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Nr. 20S» 41. Jahrgang

7. Seilage öes vorwärts

Sonntag, 4. Mai 1?24

Serlin am Wahltage. Mit Pinsel und Kleister durch die Nacht. Die Jagd aus das Plakat.

Unter dem allen Regime war der Wahllag sin Wochentag. Man hotte ja damals immer nur das Prinzip, den Arbeiter zu entrechten, und jedes Mitiel, dos zu diesem Ziel führen konnte, war genehw- Dic Herrschaften, die damals in der Regierung saßen, sagten sich mit der List, die sie stets ausgezeichnet hat. wenn die Arbeiter in den. ünzelnen Betrieben und Fabriken auch nicht an der Ausübung der Wahl verhindert werden, weil am Wochentag und zur Arbeits» zeit gewählt werden muß, Schwierigkeiten und Scherereien mit dem Arbeitgeber werden sie bestimmt haben. Das stimmte nur zu sehr. Trotzdem har sich der Arbeiter an der Ausübung seines Wahlrechts durch keine noch so groß« Schwierigkeiten verhindern lasien. Der alte Obrigkeitsstaat behauptete bekanntlich außerdem, die Wahl am Sonntag ist unsittlich, weil dieHeiligkeit des Sonntags" gestört wird. Oer pflichttag. In einer Stadt wie Berlin mit de? Hast und Hetze der erwerbs» tötigen Bevölkerung, mit dem lauten Treiben des Straßenverkehrs, ging der Wahltag damals ziemlich unbemerkt im Straßenbild vorüber. Dann kam die Revolution, und zum erstenmal war der Sonntag«in Wahllag. um der Bevölkerung zur Ausübung ihrer wichtigsten staots» bürgerlichen Pflicht die nötige Muße zu geben. Dieser erste Wahl» tag nach der Revolution, dieser erste Sonntag, stellte, man möchte fast sagen, die Stadt aus den Kopf. Man erinnert sich gewiß noch daran, daß damals ganz Berlin in ein Meer von Flugblättern aller Art, aller Sorten und Formate verwandelt war, daß man vor dem papierenenSegen" nicht wußte wohin, und daß der Wind den Passanten diese Milliarden loser Blätter zusammen mit dem Straßenstaub in sehr unangenehmer Weise um die Köpfe wirbelte. Und aus großen Lastautos, die durch alle Teile der Stadt fuhren, wurden immer neue Massen Papier auf die Straßen geschleudert. All« Häuser, alle Zäune, alle Denkmäler waren von oben bis unten mit Plakaten beklebt, und Wochen hat es gedauert, bis der Kleister entfernt war. Bei dieser Wahl hat man von ollen diesen Dingen nichts oder fast nichts gesehen. Dos Ankleben der Plakate an die Häuser ist oerboten und wird als Sachbeschädigung bestraft. Ohne Ankündigungen, Aufrufe und Hinweise auf die Wahl ist es natürlich auch diesmal Nicht abgegangen, die rechtsradikalen Par» tsien wollten anscheinend das alte, wahre Wort:Narrenhände beschmieren Tisch und wände!" besonders zu Ehren bringen und bemalten und bekritzellen Wände und Türen mit ihnen blöden Phrasen. Der Platz für die Plakate war diesmal die offiziell« Litfaßsäule, wobei sich dann einzeln« Mitbürger, die sich ge­wiß sehr witzig vorkamen, das Bergnügen leisteten, in die Plakate der gegnerischen Parteien Zettel zu veben, die diese Plakate dem Hohn und Spott preisgeben sollten. Das Verbot des Plakate- anklebens reizte natürlich, dos Verbot zu übertreten und schlau und geschickt bei Ausübung der Tat vorzugehen. So konnte man denn des Nachts überall in der Stadt seltsame Szenen erleben und lächelnd beobachten: da schlichen ein paar mit Pinsel, Plakaten, Leiter und Kleistertopf durch die Nacht, erspähten die günstigste Ge- legenheit, und wennn die Lustrein" und«in Grüner nicht in der Nähe war, wurde schnell das Plakat geklebt und man verschwand eiligst vom Schauplatz der Tat, um ein paar Häuser weiter dasselbe Kunststück zu vollführem Kam aber mal der Grüne unverhofft und ohne bemerkt zu werden, über diese..Nachtarbeiter", geschah «s wohl, daß er die Attentäter mit Stillschweigen überging. Aber nicht nur die Polizei machte 3agd aus die Plakate und die Plakateträger, sondern auch besondere Abordnungen der Parteien. Die Kommunisten haben, was hier bereits vor einiger Zeit an anderer Stell« betont wurde,rühmliches" gei eistet und versucht, alle Plakate und Zettel unserer Partei zu entfernen. Kinder bleiben eben Kinder und werden immer kindische Sachen betreiben. Am aberschlimmsten ober sind die Taten politischer Sinder. Diese Manöver, die Plakate abzureißen oder un-

kenntlich und unleserlich zu machen, wurden natürlich auch des Nachts ausgeführt. Manchmal war die Kolonne, die glücklich ihr Plakatuntergebracht" hatte, kaum um die Eck« verschwunden, kamen andere angeschlichen, die ebenfalls mit Leitern bewaffnet waren und holten herunter, was die vor ihnen soeben unter allerlei

Mühen und Beschwerden placiert Kotten. Der Wahlsonntag freilich, der Tag der Wahl, wird sich im Strahenbild nur sehr wenig von anderen Sonntagen unterscheiden. Man wird heut« nur bemerken, daß cm den Stellen, wo Wahllokale«ingerichtet sind, schon bald uach acht Uhr der Verkehr ein lebhafterer ist als an sonstigen Sonntogen. Denn um acht Uhr morgens beginnt der Wahlakt, und so manche wählen gleich am Morgen, uni den Tag für sich zu haben zu Aus­flüge» oder zur Arbeit auf dem Loubengelände. Und noch ein anderes Zeichen fällt heute auf: Lokale, in denen noch am Sonnabend bis ein Uhr nachts die Gäste und Azcher gesessen haben, sind in Wahllokale verwandelt, und vor ihnen stehen als lebende

Mahner die Beauftragten der verschiedenen Parteien mit den Wahlplataten. Drinnen in den Lokalen aber wird sich still- schweigend dos Schicksal des deutschen Volkes entscheiden. Wahlgang. Man hat svvrel von der Wahlmüdigkeit gesprochen. Aber die Erfahrungen der letzten Wahlen im Reiche widersprechen dieser skep- tische» Auffassung. Mancher, der seine Entscheidung bis zum letzten Tage auffchob, vielleicht sogar mit der Absicht, dieses Mal nicht mehr mitzumachen, wird sich am Entscheidungstag« doch noch besinnen und gehen. Der Wahldienst der Parteien wird die Säumigen her- anschleppen und schließlich dämmert es doch selbst in den unpoli» lifchsten Köpfen, daß zu viel auf dem Spiel« steht, um zu Haus« bleiben zu können. So gehen sie denn zur Wahl. Der Herr Kommcrzienrat und Gattin und Hausmädchen. das sie fürsoralich in die Mitte genommen haben und dem sie auch dierichtige Partei" schon eingebläut haben, die sie bei Strafe der sofortigen Kündigung ankreuzen muß. Die deutschnatio­nal e n Jungsraucnvereine werden auch wieder anrücken und die Knaben mit dem Hakenkreuz werden sle für ihre völ- tische Firma einzusangen versuchen. Und die alten Leute werden kommen und nach entsprechender' Belehrung ihren Zettel ankreuzen. Der Arbeitende aber geht frühzeitig mit seiner Frau und den wähl- fähigen Kindern zur Wahl und stimmt für seine alte bewährte Partei, die VSPD. Seine Kinder aber verteilen Flugblätter und Wahlzettel unid tun auf diese Weise auch schon Dienst am Sozia- lismus, von dem sie wissen, daß er allein den Arbeitern helfen kann. Frau B e r o l i n a aber gibt öfseutiich bekannt, daß die Deutsche Volkspartei mit ihren PlakatenBei m r Berolma" sich zu Un- recht auf sie beruft und daß sie deshalb jederniann warnt, dieser Partei irgendwelchen politische Kredit zu geben, da sie fiir nichts aufkommt. Um fünf Uhr abends ist der Wahlakt vorüber. Der Wahlvor- stand und die Beisitzer wählen als letzte, und dann beginnt iir den einzelnen Wahllokalen die Auszählung der Stimmen. Gegen sieben und acht Uhr abends wird sich wieder ein lebhaftes Treiben auf den Straßen bemerkbar machen. Radfahrer werden von den einzelnen Wahllokalen zum Zentralwahlbureau der verschiedenen Parteien flitzen und die Resultate aus den einzelnen Bezirken übermitteln. Von den Telegraphen- und Postämtern werden die Radfahrer mit Telegrammen über d«n Wahlausfall im Reich zu den Zeitung« redaktionen saufen, und man wird überhaupt viel Aufregung und Spannung unter den Passanten bemerken. Am nächsten Tag ab« wird sich bereits übersehen losten, ob man ans die eindringliche Mab nung unserer Partei gehört hat, die nichts in diesem Wahlkamv' Unterlasten hat, um die Wähler darüber zu belehren, daß nur der für die Republik , für Freiheit, Recht und Gerechfigkeil eintritt, der sozialdemokratisch wählt, oder ob das deutsche Volk am Montag mit einem Katzenjammer ob des Ausfalls der Wahl aufwacht, der die Katastrophe unseres Vaterlandes aus politischem und wiriselxifilicheni Gebiet zur Folge hat.

Zum Schutz der heutigen Reichstagsivahl hat die Polizei um sossende Mahnahmen getroffen. Die Schutzpolizei befindet sich morgen in höchster Alarmbereitschaft, die Wahllokale werden durch Streifen gesichert. Gegen Schluß der Wahl ist für einen Schutz der Ergebnisse und des Transportes der Wahl- innen zu de» Bezirksämtern Sorge getragen, lim Störungen der Feststellungen des Wahlergebnisses in den Bezirksämtern zu ver- hindern, wird auch dort bis zur Beendigung dieser Arbeit die Schutz- polize! zur Stelle sein.

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Die Flüchtlinge. Roman von Johannes Linnemkoski.

Namentlich dann bei dem Kauf zeigte es sich noch deut- Ncher fuhr er in seinen Erinnerungen fort. So ein alter Mensch müßte doch verstehen, daß man beim Handeln nicht hasten darf. Nun. über den Preis des Gehöfts selbst will ich nichts sagen, obwohl man auch den um einige Tausend hätte herabdrücken können. Es ist ja ein ganzes Gut und anständig gebaut wie nur ein aller herrschaftlicher Besitz. Aber daß da für das Inventar, für diese Frösche von Kühen, das dumpfige Heu und die halbverfaultcn Korndlemen wie sie's nur fertigbringen, die Gottesgabe unter freiem Himmel vermodern zu lasten, die Schurken! daß dafür zwölftausend bezahll werden mußten, mindestens fünftausend zuviel! Und er ver- steht es nicht, obwohl ich ihm zuzwinkere und es schließlich auch sage. Wie wenn das Leben von dem Kauf abgehangen. hätte! Und ist nichts zu machen: man muß zusehen, wie diese schlauen Savolaxer lächeln und sich hinterm Rücken zublinzeln: so muß man die langhaarigen Tavastenschädel scheren! Donner- weiter noch einmal! Seine tavastländische Natur hatte sich bei diesen Erinne- rungen so gegen die Savolaxer empört, daß er Keskitalo ganz vergaß. Diese verflixten Stocknarren! Einen Spazierstock müssen sie immer in der Hand schwenken, aber sieht man wohl einen Nadelzweig auf ihren Aeckern?) Nun ja, beruhigte er sich. Die Arbeit der tavastländi- schen Männer wird den Schaden bald ausbessern. Aber es ist doch Sünde und Schande, solchen Schlingeln fünftausend in den Rachen zu werfen. Keskitalo halle angefangen leise zu schnarchen. Da er­innerte sich Uutelo seiner wieder. Auch darüber habe ich mich gewundert, weshalb er den Kaufvertrag nur in meinem Namen hat ausstellen lasien. Nun. das Geld ist ja freilich von wir, aber wir hätten doch auch beide die Herren fein können, da wir einmal zusammen sind und ich nur Schwiegersohn geworden bin. Sollte er dort in Tavastland eine alte, dunkle Schuld haben, vor der er sich sozusagen aus dem Staube macht, da er mich in dieser Weise vorschiebt? Und weshalb hat er mir nie etwas davon mitgeteill? Was hat das zu bedeuten...? Er beugte sich vor und begann Keskitalo forschend ins *) Kleingehackte Nadelbaumzweige werden unter den Dünger gemischt und die Düngerhaufen im Herbst auf die Aecker gefahren.

Gesicht zu schauen. Er wollte gleichsam in sein Gehirn ein- dringen und sehen, was sich dort regte jetzt, da der Mann schlief und nicht aus der Hut sein konntc. Seinem Fuchsgesicht ist nichts anzusehen, nicht int Schlafen und nicht im Wachen! sagte er sich ärgerlich. Dos ist ein Kerl! Schleppt einen bis nach Savolax , läßt einen Güter kaufen und behält die Fäden für sich wie in einem Felsen. Und daß jetzt alles nach deinem Sinn gegangen ist, das sehe ich allerdings sonst könntest du nicht so schön schlafen. Und noch ein Lochen um den Mund ich wache und wache hier und bekomme keinen Schlaf, was ich auch tmr mag! Er fühlle in diesem Augenblick, daß er Keskitalo haßte, wegen des Geheimnisses, das er ihm, wie er argwöhnte, vor- cnthiell. Weshalb verrät er es mir nicht, wo wir einmal Freunde und Verwandte sind? Nun, vielleicht we ich ihm doch unrecht dachte er wie­der, daß ich ihn so verdächtige. Warum soll er nicht für seine Kinder arbeiten, jetzt, wo er einen Anlauf nehmen kann. Ebenso habe ich's ja selbst seiner, zeit gemacht seine besten Pläne behält einer doch für sich, ja! Und dennoch war es ihm eigentümlich wie wenn un- sichtbare Hände nach den Zügeln seines Lebens gegriffen hätten, um sie an sich zu reißen. Aber die Sache war abgemacht, das Gehöft erstanden. Und jetzt bin ich ein Gutsherr! Ein Lächeln flog über sein Gesicht. Nun, wir schassen dort nebeneinander als Herren, wessen Name auch in den Papieren steht. Und wir werden de« r'erfluchten Stocknarren schon beweisen, aus was für Holz Löffel geschnitzt werden! Ich werde noch einmal ein Gehöft in die Höhe bringen und zeigen, wie der Taoaste das Weiden- gesllüpp von den Rainen verjagt! Er geriet immer inehr in Eifer die langen Ackerbeete dort mit den seichten Gräben aus dem Gut riefen ihn und die tavastländische Kraft gewissermaßen zu Hilfe. Ja. jetzt heißt's sich rühren, bis Keskitalo und die Sachen verkauft sind und alles ftir den Umzug bereit steht, dachte er wieder. Zugleich hielt der Zug polternd auf einer Station. Oho!" rief Keskitalo, wie aus einem bösen Traum er- io«chend. und sah sich mit weiten Augen um.Wo sind wir denn eigentlich?" Auf der Gutskaufreise. Nachbar." schmunzelle Uutela mit stillstrahlenden Augen bei dem Ausschreckeu des anderen,

Keskitalo begriff auch gleich. Sie stimmten beide ein her.z- liches Lachen an. ö. Der Boden war noch nicht gefroren, obwohl man schon November halle. Die tavastländischen Ejpen in den Ecken der Gärten und Hosplätze weinten entlaubt in der nebligen Luft des Spät- herbstes. Die tavastländischen Fichten auf den Hiigelchen und an den Gatterpfosten seufzten voll Sehnsucht, und kleine glänz- lose Tropfen saßen an den Knoten der Aeste und an den ver- dorrten Stengeln der Gräser, obwohl der Tag schon bis in die Mitte vorgeschritten war. Uebcr allein ruhte flach und schwer ein dunkelgrauer Himmel. Die Leute von Keskitalo traten den UmMg nach Savo- tax an. Schon an den zwei vorhergehenden Tagen war allerlei Gerät und Arbeitswerkzeug nach der Station gefahren worden. Biel halle sich auch angesammelt altes Trautes und Liebes, von dem man sich nicht trennen mochte, wenn man es auch nicht notwendig brauchte. Heute war der eigentliche Tag des Aufbruchs. Zu langem Abschied war keine Zeit gewesen, obwohl man die liebe Heimat verließ. Zum Teil konnten sie kaum mehr als einen Sestenblick hinwerfen, als es durch das Tor ging. denn das Bich lief und brüllte wirr durcheinander, da es glaubte, es werde auf die Weide gelassen. Voran wanderten, von Hanna und der dreizehnjährigen Hclka behütet, etwa, zehn Schafe. Auf dem Gutshos gab es ihrer nur wenige, und überhaupt sollte es in Savolax nicht viele geben. Dann folgten sieben Kühe und ein breitgestirnter Ochs, den der älteste Sohn Vihtori an einem Strick leitete. Die anderen hätten sich mit einer geringeren Menge Vieh begnügt, doch Uutela war unerschütterlich gewesen, er glaubte von den Savolaxer Fröschen" nichts Gutes. Er hatte auf der Reise nach Savolax ein hartnäckiges Mißtrauen gegen alles Savo- laxische erhalten. Zuletzt gingen die beiden Frauen, die alte und die limge, mit allerlei kleinem Kram auf dem vollbepackten Wagen, wäh- rend Liina hinten angebunden nochlief. Noch befand sich auf dem Wagen, in einem mit einem Sack bedeckten Spankorb, der große schwarz- und weißgefleckte Kater Mikko. Uutela wollte auch ihn mithaben er traute eben nicht einmal den savolaxischen Katzen. (Fortsetzung folgt)