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Abendausgabe

Nr. 222 40. Jahrgang Ausgabe B Nr. 110

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Vorwärts

Berliner Volksblatt

Preis 100 Mark

Montag

14. Mai 1923

Verlag und Anzeigenabteilung: Geschäftszeit 9-5 Uhr

Berleger: Borwärts- Berlag GmbH. Berlin SW. 68, Lindenstraße 3 Fernsprecher: Dönhoff 2506-2507

Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands

Die Antworten aus London und Rom

Ablehnung der deutschen Vorschläge, Aufforderung zn besseren.

Die Antworten Englands und Italiens auf die deutsche Versprechungen zurückbleiben. Auf der anderen Seite ist es eine ernsthafte Anregung zur Erfüllung ihrer Berbindlichkeiten au Note vom 2. Mai sind gestern überreicht worden. Nach Ton fraglich, ob die Regierung Cuno ihrem Grundsatz, nichts dem Vertrage von Versailles zu machen und zwar in einer Beise und Inhalt sind sie von der französischen Antwort weit ver- zu versprechen, was man nicht halten kann, ganz freu ge- die die Allierten sowohl als billig wie als aufrichtig ansehen könnten. fchieden. Sie behandeln das Reparationsproblem fachlich, sie blieben ist, denn sie hat die Aufnahme einer Anleihe Wenn Deutschland die Absicht hatte, den Weg zu einer wirksamen enthalten kein Wort über Ruhrbeſegung, Räumungsfrage von 20 milliarden für nahe Zeit in Aussicht gestellt, und schnellen Lösung eines Problems zu eröffnen, das, wenn feine und passiven Widerstand. Sie verfolgen eine gemeinsame und die Möglichkeit einer solchen Anleihe wird von ernsten Regelung nicht gelingt, die politische und wirtschaftliche Lage Euro­ pas und tatsächlich der ganzen Welt in ernste Verwirrung Linie, die auf die Lösung des internationalen Sachverständigen bestritten. Die Frage, ob nicht ein bringt, dann erscheint es unglücklich, daß es nicht eine schärfere Wür­Finanzproblems hinzielt und den deutsch - französischen besserer Vorschlag möglich ist, der die Leistungen auf bigung der Grundlagen hat erkennen lassen, auf denen allein Pfänderkonflikt gewissermaßen erst zum zweiten Punkt der breite Zeiträume verteilt und im Endergebnis die Gegenseite eine solche Regelung denkbar ist. Tagesordnung macht. Diese Reihenfolge ist logisch. Denn doch mehr befriedigt, bleibt daher ernstester Prüfung wert. angenommen, es gelänge, ein Einigung über die Finanzfrage Hier scheint der Weg zu sein, der schrittweise aus dem zu erzielen, so wären damit die sicheren Grundlagen einer Labyrinth hinausführt. Weiß die deutsche Reichsregierung friedlichen Entwicklung gewonnen; noch übrig bleibende Hin- einen besseren, fürzeren, weniger opferreichen, so mag sie ihn dernisse mehr politischer Natur könnten dann viel leichter aus zeigen; niemand wird sich weigern, ihn zu betreten. Mán dem Wege geräumt werden. foll uns nur nicht sagen: Da ist fein Ausweg, ist fein Rat!" Denn man kann sich nicht darauf beschränken, zu verzweifeln und nichts zu tun.

Man kann diese Tagesordnung annehmen, und die deutsche Regierung hätte wahrscheinlich besser getan, wenn sie sich gleich in ihrer Note vom 2. Mai auf sie eingerichtet hätte. Denn vorausgeseht, die Einigung über die Reparatio­nen gelänge, so hätte Deutschland dann in der Ruhrfrage eine starte Situation. Es hätte dann die Logik der Tatsachen für fich, wenn es erklärte, die Ausführung des vereinbarten Brogramms habe die Wiederherstellung der deut­schen Staatshoheit auf deutschem Boden und ihre Sicherung gegen neue gewalttätige Erschütterungen zur Vor­ausfegung.

Das Reparationsproblem ist der größere Berg, das Be­fegungsproblem der kleinere. Aber der größere Berg ist sehr groß, und der Weg, auf dem er begangen werden kann, ist noch nicht sichtbar.

in

Die Sonntag mittag der Deutschen Botschaft in London überreichte Note der Englischen Regierung lautet deutscher Uebersetzung: 16

Euer Erzellenz!

Die Regierung Seiner Majestät hat dem Memorandum, das Euer Erzellenz mir am 2. d. M. mitgeteilt haben, und worin die Deutsche Regierung ihre Vorschläge für eine Regelung der Repa­rationsfrage vorlegt, ihre sorgfältigste Aufmerksamkeit zuteil werden laffen. Dieser Schritt der Deutschen Regierung ist offensichtlich die Folge einer Anregung gewesen, die ich im Laufe einer Debatte im Britischen Parlament am 20. April gegeben habe. Die Regierung Seiner Majestät hat daher an der Antwort, die auf diese Aufforde= rung hin erfolgt ist, ein besonderes Interesse.

Ich fann Euer Exzellenz nicht verhehlen, daß die Vorschläge Ihrer Regierung

große Enttäuschung

hervorgerufen haben, und daß die Deutsche Regierung den un­günstigen Eindruck, den sie sowohl auf die Regierung Seiner Majeftät als auch auf ihre Alliierten gemacht haben, nach meiner Ansicht hätte voraussehen und daher vermeiden fönnen und müssen. Die Vorschläge sind sowohl der Form wie dem Inhalt nach weit davon entfernt, dem zu entsprechen, was Seiner Ma jestät Regierung als Antwort auf den Rat, den ich bei mehr als einer Gelegenheit der Deutschen Regierung durch Euer Erzellenz habe zukommen lassen, und als Antwort auf den direkteren, ihr in ber erwähnten Rede gegebenen Hinweis vernünftiger Weise hätte erwarten fönnen. Die

Hauptgründe diefer berechtigten Enttäuschung find die folgenden:

Die Regierung Seiner Majestät ist ihrerseits überzeugt, daß Deutschland in seinem eigenen Interesse als vorteilhaft erkennen wird, eine größere Bereitwilligkeit zu zeigen, sich mit den Realitäten dieser Frage ernstlich auseinanderzu­fetzen, und daß es unter Ausschaltung aller unerheblichen und stritti­gen Punkte dazu schreiten wird, seine Vorschläge noch einmal zu erwägen und sie zu erweitern derart, daß sie zu einer brauchbaren Grundlage für eine weitere Erörterung werden. Die Regierung Seiner Majestät wird im gegebenen Zeitpunkt bereit fein, an einer solchen Erörterung an der Seite seiner Alliierten teil­zunehmen, mit denen sie das praktische Interesse an dieser Frage teilt, das sie ebenso wenig aufzugeben beabsichtigt, wie den Wunsch, einer Lage von internatinoaler Gefahr ein Ende zu machen. Aber sie kann der Deutschen Regierung nicht perhehlen, daß der erste Schritt der Verwirklichung einer solchen Hoffnung die Aner­kenntnis Deutschlands sein muß, daß eine viel ernsthaftere und viel bestimmtere Mitwirkung erforderlich ist, als sie bisher je= ma Is zutage getreten ist. Ich habe die Ehre usw.

gez. Curzon of Rebleston.

*

Die Sonntag mittag der Deutschen Botschaft in Rom überreichte Note der Italienischen Regierung lautet in deutscher Uebersetzung:

Herr Botschafter!

Die aufmerksame Prüfung des Memorandums vom 2. Mai dieses Jahres, das die Vorschläge der Deutschen Regierung für eine Rege­lung ber Reparationsfragen enthält, hat mich überzeugen müssen, daß sie nicht geeignet sind, den allierten Regierungen als Grundlage für eine entscheidende Diskussion zu dienen.

Meine wiederholten Bemühungen, die Deutsche Regierung zu veranlassen, vernünftige und praktische Vorschläge vorzulegen, um aus der in Mitteleuropa entstandenen gefahrvollen Lage herauszu­fommen, gaben mir einigen Grund zu der Hoffnung, daß der Schritt der Deutschen Regierung einen Fortschritt auf dem Wege einer fried­lichen Lösung der Frage bedeuten würde; ich muß jedoch feststellen, daß meine Erwartung getäuscht worden ist.

Die englische und die italienische Regierung ftimmen darin überein, erstens die Summe, die in der deutschen Note geboten wurde, zu niedrig zu finden, und zweitens das Fehlen näherer Ausführungen über die anzubietenden Ga= rantien zu bemängeln. Was die Garantien betrifft, so follte es der deutschen Regierung taum schwer fallen, ein paar Schritte weiter zu gehen, da sie ja in dieser Frage am An­fangspunkt stehengeblieben war. Sie hatte sich darauf be­rufen, daß der Frieden von Versailles den Alliierten ohnehin eine Generalhypothet auf das deutsche Staatsvermögen ein­räume. Sie hatte aber zugleich auch ihre Bereitschaft erklärt, Spezielle Garantien zu bestellen und diese mit dem Anleihefonfortium, dessen Bildung sie vorschlug, im einzelnen zu verabreden. Ueber diese speziellen Garantien jetzt schon etwas Näheres zu sagen und damit den englisch - italienischen Wünschen entgegenzukommen, liegt durchaus im Rahmen des Möglichen. Biel schwieriger steht es mit der Frage der End­1. Die Deutsche Regierung bietet als Gesamtsumme ihrer an­summe und den mit ihr zusammenhängenden Fragen der erkannten Schuld einen Betrag an, der weit unter dem mäßigen Berteilung, sowie der Regelung der interalliierten Schulden. Betrage liegt, der die Grundlage des der Pariser Konferenz im Die englische Antwort bemängelt, daß sich das deutsche letzten Jahre unterbreiteten britischen Planes bildet, und der Angebot von dem englischen Vorschlag an die Pariser Kon- daher von vornherein als für die alliierten Regierungen ferenz zahlenmäßig so weit entfernt halte. Aber wenn völlig un annehmbar hätte erkannt werden müssen. Außer Italien fann nicht umhin, darauf zu bringen, daß die beiden Fragen Deutschland heute den englischen Vorschlag ohne weiteres an dem wird selbst die Zahlung dieses unzulänglichen Betrages von fo bald als möglich gelöst werden, wobei auch die Aufwendungen für nehmen würde, so bestände zwar Einigkeit zwischen ihm und dem Ergebnis einer Reihe internationaler Anleihen abhängig ge- den Wiederaufbau feiner eigenen besetzt gewefenen Provinzen be­England, aber feineswegs auch mit Italien , geschweige denn macht, das unter den angegebenen Bedingungen in hohem Grade rücksichtigt werden müssen. Diese Notwendigkeiten erklären beutlich mit Frankreich . Die italienische Antwort erklärt ausdrücklich, ungewiß sein muß, und zwar derart, daß der von der Deutschen seine Haltung sowohl bei den Beschlüssen der Reparationskommission daß Italien den englischen Vorschlag nicht Regierung vorgelegte Plan tatsächlich Bestimmungen enthält, die als euch bei allen Ereignissen, die nach der letzten Konferenz von annehmen könne, weil er feinen notwendigen An­anzunehmen ist, daß sein Interesse und seine Forderungen bei der Baris eingetreten find, wobei zu berücksichtigen und als feststehend sprüchen nicht genügend Rechnung trage. Poincaré gar hat auf Lösung dieser äußerst ernsten Frage nicht geringer find als diejenigen der Pariser Konferenz erklärt, daß er eine Diskussion des irgend eines alliierten Staates. englischen Vorschlags überhaupt nicht zulaffen fönne.

befaffen. lleberdies enthält die zu diesem Bunkte vorgeschlagene mit der Möglichkeit eines Nicht zustandekommens der Anleihen Regelung finanzielle Bedingungen, die für Deutschland weniger drückend find, als wenn die Anleihen erfolgreich wären, so daß fein wirklicher Anreiz für Deutschland gegeben ist, ihre Aufnahme zu verfuchen. 2. Ganz besonders ist es zu bedauern, daß die deutsche Antwort es unterläßt, mit größerer Genauigkeit die Art der Garantien zu bezeichnen,

Es besteht alfo der Zustand, daß jede der beteiligten Mächte ihren eigenen Reparationsvorschlag hat, und wenn die Alliierten darin einig sind, den deutschen Vorschlag zu ver werfen, so ist das nur eine Einigkeit im Negativen, von der Uebereinstimmung im Bofitiven sind sie noch sehr weit ent- welche die Deutsche Regierung anzubieten bereit ist. Statt fonkrete fernt. So ist Deutschland theoretisch die Aufgabe zugewiesen, und substantiierte Vorschläge in dieser Richtung zu erhalten, fehen nicht nur sich mit den Alliierten zu einigen, sondern auch fich die Alliierten Regierungen unbestimmten Zusicherungen und diese untereinander auf seinen Vorschlag zu einigen. Berweisungen auf fünftige Berhandlungen gegenübergestellt, die in Jeder objektive Beurteiler wird zugeben, daß das etwas viel einer geschäftlichen Angelegenheit dieser Art des praktischen verlangt ist.

Aus alledem kann nun freilich feineswegs gefolgert wer ben, daß es richtig sei, die Hände in den Schoß zu legen und eine Lösung für unmöglich zu erklären, meil fie, wie jeder mann fleht, ungeheuer schwierig ist. Bleibt die Lösung aus, was dann? Die Franzosen werden bleiben wo sie sind, die Verwirrung wird immer schlimmere Formen annehmen; alle werden leiden, Deutschland am meisten.

Wertes entbehren.

Die Enttäuschung ist um so größer, als die Regierung Seiner Majestät den Glauben aufrecht erhalten möchte, daß in dem deutschen Memorandum Anzeichen dafür zu finden sind, daß die Deutsche Regierung die ihr obliegende Berpflichtung anerkennt,

Doltar 47 000!

Der Standpunkt der Italienischen Regierung in der Sache ist betannt. Wie aus den von ihr bei den letzten beiden Konferenzen in London und Paris vorgelegten Plänen hervorgeht, ist Italien durch seine gegenwärtige wirtschaftliche und finanzielle Lage

gezwungen, das Reparationsproblem und das Problem der inferalliierten Kriegsschulden als immer enger mit ein­ander verbunden anzusehen.

Wie in vielen amtlichen Aeußerumgen und besonderen Atten der Königlichen Regierung bebundet worden ist, ist

Italien geneigt, seinen Anteil an den Opfern zu fragen, um zu einer allgemeinen wirtschaftlichen Regelung zu gelangen. Aber es fann nicht zugeben, daß ihm mehr auferlegt wird, als seine Kräfte bei vernünftiger Schätzung zulaffen. Auch darf nicht vergessen wer­den, welche Stellung Stalien hinsichtlich der Reparationen der kleineren Staaten hat, in Ansehung deren es aus Generosität und Mäßigung sowie aus Rücksicht auf deren äußerste Notlage e hebliche Konzessionen bewilligt hat, ohne sich bisher auf das Recht der in den Verträgen festgelegten mitverantwortlichkeit Deutschlands zu berufen oder auf dieses Recht zurückzugreifen. ( Anmerkung des WIB.: Die Uebersetzung des vorstehenden Sakes ist unsicher, da offensichtlich eine Berstümmelung des Telegramms aus Rom vorliegt. Anm. d. Red.: Die Uebersetzung fann sehr wohl richtig sein: gemeint ist offenbar die Mäßigung gegenüber Deutsch­österreichs, Bulgarien und der Türkei .)

Der deutschen Regierung ist übrigens bekannt, daß die italienische Regierung fich zu ihrem lebhaften Bedauern gezwungen fah, dem von der englischen Regierung der Konferenz in Paris dor­gelegten Plan zur Regelung der Reparationen nicht beizutreten;

Deutschland muß den Versuch fortsetzen, in der Frage Der heftige Rückgang der Mark an der New Yorker Sonnabend ber Reparationen eine Annäherung an England und börse und die unerwartet scharfe Ablehnung der deutschen Vorschläge Italien zu erzielen. Das schließt natürlich nicht den guten in der englischen Note trieben heute die Devisenturfe weiter obwohl das Memorandum Bonar Laws hohe Biele anstrebte, schien Willen aus, auch mit Frankreich zu einer Einigung auf ver in die Höhe. Die Reichsbant griff nicht nennenswert in das es die unabweisbaren Forderungen Italiens nicht genügend nünftiger Grundlage zu gelangen. Aber zwischen Frankreich Geschäft ein. Im Laufe der ersten Börsenstunde schwankte der Dollar zu berüicht gen. und Deutschland steht der Ruhrkonflikt. zwischen Deutschland zwischen 47 000 und 46 000. Nach diesem unmittelbaren Borgang muß die italienische Regie­einerseits und England- Italien andererseits stehen nur finan- Am Effektenmartre lagen wieder sehr große Kauforders des rung mit berechtigtem Erstaunen hervorheben, daß das deutsche zielle Differenzen, die auszugleichen versucht werden muß. Bublifums, besonders aus der Provinz, vor. Die Berufsspekulation Memorandum vom 2. Mai weit hinter den Vorschlägen zurückbleibt, Die Schwierigkeiten, die für Deutschland bestehen, über rechnet jedoch in nächster Zukunft mit einer erheblichen Verschärfung die in dem Plan der britischen Regierung enthalten waren. fein Angebot vom 2. Mai weit hinauszugehen, müssen auf der der Geldmarktlage und einer neuen Einschränkung der Bankkredite. Summe offensichtlich weit niedriger ist als irgendein noch Abgesehen davon, daß die für die Reparationen festgesetzte anderen Seite loyalerweise anerkannt werden. Niemand will Dieser Umstand und die bevorstehende Pfingstpause veranlaßten so geringer Betrag, den man vernünftigerweise hätte erwarten unter dem Druď politischer Berhältnisse mehr bieten, als er Realisationen, die auf verschiedenen Marktgebieten, besonders im fönnen, ist die internationale Anleihe, mit der die Zahlung dieser leisten zu können sicher ist, denn niemand wird sich gern als Freiverkehr, etwas auf die Kurse drückten. Im großen und ganzen Summe vollständig bewirkt werden soll, nur als ein Mittel ange Schwindler hinstellen lassen, wenn die Leistungen hinter den fann die Tendenz jedoch als überwiegend feft bezeichnet werden. geben, ohne die notwendigen genaueren Angaben und ohne daß