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Abendausgabe

Nr. 22541. Jahrgang Ausgabe B Nr. 114

Bezugsbedingungen und Anzeigenprete find in der Morgenausgabe angegeben Rebattion: SW. 68, Cindenstraße 3 Jernfprecher: Dönhoff 292-293 Tel.- breffe: Sozialdemokrat Berlin

Vorwärts

Berliner Dolksblatt

5 Goldpfennig

50 Milliardan

Mittwoch

14. Mai 1924

Berlag und Angetgenabteilung.

Geschäftszett 9-5 Uhr Berleger: Borwärts- Berlag Gmb. Beelin Sm. 68, Lindenstraße 3 Jernfprecher: Dönhoff 2506-2507

Zentralorgan der Vereinigten Sozialdemokratifchen Partei Deutschlands

Ein neuer Fememord.

Der Leichenfund im Tegeler Forst.

Die BS.- Korrespondenz meldet: Der Leichenfund im Tegeler For ft am legten Sonn­tag scheint die Annahme der Mordtommiffion, daß hier ein Ber. brechen aus politischen Motiven vorliegt, zu bestätigen. Die bisherigen Aufklärungsarbeiten haben bereits soviel Material zu Tage gefördert, daß man mit der Tatsache rechnen muß, daß in den vorliegenden Fall wiederum der Tote ein Opfer einer Ge­heimorganisation geworden ist. Berschiedene Anzeichen deuten darauf hin, daß der Ermordete zur Strafe für Bergehen, die erst noch näher aufgeklärt werden müssen, von feinen ehemaligen Freunden beseitigt worden ift. Soweit bisher festzustehen scheint, ist der Zofe ein früherer Oberleutnant Müller, der aller­dings anders heißen dürfte, aber unter diesem Namen im vorigen Jahr innerhalb verschiedener Rechtsorganisationen auftrat und der nach den besherigen Ermittlungen feinen allzu guten Ruf gehabt hat. Müller foll dunkle Geschäfte, darunter auch Waffensie bungen, gemacht haben und gleichzeitig hat er offenbar jowohl nach rechts als nach lints Spigeldienste getan. Offenbar ift er dann aus Rache von den Angehörigen einer der in rechts. und lintsradikalen Areifen bestehenden Geheimorganisation in den Tegeler Forft gelodt und dort beseitigt worden. Die Kriminalpolizei verfolgt bereits ganz beffimmfe Spuren, doch dürften die Ermitt­lungen fich nach so langer Zeit einigermaßen schwierig gestalten, da mit der Möglichkeit zu rechnen ist, daß die Täter unmittelbar nach der Ermordung Müllers sich in Sicherheit gebracht haben. Dazu feilt das Polizeipräsidium mit:

gehen.

einem Leichenfund im Tegeler Forff. Die Ermittelungen der Abtei­lung A haben ergeben, daß der Mann von deutschvölkischer Seite ermordet worden ist, weil er im Verdacht stand, Be­ziehungen zu den kommunisten zu haben. Nach erfolgtem στα Morde find dem Toten die Taschen gelehrt und die im Befih des Toten befindlichen Wertgegenstände zu Geld gemacht worden. Der Haupttäter ist flüchtig: 3 wei an der Mordtat Beteiligte wurden von der politischen Polizei festgenommen.

*

Wegen der Ermordung eines Oberleutnants Müller im Tegeler Forst war Anfang Dezember vergangenen Jahres ein gewiffer Grütte Lehder verhaftet, bei dem Ausweise des Reichstags abgeordneten Bulle und des deutschvöltischen Geschäftsführers Rube gefunden wurden. Reinhold Bulle hat damals eine öffentliche Erklärung abgegeben, daß dieser Grütte- Lehder den Auf­trag gehabt habe, den Oberleutnant Müller zu überwachen und festzustellen, ob er ein Schädling" fei, damit er aus der Organi fation ausgeschloffen werden könne. Aus dem Bericht des Polizei­präsidiums geht nicht hervor, ob es sich bei der Aufdeckung des jeßigen Mordes um dieselbe Angelegenheit handelt. Damals ist jedenfalls der Fall Grütte- Lehber nicht weiter verfolgt worden, die Leiche des Ermordeten ließ sich nicht auffinden. Wenn jetzt in diese buntle Angelegenheit Licht gebracht werden sollte, dann wird hoffentlich auch der Zusammenhang zwischen dem Mörder und feinen Auftraggebern, d. h. in diesem Falle Bulle, Kube ufw. von der Leitung der Böllischen Freiheitspartei aufgeflärt

Seit mehreren Tagen beschäftigt sich die Berliner Polizei mit| werden müssen.

Frankreich und das Gutachten.

Eine Erklärung Léon Blums .

Baris" flagt Bertinag, daß die Umbildung ber Regierung Frankreichs außenpolitische Situation verschlechtere, da der Ablauf der Micumn- Berträge am 15. Juni neue Berhandlun gen notwendig mache und da ferner die von Poincaré mit Südslawien aufgenommenen Bündnisverhandlungen jest not­gedrungen vertagt worden seien. Die Klage des oft zu offi­ziöfen 3weden gebrauchten Organs läuft indirekt darauf hin­aus, die Einhaltung des bisherigen Kurses Poincarés als not­wendig erscheinen zu laffen.

Paris , 14. Mai. ( TU) Der Creffior veröffentlicht eine Unterredung fetues diplomatischen Vertreters mit dem Führer der Sozialisten, Leon Blum . Blum erfläcte, Frankreich fel feff ent­fchloffen, das Sachverständigengutachten in die Tat umzusehen, und er fei weiter der festen Ueberzeugung, daß ich im deutschen Reichstag eine Mehrheit zugunsten der Berwirklichung des Sach­verständigengutachtens ergebe. Die Deulfonationalen tönnten es nicht unternehmen, gegen die Vorschläge der Sachverstän­digen zu regieren, da die allgemeine öffentliche Meinung der Welt die lehten Hoffnungen auf eine Befriedigung Europas auf die Sach­verstäubigenvorschläge gefeht habe. Die deutsche Sozialdemo­Davon fann natürlich teine Rede sein. Die Linksparteien trat ie werde alles tun, was in ihren Kräften stehe, um den Reichs- Formen fortzuführen. Goeben erflären noch die Führer der trat ie werde alles tun, was in ihren Kräften siehe, um den Reichs- haben Poincaré nicht gestürzt, um feine Bolitit in anderen fag zur Annahme des Gutachtens zu bewegen. Zum Schluß erklärte Leon Blum , die Deutschnationalen würden den schwersten 3rt- drei fiegreichen Linksparteien, Bainlevé, Herriot und fum begehen, wenn sie annehmen wollten, daß die Bildung einer 26on Blum im Hinblid auf die Währungsfrage im neuen radikalen und sozialistischen Mehrheit in der französischen Deuvre", die Parteien der Linken würden die jetzt geschwun­Kammer ihnen den Vorwand an die Hand gebe, das Programm dene Stabilität des Franken durch Abbau der militä­der Sachverständigen zu bekämpfen oder den Verpflichtungen zu entrischen Lasten und eine Politit des Friedens und der internationalen Berständigung zu fichern suchen. Für diese Politit find natürlich bestimmte Grenzen gezogen, mit denen auch die französischen Links­parbeien redynen müssen. In dieser Beziehung verdient die obenstehende Erklärung Léon Blums über die Pflichten der deutschen Politif die eingehendste Beachtung. Die deutschen Rechtsparteien dürfen sich nicht der Hoffnung hingeben, die politische Linkfsentwicklung in Frankreich für ihre 3wede mißbrauchen zu können. Wenn sie die Absicht haben, ihre Politik der Verschleppung und der Sabotierung des Sach verständigengutachtens mit verstärkter Energie durchzusehen, so werden sie alle Anfäße zu einer Gesundung der internatio­nalen Beziehungen vernichten, die sich aus der Etablierung der Arbeiterregierung in England und aus dem Sieg bes Linksblods in Frankreich ergeben haben. Die deutsche Sozialdemokratie wird jebenfalls alles, was in ihren Kräften steht, tun, um die von den Rechtsparteien vertretene Bolitif des nationalen Selbstmordes zu verhindern und gemeinsam mit ihren Bruderparteien in England und Frankreich den Weg zum Frieden und zum wirtschaftlichen Biederaufbau weiterzugehen, den sie seit Jahren fonfequent und unermüdlich verfolgt.

Die Aeußerungen der Bariser Morgenpreffe fpiegeln bie Schwierigkeiten wieder, die durch den Wahlausgang in Frant reich hinsichtlich der Umbildung der Regierung heraufbe­schworen worden sind. Es handelt sich jetzt nicht allein um ben Rücktritt Poincarés, fondern auch um die Demission des Bräsidenten Milleranb. Genoffe Léon Blum schreibt im Populaire":

"

Bährend Boincaré begriffen hat, scheint Millerand heute noch taub zu sein. Die offiziöfen Zeitungen erflären, Millerand sei be reit, seine Pflicht zu erfüllen, die ihm fein Amt auferlege, daß er aber zuerst eine wesentliche Verpflichtung gegenüber der öffentlichen Meinung und fich felbst zu erfüllen habe. Man müsse sehen, daß er vor allen Dingen feine Drohung zu verwirklichen habe, bie barin bestand, er werde demiffionieren, wenn der Nationale Blod ein Niederlage erleiden folite. In jedem Spiel fönne man verlieren oder gewinnen, wenn man aber verloren habe, fo folle man ehrlich

bezablen.

Die Sprache unserer französischen Genossen läßt demnach an Riarheit nichts zu wünschen übrig. Gestützt auf ihren großen Wahlerfolg und auf die einflußreiche Rolle, die ihnen jegt bei der Umgestaltung der franzöfifchen Bolitit zugefallen ift, wollen fie allen inneren Unflarheiten ein Ende machen, um endlich freie Bahn für eine freiheitliche Politik im Innern und eine Verständigungspolitik nach außen hirt zu schaffen. Was die Frage eines Präsidentenwechsels betrifft, so hat sich bereits gestern in franzöfifchen politischen Kreifen hartnäckig das Ge­rücht gehalten, Millerand fei entschloffen, vom Präsidentenamt zurüd zutreten. Dies Gerücht wird indirekt durch eine Meldung der Daily Mail" bestätigt, wonach Millerand die Absicht habe, der neu zu bildenden Regierung drei Ultimatioforderungen zu stellen, deren Nichterfüllung ihn zu einem schwerwiegenden politischen Entschluß" zwingen würde.

Hinsichtlich der neuen Kabinettsbildung sind in Pariser politischen Kreisen alle möglichen Kombinationen im Umlauf. Es heißt, daß die Neubildung der Regierung bereits vor dem 1. Juni vorgenommen werden würde, da die unmittelbar be vorstehenden schwerwiegenden politischen Entscheidungen eine attionsfähige Regierung notwendig machten. Im Echo de

Amerikanische Warnung an Deutschland .

New Borf, 13. Mai. ( CP.) Die New Porter Zeitungen von heute morgen brüden allgemein ihr Erstaunen über den Wahl­fieg der franzöfifchen Linksparteien aus. Allgemein hatte man an einen Sieg des Nationalen Blocks geglaubt. Die Newport Times" freiben, es bestehe große Gefahr dafür, daß die Deutschen die franzöfifchen Wahlen nicht nur als eine Niederlage für die Innenpolitit, sondern auch für die Außen politit Boincarés be. trachteten und daß sie sich dadurch zu neuem Widerstand er mutigt glaubten.

Wenn die Deutschen ihre Opposition gegen den Dames- Plan erneuern würden, so wären die Folgen für Deutschland äußerst ernst.

Eine große Berantwortlichkeit taste jetzt auf Macdonald. Wenn eine Regelung der Reparationsfrage möglich sein solle, so müsse Macbonald die neue französische Regierung energisch unterstügen. Er dürfe den Deutschen nicht gestatten, die Aufiierten zu hinter gehen, wenn das Friedenswert Erfolg haben solle.

Deutschland und Rußland .

Randbemerkungen zum Zwischenfall,

Der diplomatische Zwischenfall, der sich aus dem Ein­bringen preußischer Polizeibeamter in das Haus der russischen Handelsdelegation ergab, wird hoffentlich bald beigelegt werden. Das wird um so sicherer der Fall sein, je mehr man fich von beiden Seiten bemüht, den Borfall rein sachlich und rechtlich zu betrachten, ohne ihn durch Intrigen innen- oder außenpolitischer Art verwirren zu laffen. Man kann vielleicht jetzt schon, ohne dem endgültigen Ergebnis vorzugreifen, fagen, daß auf beiden Seiten Fehler begangen worden find. Denn auf der einen Seite durfte die wirkliche oder an­gebliche Erterritorialität der Handelsdelegation nicht dazu mißbraucht werden, um einen deutschen Häftling zu befreien, auf der andern Seite durfte die Fahndung nach dem Ent­fprungenen nicht ohne weiteres mit einer Haussuchung nach andern Dingen verbunden werden. In beiden Fällen, bei der Gefangenenbefreiung wie bei der Haussuchung ist an­scheinend von beiden Seiten mit Lift und Gewalt vor­gegangen worden, so daß man sich gegenseitig nichts oder gleichviel vorzuwerfen hat. Unter solchen Umständen sollte in diesem Zwischenfall bei beiderseitigem guten Willen ein Ausgleich leicht zu finden sein.

Wenn von fommunistischer Seite behauptet wird, hinter dem Vorgehen der preußischen Bolizei stehe die deutsche Sozialdemokratie, so ist das nichts als eines jener lächerlichen Märchen, die man dort braucht, um der Sozial­demokratie die Schuld an allem Migliebigen anzuhängen. Die deutschen Sozialdemokraten wünschen die intensivsten wirt­schaftlichen Beziehungen zwischen den beiden Ländern und zwischen den beiden Bölfern eine ehrliche Freundschaft, die feine Spige gegen irgendein anderes Bolt enthalten soll.

Wenn sich die wirtschaftlichen Beziehungen einstweilen darauf beschränken, daß einige deutsche Kapitalisten mit Ruß­ land gute Geschäfte machen, fo liegt die Schuld daran nicht bei der Sozialdemokratie, sondern sie ist in den gegebenen Berhältnissen begründet. Und menn in Deutschland bezüglich der Absichten Rußlands ein gemiffes Mißtrauen be fteht, das zu leugnen unmöglich ist, so liegt die Schuld wie berum nicht bei der deutschen Sozialdemokratie, sondern auf

ber anderen Geite.

hältnisse Rußlands zum Brinzip gemacht nicht nur aus der Bir haben uns die Nichteinmischung in die inneren Ber­allgemeinen Einsicht, daß folche Einmischungen leicht zu außen­allgemeinen Einsicht, daß solche Einmischungen leicht zu außen­politischen Konflikten führen, sondern auch weil wir uns von einer gewaltsamen Störung der russischen Entwicklung feinen Segen versprechen. Wir wünschen lebhaft, daß das System der despotischen Unterdrückung jeder amtlich un­erwünschten Meinung und aller Volksrechte, das in Rußland herrscht, verschwinden möge, wir verwahren uns dagegen, daß lismus zur Nachahmung empfiehlt, aber wir glauben, daß ein man uns dieses System als eine angebliche Sorte von Sozia­plöglicher gewaltsamer Ümschwung in Rußland zu neuen Zer­ftörungen und Erschütterungen führen würde und sehen darum unsere Hoffnung auf die gewaltlose Evolution Beber Deutschland noch die deutsche Sozialdemokratie benken daran, in Rußland eine Bewegung zu fördern, die in den Augen der russischen Staatspolizei etwa als gewaltsamer Umfturz" erscheinen tönnte.

stellen, heißt sie verneinen. Ist es aber auf der anderen Seite ebenso? Die Frage Die einzige reale politische Macht in Rußland ist die Kommunistische Partei , fie ist schlecht­weg mit der Regierung identisch. Diese russische Kommu­ nistische Partei betrachtet die Bernichtung" der deut­ichen Sozialdemokratie" als eine ihrer wesentlichen Aufgaben. Sie ist damit unzufrieden, daß die deutsche Sozial­demokratie nicht nur für Rußland , sondern auch für Deutschland den Weg gewaltloser Entwidlung einem blutigen Bürgerkrieg vorzieht, und sie unterstützt mit aller Macht und mit allen Mitteln die deutschen Kommunisten, die auf dem Weg der Gewalt zu ihren Zielen zu gelangen versuchen.

"

Einer der mächtigsten Männer Rußlands , Sino wjem, hat jüngst in einem Brief, der von der Roten Fahne" per­öffentlicht wurde, an die deutschen Kommunisten die Aufforde rung gerichtet, Ueberfälle auf affenlager zu ver. anstalten. Die russische Regierung wird fagen, Sinomjem sei Privatperson", und sie habe- so liberal ist man in Rußland auf seine Meinungsäußerung feinen Einfluß. Da müssen aber denn doch zwei Fragen erlaubt sein: Erstens, würde die Meinungsfreiheit der Privatperson Sinowjew in Rußland auch respektiert worden sein, wenn er Ueberfälle nicht auf deutsche , sondern auf russische Waffenlager empfohlen hätte? Und zweitens, tann man es sich in Rußland vorstellen, daß der Führer einer regierenden deutschen Partei eine derartige Aufforderung nach Mosta u richtete und daß man fie in einem Moskauer Blatt seelenruhig abdruckte?

Diese Fragen müssen gestellt werben, obmohl bie Rommu­niften daraufhin wieder schreien werden, wir wollen benun­zieren. Das wollen wir wahrhaftig nicht. Wir wollen nur, daß mit gleich em Maß gemessen werde und daß dem einen recht fein soll, was dem anderen billig ist.

Die russische Regierung verlangt, daß ihre Handelsbele­gationen in Deutschland gegen jeden Eingriff der Polizei ge­fichert fein sollen. Das Berlangen wird erst dann berechtigt, wenn Gewähr dafür gegeben ist, daß aus den Handels­delegationen feine Einmischung in die inneren Ange­legenheiten Deutschlands erfolgt, zum mindesten feine Ein­