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Sonntag

8. Februar 1925

Unterhaltung und Wissen

Wehr dich!

Wehr dich, wehr dich zorndurchloht, Wahre deinen Platz am Licht!

Wehr dich, wehr dich! ruft die Pflicht,

Denn wir haben ein Gebot,

Das die Ewigkeit erhellt- Brüder, unter' m Sternenzelt, Nur für die ein Recht am Leben, Die am Tuch der Zeiten weben. Schmiede deine heil'ge Wut, Zorndurchloht, zu froß'ger Glut! Dud dich niemals, demutsstill,

Du, die Schöpfung spricht: Ich will!

Frih Muche, Metallarbeiter.

Wir möchten arme Leute sehen."

Bon Carco.

Das is' ne Geschichte und is teine Geschichte!" sagte mir Tire lire, der in der Umgebung der Markthallen von der Gutmütigkeit nächtlicher Spaziergänger, und von der Begierde gewiffer Liebhaber, das unterste Paris zu sehen, seinen Lebensunterhalt bestreitet. Aber Sie fennen doch die Bar zu den Drei Kugeln"? Also gut!... Bergang'nen Abend war ich nach der Speir­Stunde da, mit Kerls, die total voll waren und war eben dabei, ihnen die Schlauheiten meiner Freunde zu erklären, als mich einer der Kerls fragte: Und die Armen? Gibts noch welche hier in der

Gegend?"

Welche Armen?"

...

Wir möchten gern mal arme Leute seh'n!" sagte er eigensinnig. So'n Quatsch!.

versteh'n Sie?

Nein, da blieb mir wirklich die Luft weg, Herzufommen mit Weibern in Autos und Brillanten, um sich darüber luftig zu machen, wenn man Aus­gemistete angafft... nein, das kann einem wirklich den Ge­schmad verderben!... Na, schließlich ging ich drauf ein und weii die Kundschaft, die sich mir da vorgestellt hat, Neureiche gewesen sein dürften, sagte ich: Gemacht! Ich werd' fie euch zeigen!. Nur muß ich euch darauf aufmerksam machen, daß der Spaß dreißig Frant extra toftet!"

,, Die Rafftes blechten," gestand mir Tirelire, indem er selbstsicher eine Luguszigarette aus seiner Müze herauszog,... Und nun waren wir draußen, wo alte Leute, ohne sich um den Regen zu scheren, auf dem Trottoir längs der Laden hinter Körben pennten. Meine Raffles haben sich das angesehn, und ihre Brillantenfosen drängten sich, um nur ja keinen Blick zu verlieren. Dabei hab ich der Bande all meine Wize ausgeframt, und dann find wir alle zu Antoine gependelt, dann zur Mutter Marmite, die Suppe verkauft, dann zu den Alleebänken vom Boulevard Sebastopol, na mit einem Bort: überallhin! Manchmal schnauzten uns die Pennbrüder an, die von den erstaunten Bisagen meiner Kundschaft ganz verdreht paren, und Sie können sich ja denten, was man da zu hören friegbe! Je mehr aber die Benner die Rafftes beschimpften, desto zu friedener waren meine Neureichen!... Berflucht nochmal,... jedes Tierchen hat eben sein Bläfierchen!... Und menigstens war alles echt...

Ich hörte Tirelire zu und fah ihn an. Rauchend plauderte er weiter, und ich rief mir, in dieser fleinen Montmartrefneipe, mo mir por einem trüben Phantasieschnaps saßen, die ganzen Szenen, die er schilderte, ins Gedächtnis, und stellte mir deren trostlose Schick falswendungen vor.

,, Sagen Sie mal, Herr Francis!" meinte er nach einer kurzen Bause,... find solche Leute nicht fomisch?"

Er hatte eine Geste souveräner Berachtung, entfernte die Asche feiner Zigarre, leerte sein Glas und berührte, als ihm seine Arm­banduhr die Zeit ins Gedächtnis rief, mit einem Finger den Rand feiner Müze, reichte mir die Hand und begab sich an sein sehr un­bestimmtes Gewerbe. Nach ihm verließ auch ich die Schenke.

Nachmittags sind die Markthallen fast verlassen, doch welch herz­zerreißendem Schauspiel begegnet man nahe den verfaulenden Reh­richthaufen, in denen alte Frauen noch immer etwas zur Stillung ihres Hungers zu entdecken trachten! Sie humpeln von einem Abfall­haufen zum andern, durchwühlen und durchforschen ihn, und die Lumpensammler, diese schäbigen Kavaliere, die, wie fie, Jagd auf die feltsamsten Mahlzeiten machen, geben da sogar die Würde ihrer Lumpen preis. Ich sah diesen armen Leuten zu. Vor mir ging, schwankend vor Müdigkeit, ein noterdrücktes Weib. Unter seinem Kleid perbarg es einen armseligen Abfallbrocken und trachtete, sich müde dahinschleppend, ein ruhiges Plätzchen zu erreichen, wo ihr niemand das abscheuliche Mahl streitig machen würde. Das Weib durchquerte die Markthallen. Ich beobachtete es. Sie wich ihres gleichen aus und warf manchmal anständig, trotz ihrer burlesken Armut dem, der sich um sie zu fümmern scheinen wollte, einen scheuen Blick zu. Ich sah, wie diese Aermste in die Rue Bergère ein­bog. Doch hier waren ihr scheinbar noch immer zu viele Menschen, denn sie ging, nachdem sie stehengeblieben war, sofort mit ihren armseligen Schritten weiter, bog um die Ede einer anderen Straße und erreichte die Seine- Ufer.

-AV

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Die Rais waren sonnengebadet. Die Platanenblätter, von sanfter Brise durchschauert, hoben fich luftig ins Licht. Hier war gut sein. Manchmal hatte das Seinewasser den Glanz heller Spiegel. Die Fenster und Schilder der Kaufläden und die Wagenfasten der Gefährte glänzten. Längs der Häuser zwitscherten Räfige voller Bögel, ohne auf das Getöse der Automobile, oder auf das geschäftige Rollen der Straßenbahnen und Lastwagen zu achten. Das arme Weib, das ich nicht aus den Augen gelaffen hatte, 30g im strahlenden Tageslicht ein Stück Brot hervor, das es unter seinem Kleid ver­borgen hatte. Ich empfand eine Art jäher Verlegenheit. Die Leute um mich sahen diesem Weib zu, wie es. Sie treuzten oder über­holten es, ohne Staunen oder Mitleid.

Die Arme wanderte immer weiter. Während sie dieses schmutzige Brot, das sie aus einem Rinnstein aufgelesen haben mochte, gierig hinunterschlang, sah ich, wie sie manchmal vor den Bogelhäusern stehen blieb, die Vögel bewunderte und sich ihrer Lieder freute. Dann ging fie immer noch weiter, mit ihrem alten Unterrock, ihren Holz­schuhen und dem Stüd Brot. Leute stießen sich beim Borübergehen an, Ste achtete nicht darauf und war ganz ihrer Freude hin­

Im Verlag Die Schmiebe, Berlin , erscheint demnächst unter dem Titel 2n Straßeneden" eine Sammlung eigen artiger Pariser Sittenbilder des neuerdings viel genannten franzö fischen Dichters Carco. Mit Erlaubnis des Verlags veröffentlichen mir eines dieser Bilder.

Wer hat, der hat.

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gegeben, frei unterm Laub, nahe der Meinen Gefängnisse, aus denen Lodrufe und Lieder erschollen, und in der wohltuenden Sonne, die ihr unschuldiges Elend beschien, essen zu können. Schließlich blieb sie stehen und beugte sich über einen Käfig, in den ein fleiner, fläg­lich winselnder Hund gesperrt mar. Sie ging an den Käfig heran, um das flagende Tier mehreremale zu streicheln. Dann geschah etwas ureinfaches. Die Arme setzte sich neben dem Käfig nieder, sah den Hund an, reichte ihm einen Broden ihres Brotes und teilte nun wortlos und bis zur letzten Krume mit dem Tier ihre Mahlzeit.

Jezt bildeten die Menschen einen Kreis um fie und waren gerührt. Aber die Arme beachtete fie nicht. Sie ftedte nochmals ihre hand zwischen die Käfigstangen, um den Hund, der mit schwachem Gebell dankte, zu streicheln, und ging dann gesenkten Kopfes auf dem Trottoir weiter, wo ich sie inmitten der Spaziergänger bald nicht mehr zu unterscheiden vermochte.

Wolf und Hund.

Eine Fabel von Felix Fechenbach.

In einem erbarmungslos falten Winter hatte der Hunger einen Wolf bis zu einem einsam gelegenen Gutshof getrieben. Dort traf er mit dem Hofhund zusammen, der sofort Lärm schlug. Der Wolf suchte den Hund zu beruhigen, indem er sich auf seine Berwandtschaft mit ihm berief. Sie hätten doch beide die gleichen Borfahren, wären also gewissermaßen Bettern, wenn auch der eine herbeizurufen, solle er lieber die Ketten abwerfen und mit hinaus­in Freiheit, der andere in Knechtschaft lebe. Statt feinen Herrn streifen in die herrlichen Wälder, in die weiten Steppen

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Aber der Hund wollte nichts wissen von Freiheit und Steppen. Dieses Leben ins Ungewiffe mit Hunger und Lebensgefahr sei ihm zu riskant. Er ziehe seine sichere Existenz im Dienste des Men­schen vor. Das nennst du sichere Existenz" höhnte der Wolf, seinen Hunger vergessend wenn dich dein Herr an die Kette legt und dich windelweich peitscht, bis du ihm die Hände leckst? Wenn er dir abgenagte Knochen hinwirft und ein paar Abfallbrocken, die er nicht mehr mag, weil sie ihm zu schlecht sind? Und aus Dankbarkeit für diese sichere Existenz" läßt du dich von ihm gegen deine eigenen Bettern gebrauchen!

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Der mit so bitterem Hohn überschüttete Hund blieb jedoch bei feinen Grundsägen.

Die Peitsche bekomme ich zuweilen," gab er zu, dafür habe ich aber in meinem ganzen Leben noch nie Nahrungssorgen gehabt und finde auch heute noch vor meiner Hütte jeden Tag einen vollen Futternapf. Du aber fannst dich von all der Schönheit deiner Wälder und Steppen und auch von deiner Freiheit nicht satt essen. Wenn du flug bist, bewirbst du dich auch um einen Dienst bei meinem Herrn und du wirst bald nicht mehr wissen, was Hunger ift." Bei diesem Vorschlag sträubten sich dem Wolf die Haare vor Grausen.

Ich bin entsetzt," rief er aus, zu sehen, wie ein nahverwand­tes Geschlecht so tief finfen konnte, daß es feine eigene Erbärmlich feit für einen erstrebenswerten Zustand hält. Meine Freiheit ist mir nicht feil für einen vollen Wanst!"

In diesem Augenblick trachte ein Schuß vom Gutsgebäude her, und der Wolf brach getroffen zusammen.

Siehst du," triumphierte der Hund, das hast du von deiner vielgepriesenen Freiheit! Sie ließ dich hungern und jetzt bringt sie dir den Tod. Da bleibe ich lieber in meiner Dienst­barfeit, denn einem lebendigen Hund geht es immer noch beffer als einem toten Wolf."

,, Und ich sterbe fieber als Wolf, denn daß ich als Hund leben möchte!" rief ihm verächtlich der todwunde Wolf zu, streckte sich und

war verendet.

P

7.).

D

Bellage des Vorwärts

10890000

OKOESTER

Gegenüber den unverschämten Forderungen des inneren Feindes erklärt die Ruhrindustrie aufs neue einmütig den passiven Widerstand.

Das Wunder von Wilsnack .

Aus der Geschichte der Mark Brandenburg. In früheren Zeiten, als in der Mart Brandenburg die hoch­geborenen Geschlechter derer von Quikow und von Rochow, von kracht und Ihenpliz und wie sie alle hießen, in ihren Raubritter­nestern hausten, hatten die Bewohner der Mart ein gar mühseliges und gefahrenreiches Leben. Die stolzen Herren begnügten sich nicht nur mit der schmählichsten Bedrüdung des einfachen Mannes und friegerisch aufgelegt und führten zahlreiche Kleine Kriege unterein dem edlen Gewerbe des Straßenraubes, sie waren auch äußerst ander. Und zwar führten sie diese Kriege so, daß sie selbst niemals irgendwelchen Schaden an eigenem Leib und Gut dabei leiden konnten. Nachdem nämlich die Fehde in aller Form angesagt worden war, rückten die Gegner mit ihrer Streitmacht nicht etwa zum Angriff gegeneinander vor, sie wichen vielmehr gefliffentlich einander aus und suchten sich möglichst nicht zu begegnen. Dann brach jede Partei in das unbeschüßte Gebiet der anderen ein, plünderte, brannte, mordete in deren Dörfern und Städten nach Herzensluft und machte Gefangene und Beute, soviel sie wollte.

So brach auch einst im Jahre 1383 eine blutige Fehde aus zwischen dem Ritter Heinrich von Bülow und dem friegerischen Bischof von Havelberg . Es wurde geplündert und geraubt wie immer, den Bewohnern der Dörfer, trieb man das Bieh weg, und die Dörfer und Gehöfte selbst wurden niedergebrannt. So find damals in diefer einzigen Fehde elf blühende havelländische Dörfer fast dem Erdboden gleichgemacht worden.

Eines dieser Dörfer war Wilsnad in der Priegniß. Die Bewohner mit ihrem Briefter hatten sich in die dichten Wälder ringsum geflüchtet. Als sich die Beherztesten schließlich wieder hervor­wagten; fanden sie nichts als einen rauchenden Schutthaufen, nur von der aus Stein erbauten Kirche stand noch das dachlose, halb eingestürzte Gemäuer.

Am besten erhalten war noch der steinerne Hochaltar. Der Priester hatte vor der Flucht noch die Geistesgegenwart gehabt, in einer gemauerten, mit einem eisernen Türchen versehenen geheimen Wandnische die Kostbarkeiten der Kirche zu verstecken, eine neue Altardecke, zwei silberne Altarleuchter, zwei große, Wachslichter und sonstigen Altarschmud, sowie drei Hoftien in einem metallenen Büchschen.

Bei den Aufräumungsarbeiten stieg der Priester Johannes selbst zwischen Schutt und Geröll umher und half nach Kräften mit. Dazwischen ging er zu der geheimen Nische, holte die Kleinodien heraus und schmüdte zusammen mit dem Sakristan sogleich den Altar. Als er jedoch die drei Hoftien aus dem Büchschen nehmen wollte, rannen einige Blutstropfen aus einem Riß an feiner Hand, den er sich bei dem Herumarbeiten im Geröll und Gestein zuge­zogen hatte, auf die Hoftien und lebten sie zusammen.

Jetzt sahen auch die Bauern den geschmückten Altar in der ver. fallenen Kirche und die brennenden Lichter. Des Staunens war fein Ende, fie fanden dies über alle Maßen wunderbar. Da zeigte ihnen ber Priester die Blutstropfen auf den Hoftien, und nun wurde allen ein unerhörtes Wunder klar. Mitten in Plünderung, Zerstörung und Feuersbrunst waren Altar und Kleinodien der Kirche erhalten ge­blieben! Die heiligen Hoftien, der göttliche Leib", war wunderbar unversehrt, und sie hatten in der Flammenhitze wirkliches Blut geschwitzt!

Bon allen Seiten tamen die Leute mun herbeigelaufen, die ganze Gemeinde schaute voller Ehrfurcht und Ergriffenheit das Wunder an und fiel andächtig in die Knie. Sogleich murde ein feierliches Hochami gehalten, und der Priester Johannes lobte in heiliger Begeisterung den Namen des Herrn, der gerade fie, die von Jammer und Trübfal Heimgesuchten, der Gnade eines göttlichen Wunders teilhaftig werden ließ.

Die Kunde von dem Wunder ging wie ein Bauffeuer durch die ganze Gegend, von weit und breit strömten die Leute herzu, um mit eigenen Augen zu schauen. Bald wurde die Geschichte des Wunders folgendermaßen erzählt und geglaubt:

Die Sehfchärfe der Neger. Die oft wiederholten Schilderungen von der hervorragenden Sehschärfe bei Naturvölfern haben durch neue Untersuchungen von Roy an 5000 Negern aus 22 verschiedenen afrikanischen Kolonien eine hervorragende Bestätigung gefunden. Kurzsichtigkeit fand ich nur in 1 Pro3. der Fälle. Der Durchschnitts wert der Sehschärfe betrug das 2,4fache der normalen europäischen Schschärfe. Noch überlegener waren die Schleistungen im Dunkeln. I diefe Stimme erflungen, zuletzt mit den Worten: Stehe auf," Un­

Der Priester Johannes habe in der Nacht vorher schlaflos ge­Tegen und in Trauer um seine zerstörte Kirche geweint und geseufzt. Da hätte er plöglich eine Stimme pernommen, die ihn aufforderte, zur Kirche zu gehen und dort ein hochamt abzuhalten. Dreimal sei