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Nr. 55 41. Jahrgang

1. Seilage öes vorwärts

Sonnabend 2. Jebruar 1924

Stille Winkel öer weltstaöt.

W«r an einem stillen Sonntagvormit'ag die Straßen der Alt- stadt Bcrlin-Kölln durchstreift, findet noch manchen stille» Winkel, der zum� beschaulichen Verweilen, manche abgelegen« Gasse, die zum gemütiichen Durchwandern einlädt. Allenthalben hört man das Glockenspiel der Parochialkirche, das in regelmäßigen Abständen seine Weisen erklingen läßt. Oer Hro�e �LSenhof. Zwischen dem Rathaus und dem neuen Stadthaus führt die Juden st raße hindurch. Eine klein« Seitengasse bringt uns auf den Großen Jüdmhof. einer sackartigen Erweiterung der Straße. Hier wohnten bis 1350 die Juden, die in jener Zeit in Berlin ebenso wie in den anderen Städten abgesondert hausen mußten. Ein eisernes Gitter schloß den Zugang, und von obenl-s 9 Uhr bis morgens K Uhr dursten die Bewohner des Jüdenhoses ihre WohnstMe nicht verlassen. Auch die Berliner Geschichte der vergangenen Jahr- hundert« ist reich genug an Judenverfolgungen und Be- drän'ungen dieses Volksteiis. Flackern doch diese Erinnerungen aus der finsteren Zeit des Mittelalters selbst noch in unseren Tagen hin und wieder auf, als Schandmal für unsere Zeit, die sich erhaben über jene vergangen« dünkt. Ein gewaltiger Akazienbaum steht vor dem alten Jägerhaus. Reckt er auch zur jetzigen Jahreszeit seine kahlen Aeste trüb in den Winterhimmel, lo verleiht er doch in einigen Wochen, wenn der junge Lenz die Blattknospen sich ent- falten hieß, dem Stroßenbild ein überaus freundliches Aussehen. Der Jüdenhof bildet dann«inen malerischen Winkel, wir wir ihn inmitten der Weltstadt kaum vermuten würden. Ein« stellenweise recht schmal« Straße, die viel eher Gosse heißen sollte, ist die Parochialstraße. Sie hat noch einige alte Häuser,Hand- t ü ch e r', genannt, Fachwerkbauten auf altem Feldsteinunterbau, mit lichtarmen Höfen, eigentlich nur Lichtschächten, auf deren Grund kaum «in Müllkasten Platz hat. Mehrfach führen kleine Straßen oder Gassen zur Spree. Manche von ihnen waren ursprünglich nur Gänge, die angelegt wurden, um bei Feuersgefahr schnell zum Wasfer gelangen zu können. Zu ihnen gehört die Spree st raße, früher Spreegäßlein oder Spreegasie mit Namen. Hier(Nr. 11) wohnte Wilhelm Raab«, der Dichter derChronik der Sper- kingsgosie". Ihm zu Ehren will man die Spreestrahe jetzt in Sper- lingsgosie umtaufen. Raules Hof. Ein winkliger, mit mehreren Gebäuden besetzter Durchgang führt von der Alten Leipziger zur Adler st raße. Er heißt Raules Hof. noch Benjamin Raule , dem früheren Schöffen und Rat der Stadt Middelburg in Seeland (Holland ). Im Krieg« zwischen Schweden und Brandenburg im Jahr« 1675 kaperte er für den Kurfürsten mehrere schwedische Schiffe und wurde dafür zum kurfiirstlichen Rat undMarinedirektor" ernannt. Als solcher unter- stand ihm die branden buraisch« Kriegsflo't«. Sie blockierte die da- mals schwedischen Städte Stralsund und Greifswald mit Erfolg und lieferte den Schweden am 4. und 5. Juni 1676 in der Ostsee zwischen Bornholm und Möen ein« Schlacht, an der auch die Fregatte Berlin " teilnahm. Zum Dank für seine Leistungen erhielt Raule das 1661 in Berlin erbauteBallhaus". Er ließ das Gebäude abbrechen und führte auf diesem Platz das noch heute vorhandene Haus Raules Hof Nr. 1 auf. Ms der Krieg mit Schweden beendet war, wurden auf den Vorschlag Raules mehrere Schilfe zum See- Handel ausgerüstet. Das SchiffDas Wapen von Churbranden- bürg" wurde nach der Westküste von Afrika aciandt, um dort Handel zu treiben. Der Kapitän erhielt den Befehl:Däfern in denen Ländern einig« rar« Affen, Papageien oder andere Ti«r« und Vögel zu finden sind, soll er selbige erhandeln und mitbringen, inngleichen ein halbes Dutzend junge Sklaven von 14, 15, 16 Jahren, welch« schön und wohlgestaltet seien, um selbige an Unseren Hof zu über- senden." Raule fiel später in Ungnade, er soll auch Veruntreuungen begangen haben, kurz 1696 kam er in Festungsorrest nach Spandau . Raul«? Hof fiel an den Kurfürsten zurück und wechselte späier noch öfter den Besitzer. In der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts gelangte es an d«n bekannten Dr. K u r e l l a, den Erfinder des von allen Kindern gefürchtetenKurellaschen Brustpulvers". Der Begriff Jhof". wie wir ihn im Jüdenhof und in Raules Hof kennengelernt haben, bedeutete ursprünglich eine große Bauanlage, wie ein Gut. an da« sich allmählich mehrere Gebäude heranbauen. DerGirtshof" auf dem Lande hat bis heute noch dieses Bild bewahrt. Raules

Hof wird bald aus dem Straßenbild Benlins verschwunden sein. Hier sollen die Erweiterungsbauten der Reichsbank errichtet werden. Das gegenüberliegende Eckhaus ist bereits der Spitzhacke zum Opfer gefallen. HoUüaüifche Vinkel. Dicht bei Raules Hof spannt sich die J u n» f e r n b r ü ck« über den Spreearm Sie ist die äUeste und letzte Zugbrücke in Berlm, nach holländischem Vorbild erbaut, lieber den Ursprung ihres Namens hat sich bisher nichts Sicheres ermittsln lassen. Ueber- schreiten wir die Jungsernbrücke, dann kommen wir zur Fried- r i ch s g r a ch t. die ebenfalls an die Vorliebe des Großen Kur- fürsten für Holland erinnert. Don bezeichnet Gracht einen Kanal, der von der lzauptwasserstraße binnenwärts geht, wie in Hamburg dieFleete". Der Spreearm. der ehemalig« Friedrichsgraben, wurde eingeengt, dafür aber tiefer gegraben und so zu einer Gracht umge- staltet. Die daran entlang führende Uferstraße erhielt den Namen An der Friedrichsgrocht". Auch in ihr stnd� noch alte winklige Häuser erhalten,«bensalls mit unjcheinbaren Höfen. Hier ist alles auf den Schiffsverkehr zugeschnitten. Klein« Kneipen und andere Läden, in denen die Schiffer verkehren und sich für ihre Fahrt ausrüsten, sind hier allenthalben zu finden. Auch dieser Spaziergang durch stille Winkel der Weltstadt zeigt uns, wie sich das Stadtbild allmählich verändert, wie das AU« und das Neue oft dicht beieinander liegen. Dies« Winkel erzählen uns vom Werden der Weltstadt, sie zeugen von ihrer reichen Geschichte.

Anschwärzet.

Recht vielen ehrenwerten Zeitgenossen ist die Erwerbslosen- Unterstützung ein Dorn im Aug«. In ihrer geisttgen Rück- ständigkeit und in chrem vom Gemernsinn nicht beschwerten Egois- mus können sie es nicht verwinden, daß der Gesetzgeber sie ver- pflichtet hat, zu den Lasten dieser Fürsorge mit beizutragen. Das hat zu vermehrten Denunziation«« geführt gegen Erwerbslose, die nach der Meinung der Denunzianten zum Bezug der Unterstützung nicht berechtigt sind. Daneben kommen die falschen Anzeigen auch von Leuten, die sich durch niedrigst« Instinkt« verleiten lasten, dem lieben Nächsten eins auszuwischen. Hier«in Beispiel: Ein schwer um die Existenz ringender freier Schriftsteller, der Erwerbslosengeld ebenso wie mancher Hausbesitzer erhält, wird denunziert, daß sein« Ehe- frau mit Schreibmaschinenarbeit viel Geld verdien«. Di« Re- cherche ergibt, daß die Ehefrau überhaupt nichts verdient und nur die Manuskripte ihres Ehemannes tippt. Der Denunziant hatte«nt- weder kein« Ahnung von der Sachlage oder er machte seine An- gaben böswillig. Die Fürsorgestell« sollt« solch« Denunziantenwische in den Papierkorb werfen oder den Namen des Denunzianten preis- geben, damit man sich gegen derartig« Ehrenmänner wehren kann. Fäll« von unberechtigtem Bezug der Unterstützung kommen über- Haupt fast gar nicht mehr vor. Oft genug hört man in den Zahl­stellen:Wenn ich doch diesen Weg nicht mehr zu machen brauchte!" Wen soll denn die Wochenunterstützung von viereinhalb Mark für ein Ehepaar noch reizen, sich dieses geringe Geld unrechtmäßig zu verschaffen? Das kostet doch, wenn man auf andere Art ehrlich zu Geld kommen kann, mehr Stiefelsohlen, mehr Zeitverlust, als die Sache neben allen unangenehmen Scherereien wert ist. Nur«in Narr bildet sich ein, daß der Erwerbslose von der gesetzlichen Un*cr- stützung leben kann. Solchen Narren tut man zuviel Ehr« an, wenn auf ihre Denunziationen, die womöglich anonym sind, eingegangen wird. Manch« Fürsorgestellen versuchen jetzt auch, unabhängig von Anzeigen, zu kontrollieren, wieviel Nebenverdienst durch Gelegen- heitsarbeit erzielt wird. Sie schicken chre Beamten in die Woh- nungen und lasten die Erwerbslosen oder Hauswirt« und Haus- verwaper(!) ausfragen. Das ist doch«in« ebenso problematisch« als bedenkliche Sache, wenn nicht sehr begründeter Verdacht einer Un- rechtmäßigkeiit vorliegt. Sieht sich der Erwerbslose nicht nach Ge- legenheitsarbeit um und geht er spazieren, dann melden sich auch gleich wieder die Lästermäuler.

Hppnotisch gedlenüet. Eine Darstellung Dr. Achelis'. Der Fall des Prioatdozenten Dr. Achelis, der beschuidigi wirb, einen jungen Menschen zwei Monate lang hypnotisch geblendet zn haben, wird voraussichtlich die Wissenschaft mindestens ebenso stark beschästigen wie die Polizei und die Staatsanwaltschaft. Eine Klä- rung der sehr interessanten, aber auch ungeheuer komplizierten An- gelegenheit wird erst möglich sein, wenn die Staatsanwaltschaft dt« zahlreichen Sachverständigen auf dem Gebiete der Hypnose und der Psychologie gehört haben wird. Vorläufig widersprechen sich die Angaben des Dr. Achelis und des von ihm beeinflußten Fr. noch so sehr, daß sich k e i n klares Bild gewinnen läßt, ob hier von einer schuldhaften Verfehlung des Prioatgelehrten gesprochen werden kann oder ob nicht der junge Fr. in einem Zustande kronkhaster Hysterie Ding« erlebt zu hoben glaubt, die w Wirklichkeit sich überhaupt nicht oder doch wesentlich anders abgespielt haben. Von Dr. Achelis, der beschuldigt wird, den jungen Fr. durch Hypnose geschädigt zu haben, geht uns folgende Darstellung des Sachverhaltes zu: Der jung« Mann, Sohn des in Schöneberg wohn- haften Kapitäns z. S. a. D. Fr., ist eine völlig hysterische Natur. Er befaßte sich mit kaufmännischen Gckegenheitsgeschäften, lebte aber ständig in dem Wahne, einen außerordentlich umsangreichen Ge- schäftsbetrieb zu haben und mit ungeheuren Summen zu arbeiten, und vermochte auch in seiner Umgebung diesen Glauben zu erwecken. Mitte Dezember erfolgte in Grünberg der materielle und zugleich der seelisch« Zusammenbruch, der ein Versagen der Sehnerven hervor­rief. Dr. Achelis, der feit Iahren in der Familie Fr. freund- schastlich»erkehrte, kam zufällig acht Tage später nach Grünberg, um mit dem jungen Fr. etwas zu besprechen, und fand ihn dort blind im Krankenhaus liegend. Da die Eltern des Fr. sich um ihren Sohn nicht kümmerten, obwohl sie um seine Blindheit wußten, nahm Dr. Achelis ihn zunächst nach Steglitz zu seinen Eltern und gab ihn dann in Potsdam zu einer bekannten Dame in Pflege. Gleich noch dem Eintreffen in Berlin brachte Dr. Achelis Fr. zu dem be- rühmten Augenarzt Prof. Dr. Cilex und dann zu dem bekannten Nervenarzt San.-Rat Dr.'Körber, der die dauernde Nervende- Handlung übernahm. Die Eltern des Fr. waren mit allem einver- standen, nahmen ihn aber nicht zu sich und kamen auch nicht für die Kosten auf. Einer Rückkehr in das Elternhaus widersprach Fr. wegen der bestehenden Spannung auch selbst heftig. Sein Zustand bessert« sich langsam insofern, als er verschiedentlich für blitzartige Moment« sehen konnte und teilweise schon dämmeriges Licht wahr- nahm. In dieser Zeit lernte ihn der Sohn des Potsdamer Hof- und Garnisonpfarrer» Grunwald kennen, der sich viel mit Hypno- tiemns beschäftigte. Er lud ihn eine» Nachmittag, zu sich«in und bracht« ihn bierbei durch hypnotische Einwirkungen einigemal« dazu. für Moment« wieder sehen zu können, bewirkte also nichts, wozu Fr. nicht vorher schon in der Lage war. Fr. erlangte sein Sehver� mögen schließlich wieder, als ihm Dr. Achelis über seine krankhafte geistige Veranlagung reinen Wein einschenkt« und ihm dadurch buch- stäblich die Augen aufgingen über das Lügengeweb«, in dem er bis da- hin gelebt hotte. Die seelische Erschütterung gab ihm nun für dauernd das Augenlicht wieder. Zwei Tage hieraus wurde Fr. von seiner Mutter und dem jungen Gninwald in schroffster und beleidigendster Form aus Potsdam abgeholt. Grunwald«rsiattet« darauf Anzeige mit den in d?r ersten Zeitlingsmeldung ausgeführten ungeheuer- lichen Beschuldigungen, tue sämtlich unwahr'sind. Herx Pfarrer Grunwald war von Dr. Achelis vorher aufs genaueste'orientiert worden, scheint aber seinen« Sohn, gegen den jetzt Strafanzeige wegen Verleumdung erstattet ist, nicht von seiner Handlung abge- halten zu haben. Hinzugefügt sei noch, daß Dr. Achelis nach fach- männischem Urteil überhaupt unsähig ist, zu hypnotisieren." Wir haben aus Loyalitätsgründen der Zuschrift des Angegriffe- neu Raum gegeben. Di« Verantwortung müssen wir dem Einsender überlassen. Hoffentlich wir» die Untersuchung den Sachverhalt ein- wandfrei llären._ Gegen die Rundfonkzaungafte. Das Reichepostministerium hat bekanntlich m Aussicht genom- wen, Sende, und Cmpfangsversuche auf dem Gebiet« der Funk- telephonie und Funttelegraphie in größerem Umfange als bisher zu gestatten und den Funkliebhabcroereinen die Kontrolle der aus diesem Weg« zustande kommenden privaten Versuchsanlagen zu übertragen. Auf diese Weis« kann jede technisch befähigt« Person. die sich Empfangseinrichtungen selbst anzufertigen oermag, Erlaubnis erhalten, gegen Gebührenzahlung an dem allgemeinen

fSaAbrotf durch Alalit-Lerlog. BerNn.)

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Der Bürger. von Seonharö Krank.

Nach achtmaliger Anwesenheit in den kostbar, geschmack- und weihevoll eingerichteten Räumen derSchule zur inner- lichen Vervollkommnung", wo brillantengeschmückten alten Damen, langhaarigen Jünglingen und kurzchaarigen Mädchen von sehr gebildeten Menschen empfohlen wurde, das Beste von Laotse mit dem Besten von Buddha zu vereinen und diese höhere Einheit zur Richtschnur ihres Seelenlebens zu machen. war Jürgen, der geäußert hatte, die Weisheit dieser Richt- schnür bestehe ganz offenbar darin, die eigene Seele zu mani- küren und sich um die Not der anderen nicbt zu kümmern, sei also handfester Egoismus und von irgendwelcher Hingabe noch weiter entfernt als der Unsinn des Bulldoggenbesitzers mit den Kanarienvögeln und Chiffretelegrammen, höflich und leise ersucht worden, denStillen Stunden innerer Einkehr" von nun an fern zu bleiben, worauf er mit steigender Sym- pathre wieder an die zwei hungrigen Goldgräber mit den Sperrhaken gedacht hatte.,, Von einem Philosophiestudenten war Jürgen einem dunklen, sehr schönen jungen Mädchen asiatischen Gesichts- schnittes vorgestellt worden, das ungeniert sich sofort fast ganz entkleidet und schreitend zu tanzen begonnen hatte, die dünnen Finger zu Boden gespreizt und das verzückte Gesicht empor- gerichtet. Roch genau ein Jahr werde sie, hingegeben ihrer Kunst, ganz abgeschlossen von der Welt leben und dann durch ihren Tanz die Menschheit erlösen. Sie werde in den Kirchen tanzen. In der Ecke war ein schwarzer junger Mann gesessen und hatte ihr geglaubt. In der Erkenntnis, daß die Weigerung, Leichenteile zn fressen, vielleicht erst in tausend Iahren Bestandteil einer von jeglicher Barbarei befreiten Lebensordnung, zurzeit aber nur Sache des Geschmackes einzelner und gewiß nicht das tauglichste Mittel sein könne, den Kampf gegen das Ganze und das Um- stürzen erfolgversprechend zu beginnen, war Jürgen, zur Ge- nugtuung der Tante, schon nach einer Woche vom Vegetans- mus wieder zucückgekehrt zum Fleische. Die Entwürfe zweier Dramen, des Inhalts, daß einem anständigen Zeitgenossen des zwanzigsten Jahrhunderts nur

die tragische Wahl bleibe, Selbstmord zu begehen oder völlig bewußt selbst ein Raubtier zu werden, hatte er schon vor einem halben Jahre auf der bewaldeten Höhe verbrannt und war liegengeblieben neben der Asche, lesend in einem Buche, dessen weltberühmter Autor erklärte, wenn die Besitzenden ganz frei- willig nur all ihres Besitzes und ihrer Macht über die Nicht» besitzenden sowie alle zusammen nur jeglicher Lüg« entsagen würden, sei in derselben Stunde die Menschheit erlöst. Das dürfte wahr sein; fragt sich nur, welche Maus und auf welche Weise sie der Menschheit, dieser milliardenfüßigen Katze, die Schelle anhängen soll, welche bewirkt, daß wir in allem wahrhaftig sein können", hatte Jürgen damals gedacht. War auf dem Rückwege, sinnend und suchend und rat- und Hoffnungsws nur. um nichts unversucht zu lassen, zu den aus Nord- und Süddeutschland stammenden vier Jünglingen gegangen, die zusammen mit drei Mädchen nahe der Stadt vor kurzem eine Siedlung gegründet hatten. Staunen und Begeisterung über den kameradschaftlich freien Ton zwischen diesen hellblickenden Mädchen und schwer- arbeitenden Jünglingen und über die geistig großartige Lebens- auffasiung, die in dem Zeichen unbekümmerter Iugendkroft und befreiend humorvoller Ablehnung des Ganzen stand. hatten Jürgen erfüllt. Ein Siedler mit großer Rundbrille in einem mageren. noch unfertigen, nicht ganz hautrcinen Gesicht hotte den be- glückt durch die Nacht heimwärts Marschierenden eingehott und ihm einen Stoß Aufklärungsschriften mitgegeben, darunter eine von den Siedlem gemeinsam geschriebene und im Selbswerlage erschienene BroschüreKapitalismus , Universität und freie Jugend" und ein vierseitiges WerbeflugblattAn die Ge- sinnungsgenossen". dessen erster Satz lautet«:Wir haben der Universität, dieser kapitalistischen Bedürfnisanstalt, die Rück- seite gezeigt und im Borfrühling mit zusammengepumptem Gelbe einen verlotterten Bauernhof gekauft, der. obgleich mit Hypotheken gegenwärtig noch schwer belastet.. Der Schlußsatz lautete:Unsere Siedlung ist eine kleine Insel im großen Stunk." Vernachlässigung des Universitätsbesuches, Verzweiflung und Drohungen der Tante, Ablieferung der Kollegiengelder an die Siedler, die dringend Saatgut gebraucht hatten, mühe- volle Feld- und Gartenarbeit und an den Abenden stunden- lange, heftig geführte Diskussionen, aufregend und beglückend für Jürgen und oft sehr gefährlich für den Weiterbestand der Siedlung, waren gefolgt.

Tag und Nacht offen» Fenster. In den Stuben je ein Feldbett, ein Handlöfferchen und sonst nichts. Die Wände, hellgestrichen, leuchteten blau, grü", rosa. Morgen kommt Lili mit ihrem Kinde aus dem Gebirg herunter." Wie lebendig das klingt, hotte Jürgen gedacht... kommt Lili mit ihrem Kinde aus dem Gebirg herunter. Anfangs waren die Siedler in allen Versammlungen als Sprecher aufgetreten und hatten die anwesenden Bürger ver- blufft und gereizt durch ihre respektlosen Reden gegen Staat und Kirche. Schule, Ehe, Eigentum, Zins- und Hypotheken- räuberei. Der kirchenfeindliche Bereift..Gedankenfreiheit und Feuer­tod", der seit Jahren erfolglos um die Genehmigung kämpfte, fein schon erbautes Krematorium in Betrieb setzen zu dürfen, hatte, nachdem in der öffentlichen Protestversammlung von dem Siedler mit der Rundbrille erklärt worden war, er per- sönlich habe ja gor nichts dagegen einzuwenden, wenn die Anwesenden sich schon morgen einäschern ließen, nur glauve er nicht, daß dadurch der große Swnk merklich vermindert werden würde, die Polizei«uf Siedler und Siedlung aufmer?- sam gemacht. Kartoffelernte, Hypothekenzinsfvrderungen, Herbstbeginn. kürzer werdende Tage, in demselben Maße verlängerte, immer heftiger werdende Diskussionen. Und eines Tages waren via Handköfferchen und Lili mit dem Kinde und die Siedler ver- schwunden gewesen, unter Zurücklassung der sieben Feldbetten, die, zusammengeklappt und aufeinandergeschichtet. in dem offenen Schuppen lagen. Der Bauer hatte seine Kommoden, wondbreiten Eichen- schränke und Ricsenfederbetten wieder eingestellt, die grünen, rosa und blauen Wände dunkel fchabloniert und die Heiligen- bilder aufgehängt. Einige Wochen später war von dem Siedler mit der Rundbrille eine Postkarte aus Berlin gekommen: Die Sied- lung sei aufgeflogen Die Gründe, eine schwere Menge, könne Jürgen sich ja denken. Lili habe sich noch nicht entschließen können: aber er sei Mitglied der soziälistischen Partei ge- worden. Und damit Punkt. Wenn Jürgen an diesen Herbstabenden, da es im vor- nehmen Villenviertel schon ganz still war, am Fenster saß und, zurückdenkend an se.n ergebnisloses Fragen und Suchen, hm- aushorchte in die Nacht, vernahm er die fernher dringenden Töne der Drehorgeln.(Fortsetzung folgt.)