fit. 555« 40. Jahrgang
Beilage öes vorwärts
Mittwoch, 1. August 1025
Sejchweröen
Das unMfrieöene Serlm
Vorschläge
klagen öer Hausfrau. Eine Erwiderung. Falls Sie annehmen, Frau Gr., daß alle Beamten ihr Gehalt vierteljährlich im voraus erhalten, so ist dies ein Irrtum. Zum größten Tele bezieht die Beamtenschaft das Gehalt monatlich. Die im voraus bezogenen Vierteljahrsgehälter können keineswegs als Privileg der Beamten aus dem alten Staat bezeichnet werden. Diese Regelung hatte der damalige Staat im eigenen Interesse getroffen. Dadurch, daß nicht zwölf, sondern nur vier mal im Jahre gezahlt wurde, ist viel an Kräften und Material gespart worden. Mancher Beamte hat den letzten Monat im Vierteljahr— den Wossermonat— im schlechten Andenken. Jetzt ist es dem Beamten freigestellt, wie er sein Gehalt haben will. Bei den heutigen nicht stabilen Geldverhältnissen ist eine viertel- jährliche Borauszahlung des Gehalts für ihn natürlich vorteilhaft. Man kann es dem Beamten nicht verdenken, daß er sich mit dem nötigen Bedarf für das tägliche Leben rechtzeitig eindeckt. Er Hot dadurch die Möglichkeit, fein Gehalt einigermaßen vor Entwertung zu schützen. Trotzdem dürste der Grund der Warenknappheit wohl kaum in den Käufen dieser Beamten zu suchen sein. Gerade in diesen Tagen konnte jeder bemerken, daß trotz großer Preis- steigerung überall Warenknappheit herrschte. Ihre Entrüstung, Frau Gr., über die gegen die Republik politisierenden höheren Beamten und deren Frauen ist durchaus verständlich. Recht bedauerlich ist jedoch der Satz, m dem es heißt: Schließlich find wir es doch, das arbeitende Volk, das durch sein« Steuern die Beamtengehälter aufbringt, chierzu wäre zu be- merken:„Das arbeitende Volk schenkt dem Beamten absolut nichts. Der Beamte gehört zum arbeitenden Volk wie jeder, der sich fein Brot verdienen muß, und im Steuerzahlen steht er hinter keinem Festbesoldeten anderer Berufe zurück. Wie produktiv die Arbeit des Beamten fein kann, zeigt zum Beispiel unsere Reichsbahn. Diese soll mit einer Beamtenzahl, die nur wenige Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, von den Goldzahlungen für die Entente genau die Hälfte aufbringen. Dafür gibt es Dienstdauer- Vorschriften, keine Bezahlung von Ueberstunden. keine Sonntags- dienstentschädigung und keine Nochtd'enstvergütung. Großmütig wird den Beamten ein Verpflegungszuschuß von 400 M. pro Nachtstunde gewährt. Wie viel kosten zwei belegte Stullen, Frau Gr.? Die Beamten wollen sich für ihr Gehalt bei niemandem bedanken, denn sie geben ihre Arbeitstraft dafür. Es darf nicht vergessen werden, daß die Masie aller Beamten den unteren Gehaltsgruppen angehört. Wenn diesen Gelegenheit gegeben wird, den Ertrag ihrer Arbeit einigermaßen sicherzustellen, so sollte ihnen dies nicht geneidet werden. Für dos schlechte Beispiel, Frau Gr., das Industrie und Handel geben, und dos Sie zum Beweise heran- ziehen, bedanken sich die Beamten bestens. K. A., Eisenbahn-Assistent. ZRifestcmde bei der Eisenbahn . Vor einiger Zeit brachte der„Vorwärts" eine Notiz, in der er vor Benutzung der Trittbretter bei Eisenbahnfahrten warnte. Ich glaube nun feststellen zu können, daß Ihre wiederholten Mahnungen bei dem Publikum auf guten Boden gefallen sind, daß jedoch die Beamten der Bahn teilweise die Vorschriften, welche zur Sicherheit der Reisenden getroffen sind, nicht genügend beobachten. Vorweg möchte ich sagen, daß ich den schweren Dienst wohl zu würdigen weiß. Muß aber im Interesse der Reifenden folgendes rügen. Zu wiederholten Malen habe ich beobachtet, daß auf dem Bahnhof Ge- fnndbrunnen die Züge in Fahrt gesetzt wurden, eh« alle Reisenden eingestiegen waren. So erst in voriger Woche bei dem Zuge, der 0�4 Uhr morgens von Bernau auf Gefundbrunnen ankommt; nur durch das Ziehen der Notbremse ist größeres Unglück ver- hütet worden. Auf dem Bahnhof Pankow -Schönhaufen ist dieser Zustand beinahe zur Regel geworden. Die größte Schuld an diesen Zuständen trifft aber wohl die Eisenbahndirektion: denn meiner Meinung nach können derselben die Berkehrsverhältnisse der Ber - nauer Strecke nicht unbekannt sein. Ueberfüllung der Züge ist hier zur Regel geworden. Namentlich in der Zeit, wo die großen Werke ihre Arbeitszeit anfangen oder beenden. In der letzten Zeit habe
ich feststellen können, daß die Wagen der 3. und 4. Klasse überfüllt waren; verschiedene vorgenommene Zählungen ergaben für die 3. Klasse 26 bis 32, für die 4. Klasse 43 bis 50 Reisende, während die 2. Klasse nur 4 bis 5 Reisende hatte. Diese Zahlen beziehen sich auf je ein Abteil. Wenn nun aber mal jemand sich erlaubt mit der Fahrkarte 3. Klosse in die 2. Klasse zu setzen, so kann er sicher sein, daß auf der nächsten Station ein Kontrollbeamter ihn erwischt und ein Strafmandat ist ihm sicher. Der Wunsch der Reisenden ist nun: mehr Züge einzulegen. Wenn nun aber die Eisen- bahn sagt, die Zugfolge sei schon zu dicht, so möchte ich bemerken, daß diese Züge ja nur bis Gesundbrunnen verkehren zu brauchen. Hier ist der Bahnsteig v, welcher ja nur bis 6 Uhr morgens besetzt ist, und der HauptverKhr geht ja nur bis Gesundbrunnen . Ich möchte hierdurch die Eisenbahndirektion auf dos Unhaltbare dieses Zustandes aufmerksam machen und wn Abhilfe bitten, ehe ein größeres Unglück geschehen ist._ F. A. Achselklappen und Siefen bei üer Feuerwehr. Als Angehörige der unteren Beamtengruppen der Berliner Feuerwehr fühlen wir uns veranlaßt, auf Beschlüsse aufmerksam zu macken, die die Feuerlöschdeputation Ansang Juli d. I. gefaßt hat. Die Exekutive der Berliner Feuerwehr hat mit dem Tage der Revolution die Achselklappen, die Krone an der Mütze und Helm, sowie bei den Chargierten am Oberärmel mit Recht sofort abgelegt. Die Alt-Berliner Feuerwehr trägt seit dem November 19l3 somit keine dieser Abzeichen. Sie hat jede Art von Hilfe- leistung getan, auch ohne den Popanz. Zu genannter Zeit hat nun aber die Feuerlöschdeputation beschlossen, daß die Ober- und Feuerwehrmänner Achselllappen erhalten, sowie auch Biesen an den Hosen. Nach Mitteilung unseres Vertrauensausschusses in der letzten Generalversammlung ist festgestellt worden, daß solch ein Anzug mit Achselklappen und Biesen an den Hosen ungefähr 100000 M. mehr kostet, wie der Anzug ohne die genannten Abzeichen. 1600 Beamte kommen in F r a g e. somit mutz die Stadt Berlin 160 Millionen Mark mehr bezahlen als wenn sie die Achselklappen und Bielen nicht beschafft hätte. Zu was die genannten Millionen besser verwendet werden können, brauchen wir wohl erst gar nicht mitzuteilen. Von feiten unseres Verbandes ist nichts unversucht geblieben, die Millionen der Stadt Berlin zu ersparen. Aber alles war vergebens. Zu bemerken wäre noch, daß wir Beamte find und uns durch die Achselklappen nicht wieder zu Soldaten machen lassen._ Mehrere Feuerwehrleute. Behördliche Zeiwerschwendung. Während sonst vernünftigerweise Staat und Privatleute auf eine möglichste Beschränkung von Prozessen bedacht sind, scheinen die Fernsprechämter in dieser Beziehung einer anderen Praxis zu huldigen, nämlich in bezug auf Beleidigungsklagen. Kein vernünftiger Mensch wird leugnen, daß die Beamtinnen vor Beleidigungen geschützt werden müssen: doch gehört nicht viel mehr Vernunft dazu, anzunehmen, daß ein solcher Schutz doch nur gegen- über böswilligen und vor allem wiederholten Beleidigungen erforder- lich ist. Wenn in der fetzigen Zeit und bei den jetzigen Zuständen im Telephonwesen ein Teilnehmer sich mal zu einem scharfen Wort hinreißen läßt, so ist dies vielleicht bedauerlich, wäre aber im ersten Falle doch mit einer einfachen Verwarnung zu sühnen. Betannllich haben andere Staatsbehörden, beispielsweise die doch früher so empfindliche Polizei, die Weisung, solche Beleidi- gungen zu überhören. Ueber einen krassen Fall möchte ich berichten: Meine Frau ist beschuldigt, eine Beamtin am Telephon beleidigt zu haben, und ich, der ich bei dem Gespräch anwesend war und die absolute Unrichtigkeit konstatteren konnte, bin ange- klagt, weil ich in einem angeblich zu scharfen Schreiben die Beleidigung bestritten habe. Da wir bei dem klaren Tatbestand eine Rücknahme einer nicht geschehenen Beleidigung verweigerten, wird nun ein Riesenapparat in Szene gesetzt von Vernehmun- gen, Staatsanwalt und Gerichten. Wir werden nun vermutlich in der ersten Instanz auf Grund eines Zeugeneides ver- urteilt, so daß die Sache noch die Strafkammer beschäftigen wird.
Wenn man in Bettacht zieht, daß ich Mitte der fünfziger Jahre bin und noch nicht einmal ein« Polizei strafe Hobe(ein Wunder in Deutschland ), wird man mir glauben dürfen, daß ich nicht im Unrecht bin. Aber selbst wenn das Gegenteil der Fall wäre, hat man in Preußen nicht mehr zu tun, als wegen einer solchen Lappalie, über die jeder von uns im täglichen Leben hinweggehen würde, einen derartigen Apparat in Szene zu setzen? Dr. W. I. Höflichkeit im Polizeibureau. Ich hatte einen Reiseausweis nötig und begab mich am 31. Juli mittags zu meinem in der Schloß st raße zu Charlottenburg gelegenen Polizeibureau. In dem geräumigen Zimmer fand ich einen Vertreter der Obrigkeit anwesend, der damit beschäftigt war, an den Papieren eines vor ihm stehenden Untertans zu schreiben oder zu stempeln. I ch:„Guten Tag." DieObrigkeit(schweigt). Ich(nach einigen Minuten):„Verzeihen Sie, ich möchte wissen, ob dies die Stelle ist, an der ich einen Reiseausweis erhalten kann." Die Obrigkeit(gibt keine Antwort). I ch(wiederum nach einigen Minuten):„Ich bitte um Entschuldigung, ich habe es eilig. Sagen Sie mir nur, ob ich hier einen Ausweis erhalte. Wenn es nicht der Fall ist, warte ich nicht länger" Di« Obrigkeit:„Sie sehen doch, daß ich beschäftigt bin." Ich:„Ich bitte Sie auch nur, Ja oder Nein zu sagen. Weiter will ich nicht stören." D i e O b r i g- t e i t:„Wenn ich mit einer Sache beschäftigt bin, achte ich auf nichts anderes." Ich empfahl mich und verließ die gastliche Stätte. Die Polizeibehörde wundert sich und betlagt sich oft darüber, daß ihre Organ« beim Publikum so wenig Sympathien finden. So- lange in den Bureaus Beamte tätig sein dürfen, die dem Publikum gegenüber noch immer die Stellung der Obrigkeit zum Untertanen aufrechterhalten wollen und die elementarsten Pflichten höflichen Entgegenkommens außer acht lassen, hat die Behörde weder eine Veranlassung, sich über die Abneigung des Publikums zu wundern, noch ein Recht, sich darüber zu beklagen.
Das„huttöeabtdl'.
Mein Stadtbahnzug, mit dem ich vom Bahnhof Jannowitzbrücke nach Kaulsdorf fahre, war, wie gewöhnlich, stark besetzt. Nur dos Abteil, in dem laut bahnamllicher Bekanntmachung den Reisenden das Mitbringen von Hunden gestattet ist, war mäßig gefüllt. Um noch einen Sitzplatz zu erwischen bestieg ich, selbst auf die Gefahr hin, Hunde als„Mitreisende" zu erhalten und Flöhe zu bekommen, kurz entschlossen das ominöse Abteil. Mein besonderes Pech wollte, daß schon am Schlesischen Bahnhof das befürchtete eintrat. Zwei noch recht jugendlich« Damen, beide so zwischen fünfzehn und siebzehn, von denen die eine einen verhältnismäßig großen deutschen Schäferhund an der Lein« führte, betraten selbander das Slbteil. Tie den Hunh führende„Dame" sah schon beim Einsteigen mit schlecht verhaltenem Groll und scharf mißbilligend auf di« Fahrgäste und setzte sich dann widerwillig auf einen freien Platz. Der Hund legte sich, nachdem er vorher die Mitfahrenden belästigt hatte, aus Geheiß seiner Herrin in den Mittelgang des Abteils. Nachdem der Zug am Bahnhof Warschauer Straße großen Zuwachs erhalten hatte, wurden in Stralau-Rummelsburg die einzelnen Abteile ge- radezu gestürmt. Auch in unser Abteil drängt« herein, was herein konnte. Willig rückten die Fahrgäste zusammen und machten den Hereindrängenden Platz, so weit und so gut es möglich war. Mit fatalistischem Gleichmut nahm jeder die Ueberfüllung in Kauf. Anocrs dagegen unsere junge„Dame" mit dem Hund. Sie suchte den Strom der Einsteigenden abzuwehren und schrie denen, die noch nachdrängten, ganz aufgeregt und erbost zu:„Was wollen Sie eigentlich alle hie« drinl Si« können wohl nicht lesen, Hier ist ein Hundeabteil, hier haben sie nichts zu suchen!" Bei diesen Worten machte das„gnädige" Fräulein den Versuch, die Eingestiegenen wieder herauszudrängen. Teils erstaunt, teils mitleidig blickten die Arbeiter und Arbeiterfrauen auf die ungezogene jung«„Dame", ohne sie jedoch eines Wortes zu würdigen. Auf meine an die Hunde- freundin gerichtete ironische Frage:„Sind Sie der Meinung, daß in diesem Abteil nur Reisende mit Hunden fahren dürfen?" fuhr sie mich gereizt an:„jawohl, selbstverständlich, denn das Abteil ist«in Hundeabteill Da steht es ja angeschrieben!" Freundlich entgegnete ich:„Sie irren sich! Hier steht klar und deutlich, daß das Mitbrin- gen von Hunden gestattet ist— sonst nichts weiter!" Darauf
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Als die Wasser fielen.
von Oilo Rung. Gerda schob nun ein, Herr Gude müßte nämlich wissen, daß die Zwillinge an dem Morgen, als sie Kopenhagen ver- ließen, eine Zeitungsannonce gesehen hätten. Da hätten sie sich rasch entschlossen und wären mit der Fähre nach Malmö gereist, wo sie Herrn Svoboda trafen. „Ja. was stand denn aber in der Annonce? fand Gude Anlaß zu fragen.,.... �. Gefion fischte einen Zeitungsausschnitt aus Gylfes Bluse. Sie reichte ihn höflich Gude.,„,. Er las ihn:„Zwillinge gesucht! stand als Ueberschnft da. „Zur Aufnahme eines Filmdramas m Nordschweden werden zwei Schwestern im Alter von 18—20 Jahren gesucht� Aehn- lichkeit notwendig, Zwillinge bevorzugt.� Offerten an P. Svo- boda durch den Bahnhofskiosk, Malmö.* F, „Wir fuhren hinüber." sagte die eine der Schwestern „und wurden gleich angenommen." Sst schwiegen� bewe und zogen fast gleichzeitig an den kurzen Rocken, um die Oocher im Strumpf zu verdecken. Gude sah, daß an der Randutze des Rockes Fichtennadeln aus Lappland hingen. � „Aber jetzt sind sie ganz ohne Mittel, erklart« Gerda. „Herr Svoboda hatte ihnen zusammen zwanzig Kronen tag- lich versprochen, solange der Film dauerte, obwohl alle ande- ren Schauspieler jeder zwanzig Kronen täglich erhielt. „Na," fügte sie hinzu,„die anderen Schauspieler bekamen im übrigen auch nicht einen Oere von dem, was sie zugute hatten!" „Nein," bestätigte der eine Zwilling.„Herr Svoboda sagte, es wäre am besten, wenn er das Geld, das wir ver- dienten, behielte, bis die Aufnahmen zu Ende wären. Dann wollte er selbst abziehen, was wir ibm für Kost und Logis schuldig wären. Besonders bei den Lappen, sagte er, wäre es sehr teuer, weil wir in einem Zelte wohnem müßten.— In Schweden schliefen wir mehrere Male in einem Kuhstall." „Aber eines Morgens," erzählte Gerda,„— war es nicht in Dalarne? Ja, in Falun !— und das letzte Bild war auf- genommen, war Herr Svoboda plötzlich am Abend zuvor mit dem Zuge abgereist und hatte alles Geld und den Film mit- genommen. Ganz allein!" „Nein, nicht allein!� protestierten beide Zwillinge im Chor..Seine Braut, Fräulein Järnsvörd, tue Photographin
war und den Film aufnahm, war mitgereist! Die anderen Schauspieler sagten, sie hätten von dem Stationsvorsteher er- fahren, daß Herr Svoboda ein Billett nach Deutschland gelöst hätte, und gar kein richtiger Schwede wäre, sondern aus Polen stammte." Sie erzählten ausführlich über ihre Wanderung durch Schweden : oft mußten sie tagelang zu Fuß über die Berge gehen. Die anderen Schauspieler waren gleich nach Hause ge- reist, hatten aber zuerst zwanzig Kronen für die Zwillinge gesammelt und ihnen eine großes Paket mit Butterbroten für die Reise mitgegeben. Dann waren die Schwestern erst in einen falschen Zug gestiegen und mußten aussteigen und zu Fuß laufen, und wußten nicht, wo sie waren, aber sie hatten die unheimlichsten Dinge erlebt. Sie erzählten von wilden Strömen und von Vagabunden, denen sie begegnet waren und vor denen sie fortlaufen mußten. Sie erzählten auch etwas von einem großen Eisenbahnunglück und von einem Lager mit Soldaten, die jeden Tag ihre Kriegsgefangenen in eine Reihe stellten und erschossen, aber sie selbst entkamen, weil zwei Sol- baten Karten um sie spielten! Gude wurde es klar, daß sie hier in den Film hineingerieten, dessen Handlung sie nicht ganz von ihren eigenen Widerwärtigkeiten auseinanderhielten. Es mar ein Film von Weltkrieg, Gefangenenlagern, roter Revo- lution, Hungersnot, Grippe und wilden Menschen. Doch er sah vor sich die traurige Wanderung der beiden anpen Kleinen: Mit hohen Erwartungen waren sie aus ihrem Taubenschlag geschlüpft und in eine Welt von Gefahren und Unfrieden"hinausgeflogen. Mit stummen, unschuldigen Augen hatten sie über die fallenden Wasser geschaut und-nach Orten ausgespäht, wo sie Ruhe finden konnten. Aber nirgends hatte es festen Boden für ihre Füße gegeben.— Obdachlos, müde, zerzaust und bange machten sie sich auf den Heimweg und saßen jetzt hier an Bord, als die ersten beiden kleinen ver- kommenen Vögel, die nach der Sintflut aus der sicheren Arche geflogen waren, um Nahrung auf der ertrunkenen Erde zu finden.— Gerda hatte sich erhoben und ging mit einem Zwilling an jedem Arm auf Deck hin und her." Sie hielten sorgfältig Schritt. Mit ihren Stirnhaaren glichen sie den beiden Ponys, die den kleinen Wagen mit ihrem Mittagessen zogen. ..Hören Sie," sagte Gude.„Zu allererst schicke ich jetzt ein Telegramm cm Kapitän Högelund." Gerda blieb stehen und wandte sich um:„Ja, das ist eine gute Idee!"
„Ich denke, er ist noch bei Herrn Rustad, und ich habe feine Gotenburger Adresse. Finden Sie nicht, daß ich tele- graphieren soll:„Vater, kehre zu den Zwillingen zurück." Das würde zu seinem eigenen Telegramm passen!" Gerda nickte. Ja, das wäre ausgezeichnet. Sie dachte nach.„Aber wenn das getan ist, was dann? Sie wissen doch, daß Kapitän Högelund selbst ganz mittellos ist. Und Herrn Rustads Hilfe wollen wir doch nicht gern in Anspruch nehmen! Nicht?" Sie schwieg einen Äugenblick.„Vielleicht," sagte sie zögernd,„vielleicht wäre es am besten, wenn ich Andreas Pauli aufsuchte!" Gude wandte sich mit einem Satz.„Dazu kann ich nicht raten," sagte er bestimmt.„Aus vielen Gründen nicht!" Gerda sah ihn fragend mit Erstaunen und Zorn an. Die Zwillinge, die ihrem Mienenspiel gefolgt waren, saßen stumm da, aber chre törichte» Gesichtchen verzogen sich zum Weinen. '»Hören Sie," sagte Gude,„was ich tun werde. Ich will mit meiner Schwester sprechen: sie hat gute Beziehungen und gute Ideen. Wenn jemand Rat finden kann für die Zukunft der jungen Mädchen, so ist sie es! Sie ist in diesen Tagen zu Besuch auf dem Lande, aber ich will ihr schreiben und sie bitten, so bald wie möglich vorzukommen." Gerda beugte anerkennend den Kopf. Die beiden Zwil- lingsgesichter leuchteten wie kleine Sonnen. Gerda lief in ihre Kajüte hinunter. Als Gude sich auf der Landungsbrücke um- wandte, um zu winken, sah er sie aus dem Lukenrahmen auf- tauchen. In jeder Hand hielt sie einen fast neuen Strohhut, und über ihrem Arm hingen ein paar seidene Blusen, eine rote und eine grüne. Die Zwillinge liefen ihr entgegen und klatschten vor Freude in die Hände. Gude kam als erster zu dem kleinen grünen Hafen- Kämpfer, der am Zollboden wartete. Die ganze Nacht war mit Vorbereitungen für die entscheidende Sitzung auf der Dänischen Werft vergangen. Das Material hatte er in der schweren Mappe unter dem Arme. Das Sanierungsprojekt war jetzt ganz ausgearbeitet, aber die wild« Periode, die zum Fall der Werft geführt hatte, war bei weitem nicht voll bc- leuchtet. Besonders die russischen Posten waren ein undurch- dringliches Gewebe geschickt maskierter Buchungen. Sie zu entwirren, war für eine nur betrachtende Kritik unmöglich. Und den Knoten zu durchhauen, dam fehlte ihm ivc Macht des Gesetzes. Angessreirgt nach der Arbeit der Nacht, iinbe- friedigt von ihrem Resultat, verstimmt und reizbar wariete er auf die alten Leiter der Dänischen Werft.(Forts, folgt.)