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Bewerkschaftsbewegung

In der Abwehr!

In wenigen Wochen ist ein Jahrzehnt vollendet seit dem Beginn In wenigen Wochen ist ein Jahrzehnt vollendet seit dem Beginn einer langen, schweren Leidenszeit für das deutsche Volk, insbeson­dere der Arbeitnehmerschaft. Wohl ist der Krieg schon seit 5% Jahren beendet, allein seine wirtschaftlichen und sozialen Schäden werden wir noch viele Jahre hindurch verspüren. Die Freiheiten, die wir als Staatsbürger auf politischem, als Arbeitnehmer auf dem sozialen Gebiete aus dem Zusammenbruch aufgelesen haben, waren ungemein teuer erfauft und entbehrten angesichts des Trümmerhaufens im Reiche und des Drudes der Siegerforderungen von vornherein vielfach eines realen Wertes. Sie wurden daher in den eigenen Reihen, d. h. von der Masse der bis dahin Indifferenten materiell ebenso sehr überschäßt als ideell unterstützt. Soweit das Unternehmertum feine Zustimmung zu geben hatte, war diese teils unter dem aus­gesprochenen Vorbehalt für die Zeit der wirtschaftlichen Demo­bilmachung erfolgt, wie unter dem unausgesprochenen Vorbehalt, zu gegenbener Zeit wieder andere Saiten aufzuziehen. Die Lohn Steuer, die fich immer weiter verschlimmernde Wohnungsnot, die ganzen Lasten und Entbehrungen sollen uns bleiben und noch wesent­lich vermehrt werden; die wenigen Vorteile aber, insbesondere den Achtstundentag, will uns die mittlerweile wieder munter­gewordene wirtschaftliche und politische Reaktion entreißen.

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Bugegeben, daß den Kriegs-, Valuta- und Inflationsgewinnen der Unternehmer nicht unerhebliche Belastungen durch die Repa­rationsforderungen folgen sollen, die nicht wie die Steuerleistungen von den Besitzenden einfach umgangen werden können. Das ist jedoch für die Arbeitnehmerschaft durchaus kein Grund, sich auch diese Lasten zu all den übrigen noch mit auf die Schultern packen zu lassen. Wollten wir dann erst einsehen, daß wir sie nicht tragen fönnen, wenn wir darunter zusammengebrochen sind, dann wäre es zu spät, uns dagegen zu mehren. Die Abwehr muß jest geschehen. So schwer sie auch scheinen und sein mag, sie ist heute immer noch leichter als sie es übermorgen sein wird.

Die deutsche Arbeitnehmerschaft wäre der fulturellen Vorteile des Achtstundentages, die heute noch manchem unbewußt sind, nicht mert, wenn sie nicht alles daransetzte, sie sich zu erhalten. Für die Unternehmer mag es als der einfachste, billigste und profitabelste eg erscheinen, ihre Ronkurrenzfähigkeit durch Verlängerung der Arbeits­zeit und Verfürzung der Löhne zu erhöhen. Die Arbeitnehmerschaft fann und darf sich dazu nicht hergeben, zumal ihr Opfer letzten Endes vergeblich sein und die Beschreitung des Weges technischer Betriebsverbesserungen verzögern würde. Der Achtstunden'ag hat allmählich zweifellos zu einer intensiveren Arbeits. Ieistung geführt. Wenn dies bisher nicht deutlicher in einer Steigerung der Produktion zum Ausdrud gekommen ist, so ist das auf eine Reihe hemmender Fattoren zurückzuführen, wie sie u. a. die Inflationsperiode mit sich brachte, wie auch auf betriebs. technische Rüdständigkeit. Die Spekulation dorauf, die Arbeitsleistungen um soviel Prozent bei längerer Arbeitszeit ge­steigert zu sehen als die Verlängerung über 8 Stunden hinaus auf Grund der Achtstundenleistung rein rechnerisch ergeben würde, ist verfehlt. Sie geht schon so weit, einen Vorteil darüber hinaus aus dem Umstande zu konstruieren, daß bei längerer Arbeitszeit die Essens paufen des Achtstundentags sich mehr verteilen. Man glaubt sich des Einverständnisses der Arbeiterschaft ohne weiteres sicher, auch bei längerer Arbeitszeit die Effenspausen fo weit als irgend mög­lich einzuschränken, um früher Feierabend zu bekommen. Tatsächlich besteht die Gefahr, daß die Arbeiter dem begreiflichen Bestreben, möglichst früh nach Hause zu kommen, die gesundheitlich gebotene Rücksicht auf ausreichende Arbeits- und Effenspaufen gänzlich unter­ordnen. Die Gewerbeärzte) marnen eindringlich davor. Schon die Baufen bei achtstündiger Arbeitszeit waren durchweg zu furz. Das Unternehmertum will sie auch bei verlängerter Arbeitszeit nicht verlängern, während sie schon bei achtstündiger Arbeitszeit erweitert werden müssen.

Die staatsmännische Maste mit den biedermännischen Sorgen­falten um das Volkswohl, die der Kapitalismus aufsetzt, um zur höheren Ehre des Mehrwerts die Notwendigkeit der Beseitigung des Achtstundentages und des Niedrighaltens der Löhne zu verfechten, fann die Arbeitnehmerschaft nicht mehr täuschen. Ihre Bereitwillig. feit zur Leistung wirtlich notwendiger Ueberstunden ist ihr als Naivität angetreidet worden. Man will unbezahlte lleberstunden als Dauereinrichtung, den neun, zehn- bis zwölfftündigen Arbeits tag und dann gelegentlich noch Ueberstunden.

*) S. Gewerkschaftszeitung Nr. 18: Arbeitspausen". Bon Landesgewerbearzt Dr. Telety.

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nehmer oder Gegenwehr! Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Und selbst wenn die eine oder andere Gruppe, ja selbst wenn die gesamte Arbeitnehmerschaft in diesem Rampfe unterliegen sollte, die Unternehmer sollen solchen Sieges nicht froh werden. Der Arbeiter muß zu seiner rein förperlichen Selbst erhaltung seine Kräfte bei längerer Arbeitszeit in ganz anderem Maße schonen als etwa beim Achtſtundentag. Zumal sein Arbeitsverdienst keine aus reichende Ernährung zuläßt. Gegenwehr gegen verlängerte Arbeits­zeit, so lange, bis das Unternehmertum zu der Einsicht gekommen ist, daß es den Acht stundentag als gegebenen Faftor in feine Ralfulation einstellen muß.

Darum gewerkschaftliche Organisation, gewerkschaftliche Disziplin und gewerkschaftliche Solidarität!

Beendete Aussperrung in der AEG.

Die Betriebsvertretung der Apparatefabriken der AEG. war bei der Werksdirektion wegen der Lohnforderungen der Transportarbeiter und der auf den Streit der Transportarbeiter hin erfolgten Aus­fperrung der übrigen Arbeiterschaft vorstellig geworden. Bei diesen Berhandlungen bezog sich die Direftion zunächst auf die Mittwoch Berhandlungen zwischen dem Metallfartell und dem BBMI., von denen sie eine Regelung auch für den AEG.- Konflikt erwartet hatte. Da das Schiedsgericht aber zu feinem Spruch tam, sagte die Diret tion Verhandlungen über die ftrittigen Lohnfragen unter der Be­bingung zu, daß morgen( Montag) die Arbeit von den Streitenden fowohl als auch von den Ausgesperrten zunächst wieder aufgenom­men wird.

Nachdem gestern vormittag die im DMB. organisierten Aus­gesperrten zu dieser Sachlage Stellung genommen hatten, beschäf­tigte sich auch eine Versammlung der Transportarbeiter unmittelbar darauf mit der veränderten Situation und beschloß, gegen eine starke Minderheit, die Bedingung der Direktion anzunehmen.

In einer Vollversammlung aller Streifenden und Ausgesperr. ten wurde dann über das Ergebnis der Abstimmung der Transport arbeiter berichtet. Die Anwesenden erkannten unter den gegebenen Umständen die Stellungnahme der Transportarbeiter an. Es ist somit morgen früh mit der geschlossenen Arbeitsauf nahme zu rechnen.

Damit ist an sich der Kampf noch nicht beendet. Die Trans: portarbeiter wie die Facharbeiter halten an ihren Forderungen fest und werden bei einer ungenügenden Befriedigung ihrer Ansprüche den Kampf zu gegebener Zeit wieder aufnehmen. An der Direktion wird es liegen, durch entsprechendes Entgegenkommen die Ruhe unter der Arbeiterschaft wieder herbeizuführen.

Schiedsspruch für die Former.

In der Versammlung der Metallformer am Freitag be­richtete Branchenleiter Bredow über die Lohnverhandlungen. Da die Unternehmer das Ergebnis ablehnten, tagie am Dienstag nach mittag der Schlichtungsausschuß, welcher folgenden Schiedsspruch fällte: Die Stundenlöhne werden für die Zeit vom 28. April bis zum 1. Juni wie folgt festgefeßt: Klaffe I erhält 75 Pf., Klasse II 65 Pf., Klasse III 37 Bf. Akkordbasis( gleichen Zeitraum) Klasse I 70 Bf., Klaffe II 57 Pf., Klasse III 52 Pf. Die Versammlung nahm den Schiedsspruch an.

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Bredow teilte mit, daß die Arbeitgeber in ihrer Bersammlung auch diesen Schiedsspruch abgelehnt haben, so daß nun die Ber­bindlichkeitserklärung beantragt wird. Ferner wurde mitgeteilt, daß der Abwehrkampf bei der Firma Hartmann einmütig weiter. geführt wird. Die Streifenden müssen in ausreichendem Maße weiter unterstützt werden. Alle Sammellisten sind bei Reinhard, Urban­straße 67, abzurechnen.

Lohnbewegung der Silberschmiede.

Eine Branchenversammlung der Silberschmiede am Freitag be­fchäftigte fich mit dem Ergebnis der Lohnverhandlungen. Die Arbeit­nehmer hatten eine Lohnzulage von 20 Broz. ab 1. Mai gefordert. Die Arbeitgeber lehnten jede Lohnaufbefferung ab und stellten der Kommission der Arbeitnehmer anheim, den legten Lohnvertrag bis auf weiteres forthestehen zu laffen. Trch längerer Verhandlung ift teine Einigung erzielt worden. Die Arbeitnehmervertretung hat ist feine Einigung erzielt worden. Die Arbeitnehmervertretung hat nun den Schlichtungsaus'chuß zur Entscheidung angerufen Nach längerer Diskussion wurde das Borgehen der Berhand­lungskommission gutgeheißen.

Angestelltentarif in der Telegraphen- Union.

In die Front der tariffeindlichen Zeitungsunternehmer wurde durch eine Bereinbarung Bresche gelegt, die vor dem Schlichter für Groß- Berlin zwischen dem Zentralverband der Angestellten und der Angestellten der Telegraphen- Union eine tarifliche Regelung ihrer Telegraphen- Union getroffen wurde. Die Bereinbarung bringt den Arbeitsbedingungen. Dieser Vorgang ist um so beachtenswerter, als ein offenbar verwandtes Unternehmen, nämlich die Firma Scherl, in dem Kampfe gegen den Tarifvertrag im Zei­tungsgewerbe die Führung hatte.

Die Angestellten in der Telunion waren wie im übrigen Zei­tungsgewerbe im Dezember vorigen Jahres von der Geschäftsleitung

auf den Tarifvertrag und als Ersatz dafür hungergehälter brachten. Die dadurch geschaffenen Verhältnisse bewirkten es, daß die Angestell­ten in einer Betriebsversammlung einstimmig die Gewerkschaften beauftragten, einen Tarifvertrag für sie abzuschließen. Auf Grund diefes Auftrages versuchten die Gewerkschaften, mit der Telunion zu verhandeln. Der Schlichtungsausschuß fällte nunmehr einen Schiedsspruch, der eine tarifliche Regelung brachte. Diefer Spruch wurde von den Arbeitnehmern angenommen, von der Tel union abgelehnt, aber schließlich durch die eingangs erwähnte Ber einbarung anerkannt.

Dieser Erfolg beweist, daß die Angestellten bei geschlossenem Zu­sammenstehen in ihrer Gewerkschaft sehr wohl in der Lage sind, ihre Arbeitsbedingungen durch Kollektivvereinbarungen besser zu regein, als es durch Einzelverträge möglich ist.

Die Sommerschulen des JGB.

In den beiden vom Internationalen Gewerkschaftsbund organi fierten Sommerschulen vom 21. Juli bis 2. August in Wien , Schloß Schönbrunn , und vom 19. bis 31. August im Rustin College in Orford wird der bekannte englische Arbeiterbildungsspezialist Rennie Smith die Kursleitung übernehmen. In den Vor­mittagsstunden werden Borträge über die weltwirtschaftlichen und politischen Strömungen gehalten werden, unter be fonderer Berücksichtigung der Entwicklung in den Jahren 1914 bis 1924 sowie der Lage der organisierten Arbeiter im allgemeinen und der Gewertschaftsbewegung in den verschiedenen Ländern im be­fonderen. Endlich werden die Bildungsbestrebungen der organisierten Arbeiter in den Jahren 1914 bis 1924 zur Sprache fommen. Für die Abendkurse sind außergewöhnliche Vorträge be­tannter Führer der Arbeiterbewegung der verschiedenen Länder vorgesehen.

Erdbeben und Arbeitslosigkeit in Japan .

große Arbeitslosigkeit. Die Zerstörung von 13 000 Betrieben machte Zu den vielen Folgen des Erdbebens in Japan gehört auch eine Behntausende von Arbeitern beschäftigungslos. Ebenso haben viele Lage wurden über 20 neue Arbeitsnachweise von der Regierung ein­gerichtet, und zwar die meisten in den verschiedenen Bezirken von Tokio und fünf in Yokohama . Die Arbeitsnachweise veranlaßten unter anderem die Betriebe, deren Lokalitäten zerstört worden waren, ihre Arbeiter und Angestellten in 3weiggeschäften zu be­schäftigen, soweit solche vorhanden sind. Auch wurde Angebot und Nachfrage auf dem Arbeitsmarkt festgestellt, um in weiteren Ge­bieten einen Ausgleich zu schaffen. Angestellte der Arbeitsnachweile fuhren mit Automobilen durch die Straßen der Stadt Tokio und ihrer Umgebung, welche Plakate mit der Aufschrift zeigten: Gebt den Opfern des Erdbebens Arbeit." Dieses Vorgehen hatte einen guten Erfolg. Weiteres über die ergriffenen Maßnahmen berichtet die Zeitschrift Industrial and Labour Information", herausgegeben vom Internationalen Arbeitsamt.

intellektuelle Arbeiter ihre Stellen verloren. In Anbetracht dieser

( Gewerkschaftliches fiehe auch 3. Beilage.)

Berantwortlich für Politit: Ernst Reuter ; Wirtschaft: Artur Gaternus; Gewerkschaftsbewegung: Fricbr, Ekkorn; Feuilleton : Dr. John Schikowski, Lokales und Sonstiges: Fris Rarftädt; Anzeigen: Th. Glode: fämtlich in Berlin . Berlag: Borwärts- Berlag G. m. b. S.. Berlin . Druck: Borwärts- Buchdruckeret und Berlagsanfalt Baul Ginaer u. Co. Berlin SW. 68. Lindenstraße 3. Hierzu brci Beilagen und ,, Blick in die Bücherwelt".

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