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Abendausgabe

Nr. 501 41. Jahrgang Ausgabe B Nr. 251

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Vorwärts

Berliner Volksblatt

5 Goldpfennig

Donnerstag

23. Oktober 19% 4

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Zentralorgan der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands

Es wird geräumt!

Wem ist das zu verdanken?

gleichzeitig mit der wirtschaftlichen Räumung in Aus­ficht gestellt und so ist sie auch erfolgt. Die weiteren Räumungen der Randgebiete( Bohwinkel, Remscheid , Limburg usw.) und der der Rheinhäfen( Wesel , Karlsruhe usw.) sollte fünfzehn Tage nach der zweiten Feststellung durch die Reparations­fommission durchgeführt werden. Diese Feststellung ist am 13. Oftober erfolgt, und bereits zehn Tage später sind die ge­nannten Gebiete von den französischen und belgischen Truppen befreit worden.

Seit einigen Tagen macht die von Herriot am Schlusse| Truppen aus dem Gebiet von Hörde und Dortmund wurde ter Londoner Konferenz versprochene Räumung des östlichen Teiles des besetzten Ruhrgebietes sowie der im Zusammenhang mit dem Ruhrkampf neubefezten Randgebiete und Flaschen­hälse" sichtbare Fortschritte. Es läßt sich nicht be­ftreiten, daß die jeßige französische Regierung pünktlich und ohne Feilschen das gegebene Wort hält, ebenso wie euch deutscherseits die Bedingungen des Londoner Abkommens ausgeführt werden. Die deutsch nationale und die tommunistische Presse versuchen natürlich, die Bedeutung dieser Räumung dadurch abzuschwächen, daß sie die darcuf be­züglichen Meldungen an möglichst unauffälliger Stelle ver­öffentlichen und mit höhnischen Ueberschriften und nörgelnden Kommentaren versieht. Am liebsten würde sie natürlich diese Nachrichten überhaupt unterdrücken, aber die Befreiung von mehr als einer halben Million Deutscher vom moralischen und materiellen Druck einer fremden militärischen Besetzung fann man doch nicht völlig unter den Tisch fallen laffen. Einzelne deutschnationale Blätter versuchen, die Wirkung dieser Nachricht dadurch abzuschwächen, daß sie behaupten, in London sei versprochen worden, daß diese Räumung sofort nach der Ratifizierung des Abkommens durch Deutschland er­folgen würde, während sie erst jetzt vorgenommen werde. Das ift aber einfach unwahr. Die zurückziehung der französischen

Wesel

Ruhrort

Duisha Ober

Crofend

Crefeld

M.Gladbach

Worms

Frankenthal

hsn

Dorsten

Essen

Dusseldorf

Rhein

Salinge

Haftern

Lippe Hamm

Recklinghsh Herne Dortmund

Bochum

Witten

Ruhr

Halfingen llagen

Barmen

Unna

Jserlohn

O Alfena

Elberfeld Lüdenscheid

Remscheid

Wipperfürth

Verl

Zeichenerklärung:

Rikk besetztes Gebiet 777 Einbruchs- Gebiet Zu räumende Gebiete

Mülheim ODeutz

Coin

Siegburg

OBensheim

OWeinheim

OEbersbach

Neckar

Heidelberg

OMosbach

Jagst

Po Lamperthm.

Ludwigshafen Käferthal

Bad Mannheim

Dürkheim

Schwetzingen

OMittenberg Tauberbischofs O heim

OBuchen

Kocher

Neustadt% H. 1988 Speyer Karte der zu räumenden Gebiete a.Rhein u.Ruhr

Der Prozeß Hermann verschoben.

T

Weimar, 23. Oftober.( TU.) Die für morgen angesetzte Revi= fionsverhandlung im Prozeß gegen den früheren Staats­minister Hermann, den Regierungsassessor Kunze und die Kreisdirektoren ist verschoben worden, da sich die Ladung weiterer Zeugen als notwendig herausgestellt hat. Der genaue Ter­min ist noch nicht festgesetzt; wahrscheinlich wird die Verhandlung aber in die zweite Novemberhälfte fallen.

Schlechte Zeiten für Spekulanten.

Sie tranern hinter dem Bürgerblock her. Das Börsengeschäft stagniert zurzeit vollkommen. Die Situa­fion wird beherrscht von der innerpolitischen Krise und der Hinaus­schiebung der Aufwertungsfrage durch den Wahlkampf. Die Spekulation hält es für nötig, sich aus dem Geschäft zurüd­zuziehen und Glattstellungen vorzunehmen. Das macht sich beson­ders deutlich heute am Anleihemartt bemerkbar, wo die bisher tätig gewefene Großipetulation ihre Tätigkeit Doll eingestellt hat und höchstens noch als Verkäufer in die Erscheinung tritt. Hieraus ergab sich ein unerwartet starter Drud auf die Kurse der bisherigen Favoriten. Man handelte gegen Mittag Kriegsanleihe mit 480, 3wangsanleihe mit 8, 3% prozentige Preuß. Konsols mit 1250, Schuhgebiete mit 3%, 23iger K.- Schäße mit 280, 24iger K.- Schäße mit 350. Diese scharfen Rückgänge mach ten auf die Börse starten Eindrud und medten naturgemäß neue Besorgnisse hinsichtlich der meiteren Gestaltung des Geschäftes auf den übrigen Märkten. Am Markte der Industriepapiere herrscht infolgedessen ebenfalls Abgabeneigung vor. Der Markt der un­notierten Werte liegt bereits völlig verödet. Selbst die schweren Werte des Montanmarktes sind größtenteils völlig ver nachlässigt.

Kommuniftenverhaftungen im Reich. Die fommunistischen Reichstagsabgeordneten mailowili, der in Westfalen gewählt war, und Eppstein , Bertreter des Wahlkreises Düsseldorf- West,

wurden verhaftet.

Die Haltung der deutschnationalen und fommunistischen Presse ist aber insofern begreiflich, als sie der Ausfluß der Ver­legenheit und des bösen Gewissens ist. Diese Gegner des Lon­ doner Abkommens wissen sehr wohl, daß, wenn sich die deutsche Politik nach ihren Parolen gerichtet hätte, die erste Räumung niemals erfolgt, auch keine Aussicht auf baldige Befreiung weiterer Gebiete vorhanden wäre. Dieselben Leute, die vor nicht allzu langer Zeit noch behaupteten, eine Räumung werde nur mit Gewalt erzniungen werden können und nicht durch Erfüllungspolitik, find in einer Weise Lügen gestraft, die sogar den einfältigsten unter ihren Anhängern einleuchten muß. Die nationale" Politik der Hergt, Ludendorff und Ge­nossen und der angeblich vaterländischen" Verbände hätte zur endlosen Knechtschaft unserer Volksgenossen im Westen geführt. Die Befreiung von bisher mehr als 500 000 Deutschen und weitere Millionen werden noch im Laufe der nächsten Monate folgen ist vor allem das Verdienst der deutschen Sozialdemokratie, die sich von Anfang an am fonsequentesten für den einzig richtigen und möglichen Weg erklärt hat: nämlich für den Weg, der zum Ziele führt. Das jüdische Tannenberg" des politischen Analphabeten Luden­dcrff erweist sich immer mehr als eine gewonnene Schlacht, die allerdings keinen Toten und feinen Verletzten gekostet hat von den moralisch toten Charlatanen der deutschnationalen Politik abgesehen.

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Ruhrräumung und Zechenbarone. Entlaffung wegen angeblichen Absatzmangels. Effen, 23. Oftober.( WTB.) Wie nunmehr endgültig feststeht, werden die 3 echen Viktor, Idern und König Ludwig

am Montag, den 27. Oftober, nachs 12 Uhr, d. h. im letzten Augenblick, der der französischen Regierung durch das Londoner Ab­tommen gelassen ist, von der französischen Berwaltung ihren Eigen­tümern zurüdgegeben werden.

Wie von der deutschen Zechenverwaltungen mit geteilt mird, beabsichtigen sie, am 29. oder 30. Oftober den Betrieb der Zechen aufzunehmen, sobald die im Interesse der Belegschaft und einer geordneten Betriebsführung notwendigen Anordnunger und Feststellungen über den Stand der Werfsanlagen unter und über Tage getroffen worden sind. Während die Regie über unbe­schränkten Absatz verfügte und daher die Arbeiterzahl auf Viktoria und Idern Do 6500 auf 10 500 und auf König Ludwig von 6200 auf 7200 steigern foлante, müssen die Bechen sich nun wieder den allgemeinen Abjaßverhältnissen im Ruhrbergbau an­passen. Da diese zurzeit sehr schlecht sind und der wirkliche Absatz nur etwa die Hälfte der Beteiligungsziffer beim Kohlensyndikat be­trägt, wird bei den Zechen die Förderung vorerst hinter den Ziffern ror der Besetzung zurückbleiben müssen, so daß nur eine diesen Verhältnissen entsprechende Belegschaft beschäftigt werden kann,

Die deutsch - dänischen Schulverhandlungen

Günstiger Abschluß.

Kopenhagen , 23. Oftober.( Eigener Drahtbericht.) Das dänische Außenministerium teilt off ziell den Abschluß der deutsch dänischen Schulverhandlungen mit und gibt einen Ueberblick, in dem es heißt, daß die Verhandlungen zu gegenseitigem Verständnis geführt haben und einen wesentlichen Beitrag zur Auf­flärung der Berhältnisse auf beiden Seiten der Grenze geliefert hätten. Die Besprechungen behandelten die Festlegung des Begriffs neutrale Minderheit", die Boraussetzungen für die Aufrichtung öffentlicher und privater Minderheitsschulen, die Aufnahme in diese Schulen, den Einfluß der Eltern auf die Schulen sowie die Ausbildung und die Anstellungsbedingungen der Lehrer. Die Delegationen sollen nunmehr ihren Regierungen berichten. Weitere Besprechungen sind evtl. in Berlin in Aussicht genommen.

Die norwegischen Wahlen. Endgültige Mandatsverteilung. Christiania , 23. Oktober. ( Eigener Drahtbericht.) Die endgültige Stimmenausteilung in Norwegen ist noch nicht beendet, doch steht die Mandatsverteilung fest, und zwar erhalten die verbündeten Konservativen und Nationalliberalen 54 Mandate gegen 57 in vorigen Storthing, die Bauernpartei 23 gegen 17, die Liberalen 33 gegen 37, die Sozialdemokraten 9 gegen 8, die Arbeiter partei 23, die Kommunisten 6. Die 150 übrigen Mandate fallen Lokalparteien zu. Als Mandatsgewinner gehen die Bauern partei und die Sozialdemokraten hervor. Der kleine Erfolg der Sozialdemokratie entspricht nicht ihrem wahren Fort schritt, da sie in zahlreichen fleinen Kreisen Stimmen bekommen hat, die in Anbetracht des Fehlens einer Reichsliste verloren gehen. isgesamt haben die drei Arbeiterparteien mehr Siim­men erhalten als die vereinigte Rechte, aber sie famen wegen ihrer Zersplitterung um nicht weniger als 15 Mandate zu kurz.

Staat und Kirche.

Auseinandersehungen in Frankreich .

Paris , 23. Oktober. ( Eigener Drahtbericht.) Jm Finanzausschuß hat am Mittwochabend Ministerpräsident Herriot Erklärungen über die in Aussicht genommene Aufhebung der Botschaft beim Vatikan ge­geben. Nach seinen Darlegungen hat der Ausschuß einen von der Rechten eingebrachten Antrag auf Wiedereinstellung eines Kredits zur Aufrechterhaltung der Botschaft mit 20 gegen 12 Stimmen abgelehnt. Herriot hatte in Ergänzung der bereits auf dem Parteitag in Boulogne gegebenen Erklärun­gen ausgeführt, daß die Beibehaltung der Botschaft beim Batikan weder rechtlich noch tatsächlich begründet werden könne. Was Elsaß - Cothringen betreffe, so sei hier für die Regierung nicht das konkordat maßgebend, fondern ausschließlich die besondere Lage dieses Landes, der fie im gegebenen Augenblic soweit als möglich Rechnung zu fragen gedenke.

V. Sch. Baris, im Oftober.

Der letzte französische Wahlkampf stand, ob­wohl dies gerade in Deutschland vielfach verkannt und be­ftritten wurde, vor allem im Zeichen der auswärtigen Politif. Die Ruhrpolitik, d. h. das Problem der deutsch­französischen Beziehungen und die drohende Isolierung Frank­ reichs , stand um so mehr im Vordergrund der Erörterungen, als man allgemein erkannte, daß die meisten anderen, be­sonders die wirtschaftlichen Probleme- Franksturz, Teue­rung, Steuerzuschläge, unsichere Finanzlage im engsten Kausalzusammenhang mit der Gewaltpolitik Poincarés standen.

Neuerdings scheint es aber, als trete das Interesse der öffentlichen Meinung für diese Fragen der auswärtigen Politik etwas zugunsten inner politischer Probleme zurück. Das mag zum Teil darauf zurückzuführen sein, daß die Haltung Herriots in London und Genf die auswärtigen Angelegenheiten in einem für die breiten Massen des Volkes befriedigenden Sinne zu ordnen und zu stabilisieren vermochte. Bor allem jedoch liegt es daran, daß die große interne Schid­falsfrage Frankreichs , die die Bevölkerung seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts von Zeit zu Zeit immer wieder leidenschaftlich erregt hat, erneut aufgerollt worden ist: die Frage des Verhältnisses zwischen Kirche und Staat, der Kampf der Kirche um ihren irdisch- politischen Einfluß gegenüber der Borherrschaft der zivilen Staatsgewalt, wäh rend die letztere die Kirche in rein geistliche Schranken immer mehr zurückdrängen will.

Der Sieg des Staates über die Kirche schien zu Beginn dieses Jahrhunderts, als die Trennungsgesetze mit ſtarter Mehrheit von beiden Parlamenten verabschiedet wurden, end­gültig und gesichert. Daß dieser Sieg überhaupt wieder in Frage gestellt werden konnte, ist eine der vielen Folgen des Krieges. Nicht daß die Frömmigkeit in den Jahren der Not und des Todes 1914-1918 fo ungeheure Fortschritte gemacht hätte, wie dies vielfach dargestellt wird. Die Zahl derer, die in der feelischen Erschütterung des Krieges ihren Glauben neu gefunden oder befestigt haben, dürfte faum die Zahl derer überwiegen, die den umgekehrten Weg gingen.

Der wahre Grund des Vormarsches der Kirche lag in der geschickten, einseitigen Ausnügung des Burgfriedens für die katholische Idee, unter dem zum Teil aktiven Schutz der damals allmächtigen, überwiegend flerifal- reaktionären Generalität. Nach dem Kriege wurde die Parole der Fort­dauer des Burgfriedens zur Wahrung der Früchte des Sie­ges ausgegeben, wobei Clemenceau und Millerand, Poincaré und Foch die gemeinsamen Listen des Nationalen Blocks

durchsetzten: Katholiken und ehemalige Freimaurer verbanden

fich unter einer nationalistischen Parole, wobei natürlich die ersteren, als die aktiveren Elemente, d. h. diejenigen, die den Wert und das Ziel dieses Bündnisses am flarsten erkannt hatten, sich das geistige Uebergewicht mühelos sichern konnten. Mit Hilfe dieser ungeheuren reaktionären Mehrheit gingen nun die Klerifalen raftlos ans Werk, um die Vormachtstellung des Staates gegenüber der Kirche auszuhöhlen und um die gesamte aiengeseggebung ftüdweise wieder rüd­gängig zu machen. Die Wiederaufnahme der diploma­tischen Beziehungen zwischen Frankreich und dem Vatikan , d. h. die Wiederzulaffung eines Nuntius in Paris und die Wiederentsendung eines Botschafters zum Päpstlichen Stuh!, weithin sichtbaren Symbol des neuen Kurses wurden auf oft war nur als eine erste Etappe gedacht. Zugleich mit diesem versteckten Wegen andere wichtige Maßnahmen eingeleitet, 3. B. eine offiziöse Anerkennung der katholischen Universitäten durch Zuteilung staatlicher Unterstügungen an die bedürftigen Studenten auch solcher Anstalten. Zweiffellos gingen aber die Pläne der Kulissentreiber des Nationalen Blocks, einschließlich Millerands, der sich mit ihnen noch kurz vor den Wahlen solidarisierte, erheblich weiter. Je fühner und offener diese Pläne jedoch in Erscheinung traten, desto stärker wurde die Gegenbewegung der in ihren breiten Maffen ausgesprochen firchenfeindlichen Bevölkerung namentlich Südfrant­reichs, desto größer die Empörung auch über diesen Teil der Politik des Nationalen Blocks.

Der für alle Barteien überraschende Umschwung vom 11. Mai hat nun gerade für die Anhänger der Klerikalen eine um so schmerzlichere Enttäuschung und Entrüstung hervor­gerufen, als ja damit eine für sie höchst hoffnungsvolle Ent­midhung jäh unterbrochen wurde und selbst das bisher Er­reichte durch die Wahlparolen und das Programm der neuen Mehrheit offenfundig bedroht mar: follte ja, laut Regie­