickjtung! herausgefunden zu haben, der die Zukunft gehört.„Es handelt sich jetzt", so lautete sein erlösendes Wort,„um die Erhebung des natio- nalen Geistes, der seiner imperialistischen Bestimmung zustrebt." Diese Lehr« au» dem durchschlagenden Erfolg des Imperialismus zu ziehen, dem ja auch der für alle Teilnehmer überaus wohltätige Weltkrieg zu verdanken ist. hatte die Menschheit bisher vergessen.( Die zweite große Leistung des Fascismus ist in der Programmrede Mussolinis ausgesprochen. Unter seiner Regierung habe das Pro- letariat nichts zu befürchten, sondern alles zu gewinnen, sagte er, und schaffte darauf den Achtstundentag ab. Dieser neuen sich allmählich bahnbrechenden Richtung gab In England, wo ebenfalls eine Regierungsumbildung stattgefunden hat, der Premierminister Bonar Law ein« ander«, originelle Fassung. In seiner ersten öffentlichen Rede wandte er sich gegen die von Lloyd George geübte Gepflogenheit, jede große Frage in Angriff zu nehmen. Der Wechsel, den er beabsichtige, werde darin bestehen: Er wolle nur die Aufsicht führen, die Arbelt aber den an- deren überlassen.
Auch in Deutschland gewinnt das Bestteben, nur die Aufsicht zu führen, in den bürgerlichen Kreisen immer mehr Anhänger. Dies« samose Idee, das Volk zu beglücken, segelt hier unter dem Schlag- wort„Beseitigung des Achtstundentages", was für eine Republik immerhin bemerkenswert ist. Sehen wir daher zu, was sich sonst noch Republikanisches in der letzten Zeit ereignet hat! Wir hatten einen Gotteslästerungs- und einen Fechenbach-Prozeh. Fechenbach war bekanntlich früher Eisners Sekretär. Nach Eisners Ermordung hat er es verabsäumt, sich den Mördern ebenfalls zur Verfügung zu stellen. Unter diesen Umständen darf es nicht wundernehmen, wenn er sich in Bayern keiner Sympathien erfreut und die Mehr- heit des Landtage», die Demokraten «inbegriffen, das Zuchthaus - urtell für ganz gerecht hält. Der Ausschuß der Berliner Studenten- schaft hat die offizielle Beteiligung an der Gerhart-Hauptmann-Feier in der Universität mit Mehrheit abgelehnt. Hauptmann habe, das war die Ansicht der Studentenschaft, durch sein politisches Hervor- treten das Vertrauen weiter Dolkskreife verloren und könne als Republikaner nicht mehr für einen charakter- vollen Deutschen gelten. Aus dem rücksichtsvollen Ver» ständnis, das wir einem solchen Geist liebevoll entgegenbringen, geht hervor, daß es nicht nur gedämpfte Revolutionen, sondern auch gedämpfte Republiken gibt._ kleine» Theater:„Die Anmorallschen". Lothar Schmidt, der schon immer zwischen Schwank und Komödie hin- und her- lavierte, kann sich auch in diesem seinem neuen, unter Georg Altmans Regie aufgesührten Lustspiel„Die Unmora» l i f ch e n" nicht so recht zu einem ernsthaften Komödienstil ent- schließen: wenigstens nicht m dem, was das„Kleine Theater" vor- setzte. Wie in der„Venus mit dem Papagei" greift er auch diesmal in die Zeit hinein. Aber fein« Satire ist heute wesentlich zahmer. Die„Moralischen " als die Unmoralischen und die Unmoralischen als die Gefunden und Lebenskräftigen aufzuweisen: das Ist gerade keine neue Idee, auch wenn ein Konsistorialrat einem berühmt ge. wordenen Anstoßnehmer nachgebildet wird. Aber die Meinungen Schmidts vom Leben und Tierchen im Menschen sind anständig, und diese Schwankfiguren haben hin und wieder Momente, in denen so etwas wie eine menschliche Atmosphäre um sie schwingt. Sind das auch nur Augenblicke, die nicht ausklingen können, weil der Schwankmachcr andere Wirkungen herausschlagen will, so genügen diese Llitzlichterchen zusammen mit der heiter-saubcren Gesinnung doch, um das Lustlpielchcn bei aller seiner Magerkeit als liebenswert erscheinen zu lassen. Zu diesem Eindruck trugen in erster Lini« der „scharman!«" Erich Kaiser-Titz als auigeklärter Vater und di« schlichte jungfräuliche Mutter Carola Toelle bei, während F a l k e n st« j n als brunnernder Konsistorialrat feine guten Hu- !�l>r« spielen ließ und Olga Limburg das Hürchen, das den "'ss'ststoriolratssohn ehelicht, mit Witz machte. Im Reigen der fran- zosischen Posten eine kleine Erholung.> O. E. H. Zweite, Festkonzert de» Vezirksbildungsavsschosse«(Kammer- «"l1' Beethoven-Schubert). Das berühmte Septett Beethovens(für Geige, Bratsche, Cello, Baß, Klarinette, Fagott und Horn, Es-Dur, 20. Werl ), einer Kaiserin Maria Theresia vom Kom- pomsten gewidmet, bewies seine Jahrhundert« überdauernde, zeit- und raumlos», tn all«n Menschenherzen und-ohren klingend«
Schönheit wieder am letzten Sonntag, vor kunst- und mustkliebender Arbeiterschaft gespielt. Und wie der musikalisch herb-süße Beethoven, so auch der zart-melancholtsche Schubert: Oktett(für zwei Geigen, Bratsche, Cello, Baß, Klarinette, Fagott und Horn, F-Dur, 166. Werk), des großen Beethoven groß-kleiner Zeitgenosse.— Die Ausführung dieser wohl bedeutendsten Kammermusik lag in den Händen der Kammermusik-Bereinigung der Staatsoper. Mit hin- gtchender Liebe, tiefstem Einfühlen und in bester Technik brachten die Künstler� diese beiden Werke zu Gehör: eine Wirkung auf die Zuhörer erzielend, die in feierlicher Stimmung ihren inneren und in stets wiederholtem Beifallsdank ihren äußeren Ausdruck fand.— Gesamtcindruck: beste Kunst in jeder Form, die da vergessen macht der Zeitläufte Widerlichkeiten, die uns erttäumen läßt Poesie ver- klungener und erhoffen läßt den arbeitsfreudigen Rhythmus einer freien, einer sroh-genießenden Zeit, das alles im allerbesten Sinne der Worte. Maria Somarowa. die berühmte russische Bolkslieder-Sängerin. lang im Bruder-Bereinshaus vor einem recht kleinen Publikum. Warum ihre Landsleute nicht-da» Haus stürmten, begreift man nicht, wenn nian dies« herrliche Künstlerin einmal gehört hat. Nach n 0rtm*n, Aolkettagodm Warja P anina und der temperament- vollen Wjalzowa durfte wohl kaum jemand in Rußland Volkslieder und Balladen so singen wie Maria Komarowa. Ob sie„Nascka ultza bringt oder„Etsenka Rasin" oder irgend eine schmachtende Romanze, sie steht da mit halb geschlossenen Augen und singt die weite senttmentale Welt der Schmerzen und der Liebe in sich hinein und in die Lufie hinaus, nichk vor Menschen, sondern vor Gott und �wr. S-e smgt das russische Volk, und das ganze berauschte ruf, ische Volk singt au, ihr. Sie jauchzt, sie schreit, sie lacht, sie er- zahlt und deklamiert wie im Melodram, und wir weinen mit und vergessen Konzert und Eleganz.— Neben ihr spielte der ausgezeich. ncte Geiger Meremblum und riß hin durch seine sabelhast leichte Technik. Seele und große Auffassung hätte er sich allerdings ein wenig von seiner großen Partnerin borgen dürfen. Wer soll auch neben ihr standhallen?— Und der Pianist P o k r a s z phantasierte neben und unter den Liedern hin und trug die Stücke der Komarowa auf leichten und verttäumten Arpeggien fort und paßte sich der einzigeti Künstlerin einzig an. A. N. Stmntags-Sonzert im Adwiralspalast. Am Sonntag konzer- tiert« im Admiralspalast die Kapelle der Staatsoper unter Schillings' Leitung. Da» Programm war halb auf Oper kzib auf absolute Musik«wgestelll.«in Brauch, der sich bei diesen Sonn- tagskonzerten einbürgern zu wollen scheint. Mag man es im allge- meinen auch vorziehet,, daß der Trennungsstrich zwischen beiden Kategorien im Konzertsaal schart gezogen wird, so ist«s vielleicht doch gut, bei den senntäglichen Veranstaltungen eine Ausnahme zu gestatten, da die Teuerung wei en Kreisen der»evölkerung den Be- such der Oper unmogl� mach: und auf diese Weis, einer völligen Enisremdunq zwischen Volk und Musikdrama entgegengearbeitet wird. Ein interessantes Experiment war Schillings' Wiedergabe der E- M o l l- S y m Phon'«°°n B e« t h o o e n. Da- Orchester wurde ganz auf absolut- Musik eingestellt, der heroisch-tragische S-'- halt des Äerte» absichtlich stark zuruckgedämmt, um mit desto ftraffe- rer Disziplin alle» aufzeige« zu können, was an musikalischer Linien- führung. an dynamychen Energien, an thematischen verp lechtuagen