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Rampfes abgesehen haben. Und es ist nicht ohne Reiz, seine unheilvolle Tätigkeit nicht nur während der Verhandlungen mit der Reparationsfommission und in der Stärkung der Macht der Privatwirtschaft bis zu deren Rebellion gegen die Staatsintereffen zu verfolgen, sondern sich jetzt auch jener Annegionspolitik deutscher Imperialisten zu erinnern, die sich während des Krieges auf Stinnes berufen fonnten und deren Haltung sicherlich dazu beigetragen hat, daß Frankreich als Sieger fein annegionistisches Programm im Bersailler Dittat so weit durchfeßen konnte. Gerade jetzt, wo die Freunde des Industriemagnaten aus feiner Person einen National­heros zu machen suchen, kann nicht eindringlich genug die Feststellung wiederholt werden, daß Stinnes in all diesen Fragen nur als Rapitalist gehandelt hat. Er scheute sich nicht, längst vor der Besetzung des Ruhrgebietes durch die Entente die Absicht zu erwägen, daß man dann unter dem Schuhe Fochs die Lohnherabjegung, und Schichtverlängerung der Arbeiterschaft durchsehen könnte, die später in der Tat mit brutalfter Rücksichtslosigkeit durchgeführt wurde. In der felben Inflationszeit, die über zahllose Deutsche Elend und Hunger gebracht hat und den Bestand des Reiches gegenüber den Machtansprüchen der Entente bedrohte, hat Stinnes seinen ungeheuren Konzern auf und ausgebaut. Er hat feine Intereffen ins Ausland hinaus verpflanzt und bedeu­tende Devisenbeträge dafür ausgeworfen, während nach den Feststellungen des Untersuchungsausschusses über den Mart­sturz der Stinnessche Privatkonzern dem Reiche über haupt teine Devisen aus seinen Ueberschüssen ab­lieferte und somit dazu beitrug, die Markstüzung beim Be­ginn der Ruhraktion zu Fall zu bringen. Diese Tatsachen, dazu die Sabotage der Erfüllungspolitik durch Stinnes, und die ganzen Zusammenhänge des Inflations- und der Repa­rationspolitik dieses Mannes schildert Genosse Gener mit leidenschaftlicher, aufrüttelnder Kritik, und er belegt seine Mei­nung mit einer Fülle sorgfältig gesammelten Materials, dessen Stichhaltigkeit selbst die politischen Gegner nicht werden leugnen fönnen.

Der dritte der drei Berberber Deutschlands " ist der In­flationspolitiker Havenstein, der geistig so sehr im Bann der Helfferich und Stinnes stand, daß er jeden aktiven Eingriff zur Wiederaufrichtung der Währung verpaßte und in stumpfer Hoffnungslosigkeit die wenigen Attionen durchführte, die ihm von außen aufgedrängt wurden. Noch heute wird man mur mit Bitterkeit daran denken können, wie wenig, sich hier ge­ändert hat. Die Reichsbank hat einen neuen Ropf, ein neues Programm. Aber neben dem Namen Schachts werden die neuen Pfundnoten der Golddiskontbant dieselben Ramensunterschriften aufweisen, die unter den Billionennoten stehen, den Dokumenten des Betruges an allen, die der deut­ schen Währung vertrauten.

Bor dem deutschen Bolle liegen zwei Wege: der Weg Der Demokratie, der sozialen Gerechtigkeit, des Friedens, und der Weg der Not, der Unfreiheit, der Unterdrückung, der Weg, der zu neuen Kriegen führen muß. Es gilt, aus der Bergangenheit zu lernen und den Verderbern des deutschen Boltes, den Stinnes und den Helfferich eine entscheidende Abfage zu erteilen. Diesen Männern darf das deutsche Bolt nicht folgen."

Es wird ihnen nicht folgen, weil es nicht mit feiner Bukunft spielen wird und sich dessen bewußt ist, daß es in den kommenden Wahlen um seine innere und um seine äußere Freiheit tämpft!

Deutschnationales Pech.

Der Deutsche Bauernbund" stellt fest: Frhr. v. Richthofen ist deutschnationaler Spitzenkandidat in Schlesien . Seine Großmutter ist Jüdin. Sein Schwager Dr. Fromberg ist Jude Er wurde durch Richthofens Vermittlung Hauptgeschäftsführer der Schlesischen Landbank. Was sagt der Böltische Ausschuß der Deutschnationalen Partei dazu?

Ich bin schon felt einer Reihe von Jahren Sozialist und werde mit jedem Tage mehr Sozialist. Ich bin Sozialist, weil der Sozia­lismus die Gerechtigteit ist. Ich bin Sozialist, weil der Sozialismus die Wahrheit ist. Der Sozialismus wird aus dem Lohnfystem fo un­vermeidlich hervorgehen, wie das Cohnsystem der Leibeigenschaft folgte. Anatole France .

Anatole France .

Zum heutigen 80. Geburtstage des Dichters. Bon M ag Hochdorf.

Anatole France war schon ein Siebziger, as die Jungen ihn noch immer ehrten. Sie wußten, daß er nicht in einer Aesthetit vertnöchert war, die alle Bergangenheit lobte, um den werden en Sturm und das fruchtbare Wachstum der Kommenden zu schmälern. Anatole France , der sich als Familienname den Namen feines ganzen Baterlandes beigelegt hatte, fühlte sich eben mit allen Werdenden und Gewordenen des französischen Geistes vollkommen verwandt.

Als er zu schreiben begann, gewöhnte man sich langsam an fehr geraue Methoden zum Aufbau der Kunst, die sich nach der Wirklichkeit einrichtete. Man nahm fich das Beispiel eines Medi­ziners zu Herzen, der Menschen, und Tiere zerschnitt, um an die Wahrheit des Lebens zu gelangen. Und man war sehr ernsthaft und schulmeister ich bei solcher Arbeit, was Anatole France einiger maßen belächelte. Denn feine Weltanschauung legte fich nicht ein­feitig auf die Starrheit des experimentierenden Romanes feft. Er war feinen Neigungen nach ein weltlicher Benediktiner , der in phan tastischen Scharteten gern blätterte und die Pergamente der Kircher frömmigkeit und Mystik so durchstöberte, als wenn er in der luftigsten Chronit der Erde läse. Das heißt alles: Anatole France war als ein ironisch- romantischer Schriftsteller auf die Welt gefommen. Das hinderte ihn nicht, einen Roman zu schreiben, der eine sehr ordentliche Studie der Schauspielerverrücktheit, vermischt mit Familienblatt foportage geworden ist. Sein eigentliches Talert zielte aber auf anderes. Er dichtet nach seiner eigenen Freude die Freude des Bücherwurms. Der Sohn des Buchhändlers war allezeit ein Schnüffler in vergilbten Papieren, ein Mann, der gern das Ba­triarchentäpplein auffetzte, um vom Morgen bis Abend zuzuschauen, mie die Menschen närrisch find. Philosophie uro Mora und Theo­logie schöpft er häufiger aus Folianten als aus dem Alltag. Er geht wohl durch die Straßen von Baris. Aber seine Augen sind für das volkstümliche Gewimmel ziemlich geschlossen. Seine Augen fuchen mit größerer Leidenschaft in jenen Räften, die seltene, aufschlußreiche Bücher verbergen. Bon Natur ist er spöttisch. Darum macht er vor feiner Ueberlieferung ein ernsthaftes, demütiges Geficht. In einem hübschen Sinngedicht weist er die Vergänglichkeit aller religiösen Heiligtümer nach. Bom Galiläer ist die Rede, Pontius Pilatus erinnert sich an den Galiläer. Pontius Pilatus , der faiserliche Richter, der einstmals das Kreuzigungsurteil gesprochen und trotzdem seine Hände in Unschuld gewaschen hat, erinnert sich und denkt unge.

Emmingers Ende.

Nach Zerstörung der Rechtseinheit.

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Der bayerische Staatsanwalt Emminger, der seit dem 1. Dezember 1923 als Reichsjustizminister amtierte, hat seinen Abschied genommen. Niemand weint ihm eine Träne nach. Er trat zwar in die Reichsregierung ein, aber mit der aus­drücklichen Versicherung, daß er nicht Vertreter feiner Baye rischen Volkspartei fei, sondern als Persönlichkeit" oder als politischer Kopf" mitwirte. In dieser Eigenschaft hat er darauf los regiert. Das Ermächtigungsgesetz gab ihm die formelle Möglichkeit zu einer der einschneidendsten Maßnahmen, die jemals auf dem Gebiete der Rechtspflege getroffen worden find. Er faffierte mit ein paar Berordnungen erhebliche Teile der Justiz, brachte die übrigbleibenden Teile durcheinander, beseitigte die Zuständigkeiten des Reichsgerichts und der Schwurgerichte, schaffte schließlich die Schwurgerichte ganz ab und ersetzte sie auf dem Verordnungswege durch ganz neue Gebilde, die zwar ihren Namen tragen, aber doch nach Inhalt und Form ganz etwas anderes darstellen. Bei den Gerichts­behörden herrscht heilloses Durcheinander infolge dieser voll fommenen Umgestaltung der Rechtsprechung, eine Umgestal tung, die völlig ohne Vorbereitung und ohne Uebergangszeit vor fich gehen mußte.

Wir haben gegen die reaktionäre Tendenz, die feit dem Amtsantritt Emmingers in der Rechtsprechung immer mehr zum Vorschein fam, von Anfang an aufs schärfste an­gefämpft. Unter die Verantwortung Emmingers fallen die Tausende von Landesverratsprozeffen, die in Deutschland zu einer wahren Hirnseuche geworden sind. Unter feine Verantwortung fällt die Ausschaltung des gefeß mäßigen Staatsgerichtshofes zum Schutze der Republif im Ludendorff- Hitler- Prozeß. Unter seine Verantwortung fällt die Außerkraftsehung deutscher Reichsgeseze in seiner Heimat Kahr- Bayern.

NO

gerfchen Stil bayerisch in Deutschland gewirtschaftet wer den foll, oder ob endlich wieder die Republit zu ihrem Rechte in doppelter Bedeutung fommen foll!

Mangel an Verantwortungswillen.

Emminger und seine Volkspartei.

Die Germania " erinnerte, als der Rücktritt Emmin gers noch nicht feststand, daran, daß der Kollege Emmingers, Wirtschaftsminister Hamm im Wahlkreise Emmingers als Reichstagskandidat auftrete, wie über haupt die Koalitionsparteien im Wahlkampf bei der Kandidatenaufstellung feine Rüdsicht aufeinander nehmen, und daß deshalb der Entschluß des Zen­trums, in Bayern eigene Listen aufzustellen, fein hinlänglicher Grund für die Bayerische Volkspartei sei, Emminger aus der Reichsregierung zurückzuziehen. Im Anschluß daran bemerkt bie Germania " zum endgültigen Rücktritt Emmingers:

lich der Rücktritt Emmingers motiviert sein würde, wenn er ihn Wir haben wiederholt darauf hingewiesen, wie wenigfach­wirklich auf das wahltaktische Verhalten des Zentrums zurüd­führen würde. Der Fall würde in der Geschichte des Parla­mentarismus wohl einzig dastehen. Trotzdem ist das Un­glaubliche wahr geworden, und darum lönnte man fast auf den Gedan ken kommen, daß an der Amtsmüdigkeit Emmingers andere, sach­sichere Ursachen nicht unbeteiligt find. Ob es die vielen Anfeindun­gen sind, die seine Justizverordnungen hervorgerufen haben? Oder ob die Bayerische Volkspartei die Berantwor tung fürchtet, die darin liegen könnte, daß ein ihr angehöriger Minister dem Sachverständigen Gutachten seine Zustim mung nicht glaubte verweigern zu fönnen. Unter Dr. Heim hat der Berantwortungswille ber Bayerischen Volkspartei in großen politi schen Fragen nie allzu trasse Formen angenommen. Wie dem audy sei, das Vorgehen der Bentrumspartei in Bayern fann durch den Rücktritt Emmingers nicht/ im geringsten aufge­halten werden. Sie wird dort weiterhandeln, wie sie es sich selbst und dem Reiche schuldig ist.

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Auch Bossische Zeitung" und Berliner Berliner Tageblatt" halten das Borgehen der Bayerischen Boltspartei für durch aus ungerechtfertigt. Die Bossische Zeitung" nennt den Schritt der Partet eine politische Groteske und fagt weiter:

Wie stark die dilettantenhaften Eingriffe des banerischen Staatsanwalts in die Rechtspflege die Rechtssicherheit ge­fährden, geht schon aus der Tatsache hervor, daß die höch= st en Richter des Reiches, die Mitglieder des Reichs gerichts, ihre warnende Stimme erheben mußten. In der Deutschen Juristenzeitung" veröffentlicht der Präsident des Reichsgerichts, Dr. Simons, einen Artikel, in dem er warnend darauf hinweist, daß das Reichsgericht in Wie alle übrigen Mitglieder der Reichsregierung, wie alle Gefahr sei, da der Abbau auch vor dem höchsten Gerichts- Ministerpräsidenten der Freistaaten, eingeschlossen die hofe nicht halt mache, und der es um eine große 3ahl seiner Deutschnationalen, wie alle Führer der großen Parteien, tüchtigsten und arbeitsfreudigsten Mitglieder gebracht habe. ausgenommen die Deutschnationalen, ist auch Herr Dr. Emmin Gleichzeitig wendet sich der Reichsgerichtsrat Rosenger mit der Antwort, die heute an die Reparationskommission ab­berg gegen die Beseitigung der deutschen gehen soll, einverstanden. In der wichtigsten Frage, die es in der Rechtseinheit durch die Aufhebung der Zuständigkeit deutschen Politif gibt, geht er mit den übrigen Mitgliedern in der des Reichsgerichts für zahlreiche Gebiete. Das lebel Reichsregierung einig. Es bestehen zwischen dem Reichs. werde noch größer dadurch, daß es zum Teil in die justizminister und dem Kabinett überhaupt feine Mei­hand des Staatsanwalts gelegt ist, ob Oberlandes nungsverschiedenheiten, die sich aus der Führung der gericht oder Reichsgericht Revisionsinstanz sein soll. Das politischen Geschäfte ergeben tönnten. Trotzdem überreicht Herr fönne auch zu politisch bedenklichen Ronfequen. Dr. Emminger fein Rücktrittsgesuch. Nicht aus freien Stüden übri zen führen und werde auf jeden Fall eine große Berschieden- gens, wie man hört, sondern in Befolgung eines ihm von der heit höchstrichterlicher Entscheidungen über dieselben Gegen Bayerischen Boltspartei, der er angehört, erteilten Auf­stände und damit vollständige Rechtsunsicherheit zur Folge trags. Und die Bayerische Boltspartei hat ihm diesen Befehl zum haben. Rosenberg fordert, daß mit dem System der Haratiri erteilt. Nicht etwa, weil sie im Gegensatz zu Dr. Emmin Berordnung, wie Emminger es angewandt hatte, voll ger die Politit des Reichskabinetts nicht billigte, sondern, weil das ständig gebrochen werde, wenn man es nicht zu einer Bentrum den Beschluß gefaßt hat, in Bayern und in der Pfalz für Verödung des Reichsgerichts treiben wolle. die fommenden Wahlen eigene Randidaten aufzustellen. Alfa Rache für das Scheitern der Verhandlungen in Frankfurt a. M.!"

Es ist wohl zum ersten Male in der Geschichte der deut. schen Justiz, daß sich Mitglieder des Obersten Gerichts so oftentatio gegen eine Gesetzgebung" wenden. Der legte Streich Emmingers war die Einbringung eines Entwurfes, der auf die Abschaffung des Staatsgerichts hofes zum Schuße der Republit hinzielt. Dieser Entwurf ist noch nicht erledigt; über ihn wird der zufünftige Reichstag zu entscheiden haben. Damit ist auch das Urteil über die Emmingerei in die Hand der Wähler gelegt, die am 4. Mai darüber zu entscheiden haben, ob weiterhin im Emmin.

fähr: Ach so, ein Galiäer ja natürlich, ein armer, rechthabe. rischer Schwärmer, ein Fanatifer, dem die Hihegrade der Bredigt und Aufrührerwut etwas zu hoch gesprungen waren. Ein wenig aufzuhalten. Und Bontius Pilatus geht zu anderen Dingen über, zu fühn, dieser Galiläer, darum zwang er mich, das Todesurteil nicht obwohl aus dem so vergeffenen Galiläer der unvergessene Heiland

wurde.

Anatole France belächelt also jeden positiven Glauben. Ein guter Leugner ist er, aber fein lärmender. Wer den folianten Burchgelesen hat, den der dichtende Gelehrte über die Jungfrau von Orleans schrieb, der wird für alle Jahre seines geistigen Daseins ein Schmunzeln der Genugtuung nicht mehr los. Alle haben aus dem lothringischen Landmädchen eine gewaltige Heilige gemacht. Alle bespucken Voltaire, weil er der Bannerträgerin des geschwolle nen Patriotismus einige Schweinereien zutraut. Anatole France , der weltliche Benediktiner , lächelt. Er findet Stück auf Stück der ficheren Handschriften zum Beweise deffen, daß die Große Jungfrau eine sehr schmächtige Jungfrau gewesen ist. Sie tam zu ihrer himmlischen Unsterblichkeit durch jene launische Fügung, die fehr gläubige Menschen eine fostbare Borfehung nennen, die vorsichtigere Kritifer als Verwirrung leidender Köpfe und Herzen ansehen. Auch das heiligste ist nur Offenbarung menschlicher Schwäche und Narretei. Auch das Heftigste hat teinen anderen Ursprung. Sieh doch einmal den Teufel an, den sich Anatole France ausmalt! Es ist tein böser Teufel, es ist nur ein unglücklicher Gott, der feine Verliebtheit in das Göttliche zu weit getrieben hat. Der Teufel ist eigentlich nur ein genärrter Gott. Er ist nur ein Teufel aus Not, nicht aus Neigung. Alles Unglüd wäre alfo in die Welt gekommen, nicht minder alle Schlechtigkeit und Torheit, weil die Menschen und die llebermenschen mit mangelhafter Klugheit geboren worden sind. Nicht die Moral der Menschen ist schlecht, sondern schlecht und mangelhaft ist der Kopf der Menschen. Alter Gnoftiter spruch flingt derartig: Wiffen ist Tugend. Tugend ließe sich ganz gut erziehen, wenn man die Menschen in gute Schulen steckte.

*

Beil Anatole France sehr flug ist, ist er auch früh ein So. zialist. Er ist fein geräuschvoller Sozialist. Er hat trotzdem vor den Maffen gesprochen. Nicht wie der Riefe Jean Jaurès , fondern mit der wohl vorbereiteten, auf dem Bapier fest aufgezeich neten Rede. Er war in nichts ein Improvisator. Er war der forgfältigfte Gliederer der Gedanken und sprach zu den Tausenden des Boltes, als wenn er zu einer hohen Afademie spräche: Er rang und wetterte niemals, damit man ihm glaube. Er bewies nur stille und gemessen, daß der Sozialismus, den er weit über die Ge­wiffensfreiheit hinausdehnte, zu den gefunden Erdeneinrichtungen gehören müsse. Er war Sozialist aus Behutsamkeit, aus Stoizis. mus würde der Fachmann sagen. Weil die Torheit doch das trei­bende Element der Menschen ist, soll man die Torheit irgendwie durch Vernunftmaßregeln einschränken, die das kulturelle und wirt­schaftliche Wohlfein des Volkes ordnen! Jebesmal, menn der fran zösische Gozialismus einen Mann brauchte, deffen Weisheit über bas Bolitische ging, wandte man fich an Anatole France . Bas Francis de Pressensé für die Erfämpfung der gröberen und grund­fäglichen Gedankenfreiheit bedeutete, das bedeutete Anatole France für die Feiertagserholungen des französischen Sozialismus. Ihm

Ebenso ist das Berliner Tageblatt" empört darüber, daß die Bayerische Volkspartei parteipolitische Differenzen mit Regierungsfragen verquidt und widmet Emminger im übri­gen folgenden Nachruf:

In der deutschen Reichsgeschichte wird fein Name troß der turzen Amtsbauer unvergessen bleiben. Er ist eng verknüpft mit der verhängnisvollen, in der Entwicklung moderner Rechts staaten beispiellofen Berrüttung der Rechtspflege die durch die übereilten Notverordnungen über Strafprozeß und

| tam Ansehen zu, als wenn er ein weltlicher Erzbischof wäre. Man wußte wohl, warum man ihn in feierliche Sigungen holte, in denen es galt, die Menschen religiös umzustimmen. Kurz, er war es, der verloren hatten. mächtige Leugner, der Briefter für alle, die ihren Dogmengott

Bola schlug sich mit seiner Bärenwucht und feinem Kolbenstil für Dreyfus, d. h. gegen eine sehr verrottete Rückständigkeit. Cle­ menceau schlug sich mit der aufpeitschenden, etwas banalen Witzig­feit des aufgeklärten. Liberalen. Frau Séverine, die gütige Frau, jagte der Lügenpartei durch ihre anmutige Unerschrockenheit das Entfeßen in die Glieder. Anatole France hat der Dreyfussache, die eine Sache der Kultur gegen die Verrohung war, als der ge laffenfte Streiter genügt. Das Blut, das in ihm pulfte, schien gewiß manchmal etwas dünn, aber es war doch von der ungeheuren 3ähigkeit jenes Belotenblutes, das Anatole France durch die Adern des Befehrers der Tänzerin Thais jagt, Auf eine Säule friecht der Heilige hinauf. Er will erstarren in Andacht, er will Frost und Sonnenglut mißachten, um nur der höchsten himmlischen Gesichte teilhaftig zu werden. Und er spürt dennoch, daß die leidenschaftliche Abtötung ihn nicht beruhigt. Er ist ein Beseffener, er hängt an der Erde unendlich, feine einzige Gläubigkeit ist nur das lebendig und lockend Vorhandene. Anatole France , der fähig war, die Sinne bis zur scheinbaren Astese zu zügeln, und der in den besten seiner Werte einem hehren Mandarinen ähnelte, verfügte doch über sehr verborgene, sehr tiefe Organe des Genießens und des Schwelgens. Gein Sfeptizismus war Güte, fein Spott war Güte, seine Gelehr famfeit diente nur zur Beförderung der Güte. Er wurde ein euro­päischer Schriftsteller, weil er alle jene Leser befriedigte, die in feiner lateinischen Klarheit das Gefunde und Heitere liebten.

Während des Weltfrieges schrieb er nicht. Als wenige Köpfe den Weltbund der Clarté begründeten, der sich gegen den Unfinn des Weltkrieges wendete, nahm er die Feder wiederum zur Hand. Einer der ersten Anhänger der jungen noch gar nicht befestigten Religion der Verbrüderung war der greife Anatole France .

Anatole France als Politiker.

Der greife Dichter hat auch im politischen Leben Frankreichys eine hervorragende Rolle gespielt, indem er sich gleich Bola als einer der ersten mit Begeisterung in die große Schlacht warf, die um den Fall Dreifus in den letzten Jahren des vergangenen Jahrhunderts in ganz Frankreich tobte. Er wurde damit immer mehr zum poli­tifchen Romanſchriftsteller und widmete einen ganzen Roma't- Syflus der Schilderung dieses Abschnittes der modernen französischen Ge schichte. Auch trat er wiederholt als Redner in Protestverfamm­lungen der damals gegründeten Liga für Menschenrechte" auf. Seine Reben sind zurzeit unter der Sammelüberschrift: Befferen Beiten entgegen" veröffentlicht worden und weisen unzweideutig die Behebung des Dichters zum sozialistischen und internationalistischen Ideal auf. Ueberhaupt haben die meisten seiner legten Werte eine unverkennbare politische Tendenz.

Im Kriege erhob er feine Stimme gegen die an Barbaret gren­zende Rücksichtslosigkeit der deutschen Heeresleitung bei der Be­Schießung der Kathedrale von Reims , war aber zugleich einer der ersten, um dem Wahnsinn des Krieges bis ans Ende" entgegenzu