Einzelbild herunterladen
 
  

Nr. 270 41.Jahrgang

1. Beilage des Vorwärts

Prinz- Albrecht- Str. 5.

Mittwoch, 11. Juni 1924

Heute zählt das Abgeordnetenhaus 134 Sozialdemokra ten, und unser Genoffe Leinert, der zu den ersten sechs sozial­demokratischen Landtagsabgeordneten gehörte, ist der Präsident des Abgeordnetenhauses. Unser Parteitag aber, der im Abgeordneten­haus tagt, wird dafür Sorge tragen, daß echt demokratischer Geist fassen und sein Echo im Abgeordnetenhaus findet.

Aus der Geschichte des preußischen Landtages.- Vom Junkerparlament zur Volksvertretung. und demokratische Gesinnung in Preußen immer weiter festen Fuß

Der Parteitag der Sozialdemokratischen Partei beginnt heute in Berlin in den Räumen des Preußischen Abgeord­ netenhauses in der Prinz- Albrecht- Straße. Der ge­waltige Steinbautaften mit seinen vielen Sälen, seinem großen Treppenhaus, der breiten, vielsenstrigen Front und den überlebens­großen Puppen auf dem Dach, von denen niemand weiß, wen fie vor. stellen und was sie symbolisieren sollen, war noch 1909, in einem Jahr, in dem die Sozialdemokratie die zweithöchste Zahl von Ur­wählern hatte, der Sozialdemokratischen Partei und sozialistischen Abgeordneten verschlossen. Jetzt wird in diesem Haus, dessen Präfi­dent ein Sozialdemokrat ist, unser Parteitag abgehalten. Beinahe könnte man in dieser Tatsache so etwas wie einen Aft der ausgleichen­den Gerechtigkeit erbliden.

11

Dom Dönhoffplatz zur Prinz- Albrecht- Straße. Das Preußische Abgeordnetenhaus, durch lange Jahrzehnte der Typ eines Junker- und Muderparlaments, die klassische Stätte des Wahlunrechts, an der die auf Grund des elendesten aller Wahlsysteme gewählten Abgeordneten faßen, hat im Jahre 1849 eine provisorische Unterkunft im alten Hardenbergschen Palais am Dön­hoffplah gefunden. Dieses Provisorium dauerte freilich sehr lange. Schließlich aber mußte man den dort herrschenden ganz un­haltbaren räumlichen Zuständen ein Ede machen. Der Sitzungs fcal war eng und ohne genügende Bentilation, die einzelnen Be­ratungszimmer waren klein und dunkel, und für die Vertreter der Presse war eigentlich überhaupt teine Sorge getragen. Es war das bezeichnend genug für die Grafen, Barone und Agrarier, die in diesem Haus saßen. Man fümmerte sich nicht um die Presses bengeis", um dieses nowendige Uebel, um jene Menschen, die den Beruf verfehlt hetten" und so unverschämt waren, alle faulen und feigen Machenschaften der Raktionäre schonungslos aufzudecken! Ende der 1880er Jahre endlich wurde beschlossen, in der Prinz­Albrecht- Straße auf dem Terrain der Porzellanmanufaktur und des Herrenhauses ein neues Geschäftsgebäude für das Abgeordnetenhaus zu errichten. Mit der Erbauung wurde von der Staatsregierung der Baurat Friedrich Schulze beauftragt, der im Herbst 1893 mit dem Bau begann und ihn so förderte, daß das Haus am 16. Ja­nuar 1899 beim Zusammentritt zur 19. Legislaturperiode der Be­nugung übergeben werden konnte. Wenn auch vielleicht nach vielen Richtungen zu viel Bomp und Prunt, wie ihn die Herren Bürger­lichen so liebten, entfaltet worden ist, wenn wir auch nicht verstehen fönnen, warum der Präsident des Hauses einen großen Festsaal mit grünen Studmarmorpfeilern und Stofftapeten haben muß, im großen und ganzen muß gesagt werden, daß der Bau allen modernen An­forderungen Rechnung trägt, für Luft und Licht in allen Räumen und Silen sorgt und auch auf die Bedürfnisse der Preffe gebührend Rücksicht nimmt. Die hohen Herren" fühlten sich dann auch sehr wohl in dem neuen Haus, in dem man nicht nur tagen und beraten, sondern auch allerhand Bäder nehmen und die Haare vom Friseur funstvoll fräufeln lassen fonnte. Eine derartige Beschäftigung war übrigens manchem der damaligen Abgeordneten entschieden wichtiger als die langweiligen Sigungen, bei denen man nicht immer unbes obachtet und ungestört schlafen konnte. Man hatte es schön im Hause, aber man wollte es immer noch schöner haben. So wurden noch hier und da Gemälde angebracht, in den Erfrischungsräumen und im großen Sigungsjaal mußten neue Fahrstühle eingebaut werden und was dergleichen lebenswichtige Dinge mehr waren. In deffen man war immer noch nicht zufrieden. Die Sessionen dehnten fich allmählich lange und bis in den Sommer hinein aus und man wünschte sich einen Garten. Vertrauensvoll wandte man sich an das Herrenhaus, das ja befanntlich mit der Front an der Leipziger Straße an das Abgeordnetenhaus angebaut wurde, und Indessen man hatte sich sehr geirrt, wenn man glaubte, dieser Wunsch bat, den schönen Garten der Herrenhäusler benutzen zu dürfen. würde ohne weiteres in Erfüllung gehen. Die Herrenhäusler waren eben noch feinere Leute als die im Abgeordnetenhaus. Sie wollten nicht, daß so einfach die Schutzes und Krauses und Müllers aus dem Abgeordnetenhaus- und freifinnig waren diefe Rerle außerdem

3]

Die Venus von Syrafus.

Bon Clara Rahka.

,, Gaffen, sehr eng, sehr hoch, am Berg hinauffletternd, voll, voll von Menschen! Menschen über- und untereinander, viel, viel mehr noch als hier!"

" 1

Und Frauen?" rief der dice Delhändler begeistert. Niemand hätte ihm diesen Ausspruch zugemutet, am wenigsten seine eigene Frau, die breit auf einem niedrigen Schemel faß und ihr Jüngstes an der Brust hielt.

" Frauen?" Renzos Augen blitzten, er warf Fiametta einen lachenden Blick zu, nicht schöner als hier!" man rief, flatschte in die Hände. Nicht schöner als hier, nicht schöner!" Alle freuten sich.

"

Und was ist mit dem Befun?" fragte Frau Bruscoli, die die Aufmerksamkeit von ihrer Tochter ablenfen wollte. Der Vesuv ?" Das Gesicht des jungen Burschen wurde

ernst.

O nein, der Befuv ist kein Aetna ." Er hob beide Hände empor, die Flächen wie beschwörend seinen Zuhörern zu gewandt. Der Aetna , diefer Gewaltige, diefer Riese! Schnee­bedeckt, hoch, breit, unerforschlich!" Er fah fich felbst im anti­fen heater zu Taormina fißen, das Antlig dem Aetna zu gewandt, tief unten zu seinen Füßen den wundervollen Bogen des arünblauen, in weiße Girlanden und Spigen auslaufen­den Meeres.

Der Aetna , die Liebe seiner Knabenjahre! O nein, wir haben den Aetna !" rief er tönend, so daß es an den Wänden des Palazzos hinaufschallte, und wir haben den Duft viel füßerer Blumen, den Duft der endlosen Orangen- und Li­monenhaine, das haben wir, wir in Palermo das Grün, die Wiesen Als ob diese Sonne nur über Balermo scheinen könnte.

Wort.

-

Sonne!"

-

-

Und wiederum berauschten sich all diese Sonnenkinder am Es war nun ausgemacht und jedermanns Entzüden, daß dennoch nichts Siziliens und Palermos Schönheit erreichen

fönnte.

Sie trennten fich, schüttelten einander die Hände, als nähmen sie Abschied auf lange Zeit, ja, der junge Falconi umarmte und füßte Renzo, als sei er von dieser Stunde ab auf ewig mit ihm verbunden.

Dann trat er zu feinem Esel, der die Augen in einem mohligen Halbschlaf geschlossen hatte,

-

--

-

noch in ihrem Garten promenierten. Sie lehnten also ab mit der wunderbaren Begründung: wenn der Garten des Herrenhauses auch für die Abgeordneten des Abgeordnetenhauses zur Benutzung frei­gegeben wird, dann muß er einen Zugang haben von der Straße, und dann könnten Hunde in den Garten laufen. Das aber wäre ein zeihung für den Mißbrauch dieses Wortes von damals verstanden unwürdiger Zustand! Ach ja, die Herren Bolfsvertreter Ber­es ganz ausgezeichnet, mit überaus wichtigen Beratungen die Zeit zu vertrödeln. Doch die Abgeordneten des Abgeordnetenhauses waren starrköpfig. Sie wollten einen Garten um jeden Preis, und so ließen sie sich einen Dachgarten auf dem Dach des Abgeordnetenhauses an­legen, wo sie nach der Anstrengung im Sigungsfaal Bowie und andere erfrischende Getränke zu sich nehmen konnten.

21

Die Abgeordneten des Dreiklassenparlaments. Es ging überhaupt außerordentlich gemütlich zu in dem Ab­geordnetenhaus von damals. Am Dönhoffplak präsidierte der alte Köller. Er hielt vor allem darauf, daß die Sitzungen sich nicht zu lange ausdehnten. Ein Vertragungsantrag lag stets in feiner Schublade, und wenn die Uhr drei geschlagen hatte, stand er auf und verfündete würdevoll: Es ist der Schluß der Debatte beantragt worden!" Der Vertagungsantrag wurde immer angenommen. Wenn aber wirklich einmal ein Abgeordneter von einer sogenannten Oppo­fitionspartei noch nach drei Uhr reden wollte, dann meinte Herr von Röller, jovial, wie er schon war:" Herr Abgeordneter, Sie wollen doch nicht etwa noch sprechen?!" Und der Herr Abgeordnete verstand den Wink und schwieg gehorsam. Hier in dem Haus am Dönhoff­plak war es auch, wo der damalige Präsident, als der Abgeordnete von Rochow den Polizeipräsidenten von Sinkelden im Duell er­schoffen hatte, die klassischen Worte sprach: Unser edler Herr von Rochow hat heute den Berliner Polizeipräsidenten erichoffen. kann dem hohen Haus aber die beruhigende Mitteilung machen, daß unser guter Rochom sich bereits in England in Sicherheit befindet. Nach Herrn von Köller wer lange Jahre Jordan von Kröcher Präsident des Abgeordnetenhauses. Auch er war durchaus für Ruhe, er liebte aufregende Szenen nicht, wie sie damals ab und zu der polnische Abg. Korfanty aufführte, und wenn die herzlich be­beutungslosen Wellen einer Debatte auf niedrigstem Niveau gemäch lich und gemütlich dahinplätscherten, machte er wohl ein Nickerchen auf dem großen und breiten Präsidentenstuhl. Ein Unglück konnte nicht passieren, denn neben ihm saß, wartend und wachend, der Herr Bureauvorsteher.

Das Preußische Abgeordnetenhaus vor dem Jahre 1908 zählte 433 Mitglieder. Die Zusammensehung des Hauses bildete gleich zeitig die schärfste Verurteilung des Dreitlassenwahlsystems. Das Haus zählte nämlich zu Mitgliedern: 44 Berwaltungsbeamte, 48 höhere Justizbeamte, 31 sonstige Beamte, 7 Offiziere a. D., 19 Lehrer und Professoren, 20 Geistliche, 26 Rechtsanwälte, 4 Aerzte, 10 Privatbeambe, 6 Schriftsteller, 113 Großgrundbesitzer, 46 Land­wirte, 10 Raufleute, 17 Industrielle, 6 Handwerker, 29 Rentner, 5 sonstige Berufe und-2 Arbeiter. Daß ein fo zusammengesetztes Parlament fein Recht hatte, sich eine Voltsvertretung zu nennen, liegt auf der Hand.

Die neue Zeit.

Aber dann begannen die erbittertsten Wahlrechtskämpfe unferer Partei. Den Herren im Preußenparlament wurde es unbehaglich zu Mute, als fie 1908 im Januar die großen sozialdemokratischen Wahlrechtsdemonftrationen vor dem Abgeordnetenhaus sahen. Bez fanntlich blieb es nicht bei den Demonstrationen. Unsere Worte wurden zu Taten. 1908 30gen die ersten sechs sozialdemokratischen Abgeordneten in das Haus in der Prinz- Albrecht- Straße.( Borg mann, Heimann, Hirsch, Leinert, Dr. Liebknecht und Ströbel.) chen des Herrn von Kröcher. Jezt kam Leben in die Bude". Nun war es aus mit der behaglichen Ruhe und dem Nider Unsere Genossen erinnern sich alle noch der Kämpfe, die unsere ersten Abgeordneten im Preußenhaus zu bestehen hatten, der Wider. stände, die sie überwinden mußten, der großen Auftritte und turbu­fenten Szenen.

Wie all die unzähligen Esel Palermos , war er töftlich aufgeschirrt. Rotes Leder, über und über mit glitzernden Münzen benäht, ein Joch mit langen Behängen, auf denen fleine Spiegel blizten. Oben auf diesem Joch und auf dem Kopf des Esels ein bunter, hoher Federschmud, so wie Fla­metta fie für einen der vielen Händler anfertigte.

Doch was wollte diese Bracht neben der des Karrens

fagen!

Die ganze Geschichte Palermos und Siziliens und die seiner Heiligen fährt täglich, auf blaue, rote, grüne, gelbe Kar­ren gemalt, durch die Straßen. Bunte Szenen bedecken jede größere Fläche. Selbst die Deichseln, die Räder, vorsprins gende Knöpfe, alles ist über und über bemalt.

Soll da ein Palermoer Esel fein stolzes Tier werden? Wer in der Welt zieht sonst diese bunten Historien! Und Esel gibt es, alt und ehrbar, dabei nicht größer als ein ansehnlicher Hund- und andere, so rund, prall und stattlich, daß ein rechter Kavalier, wie der junge Falconi, sich nicht zu scheuen braucht, ihn durch lange, volfreiche Via Maqueda zu lenken, dicht neben den eleganten Karossen der Mobili vorüber oder unter die Schatten der hohen Palmen, die das Theater umgeben.

Haben sie dies da?" ruft er zu Renzo zurück, der auf der Tischfante siht und den Ruhm einer glücklichen Heimkehr genießt. " Nein, das haben sie nicht!" tönt es stolz zurück, und jeder weiß, daß er Palermos bunte Efelgespanne meint.

2.

Renzo Abriani hatte die Freude an seiner Arbeit verloren. Was er auch vollbrachte und ob der alte Gagini noch so wohl wollend knurrte, nichts gefiel ihm. Früher war seine jugend­liche Eitelkeit um alles herumgetänzelt, früher hatte ihn das begeisterte Lob des ganzen Palazzos entzückt und angestachelt - das war vorüber. Er war in Neapel gewesen. Aus den Fluten der hohen Kunst, die ihn dort emporgetragen, hatte er fich nicht so stolz und heiter gerettet, wie aus den Kapriolen des alten Seglers.

Vor allem konnte er jene Venus nicht vergessen. Doch er sprach niemals davon.

Er war von dem Gedanken an sie erfüllt wie von einer großen Liebe.

Er fah sie vor sich stehen, das hinabgleitende, im Winde gebauschte Gewand mit der linken Hand leicht zusammen­raffend, den schlanken und doch vollen Körper vom Dufte des Meeres umfost.

Wer war der Dieb?

Als die jungen Mädchen mit den übrigen 15 glücklich das Coupe faßen, bei denen alle vorwurfsvoll Blide zum Plazmachen fruchtlos gefüllt, und sich vergewissert hatten, daß schon sechs auf einer Ban? an Zeitungen abprallten, entdeckte eines von ihnen, daß es sein Porte­monnaie verloren hatte. Sein fleines braunes Portemonnaie.

Das braune Portemonnaie fand sich nicht. Das Fräulein suchte draußen, denn der Zug hielt noch. Es wollte mit dem nächsten fahren. Da rief ein mächtiger Herr in Blau: Fräulein, steigen Sie nur ein, der Dame neben mir ist auch das Portemonnaie gestohlen worden. Der Zug fuhr, das Fräulein stieg ein. Man überlegte sich, was war geschehen? Was wollte der mächtige Herr sagen? Doch wohl nichts anderes als: Sie geben sich vergebliche Mühe, mein Fräulein, Ihr braunes Portemonnaie zu suchen, sie haben es nicht verloren, es ist Ihnen ebenso gestohlen worden, wie es der Dame neben mir. Das mochte der mächtige Herr gedacht haben und dann weiter: Da Sie Ihr Portemonnaie noch draußen fühlten, so kann es nur einer von den 15 gewesen sein, der das Gedränge des Einsteigens benutzte. Steigen Sie nur ein, mein Fräulein, so sind Sie Ihrem Porte­monnaie wenigstens näher, als wenn Sie zurückbleiben, wenn es sich auch in einer anderen Tasche befindet, als in der Ihrigen. Also in der Tasche eines der 15?

-

der Hand, so einfach darauf zu kommen, nichts selbstverständlicher. Es war ein Verdacht. Nicht ausgesprochen, aber so klar auf Wer wagt es, daran zu zweifeln? Einer von den 15, die sich dicht gedrängt aneinander stießen wer? Auf jedem lastete gleichmäßig ein Fünfzehntel des Verdachts. Alle trugen zu gleichen Teilen daran. Die beiden Fräuleins, die sich im Leid gefunden, klebten wie junge Hühner in einer Ede und tauschten ihre Nöte, versicherten sich gegenseitig mit hundert Wiederholungen jede Sekunde des Ein­steigens, wobei sich herausstellte, daß keine seltsamerweise etwas ge= merkt, oder doch:" Mir war so, als ob Alles sprach anein­ander vorbei, denn sie waren so wohlerzogen, nicht auszudrücken, was sie dachten, etwa: Du in dem grünen Anzug dort, ich sehe wohl, daß deine Hand etwas frampfhaft in der Tasche hält. Ich sehe wohl, daß du dich bemühft, den Blicken der anderen auszuweichen und draußen die öden Häuser anstarrst. Oder du, was zeichnet sich dort verhängnisvoll in deiner Tasche ab? Ist es nicht deutlich die Form mit der nervösen Bewegung deines rechten Fußes ein Etwas in den eines länglichen Damenportemonnaies? Oder du, was scharrst bu Winkel? Ein Etwas, das man nicht sehen kann, aber Es war ein so wohlerzogenes Coupé und doch hätte manch einer auf die Wohlerzogenheit gepfiffen, wenn jemand es laut ausgedrückt hätte: Meine Herrschaften, von uns 15 ist einer der Dieb.

Der Zug rüttelte sich weiter, durchschlug ein paar Weichen und hielt. Drei stiegen aus. Es konnte einer von den dreien sein. Es fonnte, aber es mußte nicht. Raffinierte Diebe werden unter so Der Zug fuhr weiter. Aber der Zug hielt wieder und entließ glücklichen Verhältnissen ruhig dorthin fahren, wohin sie wollen. sieben. Und er hielt noch einmal. Es stiegen dret aus, so daß zwei zurückblieben, und zwar das bestohlene Fräulein Nr. 2 und der mächtige Herr in Blau. War noch ein Verdacht vorhanden? Der mächtige Herr sprach es aus: Wer war es nun? Niemand", ver­feßte das Fräulein. Ich verdächtige niemanden, man muß das nächstemal seine Sachen beffer hüten."

"

Fräulein fuhr noch ein Stück weiter, saß fromm in der Ecke und als " Ich empfehle mich," sagte der Herr, denn der Zug hielt. Das der Zug wieder hielt, ftieg es aus, fuchte fein angeblich verlorenes Portemonnaie hervor, entnahm ihm die Karte und dachte fröhlich: Wie gut, daß ich mich getäuscht habe.

Die rechte Hand mußte die Brust halb bedeckt haben. Sie fehlte. Kurz über dem Ellbogen war der schön gerundete Arm abgebrochen.

Gewiß war der Arm, diese Hand, ein Meisterwerk ge­wesen, doch was war das gegen den fehlenden Kopf!

-

Der Hals zeigte eine fleine Wendung nach links- oder hatte es ihm nur so geschienen?

Wie mochte es sein, wenn dieses herrliche Geschöpf den Kopf leicht gefentt hielt, von der eigenen Schönheit berauscht? wie, wenn das Antlig dem Beschauer zugewandt war, im gelassenen Bewußtsein sieghafter, ewiger Macht? und wie, wenn es fühl und heiter zur Seite blickte? Niemals fonnte die Venus von Syrafus eine Beziehung zu irgend etwas haben, das nicht in ihr selbst ruhte.

-

Es war nicht auszudenken, daß seine Geliebte aus Stein auf der Fontana Pretoria in Balermo gestanden hätte, zwischen anderen Frauen- und Männergestalten, zwischen grinsenden Faunen und wasserspeienden Tieren.

Sie fonnte nur einsam sein, fühl und weich, stolz und zärtlich doch allein.

Wenn er sie nur einmal lange und ungestört betrachten fönnte, sie selbst, nicht nur ihr Abbild! Die Göttin würde ihm eingeben, wie er ihren Kopf gestalten müßte. Und wenn ihm das gelang, dieses eine, was in ihm brannte, dann öffnete sich ein Born, dann würde ein starker, flarer Quell alle Hem­mungen hinwegspülen, dann durchpulste ihn das Gefühl für wahre Kunst, wie sein warmes Blut den Körper, dann war er so tief gesegnet, daß Hand und Auge für Minderwertiges rerschlossen blieben.-

Niemand von seinen Genossen sah, daß Renzo etwas erfüllte, was ihn von dem täglichen Geplänkel der Liebelei und den Aufgaben des alten Bildhauers fortzog, mur Gagini selbst fühlte die Wandlung ein Fremdsein.

---­

Die ersten Tage nach der neapolitanischen Reise, das war nur ein Feuerwerf gewesen; jezt, im Lichte langer Alltags­wochen, sah der Meister einen grüblerischen und zugleich sehn­füchtigen Zug im Gesicht des früher so übermütigen Burschen. Was in aller Welt fonnte es sein? Doch nicht Fiametta?

Die tam in Renzos eigenen fleinen Arbeitsraum wie die Schwalbe in ihr Nest. Viel zu oft kam sie. Man sollte den Renzo allein laffen mit dem, was er in aller Stille schaffen wollte. Aus und ein! Ein und aus! Ein wenig blaß, wenn fie fam, mit geröteten Wangen und blanken Augen, wenn sie ging. So war die kleine Fiametta.

( Fortsetzung folgt.)