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Nr.349 40.Jahrgang Ausgabe A nr. 173

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Vorwärts

Berliner Volksblatt

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Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands

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Sonnabend, den 28. Juli 1923

Um

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Notstandsmaßnahmen der Regierung. um die Lebensmittelversorgung.

WIB. meldet um Mitternacht: Die Reichsregierung beriet auteilungen für eine beffere Lebensmittelbeschaffung sorgen. auf Grund der Vorarbeiten der Ministerien und der Vorbe- Im weiteren Verlaufe der Sigung wurde zur Sprache gebracht, daß sprechungen, die in letzten Wochen beim Reichskanzler stattge- die Knappheit an Kartoffeln und Gemüse in der Hauptsache dadurch funden haben, heute unter dem Vorsitz des Reichspräfi- verschuldet ist, daß die Ernte infolge der Ungunft der Witterung sich denten über die Maßnahmen, die angesichts der gegenwärti- verzögert hat. Wegen der Devisenschwierigkeiten kommt die Einfuhr gen wirtschaftlichen Notlage zu ergreifen find. ausländischer Kartoffeln nicht in Frage, die aus Holland eingeführten Verabschiedet wurde der Entwurf des Gesetzes über die müssen dem Ruhrgebiet zugute kommen. Man trägt sich mit der Erhebung eines Opfers für Rhein und Ruhr, Absicht, zu versuchen, als Ersatz für Kartoffeln gewiffe Teigwaren eines Gejehes über Uenderung einzelner Berbrauchs- und andere Baren bereit zu stellen. An die landwirtschaftlichen Or­Steuergejege und eines Steuerzinsgesetzes, die gemeinsam ganisationen soll erneut die Aufforderung ergehen, durch erhöhte die Inflation zu hemmen helfen werden. Der Reichsfinanz- Lebensmittelablieferung die Versorgung der Städte zu erleichtern. minister legte ferner den Entwurf eines Gesetzes zur Alende. Allerdings wurde auch darauf hingewiesen, daß die katastrophale Ent rung des Vermögenssteuergesetzes, des Erb. wertung der Mark die Ernährungsschwierigkeiten erhöht, indem sie fchaftssteuergesetzes und des Umsatzsteuer- die Lebensmittelprobuzenten davon abhält, ihre gefehes vor, durch das insbesondere Anpassung an die Waren gegen das schlechte Papiergeld zu verkaufen, bevor sie Geldentwertung erreicht werden soll. es unbedingt müffen. Man hofft, mit der Einbringung der Ernte In einem Telegramm an die Ministerpräfi- von Kartoffeln und Gemüse die Schwierigkeiten auf diesem Gebiet denten der Länder hat der Reichskanzler darauf hinge. bald überwinden zu können. Zu dem Mangel an Fleisch trägt wiesen. daß die Beratung dieser Gefeße im Reichsrat so be- bei, daß große Biehmengen nicht erst nach Berlin transportiert, Jon­schleunigt werden muß, daß fie dem Reichstag am 8. dern in andere Städte geleitet und zum Teil auch von den Konserven oder 9. August vorliegen. fabriken aufgekauft werden.

Weiter wurde über die Ausgabe der wertbeständi­gen Anleihe beraten. Genauere Festlegungen hierüber werden in den nächsten Tagen veröffentlicht werden. Ueber weitere Maßnahmen der Reichsbant, insbesondere zur Lösung der Goldkreditfrage, werden ebenfalls in den nächsten Tagen Mitteilungen erfolgen. Cuno an die Landwirtschaft.

BIB. meldet:

Die Deputation verlangte ferner die Bereitstellung größerer Mittel für Rotstandsarbeiten. Heute foll im Rabinett über diese Frage ebenfalls verhandelt werden.

Am Sonnabend soll noch eine weitere dringende Besprechung mit dem Reichswirtschaftsminister, dem Reichsarbeitsminister, dem Reichsernährungsministe: sowie mit dem preußischen Minister des Innern und dem preußischen Finanzminister stattfinden.

Belgiens Entscheidung.

Der Reichstanzler Dr. Cuno hat an die Führer der Landwirt. fchaft folgendes Telegramm gerichtet: Die Städte find infolge der Die internationale Lage wird im Ausland wieder peffi­Berspätung der Ernte von Startoffeln entblößt. Auch sonst wachsen mistischer beurteilt. Ausschlaggebend dafür ist die Tatsache, die Ernährungsschwierigkeiten der großen Berbrauchermassen. Ich daß es Frankreich offenbar gelungen ist, Belgien in der richte daher an die deutsche Landwirtschaft den dringenden Frage der Einstellung des passiven Widerstandes als Aufruf, alle Kräfte anzuspannen, um die Erträge insbesondere Borbedingung jeglicher Verhandlungen mit Deutschland bei der Frühfartoffelernte möglichst umgehend dem Berbrauch der Stange zu halten. Demgegenüber ist der Umstand, daß zuzuführen und die Lage in den Städten zu erleichtern". die belgisch - französischen Ansichten in der eigentlichen Repa rationsfrage voneinander so abweichen, daß eine gemeinsame Antwort an England nicht erfolgen fann, von relatip geringer Bedeutung. In dem Augenblid, wo auch Belgien die Kapi tulation Deutschlands fordert, wäre der Erfolg der ganzen englischen Aktion in Frage gestellt.

Der Reichskanzler und der Reichsernährungsminister merben in den rächsten Tagen auch mündlich mit der Landwirtschaft wegen Behebung der Ernährungsschwierigkeiten erneut ins Benehmen

treten.

Polizeilicher Schuh für Lebensmitteltransporte. Der Amtliche Breußische Prefsedienst schreibt: Es gehen Gerüchte um, daß in einigen Gegenden des Landes aus Furcht vor bevor­stehenden Unruhen die Beschidung der Märkte seitens der Landbefizer unterlaffen wird. Es ist eine selbstverständliche und bringende Pflicht aller derer, die Lebensmittel produzieren, diese auf den Markt zu bringen, da neben der wachsenden allgemeinen Teue rung eine nicht genügende Versorgung der Bevölkerung mit Nah­rungsmitteln außerordentliche Gefahren im Gefolge haben fönnte. Zu unserer Genugtuung fönnen wir mitteilen, daß die ländlichen Organisationen auf ihre Mitglieder dahin einwirken, die Märkte nach wie vor regelmäßig zu beschicken. Die Broduzenten mögen wissen, daß die Polizeibehörden angewiesen worden sind, die Lebensmittel auf den Transporten zu den Märkten aus reichend zu schützen.

Die Ernährungssorgen Berlins .

Zur Beratung über die Ernährungsnotlage der Stadt Berlin und ihrer Abhilfe fand gestern im Reichsernährungsministerium eine mehrstündige Besprechung statt, an der von der Regierung außer mehreren Kommiffaren Staatssekretär Heinrici vom Ernährungs. ministerium und Staatssekretär Ramm vom preußischen Landwirt­schaftsministerium und vom Berliner Magistrat Oberbürgermeister BoB, Bürgermeister Ritter, Stadtrat Richter und Frau Stadt. rat Dr. Ben I teilnahmen. Die Beratung erfolgte auf Grund des Beschlusses der Stadtverordnetenversammlung. Der Oberbürger meister mies auf die bedrohliche Situation hin und legte dar, daß

die Zahl der

Die Krise der Lebensmittelversorgung nähert sich dem Höhepunkt. Selbst für große Geldscheine gibt es fast nichts mehr. Lange Bolonäsen vor den Geschäften erinnern an die Zeit, wo trok Kriegszwangswirtschaft und schärfster Rationic­rung niemand sicher war, ob er auch den auf ihn entfallenden Anteil der zwangsbewirtschafteten Ware erhalten würde. Auch heute haben wir eine solche 3 wangs wirtschaft, nur mit dem Unterschied, daß sie nicht von Behörden ausgeübt wird, fondern von den Produzenten und 3mporteuren. Diese wiederum stehen unter dem wachsenden Druck des Valutasturzes und der Knappheit am Devisenmarkt.

Lebensmittel sind da aber die Verbraucher

erhalten nicht genug, oder sie sind zu teuer; auch Devisen gibt es aber diejenigen, die damit Ware heranbringen wollen, erhalten sie nicht oder können sie nicht verwerten, weil niemand weiß, ob die erzielte Summe in Papiermark die Ein­fuhr oder die benötigten Devisen be 3 a hit machen. An einem einzigen, dem gestrigen, Tage fostete der Dollar in Berlin 760 000, in Danzig zwischen 600 000 und 900 000, in New Dorf 1 050 000 m. Belcher Lebensmittelimporteur soll Dollars für mehr als eine Million kaufen, um dann in Berlin nur drei Virtel des Gegenwertes zu erhalten und dann noch nicht zu wissen, ob er mit dem Papiererlös auch wirklich die Dollars oder die Lebensmittel und Rohstoffe wieder kaufen fann? Das alles find Erklärungen. Worte machen nicht satt. Aber Worte, die zum Sturm auf die Läden auffordern, wie man sie jetzt manchmal hört, können das Elend nur ver= größern. Es ist zweckmäßig, daß die preußischen Polizei­behörden angewiesen worden sind, die vom Lande herein­kommenden Lebensmittel auf den Transporten und auf den Märkten zu schüßen, und es ist nur recht, daß die ländlichen Organisationen bemüht sind, die Landwirte zur besseren Lebensmittellieferung an die Städte zu veran lassen. Es muß aber dahingestellt bleiben, ob derartige Zu­fagen ausreichen werden, um die dringend erforderliche Beffe rung der Nahrungsmittelversorgung der Städte auch wirklich ung der Nahrungsmittelversorgung der Städte auch wirklich herbeizuführen.

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in die Höhe, die nicht nur den Verbraucher, sondern auch die Denn die Preise springen mit dem Dollar in einer Weise Berteiler in die Enge treibt. Der Protest des Berliner leinhandels in ihrer Bersammlung am Donnerstag zeugt von einer Erbitterung, die kaum mehr zu überbieten ist, leider aber nicht von ebensolcher Erkenntnis. Wie muß es auf die Verbraucher wirken, wenn die Händler an die Spize ihrer Forderungen den Schuß gegen Kartellwillkür also Schutz Paris , 27. Juli. ( Eca.) Auf Grund des heutigen Leitartikels ihrer selbst vor Auswucherung stellen, gleich darauf des" Temps" tönnen eine Reihe von Rückschlüssen auf den Stand aber mit aller Entschiedenheit jeden Schuh des Ver­der französisch- belgischen Verhandlungen sowie auf den Inhalt der brauchers durch Buchergeseze mit der gleichen Entschieden­französischen Antwort an England gemacht werden. Der heit bekämpfen? Auch die Form, wie sie jeden regelnden Ein­" Temps" stellt zunächst fest, daß das gestern in Paris abgefaßte hinstellen, muß die Arbeiterschaft erbittern und Zweifel daran griff in die Warenverteilung als Knzession an die Straße" Dofument in feiner Weise einen Entwurf einer Antwort an Deutsch ermeden, ob diefe Leute überhaupt dazu berufen sind, über and enthalte, so wie dies heute früh der Matin" behauptet hatte. die wirtschaftlichen Grundforderungen der Gesamtheit zu ur­Frankreich und Belgien feien noch weiterhin entschloffen, teinen teilen. Die Straße" ist es ja, in der die Einzelhändler wohnen, deutschen Vorschlag in Betracht zu ziehen, solange der deutsche non deren Käufern sie leben. Wer in der Not ist und in diefer Widerstand fortgesetzt werde, und infolgedeffen sei es natürlich nicht Not die Hilfe der anderen ebenfalls notleidenden Volksgenossen ihre Aufgabe, eine Antwort an Deutschland zu senden oder auch wünscht, sollte sich hüten, den anderen zu reizen. nur den Entwurf einer Antwort an Deutschland , welche England bereits fertiggestellt habe, zu verbessern. Die französische Antwort an England beschäftige sich vielmehr mit dem Begleit schreiben, das die englische Regierung ihrem Antwortentwurf beigegeben habe.

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Aber die Irrwege der Interessenten dürfen nicht darüber hinwegtäuschen, daß tatsächlich eine Gefahr vorliegt, die nicht unterschätzt werden darf. Ein Redner, Dr. Kizinger vom Textileinzelhandel, hat in der erwähnten Versammlung außerordentlich treffend etwa das folgende gesagt: Meine Herren, ob Sie so oder anders verfahren, es fommt alles auf eins heraus: entweder der Konsument holt sich seine Ware ohne Entgelt gegen Entgelt dann sind Sie auch pleite- also bleiben nur die Tagespreise. Und wenn Sie dann wegen Wuchers allefamt ins Gefängnis gehen, es ist doch besser, im Gefängnis zu ſizen als zuzusehen, wie unter dem Sturz der Mart das Betriebs= fapital vollkommen aufgezehrt wird und Sie nichts mehr kau­fen und verkaufen können!"

Der Artifei des Temps" führt dann weiter aus, daß die belgische Regierung nach wie vor die gleichen Forde rungen aufstelle wie die franzöfifche Regierung. Gleichzeitig würde dann sind Sie pleite! Oder er holt sich fie würde die in Paris verfaßte Antwort den von der belgischen Regie: rung vertretenen Ideen Rechnung tragen. Infolgedessen sei Grund zu der Annahme vorhanden, daß Frankreich und Belgien mit dem 9leichen Tert an England antworten würden. Der Temps" bestätigt alsdann, daß die französische Antwort einige Fragen enthalte. Das Dokument ſei ſtreng geheim und niemand fönne infolgedessen etwas über seinen Inhalt fagen. Aber es genüge, nachzudenken, um ihn sich an einigen Beispielen Das ist die Stimmung eines besonnenen Teiles der flar zu machen. Die englischen Blätter hätten mitgeteilt, baß ihre Händlerschaft. Die Läger werden leer, weil man für den Er­von schwerster Ernährungsnot Betroffenen 600 000 bis 700 000 Regierung, tem Bursche Deutschlands entsprechend, die Absicht lös der Ware feine oder nur weniger neue Ware kaufen kann. betrage. Er madie auf die Ketten von Lebensmittelfuchenden auf habe, die Schäzung der deutschen Zahlungsfähigkeit einem inter Kredite gibt es für den Kleinhandel so gut wie gar nicht. merksam. Besonderes Mißtrauen erwede in weitesten Schichten die nationalen Sachverständigenausschuß verschiedenartige Preisbildung angesichts des Man. Der Temps" meint, diese Abschätzung fäme der Absicht gleich, die gels an Nahrungsmittein, besonders an Kartoffeln. Hervorgehoben deutsche Schuld zu verringern. Wie, fragt der Temps", wäre wurde ferner die schlechte Beschaffenheit des Brotes, die dem man ein derartiger internationaler Schiedsspruch mit den genauen Be gelhaften, von der Reichsgetreidestelle gelieferten Mehl zugeschrieben ftimmungen tes Friedensvertrages zu vereinbaren? werde. Schlimm sei vor allem die Notlage der Erwerbslosen und der Kurzarbeiter. Unumgänglich notwendig sei die Bergebung von Notstandsarbeiten, auch seien dem Lebensmittelgroßhandel genügend Devisen zur Beschaffung von Waren und zur Bersorgung der Märkte 11 Sozialisten statt 3 in der ersten Kammer. Denn das ist das Entscheidende: Auf dem Lebensmittel­zur Verfügung zu stellen. Ferner feien Mittel bereitzustellen, um Amsterdam , 27. Juli. ( WTB.) ( WTB.) Die heutigen Wahlen zur markt gibt es heute nur eine Ware, die wirklich knapp ist: den Minderbemittelten die Lebensmittelbeschaffung zu verbilligen. ersten Kammer, die zum ersten Male nach dem Proportional die Kartoffel. Das ist an sich gar nichts Außergewöhn Es seien Teigwaren, Grieß, Hülsenfrüchte und Reis bereitzustellen. mahlsystem erfolgten, ergaben das folgende endgültige Resultat: liches vor einer neuen, verspäteten Ernte, wenn man auch der Staatssekretär Heinrici führte aus, daß die Ursachen des Katholiken 16( bisher 21), Orthodore 8( 14), chriftlich- historische Regierung den Vorwurf machen muß, daß sie von der über­Lebensmittelmangels in der Devisentnappheit liegen. Die Reichsbant Partei 7( 7), Soziqliften 11( 3), Freiheitspartei( Unions- reichen Ernte des vorigen Jahres vorzeitig und trotz der War­werde, das fei vorbereitet, durch erhöhte Deoijen. liberale) 5( 1), freifinnige Demofraten 3( 4). nung der Berbraucher zu große Mengen an Kartoffeln der

Wahlerfolg in Holland.

anzuvertrauen.

Aber was das Wesentlichste ist: den Genossenschaf ten geht es nicht anders. Was ist heute ein Geschäfts­anteil von 100 000 m., für den man noch nicht ein Pfund Schmalz taufen kann, gegen einen Geschäftsanteil von 30 m. vor dem Kriege, für den man im Großhandel mehr als 50 Pfung Schmalz taufen fonnte? Die Zerrüttung der Wäh rung bedroht den Warenmarkt mit der Auszehrung, weil der Händler feine Ware mehr einkaufen kann.