Abendausgabe
Nr. 427 41. Jahrgang Ausgabe B Nr. 214
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Vorwärts
Berliner Dolksblatt
5 Goldpfennig
50 Milliarden
Mittwoch
10. September 1924
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Paris , 10. September. ( TU.) Ein römischer Berichterstatter, tommen sei. Zum Schluß behauptet der Gewährsmann des Pariser des Paris- Soir" macht auffehenerregende Mitteilungen über eine Blaffes, daß seine Angaben von italienischen Blättern, insbesondere bevorstehende Zusammenziehung faschistischer Abteilungen in Rom , von der Stampa " abgedruckt wurden und lehiere Zeitung von der die an den Gegnern des Faschismus blutige Bergeltung Regierung wegen dieser Beröffentlichung beschlagnahmt worüben werden. Die Nationalfaschistische Miliz habe Befehl erhalten, den sei. am 20. und 21. September 25 000 Mann in Rom und Umgebung zu fonzentrieren. Diese Konzentrierung soll in der Zeit vom 12. bis 18. September vor sich gehen. Waffen, die aus dem Depot der regu- Rom , 10. September. ( Eca.) In hiesigen politischen Kreisen wird lären Armee entnommen wurden, jollen an die Mitglieder der Miliziner Unterredung große Bedeutung beigelegt, die der König von fofort nach Wiedereintreffen in Rom zur Austeilung gelangen. Die Italien mit Mussolini hatte. Die Unterredung dauerte über Berteilung der Waffen hat in der Provinz bereits in der Nacht zum eine Stunde. Eine offizielle Mitteilung über den Inhalt der Unter6. September begonnen. Um über die Bewegung der faschistischen redung liegt nicht vor. Es wird jedoch mit Bestimmtheit angenom Truppen hinwegzutäuschen, würde am 14. und 15. d. Mts. in Rom men, daß sich der König mit Mussolini über die inner politische ein kongreß der mit den Faschisten fympathisierenden Arditi abge- Situation aussprach, die in den letzten Tagen befonders infolge halten. Die Ardit werden mit den Aufgeboten der faschistischen der drohenden Sprache der faschistischen Zeitungen ziemlich ge Miliz gemeinsame Sache machen. Außerdem wird eine 4000 Mann spannt ist. Die offiziöse„ Tribuna" verweist auf die allgemeine starte Kolonne von angeworbenen Söldnern in Lucca , der fiebenten Unlust der öffentlichen Meinung, die nur durch eine energifche, auf fafchifflichen Zone nach Rom aufbrechen mit dem formellen Auftrag, die Normalisierung hinzielende Aftion behoben werden könne. Man gelegentlich der zu erwartenden Unruhen die Feinde des Faschismus dürfe hoffen, daß die Unterredung zwischen Mussolini und dem niederzumachen. König Klarheit schaffen werde. Es sei jedoch notwendig, daß die oppofitionellen Barteien den politischen Kampf wieder auf den Boden des Parlaments tragen".( Daraus geht hervor, wie unbequem den Faschiften der Boykott des Parlaments durch die Oppofitionsparteien ist. Red.)„ Giornale d'Italia" und" Mondo" beschäftigen sich bezeichnenderweise mit der Bedeutung der Krone und der Dynastie im Leben der Nation.
Weiter will der Berichterstatter wiffen, daß zur Finanzierung der erwähnten militärischen Operationen in den staatlichen Münzhäusern Banknoten im Werte von einer Milliarde Lire gedruckt wurden. Offiziöse italienische Blätter haben, um die Verwendung des Geldes zu vertuschen, die Meldung verbreitet, daß der Betrag gelegentlich eines Einbruchs in die Münzanstalt abhanden ge
Internationaler Achtstundentag.
Erklärungen von Albert Thomas . Genf , 10. September. ( WTB.) Der Direktor des Internationalen Arbeitsamies, Albert Thomas , welcher nach den joeben abgeschlossenen Berner Berhandlungen zwischen den Arbeitsministern von England, Frankreich , Belgien und Deutschland über den Achtffundentag und die Ratifizierung der Washingtoner konvention nach Genf zurüdgefehet ist, empfing heute vermittag die internationale Preffe. Er sagte, der Achtstunden tag werde bis heute noch nirgends wirklich strikt durchgeführt. In Deutsch land allerdings, wo die Bewegung für den Achtffundentag sehr start fei, fei bis 1923 an dem Achtstundentag feftgehalten worden. Befondere Berhältnisse hätten es aber dann mit sich gebracht, daß von dem Achtstundentag abgewichen wurde. Durch die Berner Verhandlungen über die Frage der Ratifikation der Washingtoner Konvention durch die vier großen Industriestaaten sei ein wichtiger Schritt vorwärts getan. Deutschland werde eine Reihe von Zusicherungen erhalten, die nach seiner Ansicht auch Deutschland außer Frankreich , Belgien und England die Annahme der konvention ermöglichen werde.
Amnestie und Besatzungsbehörden.
Ein franzöfifches Mahnwort.
Paris , 10. September. ( WIB.) Ere Nouvelle" schreibt. Herriot hat in London etwas Großes getan: er hat den Deutschen des besetzten Gebiets, die sich in der Vergangenheit gegen unfere Bolitit aufgelehnt haben, Amnestie gewährt. Aber der Minister präsident denkt und die Militärs lenten. Wir erfahren in der Tat aus sicherer Quelle, daß die Amnestie nicht durchgeführt wird. In Dortmund sind die Gefangenen nicht freigelassen, und die Kriegsgerichte verurteilen weiter wie in den schönshen Tagen der Boincaréscher Zeit. Wir verlieren so den ganzen Borteil unserer Edelmütigkeit, ohne daß wir den Vorteil unserer Strenge wahren. Das Blatt ist davon überzeugt, daß dieser Appell
Genf , 10. September. ( Eca.) Während der heutigen Völkerbundsühung wurden heftige Reden gegen die gestrige Rede des ungarischen Delegierten Graf Apponyi gehalten, der verlangt hatte, daß sämtlichen Staaten das Recht zugestanden werden soll, Streitigkeiten unmittelbar vor den Rat zu bringen, ein Recht, das zurzeit nur den Ratsmitgliedern zusteht. Dagegen trat der Vorfiende des Böllerbundrats Symans auf, den, wie verlautet, Bolen und Tschechoslowakei gebeten hatten, Apponyi eine Abfuhr zu erteilen.. Hymans stellte das Auftreten Apponyis als eine Beleidigung des Rates hin und verneinte das Vorhandensein einer Notwendigkeit, die gegenwärtig günstige Prozedur bei Borbringen von Beschwerden vor den Rat zu ändern. Während der Rede Hymans erschien im Saal der österreichische Vertreter, dem von der Völkerbundsversammlung eine stürmische Ova tion bereitet wurde, was um so mehr bemerkt wurde, als die ganze heutige Sigung von Angriffen gegen Ungarn , einem der besiegten Staaten, ausgefüllt war.
Kompromißformel in der Abrüstungsfrage.
Genf , 9. September. ( Eigener Drahtbericht.) Das wahrschein liche Ergebnis der Verhandlungen über die Abrüstungsfrage wird ftreitigkeiten dem Haager Schiedsgerichtshof überweist. eine internationale Abmachung sein, die alle RechtsDie politischen Streitfälle sollen in Bufunft einem beson beren, noch zu schaffenden Gerichtshofe unterbreitet werden. Als Kompromißformel zwischen dem englischen und französischen StandFunkt in der Abrüftungsfrage werden die im Bölkerbundspatt vorgesehenen Sanktionen gegen Angreifer eine bedeutende Bergesehenen Santtionen gegen Angreifer eine bedeutende Verfchärfung erfahren. Man würde damit den französischen Sonderwünschen und denen der Kleinen Entente entgegenkommen, die bei solchen Garantien zu Zugeſtändnissen in der Abrüstungsfrage bereit find. Die Frage bleibt allerdings offen, ob diese Lösung die extremen
Die Frage der Kriegsschuld.
Bon Kari Kautsky.
Der deutsche Reichskanzler hat es für angezeigt gehalten, erneut die Frage der Kriegsschuld aufzurollen. Es ist zur Zeit, wo diese Zeilen geschrieben werden, noch nicht klar, ob der Kanzlerprotest bloß das Ergebnis einer momentanen Stimmung ist oder das eines wohlüberlegten Planes. Auf jeden Fall aber steht fest, daß augenblicklich nicht leicht etwas geschehen konnte, das absurder und unheilvoer gewesen wäre. Denn allgemein wird der Protest als ein Teil des Kaufpreises betrachtet werden, den die Deutschnationalen für ihren Umfall beanspruchen, und als ein Schritt der Annäherung der Regierung an die bisherigen Gegner der Londoner Abmachungen, die schließlich dafür stimmten, um ihre Mandate zu retten. Aber auch in der Erwartung, dadurch die Macht zu bekommen, die Ausführung der Abmachungen in deutscher Treue zu sabotieren.
standen, durch ihre Brutalitäten und Treulosigkeiten alle Belt Seit Jahrzehnten haben die Deutschnationalen es vermit Haß und Mißtrauen gegen das deutsche Volk zu erfüllen. land, desto stärker Haß und Mißtrauen gegen dieses in der Je größer der Einfluß der Deutschnationalen in DeutschWelt. Eine Neubelebung dieser Stimmung, das ist die einaige außenpolitische Wirkung, die der Kanzlerprotest in der Frage der deutschen Kriegsschuld augenblicklich hervorrufen
fann.
Natürlich sind nicht etwa die Deutschnationalen die einzige Partei in Deutschland , die gegen den§ 231 des Versailler Friedens protestiert. Alle deutschen Parteien, wie immer sie über die Kriegsschuld dachten, haben dagegen protestiert, daß eine entsegliche Zwangslage dazu benützt wurde, ein Geständnis zu erpressen, das die große Mehrheit des deutschen Volkes für falsch hielt.
Kein ernsthafter Mensch wird ein in dieser Weise zustande gekommenes Geständnis für einen Beweis ansehen.
Schlimm für Deutschland war aber nicht, daß es sein angebliches Geständnis der Schuld unterschrieb, sondern daß fast alle Welt außerhalb Deutschlands von seiner Kriegsschuld feft überzeugt war, so daß man in dem Erpressen des Geständnisses feine Ungebühr sah.
Hier, bei der allgemeinen Auffassung der Welt, und nicht bei dem§ 231 des Versailler Friedens müssen diejenigen einsehen, die Deutschlands Position verbessern wollen. Das wird aber am besten geschehen von Freunden Deutschlands , die feine Deutschen sind, und am besten durch unbefangene Klarlegung aller Tatsachen. Bloße Proteste und gar von dem Angeklagten selbst bleiben wirkungslos.
Damit sei nicht gesagt, daß von deutscher Seite in der Kriegsschuldfrage gar nichts getan werden könnte, um Deutsch lands Position zu verbessern, daß alles seinen Freunden außerhalb Deutschlands zu überlassen sei.
In dieser Frage gilt es vor allem, eine große Unterscheidung zu machen: zwischen dem deutschen Volke und der Regierung Wilhelms II.
heimer Archive, daß der größte Teil des deutschen Bottes den Es steht fest, und dazu bedarf es nicht der Eröffnung geösterreichische Ultimatum an Serbien , wurde von niemand Krieg nicht gewollt hat. Die eigentliche Kriegsursache, das energischer bekämpft als von der deutschen Sozialdemokratie.
Noch am 29. Juli 1914 schrieb Wilhelm II. in einer seiner deutschen Sozialdemokratie: Die Sozi machen antimilita bekannten Randgloffen über die Friedensdemonstrationen der ristische Umtriebe in den Straßen; das darf nicht geduldet deutschen Sozialdemokratie: Die Sozi machen antimilitaristische Umtriebe in den Straßen; das darf nicht geduldet ich Belagerungszustand proklamieren und die Führer famt werden, jetzt auf keinen Fall. Im Wiederholungsfall werde und fonders tutti quanti einsperren lassen."
an den Ministerpräsidenten Herriot genügen werde, um diesem Richtungen einer bedingungslosen Abrüstung befriedigen gierung flüger war als ihr Herr und fand, am Vorabend des
ffandalösen Zustand ein Ende zu machen. Aber es sei notwendig, rasch zu handeln. Eine ernsthafte Annäherung Frankreichs an Deutschland fei unmöglich, folange Deutschland sagen könnte, daß roch Deutsche in franzöfifchen Gefängnissen zurüdgehalten würden. Es fei nötig, die Wiederaufnahme der Beziehungen zu Deutschland sowohl auf moralischem als auch auf materiellem Gebiet zu organi fieren. Auf moralischem Gebiet sei die Amnestie notwendig, auf materiellem ein Handelsvertrag. Wenn Herriot dieses doppelte Wenn Herriot diefes doppelte Werf in die Wirklichkeit umsetze, werde er nicht durch schriftliche Vereinbarungen, aber durch Tater den Baft abgeschlossen haben, der dem Worte Friede wirklich einen richtigen und dauerhaften Sinn geben werde.
Wie wir im Morgenblatt mitteilten, hat die Besatzungsbehörde
inzwischen die nötigen Anweisungen gegeben.
Die 800- Millionen- Anleihe. Franzöfifche Beteiligung. Paris , 10. September. ( TU.) Die franzöfifche Regierung hat fich, wie der„ Matin" erfährt, unter dem Druck der amerikanischen Borstellungen" entschlossen, sich mit 5 Proz., d. h. mit einem Betrage von 40 millionen Goldmart oder 2 Millionen Pfund an der Auflegung der 800 Millionenanleihe zu beteiligen. Ob die franzöfifchen Stüde der Anleihe in den Trefors der Banten bleiben oder ob sie dem Publikum angeboten werden, sieht noch nicht fest. Chilenischer Primo- Putsch. In Chile ist ein mehr oder weniger trodener Militärputich noch Roppichem oder Primo de Riveraschem Muster erfolgt. 3rnächst ist die Regierung erfekt morden burd ein paar Generaie, Admirale und Ronzeffienszivilisten. Sc. tann ist auch der Präsident der Republik zurückgetreten. Es herrscht Ruhe, aber auch Zenfur
wird.
Linksblock und Verwaltung. Zahlreiche Neuernennungen in Frankreich . licht morgen eine größere Anzahl von Neuernennungen von BerParis, 10. September. ( WTB.) Das Amtsblatt veröffentwaltungsbeamten. Die Liste umfaßt 10 Generalsekretäre, 17 Unterpräfekten und 40 Präfekturräte.
Wahlvorbereitungen in England.
Neuwahlen wahrscheinlich im Frühjahr. allgemein mit der Möglichkeit von Neuwahlen. Der parlamenta London , 10. September. ( WTB.) Die Blätter beschäftigen sich rische Korrespondent des„ Daily Telegraph " glaubt, daß die Regierung die irische Bill ohne Schwierigkeiten durchbringen werde. Tagegen sei die Aussicht auf Annahme des russischen Bertrags durch das Parlament fehr zweifelhaft. Macdonald werde aber schwerlich geneigt sein, diesen Bertrag angesichts seiner Unpopularität zur Wahlparole zu machen und werde die Wahlen bis zum nächsten Frühjahr hinauszögern. Auch„ Morning Post" glaubt an Neuwahlen im nächsten Frühjahr. Einstweilen wird von allen drei Parteien eine lebhafte Propaganda betrieben. Die Sozialisten werden etwa 200 Versammlungen im Lande abhalten. Auch die Unionisten führen den Feldzug mit vollem Eifer. Die vormaligen Minister spielen dabei eine führende Rolle, darunter Baldwin, Balfour , die beiden Chamberlains, Sir Robert Horne und andere. Bom 1 bis 3. Oktober wird die Liberale Partei in New Castle ihre Jahresversammlung obheiten. Die Liberalen haben ebenfalls zahlreiche Versammlungen angekündigt, auf denen Lloyd George , Asquith , Lord Grey und Mac Ramava sprechen werden.
Daß es dazu nicht fam, rührt daher, daß die deutsche ReKrieges sei es sicherer, die Sozi zu betrügen als sie einzusperren. Und das stimmte.
Die tuiserliche Randglosse beleuchtet aber bereits den tiefen Abgrund, der sich in der Kriegsfrage zwischen dem deutman tut, jenem eine Verantwortung aufzubürden, die nur schen Bolke und dem deutschen Kaiser auftat, und wie unrecht diesem zufällt. Allerdings hat auch Wilhelm II. den Weltkrieg nicht gewollt, nicht planmäßig herbeigeführt. Während des Krieges hatte ich an eine derartige planmäßige Herbeiführung geglaubt. Ich hatte die Herren gewaltig überschäzt. Ms ich durch die Revolution Gelegenheit befam, die Akten des Auswärtigen Amtes in von Dummheit, Berlogenheit, Leichtfertigkeit und Kopflosig= Berlin zu studieren, enthüllte sich mir ein ganz tolles Chaos feit, aber feine Spur eines weitausschweifenden und systematisch verfolgten Plane s. Merkwürdigerweise haben die deutschen Nationalisten der verfchiedensten Richtungen geglaubt, als ich dies feststellte, das als Ehrenrettung der kaiserlichen Regierung für ihre Zwecke ausbeuten zu können.
Die eigentlichen Verbrecher, die planmäßig auf den Krieg hinarbeiteten, faßen in Wien , bekämpft von der Sozialdemofratie, geftüßt, ja gedrängt von den Christlichsozialen. Aber Diese Verbrecher hätten es nicht gewagt, allein vorzugehen. Erst als Wilhelm plöglich die Laune hatte, ihnen zuzustim men, vollbrachten sie ihren Anschlag. Hinterdrein, als die Kugel schon im Rollen war, dämmerte dann Wilhelm eine Ahnung des Unheils auf, das sich vorbereitete. aber alle seine Ausbrüche von Verzweiflung und sein sprunghaftes Sin- und Herschwanken zwischen Versuchen, in Wien zu bremsen und Doch Rußland und Frankreich bei dem befürchteten Zu