Nr. 48t ♦ 40. Fahrgaag
Wirtschaft Ermächtigung— Verpflichtung. Das Ermächtigungsgesetz, das gestern im Reichstag angenommen wurde, gibt der Reichsregierung weitgehende wirtschafts- und finanz- politisch« Vollmachten. Unbeschwert von den immerhin langwierigen Gang parlamentarischer Verhandlungen kann sie von sich aus wirt- schaftliche und finanzpolitische Maßnahmen von größter Tragweite mit Gesetzeskraft treffen. Es hätte einer derartigen Vollmacht nicht bedurft, wenn nicht in allen Kreisen des Volkes darüber Ueber- einftimmung herrschte, daß die außerordentlich gestiegene Wirtschaft- lich« Notlage in diesen Tagen entscheidende Taten von der Regierung verlangt, Taten, die keinen Ausschub mehr dulden und die geeignet sind, den Leidensweg des deutschen Volkes abzukürzen. Die Arbeiterschaft hat an erster Stelle das Recht, Abhilf« gegen die täglich wachsend« Rot zu fordern. Sie hat dieses Recht schon deshalb, weil sie niemals in einem falschen Klasienegoismus sich auf Forderungen zu ihrem eigenen Vorteil beschränkt, sondern sich zugleich schützend vor alle wirtschaftlich Schwachen gestellt hat, die durch den Währungsverfall prvletarisiert wurden. Sie hat aber heute das Recht dazu mehr als je, weil sie von dem Marksturz und der Teuerung in einer Weise betroffen wurde, die alle Begriffe übersteigt. Denn mit der Teuerung wächst die Arbeitslosigkeit von Tag zu Tag. In derselben Zeit, wo di«' Unternehmer mit allen Mitteln die Verlängerung des Arbeitstages betreiben, v e r- weigern sie Hunderttausenden das RechtaufArbeit. Nicht immer sind es rein wirffchaflliche Gründe, welche sie für die Ve- triebseinschränkungen ins Feld führen können. Meist sogar ist es di« gänzlich unproduktive Einstellung, welch« sich in ollen Kreisen des Unternehmertums in der Zeit der Inflationswirffchaft und des Großverdienens breitgemacht hat: man verzichtet« darauf, mit einer planmäßigen Preispolitik und mit einer Senkung der Goldpreis« den erlahmenden Absatz des Inlands zu b e- leben. Man hielt sich an den Schutz der Monopolstellung, den die Unternehmer in ihren Kartellen genießen. Und man schloß«her die Pforten der Fabriken, unbekümmert um das Schicksal derer, die draußen blieben, ehe man die aus der Absatzstockung mit zwingender Logik sich ergebende Konsequenz, den Preisabbau, ernsthaft sich zu eigen machte. Ein besonderes Kapitel ist die Landwirtschaft. Niemand wird bestreiten wollen, daß ihr mit der Geldentwertung ein Risiko erwächst, das sie nur ungern eingehen kann. Wenn aber verant- wortliche Organe der landwirtschaftlichen Unternehmerverbände die Ablehnung der Papiermark förmlich propagieren und ohne Rück- ficht auf die wachsenden Ernährungsschwierigkeiten der Derbraucher der Abkehr von der Mark und damit derWarenzurückhaltung das Wort reden, so ist das ein Verbrechen an der Volksgesamtheit. Hier muß unbedingt eingegriffen werden. Eine Reihe von Verordnungen hat di« Regierung bereits angekündigt. In der Frage derSanierungdsrStaatsfinanzen istein grundlegender Schritt mit Aufwertung der Steuern bereits«rfolgt. Di« sachliche Vorbedingung für die Beseitigung d«s Steuerbetruges mit Hilfe der Geldentwertung ist dadurch geschaffen. Seine Wirkung wird in hohem Matz« von der Art der Durchführung dieser neuen Bestimmungen abhängen. Es sei nur darauf hingewiesen, daß wir bei d«r sogenannten Landobgabe und bei den Einfuhrzöllen eine solch« Auswertung bereits längere Zeit haben, daß aber die Anpassung der Steuer an die Geldentwertung gerade in Zeiten starken Marksturzes äußerst unzulänglich ist. Der Landwirt und der Importeur zahlt z. B. bei der Steuer in der Zeit vom 17. bis 19. Oktober, also vom nächsten Mittwoch ab nur 1980 Millionen Mark als je eine Goldmark. Niemand weiß, wie hoch der Dollar am nächsten Mittwoch stehen wird. Bisher ober war es so, daß die Steuergoldmark hinter der„Dollargoldmark", welche der Importeur und der Landwirt seinen Preisen zugrunde legt, ganz westmLich zurückbleibt. So galt in der Zeit vom 19. bis 12. Oktober eine Steuergoldmark— 137 Millionen Mark. Der Wert der Gold- mark über den Dollar errechnet, stellt« sich aber am 19. auf 798,6 Millionen, am 11. auf IL Milliarden, am 12. auf 9ö2 Millionen
2. Seilage öes vorwärts
Sonntag, 14. Oktober 1425
Mark. Man muß verlangen, daß die Aufwertung der Steuern sich dem Dollarkurs auf das engste anpaßt. Daß dos technisch nicht geht in einer Zeit, wo jeder Zoll- und Steuerbeomte sich über den Dollar- kurs informiert, eh« er sein« Frau einkaufen schickt, wird wohl nie- mand behaupten können. Auf die Art der Durchführung, nicht auf den Wortlaut noch so gut gemeinter Verordnungen kommt es auch an, wenn man das Problem des Preisabbaues ernsthaft anpacken will. Man hat jetzt die B«s«itigung der Kohlensteuer vorgenommen. Das ist für die Reichsfinanzen, die kuriert werden sollen, ein empfindlicher Schlag. Er wird ab«r ausgeglichen werden durch eine größere Ergiebigkeit anderer Steuern, wenn es wirklich gelingen sollte, durch«inen Preisabbau in der gesamten Industrie den Absatz zu beleben. Der erst« Versuch, auf diese Weise einen Preisabbau her- beizuführen, ist im März dieses Jahres«rfolgt. Damals ist die Steuer um 19 Proz. ermäßigt worden. In den Presen der Fertig.
Partei- u. Gewerkflhastsfunktiouäre, �kung! politische Vertrauensleute, öetriebsräte! Dieuskag abend 7 Uhr in den Germania - Sälen. Ehaufleestr. 110: Funktionärkonferenz Tagesordnung : Bericht über die Verhandlungen mit den politischen Varteieu und den Gewerkschafleu.— Referenten: Genoffen Ortmaunnud Flatau.
fabrikate war aber von einer Verbilligung der Selbstkosten nichts zu spüren. Die Industrie schluckte di« Kohlensteuer, ohne daß die Verbraucher davon Nutzen hatten. Es wird darauf ankommen, daß nian jetzt einen ähnlichen Mißerfolg vermeidet. Das geht nur, wenn di« Regierung durch scharfe Beaufsichtigung der Kartellpreis- Politik dafür sorgt, daß nun mit einem Preisabbau auf der ganzen Linie ernst gemacht wird. Wenn die Regierung ihre Vollmacht zu starken Eingriffen in die Wirtschaft selbst von den Vertretern des arbeitenden Volkes entgegen- nahm, so erwächst ihr daraus die Verpflichtung, alles zu tun, um dem Wahrungs«lend Einhalt zu gebieten, das die letzte Ursache der Ernährungsnot und aller übrigen Fäulniserscheinungen am Wirtschaftskörper ist. Nachdem das Parlament ihr Vollmachten erteilt hat, wird die Wühlerei privatkapitalistischer Interessenten offen und versteckt, in der Presse und in den Amtsstuben verstärkt einsetzen, um die Regierung in ihrem Sinne zu beeinflussen. Sie wird hier nicht nachgeben dürfen. Nach dem Erfolg, nach der Schnelligkeit und der Zielbewuhtheit, mit der sie handelt, wird man di« Regierung beurteilen. Die zu höchster Empörung entflammt« Erbitterung der arbeitenden Massen über die sprunghafte Teuerung, die wachsende Not der Arbeiterschaft müssen ihr eine Mahnimg sein, daß keine Zeit mehr zu verlieren ist. Die„T-Mark". Mit Wirkung ob IS. Oktober wird das gesamte Vankgewerbe, und zwar sowohl private als auch staatliche Geldinsti- tut«, insbesondere auch die Reichsbank eine Umstellung auf die so- genannte D-Mark vornehmen. Die neue Mark Hot allerdings nach nichts mit der geplanten Goldwährung zu tun, sondern ist lediglich der tausendfache Betrag der alten Paviermark, d. h. 1999 Mark gleich I D-Mar k. Die letzten drei Ziffern eines Betrages«erden nicht mehr geschrieben und gebucht. An Stelle der sortgelassenen drei Nullen tritt die Bezeichnung T gleich Tausend Mark. Es handelt sich also um eine rein technische Maßnahme, die durch die Notwendig- kejt, di« zahlenmäßige Darstellung der Markbeträge zu vereinfachen, hervorgerufen ist, insbesondere well die Kolonnen in den Büchern und Formularen und nicht zuletzt die vorhandene Stellenzahl der in großen Betrieben verwandten Buchungsmaschinen für di« Buchung nicht mehr ausreichen. Durch diese Verrechnung der Zahlen soll eine wesentliche Arbeitsersparnis und leichtere Lesbarkeit der ins ungeheure gestiegenen B.'tröge erreicht werden. 26 226,8 Villionen Mark Banknoten waren am 29. September nn Verkehr. Der Banknotenumlauf hatte in der letzten September- woche sich mehr als verdreifacht. Dagegen ist der Goldbestand der Reichsbank erneut um 2Z,8 auf 443,9 Millionen Goldmark zurückgegangen. Di« Steigerung des Notenumlaufs ist wieder zum größten Teil bedingt durch die Kreditanforderungen des Reiches.
Zilmjchau.
Die grüne Manuela. E. St. Dupont« neuer Mm:.Di« grüne Manuela', der im H-T. Kur- s ü r st e n d a m m zur Uraufführung kam, enthält alle», teat Kwoherzen erfreut. StiiS dem Roman einer spannend erzählenden UnterbaltungS- schriftslellerin— Klara Ratzka— ist ein romantischer Stoff ge- Wonnen und aus geschickter konzentrierender Weste dem Film dienst- bar gemacht. Räch Spanien geht die Reise(in Wirklichkeit war'S Ungarn) und daS Schickial eines armen Mädels, die als ausgesetztes Kind beginnt und als große Tänzerin endigt, ist der Gegenstand des Erlebnisses. Umständlich wird ibre Borgcichicht- berichtet(FindelhauS, Kloster, daS erste Abenteuer, die Verschleppung in ein Tingeltangel, an» dem sie vor der Ver- gewoltigung durch einen Ossizier flüchtet). Und nun bekommt dt- Entwick- lung Tempo und Schwung: sie wird die Braut emeS kühnen Schmugglers, dem st- trotz aller Gesabren die Treue hält. Kämpfe mit der Gendarmerie aus öden Steppen. Ritten zwischendrcin ihre Trauung, schwere Berwun- dnng ibrcs Geliebten, den sie als tot ausgibt. Sie beginnt in Madrid ein neues Leben, die Umwelt eines Varietä-TheaterS wird lebendig. Die Rück- kehr des Geliebten, seine Gefangennahme und wunderbare Rettung und schließlich di- Wiedervereinigung deS treuen P-ares ergeben Stoff zu packenden, mannigfachen Bilderreiben. Der Registeur wollte di« Routine ausgespielter Kräfte durch die Frische unerprobter Neulinge ersetzen und hat so recht Respektables geleistet. Für die neue Carmen(mit dem umgekehrten Vorzeichen) entdeckte er w der Ungarin Julie Lab ah«ine temperamentvolle Darstellerin, deren feingeschnittenes Gesicht sehr edel wirkt. Joses W i n kl e r ist ein kraftvoll-herrischer Schmuggler, uvd auch die kleineren Rollen zeigen Eigenart und Ausdruck. Unter der Fülle der sich überstürzenden Bilderflut. die noch stärkerer Vereinheitlichung bedürsten, beben sich manche Szenen schwungvoll heraus. Sie find, obwohl nur Photographien, so schön in Form wie gute alt« spanische Gemälde. 4-
»DragSdie der Liebe», dieser Joe-Mah-Film, wurde bei semer Ur« aufführrmg im Usa -Pakaft a m Zoo sehr freundlich ausgenommen. Technisch, photograpbisch kalS Photographen wirkten SophuS Wangoe und Karl Puth ) und darstellerisch wurde erstklassige Arbeit geleistet. Z. B. sind im 1. und 2. Akt die Aufnahmen eineS durch eine Schneclandfchaft fahrenden Zuges von allergrößtem Reiz. Ebenso ist daS Bild, in dem der gewalt- tätige Liebhaber seinen Nebenbuhler in wilder Flucht über die HanSdächer jagt, ihn aus schwindelnder Höhe in den zugefrorenen Fluß wirft, stark und wuchtig. Auch ist der Film von viel Spannung durchwoben. Joe May ist als Regisseur einfallsreich und sicher, JanningS als Darsteller eines stellungslosen Ringkämpfers, der im Banne eines losen Weibe? steht, her- vorragend. M i a Mao. deren Ruf«IS Filmstar über Deutschland « Grenzen hinaus gesestigt ist. versteht eS immer, gut auszuleben. Erika GISßner, als Genußweibchen Musette, wird mit dieser schanspielerischen Leistung überall Beifall finden. Gaidarow hat ein äußerst interessantes Geficht. Nur daS Manuskript versagt. ES ist mal wieder da» übliche ver- filmte und verkitschte Familienblatt-Fenilleton. Der sranzösisch« Graf und sein Anbang spielen nach alter Schablone die ihm in den deutschen Filmen eingeräumt- Hauptrolle. Ort der Handlung ist Pari» und zwar das Paris der Gegenwart. Aber wir Gegenwartsmenschen sind allerorts Kamps- nawren geworden. Davon verspürt man im Film nicht». Im Gegenteil, die Gräfin, die völlig nngerechtsertigterweise unter der Anklage des Gatten- mordc» stand, willigt ein, daß man sie lllr tot ausgibt und überläßt ihrer Schwiegermutter keiner richtige» bösen Sieben, welche die junge Fran ohne Grund verdächtigte), die Erziehung ihres Kinde«, damit die Tragödie der Liebe mit den schönen Worten schließen kann:.Mutterliebe hatte das größte Opfer gebracht."«. d. Die neueste« lllmerikaner. Die Bttagraph Co. New Port läßt Filme neuester Produktion auf un« lo« und zwar gleich drei an einem Abend. So erlebten im PrimuS- Patast„Jimmy Andrey als Beschützer der Nnschnld»,„Larry Sicmon auf der Brautschau» und „Larry Semon belebt de» Kleinhandel» ihre deutsch - Uraufführung. Wer etwa annimmt, daß die neuesten Amerikaner sich von den alten unter- scheiden, der ist gründlich im Irrtum. ES find wieder die sinnlosen, tech- nisch vorzüglichen Filme, die Atrobatenkunststückchen und viel Hauereien zeigen. Die Schauspieler sind zäher wie die Stehanimännlein, nicht einmal eine Erdloston kann ihnen etwa» anhaben, sie reißt ihnen höchstens die Kleider vom Leibe. Um die tollsten Einlälle sich tomisch auswirken zu lassen, ist mitunter die Zeitlupenaufnahme herangezogen. Da» Unmög- lichste wird möglich gemacht, und diese Grotesken find tatsächlich auch zwei Akte begrenzter Unmöglichkeiten.' e. b. „Dr. GYlleubnrgS doppeltes Gesicht»'(Oswald- Lichtfpie l e). Hier ringt ein sozusagen durchgeistigter Verbrecher um seine bessere Seele und ein edle» Fräulein hilft ihm dabei. Sie Hilst ihm fo gut, daß er am Rand- der Erlösung in einer Blitz und Donner speienden Eyplosion die vorerwähnte bessere Seele anShauchl. Da« Fräulein bleibt leben. Di« Szene gebt bei der ganzen Episode durch alle Schrecknisse de» Abenteurer. filmS: Verbrechersvelunlcii, Einbrecherwcrkstötten. Autorhehen. Leute werden auS dem D-Zug gewonen, rollen einen Felsabbang hinunter und leben bi« zum Schluß der 5 Alte, wo ihnen die Explosion ein seeliges Ende bereitet. Man geht mit dem besriedigten Gefühl nach Hause, der Katastrophe einer schönen Seele beigewohnt zu haben. Motto: Unrecht Gut gedeihet nicht. K.
ßarm Peters Srautfahrt. Bon Hans Fr. Dlunck. Der Herbstwind jagte über den Deich und warf sich mit dunklen Schultern gegen die niedrigen Fischerhäuser, daß sie stöhnten und ächzten vor feiner Last. Vom Tanzboden klimperten ein paar Walzertakt«. Harm Peters stolperte ernüchtert neben Trine Mewes in di« Nacht. Der West fuhr ihm kalt um Schläfen und Stirn, daß sein« Gedanken klarer wurden. Der junge Fischer versuchte zu begreifen, was geschehen war. .War ja bloß Spaß, Tin«,' stotterte er,„wir waren gerade mal so lustig.' Aber das Mädchen lief schweigend weiter und sah starr vor sich auf den üfeeg.„Ich geh morgen auf Fahrt, Tine, nu sei man nicht bös, bist doch mein« klein« BroutI" Er versuchte sie festzuhalten, aber sie riß sich los und lief nur um so schneller, als fürchtete sie sich vor ihm. „Die ander« sst nun mal fg, die fällt einem gleich inn den Hals!' stotterte er. Harm Peters hielt Schritt, er versucht-, von etwas andevem zu sprechen.„Dein Druder sagte, Ihr habt Ladung nach Holland und wollt los. Ist doch besser'ne Fischerfrau zu sein, Tina, dann kannst immer an Land bleiben. Sagt dein Bruder auch!" Das Mädchen blieb plötzlich stehen und ballte die Hände.„Mein Bruder— oh du— war der dabei gewesen, dann hättest etwas er- leben können, du!' Sie schlug die Hönde vor» Antlitz und schrie laut auf:„Die Schande, die Schande vor allen Leuten." Sie waren vor den Fifcherhäusern angekommen, das Mädchen flüchtete in ihre Tür. Der andere blieb noch eine Weile im Dunkeln stehen, dann tappt« er langsam den Weg zurück, und Hm war, als hätte er etwas Seltsames verloren, etwas, dos man nur einmal findet, das nur einmal kommt, irgendwoher, vom Wasser, vom Himmel oder mit dem Wind vom Strom. Noch drei Tagen stach der alte Mewes mit seinem Schoner in See. Harm Peters hatte auf bessere Wetter warten müssen, lag noch am Deich und sah lange zu, wie der andere den Hafen oerließ. War ein altes Schiff, der Schoner, und wenn es schlecht Wetter gab, Muhten alle Hönde mithelfen an Bord. Aber daran dachte Harm Peters nicht. Der stand mit verbissenen Lippen auf seinem Kutter, hatte sein Mädchen im Sinn und wehrte sich vergeblich gegen die Trostlosigkeit, die ihn gepackt hatte. Als das braune Segel des Schoner» mit der Elb« tangsam in den Nebel sank, hielt es ihn nicht mehr cm Lqnd. Er holte Bestmann und Jungen und wrickte an Bord.
Harm Peters fischte zwölf Tage lang, fuhr einmal in in« Weser ein, als das Wetter gar zu schlecht war, vertaufte und ging doch bald wieder hinaus, bis der Knecht sagte, der Fischer solle sich «inen anderen suchen, um di« paar Groschen wolle er sich nicht tot- schinden. Arn Abend des zwölften Tages drehte der Wind noch Nord- west und der Sturm, der sich eben gelegt hatte, begann noch ein- mal«in gewalliges Lied über der Nordsee zu singen, daß die auf- tanzte und in wilden Bogen gischtete und schäumt«. Um Mitter- nacht wurde er tiefer, hohler, daß es klang, als finge er sich in Schluchten und wollte wütend aufsteigend« Berg « zerreißen. Als der Morgen über die See kam, wurde es allmählich still, als fürchtete der Sturm sich vor den Flüchen und Gebeten derer daheim, die nun warten mußten. Harni Peters sah di« Dämmerung langsam über di« Kimmung kommen. Er stand am Ruder, hatte die anderen in die Koje ge- schickt, als dos Wetter nachgelassen hatte, und wartet« nun in«un- derlicher Ruhe auf den Tag. Es war stiller geworden in ihm. Der Sturm da draußen hatte seinen Sinn erfüllt zwölf Stunden lang, und er war müde und nachgiebig vor den allmächtigen Gewalten, die über da« Meer ge- fahren waren, rings. um ihn. Mit halb schlafendem Sinn horcht« er in die Dämmerung hin- aus, imd ihm war, als käme ein« seltsam« Weise aus dem Meer. Die war wie berstender Orgelklang, zwischen dem kleine zerrissen« Schreie aufklangen, wie verhallende Ruf« au» Todesnot. Der Schiffer fuhr steil auf, mit weiten erschreckten Augen. Irgend woher hatte Tine Mewes gerufen mit ihrer weichen, singen- den Stimme. Er schüttelte sich und lachte, wurde wacher und blickte steif vorwärts. Aber es waren nur die Wogen, die endlos heran- rückten, ausbrausend unter den Ewer entlang fuhren und vorn ver- klangen. Des Schiffers Augen wurden wieder müde und trüb, wie bei einem Schlaftrunkenen. Da fuhr er noch einmal in die Höh«. Sein Blick war angstvoll geöffnet:«in Zittern lief durch seinen Körper, wie er es selten ge- fühlt hatte. Er hatte noch einmal deutlich das Mädchen gehört. „Hann— Harm!" Eine wunderlich« Angst und Reue überkam den Fischer. Er fürchtete sich, berechnet«, wo ihr Schoner sein möchte, und plötzlich siel ihm ein, daß sie wohl auf der Rückfahrt wären. Cr wollte weiter nachdenken, da kamen di« brechenden Wogen, sangen ihr Lied, und olles ringsum schien einschläfernd zu rauschen und zu klingen. Der Fischer wurde plötzlich unruhig. Fernab, wenn die Seen feinen Kutter hoch auf den Rücken nahmen, war ein i
schlingerndes Schiff zu sehen mit gebrochenem Großmast. Er späht« scharf unter der hochgerafften Fock hindurch, warf dos Holz herum und hielt darauf zu. Als er nah« herangekommen war, konnte er zwei, drei Menschen darauf unterscheiden, band das Ruder an, rannte zur Kapp und schrie den beiden schlafenden Leuten zu, an Bord zu kommen. Auf dem Besenstumpf des Wracks hatten die Schiffbrüchigen einen Segelfetzen gehißt. Als die beiden Leute schlaftrunken und fluchend hevaufkomen, gab Harm Peters dem Jungen das Ruder, jagt« den Beftmann ins Boot und versucht« sich mit ihm zum Wrack durchzuarbellen. Ein« seltene Unruhe erfüllt« sein« Arbstt. Ihm siel«in, wie er Tin « Mewes Stimme über das Wasser gehört hatte und er schrie den Bestmann an und warf sich selbst in di« Riemen, daß sie bersten wollten. Dann, als er näher kam, sah er, daß es Klaus Mewes Schiff war, das vor ihm trieb, und am Besen sah er zwei Männer, die ihm winkten, mitten aus dem überströmenden Schwall, der mit jeder Woge übers Deck des tiefliegenden Schoners strömte. Aber Tin « Mewes tonnte er nicht finden. Da packt« Harm Peters ein« furchtbare Angst und ein« ver- zweiflung um sein Mädchen. Ihm war, als kämpft« er um irgend- etwas, das man ihm entreißen wollte, gegen irgendeine unsichtbare Gewalt in dem Brausen rings um ihn. Er kam nur allmählich an da» Schiff heran. Das Taugewirr und die treibenden Masten, di« unbarmherzig gegen den Leib der Fahrzeuge schlugen, trieben ihn wieder und wieder zurück. Dann gelang es, eine Leine zu den Schiffbrüchigen hinüberzufeilen. Langsam zog er sich näher und da sah er Tine Mewes am Besan, ohnmächtigen Leibes, aber mit weit offenen Augen, die ihn zu suchen schienen. Die Männer schrien ihm zu und wollten keine Zeit verlieren. Aber Harm Peters hatte sich an Bord geschwungen, hob da» Mädchen jäh hoch und sttich ihr taumelnd über Stirn und Schläfen, mitten in. den Seen. „Hast gerufen, Tine?' Der alte Schiffer drängte ihn, wollte ms Boot hinüber. Hann Peters starrte ihn an wie ein Trunkener. „Sie hat gerufen, ja, sie hat gerufen!' Er drückte den Leib Tine Mewes fest an sich und schwang sich mit einem einzigen Satz ins Boot zurück, daß die anderen Not und Mühe hallen, zu folgen. Und während Bootsmann und Schiffer die Riemen ergriffen, hielt er das Helmholz fest in der Linken, hatte mit der Rechten Tin« Mewes gepackt und beugte sich zärtlich üb» sie vor allen anderen. ,.Hast mich gerufen, SttfeT.MLsik