aneinander, zitternd vor Lärm und Feuer, und alle von der gleichen raftlofen Arbeit erfüllt; ja fo ungeheuer ist die Tatkraft und der Machtwille, die diesem Werk entströmen, daß man sagen fann, es gibt kaum einen Bewohner in dieser Stadt, der nicht mit irgend einem Teil seines Lebens, seiner Verwandtschaft oder mit seiner Arbeit mit ihm zusammenhängt. Der dritte Teil des gesamten Grund und Bodens der Stadt Essen ist Eigentum der Firma Krupp . Während des Krieges waren 300 000 Arbeiter in ihren Fabriten tätig. Darunter 35 000 Frauen, die vor allem die Drehbänke für die Granaten bedienten. In, auf und unter der Erde hält hier ein und derselbe gewaltige Wille die Arme der Menschen in Bewegung, und diese rastlose Tätigkeit und Fürsorge scheint sich noch außerhalb der Fabriken in großen öffentlichen Bauten, Konzertfälen, freund lichen Wohnhäusern mit Gärten für die Arbeiter, Krankenhäusern und großartigen sozialen und hygienischen Einrichtungen fortzusetzen. Wer alle diese hohen und bewunderswerten Verrichtungen des Geistes und der Schöpferfraft betrachtet, der wird sich eines schmerz lichen Gefühls nicht erwehren fönnen, wenn er bedenkt, daß alle Diese Wunder in erster Linie einmal dazu geschaffen wurden, Menschen zu töten und sei es auch nur, um das eigene Leben zu retten. Ja, wer diese Türme und Brücken an der Ruhr in der Abenddämmerung liegen ficht, gehüllt in eine Wolke von Rauch und Ruß, hinter der sich das Abendrot nur mühsam entzündet, dem scheinen sie noch immer von truthziger Verzweiflung erfüllt, diese langen schmalen Dächer, zur Erde geduckt wie schwarze Kazen mit dem geöffneten Maul ihrer Schlote, die nachts mit feurigen Zungen zum Himmel lecken.
Doch wer das Innere dieser Fabrifräume betritt, vor dessen Augen will sich ein neues noch wunderbareres Märchen begeben. Die hehen finsteren Wände bedecken sich auf einmal mit freundlichen Farben und eine helle Sonne bricht durch die staubigen Fenster. Denn diese Gebäude, noch immer von dem gleichen Fieber der Arbeit durchzittert, werden von einem neuen Geiste erfüllt und tausendfach sind die Werke des Friedens, an denen sie schaffen. Noch dröhnen die Hallen von dem gleichen ohrenbetäubenden Lärm der Dampfhämmer und Walzen, rauchen die Hochöfen, zittert der Boden unter dem Rollen der Kräne, die wie Mammuts vorüberstampfen, deren magnetischer Rüssel die schwersten Lasten spielend emporhebt. Aber das Eisen, das sie schleppen und schmieden, wandelt sich nicht mehr in Kanonen, Lafetten und Panzerwagen, sondern in werteschaffende, hoffnungsvolle und friedfertige Werkzeuges der Arbeit und des Handels. Noch strömt wie einst der geschmolzene Stahl gleich fochen der Milch aus den Defen, schäumt über die Kübel, um in den in die Erde gegrabenen Formen zu gewaltigen Blöcken zu gerinnen, und durch eine kleine gefärbte Scheibe blickt man, da das bloße Auge den Anblick des siedenden Eisens nicht ertragen kann, wie in die glühende Bava eines Kraters hinab, deffen Berührung jeden Gegen
Feuer anzutreten. Schließlich gelangen fie in eine finnreiche Bor. richtung von drei fleinen rotierenden Walzen, unter deren gewaltfamem Druck die ungefüge, fleine und breite Scheibe sich wie Gummi auseinanderdehnt, in wenigen Gefunden in einen weiten schmalen, handlichen und genaugeformten Radreifen verwandelt. Eine letzte Bresse, die das Maß prüft und den Reifen gleichzeitig mit einer Nummer versieht, vollendet das Werk. Man sagt, daß fast der dritte Teil aller Eisenbahnen der Welt mit diesen Kruppschen Radreifen fährt, in die nur noch das Speichenstück eingefeht zu werden braucht und die wegen ihrer Nahtlosigkeit eine besondere Widerstandskraft besitzen. Dies aber scheint mir eine schönere und dauerndere Eroberung der Erde als alle hochmütigen und brüllenden Riesengeschüße! Eine Eroberung, die selbst noch das Hindernis der fremden Gewalt überwindet. Mögen Niederlage und fremder 3wang mit dazu beigetragen haben, die Wandlung ist da und zeugt für sich durch ihre Schöpfung. Am erstaunlichsten kann man dies vielleicht in einer großen Lokomotivbauhalle bewundern, die erst während des Krieges für die Munitions herstellung errichtet wurde. An tausenden von sich drehenden Rädern, die noch vor wenigen Jahren der Anfertigung von Geschossen und Granatzündern dienten, werden in dieser Halle, die wie eine gewaltige Kirche der Arbeit in neunzehn langgestreckte Schiffe eingeteilt ist, alle jene vielfachen Teile herge. stellt, von der fupfernen Feuerbuchse bis zum kleinsten Ventil, die sich zu einem fahrenden Koloß zusammensetzt. An jedem Tage des Jahres wird hier jetzt eine Lokomotive vollendet. In ihrem neuen Farbenschmud prangend, erhebt sie sich auf einer fahrenden Bühne in der Mitte des Raumes, zitternd und voll Ungeduld, wie ein junges Pferd, um in die Freiheit der Erde hinauszustampfen. Als ich aus der Halle zurück ins Freie trat, sah ich in einem Seitenhofe eine riesige mauerdide Panzerplatte und die Kuppel eines Geschüßturmes aufgestellt, die früher zu Ausstellungszwecken gedient hatten und die ich schon einmal als Knabe auf einer Industrieausstellung in Düsseldorf sah. In meinen Gedanken verloren, die schon in der Zukunft träumten, betrachtete ich sie wie die legten Ueberreste einer langen verfunkenen Weltepoche. Und als ich nun zum zweiten Male in der Dämmerung die Ruhr erblickte, die zwischen schwarzen Hügeln und rauchenden Schloten dahinfloß, da schien sie mir mit flüssigem Golde gefüllt, das aus den Weiten der Welt zuüdfrann in die verarmten Täler. Denn mag das in Unglüc und Irrtum darbende Volt Deutschlands auch noch so verfolgt und von den Quellen der Freude abgeschnitten sein, so wird es doch in der Zukunft, falls man ihm nicht jede Zufuhr unterbindet, immer wieder den Weg zu Leben und Wohlstand zurückfinden, solange es in diesem Sinne des Friedens und der Schöpfung seine höchsten und letzten Werte nicht vergißt: Geist, Erfindung und raftlose Tatkraft!
ſtand reftlos vernichten würde. Noch werden die glühenden Blöcke Eine Probe auf das Alkoholverbot
unter dampfenden Walzen zu breiten Platten gepreßt, zischend vom feuchten Reifig, das darüber geworfen wird, um die Schiacke abzubrennen und das mit platendem Geräusch verpufft. Aber diese Blatten wölben sich nicht um Kriegsschiffe und Panzertürme, sondern zu Kesselwänden oder bilden die Plattformen der Eisenbahnwagen und die leichteren Wände der Handelsschiffe und Dampfer, Schiffe, die den völferverbindenden Gedanken über die Meere tragen. Der Siemens- Martin- Stahl, der hier zur Anfertigung tommt, die gemeinsame Erfindung eines Deutschen und eines Franzosen, ist ein schönes Gleichnis für diese Idee, zeigt sich doch hier, wie eines der wertvollsten Industrieerzeugnisse nur aus dem gemeinsamen Geist und Wissen zmeier verschiedener Bölfer heraus geschaffen wurde.
Belches Wunder der Wandlung begab sich in den wenigen Jahren seit dem Kriege in diefer Stadt! Auch Die Besetzung der Ruhr durch die Franzosen hat es nicht aufhalten fönnen. Es gibt faum einen Gegenstand der friedlichen Arbeit, zu deffen Herstellung Eisen benutzt wird, von den schwersten Schiffsschrauben bis zu den zierlichsten Hebeln der Registriertassen und Schreibmaschinen herab, der nicht heute hier seine Anfertigung findet. Kolben, Ketten, Lur binentrommeln, Rohlenbagger, Kraftwagen, Rpinn und landwirt. schaftliche Maschinen, Kinoapparate, elektrische Defen, Uhrfedern oder Rasiermesser sind nur eine geringe Auswahl aus jenem vielfältigen Katalog von Ggegenständen, die aus den schaffenden Händen hervorgehen. Dies ist aber um so staunenswerter, wenn man bedenkt, daß die Mehrzahl dieser Werkstätten einmal fast ausschließlich für die Herstellung von Kriegsgerät oder dem Kriege dienenden Ma schinen eingerichtet waren. Freilich war dies nicht auf allen Gebieten der Fall, und es ist eine viel zu wenig bekannte Tatsache, daß gerade auf dem Zweige des friedlichen Transportwesens, der Anfertigung nahtloser Bandeisen für die Eisenbahnräder die Firma Krupp auch vor dem Kriege immer eine hervorragende Rolle spielte. Schon der ältere Krupp hatte diesem Verfahren seine besondere Auf merksamkeit zugewandt, deffen Vorteile wir seiner eigenen Erfindung verdanken. Begreiflich, daß dieses Verfahren, das man ohne Mühe in einer einzigen großen Halle verfolgen fann, jegt in verstärktem Maße in Wiederaufnahme fam, Große lange Stahlrollen nom Durchmesser eines halben Meters werden mit einer eisernen Säge in Scheiben zerschnitten, bis der magnetische Kran sie von neuem in die Glut des Ofens hinabwirft. Wie weiße Käse aufeinandergestapelt, fährt eine Schiebebühne fie glühend wieder heraus. Unter die Dampfpreffe gelegt, werden sie pon einem Hammer in der Mitte durchlecht, um noch einmal die Wanderung durch das
Wenn die Wirfungen des amerikanischen Berbotsgesetzes noch, zumeist von den Sachwaltern des Alkoholfapitals, vielfach in Zweifel gezogen werden, so liegen für eine ähnliche Maßnahme in Deutsch . lond unantastbare und sehr lehrreiche Tatsachen vor. Bekanntlich wurde im Kriege die Erzeugung von Bier und Branntwein auf ein Mindestmaß beschränkt. Wer Geld und Beziehungen hatte, konnte hinten herum etwas haben, die Masse aber lebte gezwungenermaßen nahezu alkoholfrei. Wie das gewirkt hat, geht aus einer Reihe wissenschaftlicher Feststellungen deutlich hervor. Die Deutsche For schungsanstalt für Psychiatrie in München hat ein Sammelwert: ( Berlin bei A. Springer, 1923) herausgegeben, das diese Frage von " Die Wirkungen der Alkoholknappheit während des Weltkrieges"
allen Seiten beleuchtet.
1918 1914
5201
1918
Nach den Feststellungen von Dr. Kreiner vom Statistischen Landesamt betrug der Bierverbrauch in Bayern pro Ropf 1915 1916 1917 232 207,4 164,9 161,5 147,6 Berücksichtigt man die Berminderung des Malzgehalts, die ein leichtes", d. h. alkoholärmeres Bier ergab, so beträgt, wenn das Ausgangsjahr 1906 100 gefeßt wird, die Inderzahl im Jahre
1913 1914 86,4 75,8
1915 58,1
1916 48,1
138,8 Liter
1917 1918 21,9 15,1
Etwa in diesem Berhältnis ging der Altoholverbrauch in Form von Bier zurüd. Der Branntweinverbrauch verminderte sich in dieser Zeit im Deutschen Reiche: Verbrauch an absolutem Alkohol je Kopf Liter 1913/14 1914/15 1915/16 1916/17 1917/18 2,6 2,0 1,8 0,5 0,6 Eine besondere Berechnung für Bayern liegt nicht vor, doch Besonders erfreulich ist, daß nach steht ein starker Rüdgang feft. einheitlichem amtsärztlichen Urteil der Branntweinkonsum ber banerischen Bevölkerung.. einen sehr wirksamen raschen Abbau erfuhr, so daß schließlich die Schnapsbrüder fast allgemein verschwunden sind."
Auch der Weinverbrauch, der zahlenmäßig nicht festzu ftellen ist, ging zurück. Welches war die Wirkung? Auf 10 000 Zugänge in den allgemeinen Krankenhäusern entfielen Alkoholkrante::
1918% 1915% 1916% 1917% 1918% männlich 42 100 31 78,8 14 33,3 7 16,7 5 1,2 weiblich 5 100 2 40 2 40 1 1 20
20
In Preußen war der Zugang an Affoholfranken:
1913
1915/18 aufs Jahr
männlig.
5220
793
in Broz. von 1913
100
15,2
weiblich
362
94,5
in Proz. bon 1913
100
26,1
männlich weiblich.. 41
1910/13 320
100 100
124 16
% 1915/18% 38,7 37
In der Pfalz , wo infolge des stärkeren Beingenuffes die Kriegsmaßnahmen weniger wirksam waren, war die Zahl der Todesfälle: 1910/13% 1915/18 % männlich. 62 100 weiblich. 100
6
41.
66,1
1
16,7
1910/13 78
100 100
männlich 12 weiblich..
Dec Rüdgong war 61,2 Proz. für ganz Bayern , für die Pfalz 38,2, für Oberbayern 60,7 und für Niederbayern gar 81,8 Proz Selbstmorde als Folge von Alkoholmißbrauch wurden gezählt:
1918 1914 1915 1916 1917 34 27 23. 14 3
1918 2
Der Anteil des Alkoholismus an den Selbstmorden der Zivilbevölkerung war 1911/13 4,1 Pro3., 1916/18 0,85 Broz. Noch deutlicher ist die Wirkung auf die geistige Gesundheit, In den Heil- und Pflegeanstalten des Deutschen Reichs war der Zugang an Geistestranten im Jahre: davon Altobolmißbrauch nachgewiesen bet männl.% weibl.% 12 328 23,8 1 259 3,3
Zugang männl. weibl.
W
i. Durchschn. 1911/18 1914/16 1917. 1918
51 748
88 662
39 299
34 942
6 151
15,7
705 2,0
36 827
33 221
2813 6,4
529 1,6
1951 5,9
448 1,3
1918% bon 1911/18
33 326 32 761 64,4 84,8 15,8 24,8 35,6 39,4
Der Zugong an Geistestranten, Epileptikern, Schwachsinnigen, 3diofen, Nervenfranken an sämtlichen bayerischen Anstalten war: davon Alkoholmisbrauch nachgewiesen
1910/13 1915/18
männl, weibl.
18 181 18 554 74,8
männl.% weibl.% 14-878 4679 25,8 863 5,8 14 172 1059 7,8 283 1,9 98,6 22,6 30,2 30,5 32,8
1915/18 i.b.1910/ 13 Ueber die Münchener psychiatrische Klinik berichtet Dr, Schend. Danach wurden Alkoholtrante aufgenommen;
militärpflichtige Männer
nicht militär. Alkoholtrante auf pflichtige Männer 100 aufgenommene und Frauen Männer 122
1911
187
22,0
1912
185
116
19,4
1913
155
107
17,2
1914
147
187
17,8
1915
64
67
1200
1916
40
39
5,8 rad
1917
21
31
44100
1918
2124
2,41: 011
30
19
4,8
48
42
6,7
76
63
18,7
soal 1919
1920
1921
foviel wie 1920. Die Zahlen der Spalte 2 zeigen, daß nicht die Für 1922 berechnete fich der Zugang auf 21 bis 22 Bros., etma Einziehung der Männer die Ursache des Rüdgangs war, fondern. der Wegfall des Schankbiers; die Zahlen von 1920 an, daß dessen Rückkehr auch die früheren verhängnisvollen Folgen gehabt hat.
Unsere Zahler beweifen: 1, die Möglichkeit der Einschränkung des Alkoholverbrauchs, 2. die günstige Wirkung dieser Einschränkung auf die Bolksgesundheit 3. die sofortige Wiederkehr der früheren Uebel mit der Wiederkehr ungehemmten Alkoholverbrauchs.
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