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Nr. 56.

Erscheint täglich außer Montags. Preis pränumerando: Viertel­jährlich 3,30 Mart, monatlich 1,10 Mt., wöchentlich 28 Pfg. frei In's Haus. Einzelne Nummer 5 Pfg. Sonntags- Nummer mit illuftr. Sonntags- Beilage Neue Welt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Mt. proQuartal. Unter Kreuz­ band : Deutschland u. Oesterreich­Ungarn 2 Mt., für das übrige Ausland 3Mt. pr. Monat. Eingetr. in der Post- Zeitungs- Preisliste

für 1895 unter Nr. 7128.

Vorwärts

12. Jahrg.

Infertions Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder beren Raum 40 Pfg., für Vereins: und Versammlungs- Anzeigen 20 Pfg. Inserate für die nächste Nummer müffen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochens tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn und Festtagen bis 9 Uhr Bor­mittags geöffnet. Sernsprecher: Amt 1, Nr. 1508. Telegramm- Adresse: ..Sozialdemokrat Berlin Berliner

Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Benth- Straße 2.

Donnerstag, den 7. März 1895.

Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.

Die politische Lage in Belgien . Ausdruck in dem Beſchluſſe des belgiſchen Parteitages, Geld foften wird, obgleich es nichts dabei zu gewinnen,

Brüssel , 4. März 1895. Zwei Gefeßvorlagen beherrschen jetzt in Belgien die ganze Politik und der Streit über dieselben nimmt einen berartigen Umfang an, daß man unmöglich sagen kann, wohin der Ball noch rollen wird.

Staates.

welcher lautet:

"

Der außerordentliche Kongreß der belgischen Arbeiterpartei, abgehalten am 26. Februar 1895, erklärt:

"

durch

sehr viel aber zu verlieren hat. Die Regierung weiß dies wohl, sie steht aber unter dem Einflusse der großen Finanzmänner*), welche den König vor ihrem Wagen gespannt haben.

Die Arbeiterpartei, in Uebereinstimmung mit ihrem Pro­granim, fordert das allgemeine Wahlrecht für alle Personen, Diese wenden all ihren Einfluß auf, die Annexions­welche das 21. Lebensjahr überschritten haben und seit sechs Es sind die Gemeindewahlrechts- Vorlage Monaten am gleichen Orte wohnhaft sind. Sie fordert dem vorlage durchzudrücken. Wiederholt schon drohte die offiziöse und die Vorlage betreffend die Annexion des Kongo - nach für die politische Mündigkeit dasselbe Alter, wie für die Presse mit der Thronentfagung des Königs. bürgerliche; Unter diesen Umständen werden die alten republi­Beschließt die Zusammenberufung aller Arbeiterorgani- tanischen Sympathien wiederum wach gerüttelt, und das Die erstere interesfirt natürlich in höchstem Maße unsere fationen des Landes, um sich über den Vorschlag des Königthum verliert sein weniges Prestige auch noch. So belgische Bruderpartei, welche mit Recht hofft, durch Anwendung Generalstreits im Falle der Verwerfung des allgemeinen viel ist gewiß, daß die Thronbesteigung des Erbprinzen nicht des allgemeinen Wahlrechts bald in zahlreichen Gemeinden Wahlrechts die Kammer auszusprechen. Beauf die Rathshäuser zu erobern, und die Gemeindeverwaltung tragt den Allgemeinen Rath, vereinigt mit den Delegirten so leicht sein würde, wie die Thronentsagung des Königs. In diesen mühevollen Tagen würde eine scharfsinnige im Interesse der Arbeiterklasse zu führen. Die belgische Konstitution hat den Gemeindebehörden Regierung es nicht wagen, auch nur einen Tropfen Del ins Feuer zu werfen, und unsere ultramontane Regierung schickt ein großes Maß von Freiheit und Macht ertheilt. Die Un­gerade jetzt die häßliche Wahlgesetz- Vorlage in die Welt. abhängigkeit der früheren freiheitlich organisirten flämischen Ein Land wie Belgien , wo die große Masse der in­und wallonischen Gemeinden hat darin noch einen Nach­dustriellen Arbeiter schneller und leichter sich bewegt, wie flang zurückgelaffen. Zwar werden die Bürgermeister von die Arbeiterschaft in einigen anderen Ländern, wo die dicht der Regierung ernannt, aber ein solcher Bürgermeister fann zusammen lebende Bevölkerung leichter wie wo auch in sich in seiner Stellung nicht erhalten, wenn die Mehrheit Feuer geräth, da dauert eine Reaktionsherrschaft wie die des Rathes ihn nicht unterstützt. unsere nicht lange.

Es gilt deshalb in Belgien auch als ganz selbstver­ständlich, es ist in die politischen Sitten eingedrungen, daß ein Bürgermeister geht, wenn die Mehrheit des Gemeinde­rathes ihn nicht mehr stützt oder ein Mißtrauensvotum gegen ihn zu stande kommt. Dadurch ergiebt sich für die Regierung die Nothwendigkeit, stets einen Bürgermeister zu ernennen, der der Partei angehört, welche im Rath die Mehrheit hat.

Bei diesem Sachbestand ist es für unsere Partei natür lich von größtem Werth, daß das Wahlrecht für die Ge­meinderäthe ein allgemeines und gleiches sei.

Davor haben die herrschenden Klassen natürlich fürchter­lich Angst. Sie sehen alles daran, nicht ein Wahlrecht ein­zuführen, das den Sozialisten gleiche oder größere Erfolge wie bei den Kammerwahlen ermöglichen würde.

der Arbeiterorganisationen und den sozialistischen Kammer­mitgliedern und Senatoren, im Augenblick der Entscheidung zu entscheiden, ob der Generalftreit angewendet werden soll im Falle, daß die Bedingungen für die Erlangung des Wahlrechts für das arbeitende Volk unannehmbar sein sollten.

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Der Kongreß ladet die Organisationen zu einer großen und planmäßigen Agitation gegen die reaktionären Absichten der Regierung ein."

Alle Delegirte aus wallonischen Gegenden waren ein­stimmig für den Generalstreik.

Wahrscheinlich wird Belgien also wieder eine erneute Agitation sehen, nicht unähnlich, aber besser organisirt und moralisch viel stärker, wie die des Jahres 1893.

Der glorreiche Wahlfieg des Jahres 1894 und das erfolgreiche Auftreten der Sozialisten im Parlament haben unserer Partei einen enormen Einfluß und ein hoch ge­steigertes Ansehen verschafft, das sie im Jahre 1893 nicht hatte.

Die Unpopularität der Regierung wächst jeden Tag, die Feigheit der sogenannten Christlich- Demokraten, welche sich von der Regierung ins Schlepptau haben nehmen lassen, treibt auch die katholischen Arbeiter der vlämischen Provinzen in Maffe zur Arbeiterpartei.

Und dann wird die Stellung der Regierung ungeheuer geschwächt durch die zweite, das Land berührende Frage: die Annexion des Kongo .

Der, Generalstreit ist eine Waffe, welche hier viel leichter anzuwenden ist, wie irgendwo, und der tiefe Haß für die unverschämte regierende ultramontane Partei, welcher tief ins Volk eingewurzelt ist, läßt doch auch die gemäßigsten Elemente in Aufregung gerathen.

Belgien geht einem warmen Sommer entgegen, im Kampf zwischen Herrscher und Beherrschten, zwischen Zwang und Freiheit, zwischen Privilegien und Volksrechte wird in diesem Sommer manche Schlacht geschlagen werden.

Politische

teberlicht.

Berlin , 6. März.

Aus dem Reichstage. Herr v. Leve how hat recht, der parlamentarische Ton verschlechtert sich wirklich von Tag zu Tag mehr. Leider sind es die Freunde des Herrn Präsidenten selbst, welche diese Verschlechterung des Zones geradezu par force betreiben, ohne in diesem Treiben irgendwie behindert zu werden.

Schon lange war es bekannt, auf welche Weise sie das Die wahre, vielleicht die einzige Ursache des Antrages Wahlrecht einschränken wollten. der Regierung, Belgien mit dem Besitze des Kongostaates Eine Reihe von Mitteln hat man dazu gefunden. Nach dem zu beglücken, liegt in dem Umstande, daß der Kongostaat jetzt vorliegenden Entwurfe der Regierung wird das Wahlrecht vor dem Bankrotte steht, daß der König für seinen allen Bürgern unter 30 Jahren genommen, während die Kolonialsport nicht weitere Millionen opfern, daß er Reden, wie sie heute von dem konfervativen Freiherrn Wahlberechtigkeit zur Kammer alle über 25 Jahre alten lieber die belgischen Steuerzahler, die an dem Kongo - Unter­Personen besigen. Dann wird vom Wahlberechtigten ge- nehmen ganz unschuldig sind, die Zeche bezahlen lassen will. fordert, daß er drei Jahre ununterbrochen in der Gemeinde Die Maste der Kultur, der Zivilisation, der Sklaverei­wohnt. Der Zensus für die zweite Stimme in den Städten Bekämpfung, die man im Anfang dieser Unternehmung um­soll nach der Größe derselben abgestuft werden können bis gehängt hatte, ist heruntergefallen. Es ist nur noch die Rede zu 20 Franks. Ein mehrfaches Stimmirecht sollen auch die vom Handel, von der Industrie u. s. w. jenigen besigen, welche den Doktortitel oder einen ähnlichen von einer Hochschule verliehenen Zitel besigen und welche mehr wie 150 Franks direkte Steuern bezahlen.

Der Entwurf übertrifft alles, was selbst die Pessimisten erwarteten. Die Erregung der Arbeitermassen findet ihren

Feuilleton.

( Machbruck verboten. 30

Skizzen aus dem südamerikanischen Hinterlande.

Ein Blatt

südamerikanischer Geschichte. Finden Sie nicht auch, daß Jovellanos ein schweres Geld verdient hat..."

"

2

Die Opposition gegen diese abenteuerliche Unternehmung wird so stark, daß die katholische Presse anfängt, der Re­gierung zu rathen, einen anderen Weg einzuschlagen.

Darüber fann aber gar kein Zweifel herrschen, daß bem belgischen Volke das Kongo - Unternehmen noch sehr viel ,, Und das nächste..."

von Langen und AhIwardt gehalten on Langen und Ahlwardt gehalten wurden, gereichen jedem Parlamente zur Unehre. Wenn aber solche Ausführungen auch noch den Beifall großer Parteicu finden, wie dies heute bei den Konservativen der Fall war, so ist das einfach ein Skandal. Seit wann ist es z. B. zulässig, daß von einer großen Mehrzahl deutscher Reichsbürger und Steuerzahler als

*) Dies hat unser Brüsseler Bruderorgan durch Veröffenta lichung einer Reihe hochintereffanter Attenstücke bewiesen, die wir noch nachträglich veröffentlichen wollen.

Reise nach unten anzutreten. Am selben Tage hatte Sehr einfach Wir haben nicht gestohlen; aber Jovellanos eine Unterredung mit dem Kommandanten des Jovellanos hat gestohlen.. er ist als Präsident für seine Dampfers gehabt und derselbe, anstatt wie üblich seine Handlungen verantwortlich, und es wird ihm schwer werden, Reise am anderen Tage fortzusehen, war angeblich wegen zu beweisen, daß er reine Finger hat... Ich glaube, wir einer Reparatur seiner Maschine im Hafen liegen geblieben. machen ihm den Prozeß und belegen sein Vermögen sofort In der Nacht vom 24. zum 25. hatte Jovellanos in

mit Beschlag, wie Sie Ihr Amt angetreten haben. Es aller Stille seine Familie und sein Geld an

"

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Boote schielte.

würde mich reuen, wenn das Geld, was ein Dummkopf... Bord des Schiffes gebracht und er selbst hatte sich ich glaube, so nannten Sie ihn einmal hier in meiner Apo- am 25. von dem Regierungsgebäude anstatt nach theke und mit Recht... durch unsre Mühe gewonnen hat, seinem Hause, ebenfalls direkt auf den Dampfer begeben. in seinen Händen bleiben sollte.. Er gönnte sich noch den Triumph, seine Gegner zum Ueber­,, Das will ich meinen. Sie werden es übrigens Sie sind unbezahlbar, wie immer, mein lieber fluß auszulachen. Gill befahl, als er hörte, wo er sich be­beffer wissen als ich selbst; denn Sie haben wohl redlich Pancho fand, zornentbrannt ihn auf dem Dampfer zu arretiren, Buch geführt darüber, was er und alle aus den beiden So beschlossen die beiden dann, am 25. November, und der Richter mit seinen Soldaten begaben sich auf einem Anleihen erhalten hat... sofort, wenn Jovellanos sein Amt niedergelegt hätte, ihn Boot der Hafenpolizei zu dem brasilianischen Dampfer, der Allerdings weiß ich das genau. Ich finde darum, daß in seinem Hause verhaften zu lassen und ihm einen hoch- ruhig in der Mitte des Hafens vor Anker lag und eben der Mann zu viel verdient hat für das, was er gethan... nothpeinlichen Prozeß zu machen, wobei die beiden auf die begann, seine Reffel zu heizen. Jovellanos lehnte nachlässig Wissen Sie fein Mittel, um seinen Verdienst auf das rechte eine oder die andere Weise zu seinem Gelde fommen an der Brücke des Dampfers und war im Gespräch mit Maß zu reduziren.?" würden... Und der Apotheker war schlau und gewandt dem Kapitän begriffen, der grinsend nach dem anlegenden und hätte wie stets sein Ziel erreicht, wenn Herr Gill reinen Mund gehalten hätte. So bekam Jovellanos aber rechtzeitig Wind davon, daß man etwas gegen ihn im Schilde führe und er beschloß, der Sache zuvorzukommen. Am 25. November am Vormittag legte er auf dem Regierungs­gebäude feierlichst sein Amt nieder und wünschte seinem Nachfolger alles Glück. Nach Beendigung der Feierlichkeit " Die Justiz kann alles, was sie will... Aber wir entfernte er sich, und es waren feine zehn Minuten ver­haben doch selbst davon gegessen strichen, als sich ein Pikett Soldaten mit einem Richter an Ich wüßte nicht, daß ich irgendwo von ihm Geld aus der Spize nach dem Hause des Expräsidenten in Bewegung der Anleihe genommen hätte... es giebt allerdings viele, setzte, um ihn zit verhaften. zu Zu ihrer Verwunderung die es einfach weggenommen haben, aber ich habe mit ihm fanden fie das Haus geschlossen und als man es nach nur Privatgeschäfte gemacht, oder für geleistete Apotheker- langem Klopfen nicht öffnete und sie es erbrachen, fanden Lieferungen Geld erhalten. Und ich glaube bei Ihnen ist sie es vollkommen leer. Der Bogel war ausgeflogen. es ebenso der Fall... ich weiß nur, daß man Ihnen Am 23. November war das Packetboot aus der ja wohl seine Richtigkeit haben... habe aber feinen Ihre Kanonen abgekauft hat... mit mir in einer Kom brasilianischen Provinz Matto Grosso heruntergekommen paraguayischen Bürger an Bord, der sich Salvador Jo­pagnie machen Sie stets nur reine Geschäfte, Excellenz..." und hatte die übliche Mast in Asuncion gemacht, um seine vellanos nennt.

Aber so reden Sie doch, Pancho... ich weiß schon, daß Sie mir in all und jedem über sind... Hm... ich hätte wohl einen Plan... Finden Sie nicht auch, daß die Art und Weise, wie er die Anleihe für die Nation garantirt hat, strafbar ist, und daß er für die Verschleuderung öffentlicher Gelder mit seinem Vermögen haftbar gemacht werden kann

" Kommissär," rief der Kapitän einem Beamten zu, sehen Sie zu, ob die Leute, die eben einsteigen, Billete haben... wo soll die Fahrt hingehen... wollen Sie aber gefälligst Ihr Schießzeug draußen lassen; ich gestatte nicht, daß Passagiere mit Waffen an Bord gehen... und wenn Sie mit wollen, dann beeilen Sie sich

"

"

Wir sind keine Passagiere," begann der Richter, dem Kapitän ein Papier überreichend, wollen Sie sich überzeugen, daß wir hier sind, um im Namen der paraguayischen Justiz den Bürger Salvador Jovellanos zu verhaften, der dringend verdächtig ist, öffentliche Gelder unterschlagen zu haben." Der Kapitän nahm phlegmatisch das Papier: " Ich kann schlecht spanisch lesen, mein Herr.

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wird