Abendausgabe
Nr. 411 41. Jahrgang Ausgabe B fie. 206
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Berliner Dolksblatt
1. September 1924
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Das jüdische Tannenberg".
Bölkische und Kommunisten und zu 50 Proz. auch die Deutschnationalen wollten es anders. Da war die berühmte Berjadungstheorie", die Preisgabe von Rhein und Ruhr auf unbestimmte Zeit, da war der gloriofe Plan, am Rhein die große Entscheidungsschlacht zwischen Osten und Besten zu schlagen im Bund von Sowjetstern und Hakenkreuzfahne. Man fann sich vorstellen, wie es den Reventlom und Scholem zumute sein muß, wenn sie jetzt sehen, daß ein vernünftiger gewordenes Europa auf ihre angekündigten Heldentaten verzichtet und daß die sozialdemokratische Berständigungspolitik die Räumung des Ruhrgebiets tatsächlich erreicht.
Diese sozialdemokratische Verständigungspolitik ist nun freilich nicht die Politik der deutschen Sozialdemokratie allein. Sie ist die Politik der Londoner Internationale, die Politik der französischen Sozialisten und der englijchen Arbeiterpartei. Defto schlimmer für Moskau , desto fchlimmer für Botsdam.
am 7. Oftober, fyreiten. Diese Feststellung wird sich auf die Einfegung der vom Sachverständigenbericht vorgesehenen Bollziehungsund Kontrollorgane, die endgültige Bildung der neuen Reichsbank und der Eisenbahngesellschaften, sowie auf die Aushändigung der Induftrie- und Eisenbahnobligationen beziehen. Am 22. Oftober werden die von der franzöfifch- belgischen Regie verwalteten Eisenbahnlinien auf die neue Eisenbahngesellschaft übertragen. Diese lebertragung wird bis zum 7. Dezember zu Ende geführt sein.
Ludendorff hat am 29. Auguft im Reichstag von einem jüdischen Tannenberg" gesprochen. Gegen diesen Ausspruch muß man protestieren, weil er zu philosemitisch ist. Wäre dieser große Erfolg der internationalen Berständigungspolitik wirklich auf das Konto des Judentums zu fezen, so müßten die Völker der Welt heute Huldigungsgefänge für das Judentum anstimmen. Aber das ist natürlich Unfinn. Nur ein fanatifierter Trottel, der überall Juden sieht, wie etwa ein anderer weiße Mäuse, fonnte auf diese abstruse Idee verfallen. man im Zusammenhang mit AbStimmung des 29. August von einem Tannenberg der Sozialdemokratie sprechen will, so sind wir bereit, das anzunehmen. Als neulich schon diese Abstimmung hier als ein großer Erfolg der Sozialdemokratie bezeichnet wurde, hieß es in der deutschnationalen Bresse, wir jubelten über die ( von Herrn v. Tirpik und dem Bismard- Entel mitbeschlossene Berstlavung des deutschen Voltes". Nein, verehrte Berleumderidioten, mir jubeln über die Be= freiung der befeßten Gebiete, wir jubeln über den Fall der inneren Bollinie, die Deutschland zerriz, über die Beseitigung der Eisenbahnregie und der Micum- Laften. Wir jubeln darüber, daß ein einiges Deutschland wiederhergestellt, die Loslösungsgefahr beseitigt wird, und daß die französifchen Soldaten ihre Tornister paden, um abzumarschieren. Und wir find stolz darauf, daß wir das zuwege gebracht Sieger Saben bringt." Nach der nationalistisch ber Welt weiß, daß genau vor 10 Jahren Deutschland plöglich ein unter Opferung unserer halben Bevölkerung und unferes ge- betbeumütiges Band angegriffen hat, das feine Neutralität schützen famten Boltsvermögens das Ruhrgebiet als einen Trümmer- mußte, und Frankreich , das, um seinen Friedenswillen zu beweisen, haufen zurüdbekommen. in fpontaner Weise feine Trupen 10 Rilometer von feiner Grenze zurüdgezogen hatte. Diese Tatsachen leugnen hieße, der Sache des Friedens einen schlechten Dienst erweisen.
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Dieser unser Jubel ift menfchii rein. Auch damals, vor zehn Jahren, als die beutschen Soldaten wieviel So zialdemokraten waren wohl darunter? den Sieg über die Heere des Zarismus gewannen, freuten wir uns über die Befreiung deutschen Landes und über die Niederlage ber reaktionärsten Macht der Welt. Aber wer sich an das Todes: stöhnen der russischen Soldaten erinnert, die in die maju rischen Sümpfe getrieben wurden eine gewisse Breffe verfäumte es nicht, die furchtbaren Leiden der Feinde" breit auszumalen und wer daran denkt, wieviel deutsches Blut diefer Sieg geloftet hat, den padt ein Grauen!..
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Wenn heute die Franzosen befeßtes Land aufgeben, ohne baß ein Schuß gefallen, ohne daß Blut vergossen worden ist und sinnlose Berwüstungen angerichtet worden find, so preisen wir das als einen Sieg der 3ivilisation, und wir find stolz darauf, in erster Reihe für ihn gekämpft zu haben. Ludendorff fagte: Bor zehn Jahren habe Jch Tannenberg gewonnen!" Bon den Sozialdemokraten ist feiner größenwahnsinnig genug, zu sagen: Das habe ich allein gemacht." Der Sieg von Tannenberg war das Bert der Hunderttausende, die bei ihm das Leben in die Schanze schlugen, er war auch wer wollte das leugnen?- das Bert einer gefchickten Generalftabsarbeit, an dem piele mitge wirkt haben. Diele tamen ja auch gestern bei der Gedent feier in Hohenftein zufammen, um in der Sonne gefchichtlichen Ruhmes ihre etwas ertalteten Glieder zu wärmennur einer war nicht dabei oder wird menigftens in den Zeitungsberichten nicht genannt, nämlich der General Mar Hoffmann. Er hat zwar an dem strategischen Erfolg von Tanenberg einen sehr wesentlichen Anteil, aber er hat ein fezerisches Buch über den Krieg der versäumten Gelegen heiten" geschrieben, er hat eine Jüdin zur Frau und ist kein Freund von Erich Ludendorff ...
General Hoffmann hat in seinem Buch geschrieben: Alle Anstrengungen der Reichsleitung mußten fich von diesem Moment an( 1915) darauf richten, einen Frieden auf dem status quo( nach dem Stande vorher) zu bekommen, die Anstrengungen der Oberften Heeresfeitung darauf, feinen Rückschlag zu haben und die vom Heere errungenen Gebiete festzuhalten. 3ch glaube, daß ein solcher Frieden im Jahre 1917 erreichbar gewejen wäre, falls wir flipp and fler auf Belgien verzichteten.
Daß ein solcher Mann nicht auf Ludendorffs Tannenbergfeier gehört, liegt auf der flachen Hand, und wenn er zehnmal ganz allein die Schlacht von Tannenberg gewonnen hätte! Denn General Hoffmann spricht damit klar und offen aus, daß die Kriegspolitit der Sozialdemokra tie richtig war und daß die Kriegspolitik der Ludendorff, Tirpig, der„ Vaterländischen", der Deutschnationalen, der Böllischen für Deutschland zum Berhängnis geworden ist.
Hätte in Frankreich die Ludendorfferei gefiegt, die dort Boincarismus heißt, so wären die Franzosen niemals frei willig zurückgegangen. Und wer weiß, ob das nicht im Lauf ber Geschichte für Frankreich ebenso zum Berhängnis geworden wäre wie für Deutschland die Weigerung von 1917, flipp und flar auf Belgien zu verzichten.
Die Abstimmung vom 29. August war ein Tannenberg, bei dem die Militaristen, die Bölterverhezer, die Vorbereiter fünftiger Kriege allesamt die Jacke vollgekriegt haben. Und daß die Deutsch nationalen an diesem Tannenberg" mithelfen und sich selber prügeln mußten, das ist der Humor von der Geschichte.
Gewiß, auch dieser Sieg to stet! Aber welcher Narr behauptet, daß der Sieg, den die Rationalisten und Kommunisten später einmal erfechten wollten, billiger zu haben gewesen wäre? Ein General, ber auch nicht bei der Tannenbergfeier war, der Generalmajor v. Schön ai ch, schreibt in seinem Buch„ Bom vorigen zum nächsten Krieg":" Derkrieg hat den Sinn verloren, wenn er auch dem
Jegt wird militärisch gewonnenes Land aus Gründen der Bernunft freiwillig aufgegeben, und die Macht, die das hut, ehrt sich damt felbst. Der deutsche Nationalismus aber heult vor Schmerz, denn jeder Quadratkilometer Landes, den bie Franzosen räumen, ist barer Kapitalverlust für ſein ftumpffinniges Heggeschäft. Je loyaler Frankreich sein Räumungsversprechen erfüllt, desto sicherer schlägt es den deutfchen Nationalismus vernichtend aufs Haupt.
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Die Baterländischen" weinen, wenn das Baterland befreit wird!
Beginn der Räumung.
Paris , 1. September. ( WIB.) Havas teilt mit: Das Ministerium des Aeußern hat dem General Degoutte Weifungen erteilt, damit diefer die militärische Räumung der Zone Dortmund- hörde und der Gebiete, die außerhalb des am 11. Januar 1923 befehten Ruhrgebietes liegen, vorbereite.
Ende des pfälzischen Separatismus. Frankfurt a. M., 1. September. ( WIB.) Nach einer meldung der Frankfurter Zeitung " aus Speyer war der Zentralausschuß der sogenannten Rheinischen Arbeiterpartei zum 28. Auguft hierher berufen und feitens der franzöfifchen Delegation von Staatsanwalt Gellin empfangen worden. Diefer eröffnete den Erschienenen, daß die Rheinische Arbeiterpartei fofort auf3ulösen fei. Die Auflösung müffe vollständig und restlos mit fofortiger Wirkung gefchehen. Die Partei dürfe auch unter anderem Namen nicht wieder auftreten. Die Auflösung müsse durchgeführt werden ohne Rücksicht darauf, ob das Londoner Abkommen von der Berliner Regierung unterzeichnet werde. Die Mitglieder der Zenfralleitung würden für die ffrenge Durchführung der Anordnung haffbar gemacht. Die einzelnen Ortsgruppen haben daraufhin bereits mit der Durchführung der Auflösung begonnen, indem sie die Mitgliederausweise einziehen und vernichten.
Freilaffung der Wiesbadener Kommunisten. Wiesbaden , 1. September. ( WTB.) Auf Befehl des franzöfifchen Ariegsministers find 25 Kommunisten, die wegen angeblicher anfimilitarifischer Propaganda bereits vor dem Kriegsgericht Wiesbaden ftanden, auf freien Juß gesetzt worden.
Günftiger Verlauf der Micum- Verhandlungen. Düsseldorf , 1. September. In der heutigen Berhandlung der Seferfommiffion mit der Micum über die Reparationstohlenlieferungen während des im Condoner Abkommen vorgesehenen Broolforiams fonnte Uebereinstimmung über die Hauptfrage erzielt werden, daß die Lieferungen fortgesetzt und zu den Preisen bezahlt werden sollen, welche in den demnächstigen Berhandlungen der Regierung mit der Reparationsfommiffion feftge. legt werden. Da aber einige Fragen der Durchführung sowie die Frage der Gelbleiffungen noch zu klären find, wurde die Berhandlung auf Dienstag vertagt. Eine Unterbrechung der Lieferungen trift dadurch nicht ein.
Wann die Fristen zu laufen beginnen. Paris , 1. September. ( Tul.) Der" Temps " meldet, daß die Reparationsfommission morgen zum erstenmal feststellen wird, daß Deutschland die orbedingungen zur Ausführung des Sachverständigenberichtes erfüllt hat. Zu einer zweiten Feststellung wird die Reparationstonnniffion fünf Wochen später, d. h. spätestens
Aeußern veröffentlicht folgende Mitteilung: Die französische Regierung hat noch teine offizielle Mitteilung von der öffentlichen Ergierung hat noch teine offizielle Mitteilung von der öffentlichen Erflärung erhalten, die der deutsche Reichstanzter über die Berantwortlichkeit am Kriege abgegeben hat. Die franzöfifche Regierung wird, wenn diese Mitteilung an fie gelangt, unverzüglich bie notwendige amtliche Antwort on Berlin gelangen laffen. Schon jet probeftiert die Breffe gegen eine Thefe, die nicht nur den offenfichtlich bestehenden Tatsachen, sondern auch den formellen Ausbrüden des Versailler Vertrages widerspricht, b. h. einer causa judicata, den Ausbrüden, wie sie fond George im Namen der am 3. März 1921 gebraucht hat. Die öffentliche Meinung
Eröffnung der Völkerbundstagung.
lung, die Montag, den 1. September, zufammentritt, wird, obgleich
Genf , 1. September. ( BTB.) Die fünfte Böllerbundsveriamm
die Tagesordnung abgesehen von der vielumstrittenen Garantie. pattfrage an und für sich dürftig ist, in Genf mit großer Spannung erwartet, einmal, weil zum erstenmal die leitenden Staatsmanner Englands und Frankreichs fich an ihr beteiligen und das Wort ergreifen werden, dann, weil man allgemeine annimmt, daß gegebenenfalls vorbereitende Beratungen über die Sicherheitsfrage im Zusammenhang mit dem Garantiepaft und der Militärkontrolle stattfinden werden. Die französische Delegation tritt in einem Umfang und in einer Besetzung auf wie nie zuvor. Neben Herriot werden erscheinen als ordentliche Delegierte Léon, Bourgeois, Briand, Paul Boncourt, als stellvertretende Delegierte Loucheur, Jouvenel und Maurice Sarraut , als beigeordnete Delegierte Jouhaug, Sefretär des französischen Gewerkschaftsbundes, der raditale Deputierte Bonnet und der Präsident des französischen Kriegsbeschädigtenverbandes Cassin . Die Führer der englischen Delegation find neben Macdonald diesmal Lord Parmoor, der bisher England nur im Rate vertrat, Henderson, Staatssekretär des Innern, der englische Bölterbundsvorfämpfer und bisherige Bertreter von Südafrika , Brofeffor Gilbert Murray und das Mitglied der Union of Democratic Control Frau Helena Swanwid. Beigeordnete Delegierte find Sie Cecil Hurst , Sir Hubert Llewellyn Smith und Burton, führendes Mitglied der Labour Party . Eine Anzahl anderer Staaten ist durch ihre Minister des Aeußern vertreten, so Belgien durch Hymans, Holland durch Karnebeeck, die Schweiz durch Motta, Schweden , durch Graf Württemberg, Boken durch Strapnsti, bie
Tschechoslowakei durch Benesch, Rumänien durch Duca, Serbien durch Marinkowitsch. Man rechnet mit einer Beteiligung von etwa 48 Delegationen von 54 Mitgliedstaaten mit zusammen etwa 500 bis 600 Personen. Unter den Staaten, die auch dieses Jahr auf eine Beschidung der Böllerbundsversammlung verzichten, sind wieder zu erwähnen Argentinien , Beru und Bolivien . Aufnahmegesuche liegen in diesem Jahre zum ersten Male nicht vor, weder von Merito noch Aegypten noch der Türkei . Doch hofft man in gewiffen Kreisen des Völkerbundes noch auf eine türkische Randidatur im Laufe der Tagung. Abgesehen von den offiziellen Delegationen trifft täglich eine große Zahl von Vertretern internationaler Berbände ein, so der verschiedenen Bölkerbundsvereine und an der Bölkerbundsbewegung intereffierte Bersönlichkeiten.
Genf , 1. September. ( Eigener Drahtbericht.) Heute vormittag 11 Uhr wurde im Saale der Reformation die fünfte Völkerbundtagung eröffnet. Gaal und Tribünen find überfüllt. 54 Staaten find vertreten. Der Völkerbundrat ist vollständig anwesend. Hymans, der den Vorsiz führt, eröffnet die Sigung mit einer Ansprache. Nach begrüßenden Worten gibt er zunächst eine Uebersicht der Arbeit des Bölterbundes im letzten Jahre, besonders über die Sanierung Ungarns . Unfere jeßige Tagung führte er aus, beginnen wir unter günstigen Borzeichen. Die Londoner Konferenz bedeutet den Beginn einer Verständigung Europas , die das Reparationsproblem in günstiger und gerechter Weise regeln wird. Wir werden noch eine Menge anderer wichtiger Probleme zu lösen haben. Die 2 brüstungsfrage ist Europas Schicksal. Der materiellen Abrüftung muß die moralische Abrüstung voraufgehen. Der Geist ein s