Griechenland . Nach dem Rücklrilie Trikurpis hat, wie das in Griechenland fast immer seit Jahrzehnten Regel war, Delijannis ein Riinisterium gebildet, dessen erste That die Auflösung der Kammer war. Tie Neuwahlen sind aus den 17. März festgesetzt worden. Die neuen Minister mußten dem Könige die Zusage machen, bei den nächsten Parlamentswahlen nicht als Kandidaten aufzutreten.— Ter Netv-Aorker Traiiiwahstreik wird von der kapitalistischen Presse ähnlich behandelt, wie voriges Jahr der Pullman'sche Eisenbahnstreik. Arge Gewallthätigkeiten werden den Arbeitern zur Last gelegt und die Vorkommnisse aufs tollste tendenziös übertrieben und entstellt. Obgleich wir die volle Wahrheit noch nicht kennen, so dürfen wir doch nach der Analogie früherer amerikanischer Konflikte zwischen Kapital und Arbeit überzeugt sein, daß neun Zehntel der durch den Telegraph uns übermittelten Schauergeschichten erlogen sind und das letzte Zehntel nicht wahr— d. h. nicht wahr in der erzählten Form. In diesem Fall hat der Lügen- Telegraph übrigens sich selbst verrathen, indem er mittheilt, daß das Publikum durchaus mit den Streikenden sympathisirt, und daß die U n t e r u e h m e r ein Schiedsgericht, das die Arbeiter anboten, zurückgewiesen haben. Ganz wie beim Pnllmaw streik.— Tie allgemeine Amnestie in Argentinien , die Ursache der Präsidenischaftskrise, wurde vom Kongresse bewilligt. Vom chinesisch-japanischen Kriegsschanplafte liegen folgende Mittheilungen vor: London , 25. Januar. Nach einer Meldung der„Times" aus Shanghai den 24. d. M. haben die japanischen Truppen jetzt Wei-hai-wei eingeschlossen. Seitens der Chinesen wird behauptet, Wei-kai-wei habe eine Garnison und Lebensmittel, die gestalteten, einem längeren Angriffe zu understehen. Dolo Haina, 25. Januar. (Meldung d.„Renter'schen Bureaus.) Eine amtliche Depesche des Generals Nodzu lautet: Der Feind griff uns am 17. d. M. bei Haiicheng an. Achttausend Mann unter General Chang standen auf unserem rechten, sechstausend Mann unter General Vini auf unserem linke» Flügel. Nach dem Gefecht wurden 21 Leichen, darunter die von zwei Offizieren, ge- sunden. Die Eingeborenen sagen aus, die Chinesen hätten über Ivo Mann verloren. Nachdem die Chinesen in der Nähe von Changhulai und Dontai gelagert hatten, zogen sie sich am nächsten Morgen nordwärts zurück.— London , 25. Januar. Wie dem„Rcuter'schcn Bureau" heute aus Tokio mitgetheilt wird, werden nach einer amtlichen Meldung die chinesischen Friedensunterhändler heute von Shanghai nach Japan abreisen. Bei ihrer Ankunft in Japan werden die Unterhändler sich mit der Eisenbahn von Kode nach Hiroshima begeben, wo sich der Kaiser und die Minister be- finden. Mticher Anarchi ften-Uvozeß/) (Original-Bericht.) Lüttich , den 24. Januar. Seit zehn Tagen verhandelt das Lütlichcr Geschworenen- gerichl gegen 13 Anarchisten, die beschuldigt sind, im vorigen Frühjahr vier Dynainitattentate in Lüttich verübt zu haben. Der Prozeß, dessen Vorgeschichte bekannt sein dürfte, hat seine Be- dcutung vor allem durch den Umstand erhalten, daß er auf die Thätigkeit des russischen Lockspitzels Baron Ungern- Stern- berg rscts Cyprian Andreas Jugolkowski, genügend Licht wirst. Nach den bisherigen Ergebnissen der Verhandlung kann es keinem Zweifel mehr unterliegen, daß man in diesem, von der russischen Polizei jetzt so zärtlich behüteten Burschen, einen in russischem Solde stehenden agent provocateur vor sich hat. Die russische Polizei ist bekanntlich großherzig genug, nicht nur der „Ordnung" im eigenen Lande zu dienen, sie sorgt für die ge- sammte europäische Reaktion, die aus einigen zur rechten Zeit eintreffenden Dynamit-Attentaten ausgezeichnet Nutzen zu ziehen versteht. Auch die Lüttichcr Attentate sind offenbar zu diesem Zweck veranlaßt worden. Das Rezept, das zur Anwendung kam, war sehr einfach. Man schickte einen leidlich geschickten, mit Geld- mittel» von dem famosen Herrn Leonard, in Paris Rue de Erenelle 79 wohnhaft, reichlich ausgerüsteten Lumpen nach der belgischen Industriestadt, die, wie die Attentate des Jahres 1892 bewiesen haben, als guter Boden für anarchistische Experimente gelten kann. Dem Spitzel fällt es nicht schwer, eine Anzahl Leute aus der untersten Schicht der Bevölkerung, das richtige Lumpengesindel, um sich zu sammeln, das gegen Bezahlung zu allem zu haben ist. Hierzu komineu ein paar gut gläubige Fana- titer, die sich im Ernste einbilden, durch das Geräusch einer platzenden Bombe die bürgerliche Gesellschaft zur sofortigen Ab- dankung zu zwingen. Sind genug Vögel auf den Leim gegangen, dann wird die Sache ins Werk gesetzt. Der Spitzel muß nur noch dafür svrgen, daß die Dynamilattentate mög. lichst harmlos verlausen. Und das hat Jagolkowsli auch ganz gut verslanden. Die Bomben, die in Lütiich verwandt wurden, waren aus alten Zigarrenkisten und Konservenbüchsen angefertigt, ihre Füllung iheils aus großen Mengen verdorbenen Dynamits, das aus einem Bergwerk der Umgegend gestohlen, von Jagolkowski aber vermuthlich un- schädlich gemacht war. Daß sich mit solchen Höllenmaschinen höchstens einig« Fensterscheiben zertrümmern lasten, haben die Ereignisse und die Sachverständigen bestätigt. Nur ein Fall macht eine Ausnahme. Das Attentat im Hause des Arztes Dr. Renson in der Rue de la paix, ober auck hier wirkte die Bombe nur durch einen Zufall gefährlich. Dr. Renson kam mit seiner Frau spät nach Hause und hielt die glühende Lunte der Bombe für das leuchtende Auge seiner Hauskatze. Er wollte das Thier mit dem Stocke vertreiben, bückte sich und die in diesem Augenblick platzende Bombe verletzte den Kurzsichtigen nicht unerheblich. Jagolkowski scheint aber noch eine weitere Aufgabe ge- habt zu haben. Er suchte auch deutsche und holländische Sozialdemokralen in seine Pläne zu verwickeln. Bei den in Lüttich wohnenden deutschen Genossen hatte er wenig Glück. Er wurde in den meisten Fällen kurz abgewiesen, und in die Anklage ist nur ein Deutscher, namens Wille, ein früherer Kellner aus Hamburg , verwickelt, der sich zur Sozialdemokratie bekennt, im übrigen aber ent- schieden in Abrede stellt, sich an den Altentaten irgendwie be- theiligl zu haben. Etwas unvorsichtiger scheint unser holländischer Genosse Vliegen, der Sekretär der neu gegründeten sozialdemokrati- scheu Partei gewesen zu sein, ohne dap aber auch er irgend etwas mit den Attentaten zu thun gehabt hat. Seine Unvorsichtig- keit besteht darin, daß er dem Russen, der ihn in Diaastricht aussuchte, nicht sofort vor das Thor gesetzt hat. Bei einer Haus- suchung wurde ein Brief des Russen an ihn gefunden. Vliegen versickert ausdrücklich, und sein Wort gilt bei den holländischen Genosse», daß er diesen Brief niemals erhallen und gelesen hat. Nur die eine Erklärung bleibt übrig, daß der Spitzel das Schreiben bei seinem Besuche eingeschmuggelt und für die holländische Polizei hinterlegt hat. Der Brief ist übrigens zum ') Da der Lütticher Anarchistenprozeß mehr und mehr all- gemeines Interesse erregt, namentlich geeignet ist. grelle Streif» lichter auf das Treiben der internationalen Spitzelwirthschaft zu werfen, haben wir einen Spezial-Korrespondenten nach Lüttich gesandt, um uns über die Verhandlungen zu be- richten, dessen erster Bericht im obigen vorliegt. Anlaß für die Einbeziehung Vliegen's in die Anklage geworden. Vliegen ist bekanntlich nicht erschienen, weil er, wie er im „Volkslribun" erklärt, den Prozeß für eine„gemachte Sache" hält. Dieser Ansicht begegnet man auch in der belgischen Presse Sicher ist jedenfalls, daß außer Jagolkowski noch andere ver- dächtige Individuen, wenn sie sich aucn jetzt unter den Angeklagten mit befinden, die Hände mit im Spiele gehabt haben. Da ist vor allem der Wirth Schlebach zu nennen. Vor Jahren wurde er ans Lültich ausgewiesen; er kehrte aber trotz- dem nach Lüttich zurück und blieb von der Polizei un- behelligt, obgleich oder vielleicht weil seine Wirthschaft der Sammelpunkt aller Lütticher»nd auch der fremden, durchreisenden Anarchisten war. Schlebach ist seit lange verdächtig, mit der Polizei unter einer Decke gesteckt und seine Kneipe zur Mausefalle für Anarchisten gemacht zu haben. Der Ausgang des Prozesses und vor allem das Strafmaß, das gegen Schlebach angewendet wird, werden hierüber wohl am besten Auskunft geben. Tasselbe gilt auch von dem Angekl. Müller, der im Ver- dachte steht, als Kronzeuge in dem Drama mitzuwirken. Jeden- falls liefert Müller durch seine Aussagen und Beschuldigungen das hauptsächliche Material für die Anklage. Uebrigens ist jetzt auch die Persönlichleit des geheimnißvollen „Theodor", des Tynamitlieferanten, festgestellt. Es ist dies einer der Angeklagten, Tveodor Vossem, der von Müller in dieser Be- ziehung belastet wird. Die Verhandlungen gehen in dem früheren bischöflichen Palais, dem jetzigen Justizgebäude, vor sich. Das Schwur- gericht tagt in einem prächtigen, hochgewölbten Saale . Eine kleine Militärmacht und Gendarmen in hohen Bären- mutzen, sind aufgeboten, um die Zugänge zum Saale zu besetzen, die Angeklagten zu bewachen und die Zuhörer in gebührendem Respekt zu halten. Ueberall blitzen die Bajonette. Ter Garten- Hof des Palastes ist von der Polizei sorgfältig nach Bomben abgesucht worden. Aber seitdem Jagolkowski verschwunden ist, giebt es auch keine Bomben in Lültich mehr. Der Andrang zu den Verhandlungen ist nach wie vor außerordentlich groß. Für das Schicksal der beiden in den Prozeß verwickelten Bourgeois- söhnchen Arnold und Leblanc scheint sich die Lütticher Bourgeoisie sehr zu interessiren; Herren in Rock und mit Zylinder bilden mit ihren Damen die Mehrzahl der Zuhörer. Die beiden bürgerlichen Freunde des verschwundenen Barons machen einen sehr harmlosen Eindruck. Sie haben den Spitzel in der Restauration von Tits, wo er logirte, abends beim Spiel kennen gelernt und er scheint ihnen durch seine Kraft- phrasen nicht wenig imponirt zu haben. Ihnen zu Ehren hat er auch einmal eine kleine Zündkapsel auf dem Ofen des Restaurants cxplodiren lassen. Sie bezahlen das Vergnügen dieser Bekanntschast ziemlich theuer Ter Russe war offenbar überall bemüht, das Angenehme mit dem Nützlichen zu verbinden und hat sie erfolgreich angepumpt. Noch theurer kommt ihnen die Anklage zu stehen. Leblanc's Vater zahlt dem Advokaten für die Vertheidignng seines Sprößlings im Falle der Freisprechung 29 009 Franks. Die heutigen Verhandlungen b�.ul am Vormittag nicht viel Interessantes. Das Attentat an der St. Jacqnes-Kirche, das am Abend des 28. April in Szene gesetzt wurde, bildete den Hauptpunkt. Nach der Aussage Müller's sind außer dem Russen und ihm die Angeklagten Berg, Verbist und Joris die Akteure gewesen. Das Attentat hat einigen Fensterscheiben das Leben gekostet. Tie Angeklagten Berg, Verbist und Joris be- streiten aber energisch ihre Betheiligung und haben durch ihre Vertheidiger einen umfangreichen Alibibeweis antreten lasse». Berg und Verbist behaupten, an dem fraglichen Abend um- gezogen zu sein und ihren Koffer aus der alten in die neue Wohnung geschafft zu haben; Joris will sich zur Stunde des Attentats bei Schlebach aitsgehalten und von der Explosion erst lange nachher gehört haben. Es werden nun eine große Anzahl von Zeugen über diese Punkte vernommen. Ihre Aussagen sind aber im allgemeinen schwankend und unbestimmt. Die einen glauben in den eben genannten Angeklagten den Altentäter wiederzuerkennen, die anderen nicht. So sagt die Wäscherin, verwillwele Frau Salutynsky folgendes aus: Ich war ani Abend des Attentates in der Nähe der Kirche St. Jasques. Ein Gassenbube kam an uns heran, sah mir ins Gesickt und stellte sich dann a>t der nächsten Straßenecke aus. Ich hörte einen Pfiff und sah wie ein Mann die Kirche entlang lief. Nnmittelbar darauf erfolgte die Explosion, und ich wurde umgerissen. Dann sah ich, wie sich drei Männer rasch entfernten." Die Zeugin muß die Angeklagten Müller, Berg, Joris und Verblst mustern, vermag aber nicht ihre Identität festzustellen. Tagegen will die nächste Zeugin, ein vierzehnjähriges Mädchen, namens Marie Rovenne, die mit einer Freundin in der Nähe der Kirche stand, in dem Angcklagten Berg einen der Attentäter bestimmt wieder erkennen. Berg muß einen Hut aussetzen, der aber nicht ihm, sondern dem Angeklagten Verbist gehört.„Ja, das ist er", ruft die Zeugin. Ter Untersuchungsrichter Seny bestätigt, daß die Zeugin bei der Voruntersuchung sofort das Porträt des Angekl. Berg erkannt habe, als ihr die Bilder der Angeklagten vorgelegt wurden. Einer der Vertheidiger wundert sich,' daß die Zeugin erst vier Monate nach dem Attentat mit Berg konsroniirt worden sei. Unter- suchungsrickter Seny: Wir hörten erst im August zufällig von dieser Zeugin. � Ter Zeuge, Schlosser S i e r a r d aus Lütlich, war am 23. April um 9 Uhr abends bei Schlebach. Er hat um diese Zeit den Russen und Joris dort geseben. Der nächste Zeuge aber bestreitet wieder diese Angaben. So ergiebl sich eine widerspruchsvolle Darstellung, die von den übrigen Zeugenaussagen nicht aufgehellt wird. Stur aus einer sei noch dervorgehoben— es ist die eines Malers Franz Villen aus Lüttich — daß bei Schlebach der Angeklagte Verbist öffenl- lich als Spitzel bezeichnet wurde. Diese gegenseitigen Verdächli- gungen gehören mit zum Bilde. In der Nachniittags- Sitzung werden diese Zeugen- Vernehmungen sortgesetzt. Hauptsächlich kommen jetzt die Ent- lastungszeugeli der Angeklagten zum Wort. Wie der Prä- sident niitlheilt, wird der Zeuge Lukas, dem der Russe >50 Franks schuldig ist, die er vergeblich bei der russischen Bot- schafl zu Paris einzuziehen suchte, morgen auf Wunsch des Arnold'sche» Vertheidigers vernommen>ve>de». Eine'Anzahl Studenten sagt zu gunsten der Angeklagten Arnold und Leblanc aus. Beide hätten unniitielbar nach dem Attentat an der Kirche nichts davon gewußt. Leblanc habe nach dem Attentat erklärt, daß man die Anarchisten nunmehr nach dem Grundsätze: Auge um Auge, Zahn um Zahn bebandeln müsse.— Die Aussage eines vierzehnjährige» Mädchens, der Schneiderin Therese Hummelers, ruft einen Zivischensall hervor. Sie sagt aus, daß sie am Abend des Attentats zwei Männer mit einem Koffer gesehen. Sie habe sie nicht gekannt, ihr Begleiter, ein Arbeiter namens Wasson, aber habe zu dem einen dieser Männer gesagt: Guten Abend Verbist! Diese Aussagej stimmt niit den Angaben der Zeugin in der Voruntersuchung nicht übercin. Der erste Staatsanwalt will die Aussage Protokolliren lasten, um eine Anklage wegen Falscheides gegen das Mädchen anhängig zu machen. Der Vorfitzende aber verhindert es. Er vernimmt die Zeugin noch einmal und legt ihr nahe, ihre Aussage unbestimmter zu fassen. Die ängstlich gewordene Zeugin bringt nun ihre Aussagen in Uebereinstimmung. Bald darauf geräth wieder eine Zeugin in den Verdacht des Meineides. Es ist eine Entlastungszeugin für den Angeklagten Berg, dessen Geliebte sie sein soll. Ihre Aussage wird protokollirr. Ein Zeuge sagt aus, daß der Vater des Angeklagten Berg große Anstrengungen gemacht habe, um einen Alibibeweis zu gunsten seines Sohnes zu er- bringen; er sei von dem Alten bedroht worden, weil er gesagt habe, die beiden Männer mit dem Koffer seien nickt Berg und Joris, sondern zwei Maurer gewesen. Mit der Vernehmung dieses Zeugen schließt die Sitzung gegen 7 Uhr abendS. Am Dienstag wurde in dem Zellenwagen, der die Angeklagteit von und nach dem Gefängniß bringt, ein Revolver gefunden. Darob große Ausregung, Verdoppelung der Gendarmerie und strengste Untersuchung. Heut hat sich nun herausgestellt, daß der Revolver von einem verhafteten Bettler im Zellenwagen versteckt worden ist. Die Angeklagten haben von der Existenz des Revolvers nichts gewußt. VnvlQittenkavisölies. I» der Umsturz- Kommission begann heute die Debatte über den ß lila der Vorlage. Derselbe hat folgenden Wort- laut: Gegen denjenigen, ivelcher auf die im sZ 119 bezeichnete Weise ein Verbrechen oder eines der in den§Z 113 bis 115, 134, 125, 249, 242, 353, 395, 317, 321 vorgesehenen Vergehen a n p r e i st oder als erlaubt darstellt, finden die Strafvorschriften Anwendung, die nach§ III Absatz 2 für den Fall der Ausforderung zur Begehung einer solchen strafbaren Handlung gelten. Zu diesem Paragraphen lagen Anträge von den Abgg. D.r. Barth(frs. Vg.). Greiß und Genossen(Z.) und Boltz(natl.) vor. Der Antrag des Abg. Dr. Barth lautet: im§ 111a a)§§ 124 und 253 zu streichen, st) die§§ 291, 292, 295 vor§ 249 einzufügen, c) statt der Worte„anpreist oder als erlaubt darstellt" zu setzen:„in der Absicht anpreist oder als erlaubt darstellt, da- durch zur Begehung der bezeichneten strafbaren Handlungen an- zureizen." Greiß»nd Genossen beantragen.j den§ 111a wie folgt zu fassen: Gegen denjenigen, welcher aus die im Z 119 bezeichnete Weise ein Verbrechen oder eines der in den ZZ 115, 124, 125, 166, 167,-172, 291, 295, 242, 395, 317, 321 vorgesehenen Vergehen anpreist oder als rühmlich darstellt, um zu deren Be- gehung anzureizen, finden die Strasvorschriften Anwendung, die nach§ 111 Absatz 2 für den Fall der Aufforderung zur Begehung einer solchen strafbaren Handlung gelten. Der Antrag des Abg. Boltz(natl.) lautet, den§ 111a wie folgt zu fassen: Die Strasvorschriften, die nach Z III Absatz 2 für den Fall der erfolglosen Aufforderung gelten, finden auch gegen denjenigen Anwendung, welcher auf die im ß 119 bezeich- nete Weise ein Verbrechen oder eines der in de»§§.... vorgesehenen Vergehen unter Umständen anpreist oder als erlaubt darstellt, die geeignet sind, andere zur Begehung solcher strafbaren Handlungen anzuregen. Die Diskussion erstreckte sich zunächst nur auf die Frage, ob die Glorifikation von Verbrechen überhaupt unter Strafe gestellt werden soll. Welche Vergehen in den Paragraphen aufgenommen werde» sollen, darüber gehen, wie schon die Anträge zeigen, die Ansichten weti auseinander. Dr. Barth begründet zunächst seinen Antrag, wobei er zugicbt, daß die Fassung des Antrages Greiß vielleicht die bessere sei. Fraglich sei nur, ob die Worte„anpreist" und „rühmlich darstellt", nicht eine Wiederholung sind und�es deshalb genüge, wenn man die letztere Wendung beibehalte. B u ch k a(k.) tritt gegen jede Abschwächung ein, während Rinlelen(Z.) den Antrag Greiß vertritt. Bebel(Soz.) erklärt, daher und seine Freunde sowohl gegen die Vorlage wie gegen alle Abänderungsvorschläge stimmen werden. Redner weist auf die Motive hin, wo sogar schon die Entschuldigung von Vergehen verpönt sein soll. Ter Abgeordnete Buchka bedauerte, daß man zu den Richtern wenig Vertrauen habe. Dieses mangelnde Vertrauen entspringe nicht der Ansicht, daß die Richter in der Regel bewußt parteiisch seien, sondern es sei nur die Folge der That- fache, daß die Richter auch Menschen sind und sich den Ein- flüsfen ihrer Umgebung und Klassenstellung nicht ent- ziehen können. Redner beruft sich auf Aeußeruvgen von Bismarck , sowie auf die letzthin aus Breslau be- richtete Thatsache, wo es offenes Geheimniß sei, daß vor derselben Strafkammer in bezug aus das Strafmaß die widersprechendsten Urtheile gefällt wurden. Es komme nur daraus an, ob man am Dienstag oder Freitag vor Gericht stehe. Die Richter wechseln an diesen Tagen, und mit diesem Wechsel ändere sich auch die Beurtheilung des Falles. Die Vorlage lege die Entscheidung in die Hände des Richters und diese haben es in der Hand, dieselbe Aeußernng bei dem einen Redner als harmlos und bei dem anderen als strafbar zn erachten. Die freie Beweis- Würdigung gebe den Angeklagten hilflos in das Ermessen der Richter, die Richter aber können sich so wenig, wie die übrigen Menschen, des Einflusses ihrer Klassenvorurtheil« entziehen. Des- halb sei es gefährlich, solche Kaulschuckparagraphen zu schaffen. Wenn Dr. Barth meint, der Paragraph empfehle sich be- sonders auch um der Glorifikation von Verbrechen in den höheren Klaffen willen(Stöcker's Aufforderung zum Staatsstreich). so vergesse er nur das Anklagemonopol der Staatsanwaltschaft. Bebel zitirt hierauf Aeußernngen von Lothar Bucher , Treitschke und anderen, welche, wenn sie nach Inkrafttreten des Paragraphen wiederholt werden sollten, schwere Strafen im Gefolge haben würden. Freiligrath's und anderer Klassiker Werke könnten nach Inkrafttreten des Paragraphen nicht mehr ver- breitet werden. Tie Angabe, daß wissenschaftliche Werke nicht betroffen werden sollen, sei hinfällig, denn was dem einen als Wissenschast erscheine, erachte der andere als ganz profane Herunlerreißung des Höchsten und Heiligsten. Würden Dr. Luther, der Apostel Paulus ic. heute leben und wirken, sie kämen garnichl aus dem Gefängniß heraus. Die Bibel sei eine fort- gesetzte Verletzung des 8 111�. Es seien weniger die mensch- lichen Neigungen als vielmehr die sozialen Momente, aus denen die strafbaren Handlungen hervorgehen. Die Diebstahls- vergehen wachsen in Zeilen des allgemeinen Nolhstandes oder der Arbeitslosigkeit, diese Thatsache von einem Sozialdemokraten in einer Volksversammlung vorgetragen, würde eine Anklage nach g II 1a im Gefolge haben. Staatssekretär Nieberding bemüht sich nachzuweisen, daß die vorgebrachten Bedenken gegen den Paragraphen nicht zu- treffen. Besonders betont der Redner, daß sahrläfsige Fälle nicht unter den Paragraphen fallen können; der Paragraph setze die Absicht der Glorifikation voraus. Daß diese Absicht von dem Stichler bei einem Sozialdemokraten angenommen, dagegen bei einem Ordnungsparteiler als nicht vorhanden betrachtet werden kann, giebt Redner zu. Von dem letzthin erwähnten B.lde des„Wahren Jacob" meint der Staatssekretär, daß dasselbe allerdings zweideutig, unter allen Umständen aber frivol sei. In den Augen urtheilsunfähiger Leser könne das Bild doch als Glorifikation wirken. Die Anträge Greiß und Dr. Barth erklärt der Redner für die Regierung als unannehmbar Die verbün- Veten Regierungen würden keinen Werth auf das Gesetz mehr legen, falls der ß 111a die gering st e einschränkende Bestimmung erhalte. Das halte er sich für verpflichtet hier zu erklären.(Bewegung.) Spahn will versuchen, einen Wortlaut für den Paragraphen zu finde», der dem von den Regierungen gewollten Zweck mehr entspreche. Seinen Vorschlag beHalle er sich vor. Boltz(nl.) hält die Bedenken gegen die Regierungsvorlage nicht für durchschlagend, für sein Amendement sei nur maß- gebend gewesen, wissenschaftliche Arbeiten absolut zu sichern. Ein Vorgehen im Sinn des Z III a erscheine ihm unumgänglich. Wenn zu dem Anpreisen auch noch die Absicht dadurch zu Verbrechen anzureizen von dem Gesetze verlangt werde, so werde der Paragraph wirkungslos bleiben. Redner(Advokat) hat in seiner Praxis immer nur objektive Richter kennen gelernt. Stumm frägt, was man denn an die Stelle unserer Ge- richte setzen wolle, wenn man zu denselben kein Vertrauen habe 1
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