Sonntag
29. März 1925
Unterhaltung und Wissen
Jarres' geplante Radiorede.
Juverlässig aus der Luft gegriffen.
Es war ursprünglich geplant, die Kandidaten zur Reichspräsi bentenwahl durch den Rundfunk zum deutschen Bolte sprechen zu laffen. Davon ist bekanntlich Abstand genommen worden. Indessen hatte Dr. Jarres auch für diese Rede bereits ein Manuskript fertigstellen laffen, das uns von gutunterrichteter Seite zur Verfügung gestellt wird. Obwohl die nachstehenden Ausführungen bem Brogramm und dem Wesen des Rechtsblocs durchaus entsprechen, geben wir sie nur unter Borbehalt wieder:
" Deutsche Männer und Frauen! Politische Greise und Kinder!
Ich bin ein Mann, ein ganzer Mann, ein deui. Icher Mann. Und da meine politischen Freunde der Ansicht sind, daß es so etwas in Deutschland so gut wie gar nicht gibt, haben fie mich ersucht, den höchsten Posten im Reiche zu befleiden. Ste jagten mir: 3mar find Sie fein Titan, Ihnen fehlt das Format, und Sie sind in weitesten Kreisen Deutschlands fast oder ganz unbefannt. Aber es genügt, daß wir in Millionen von Flugblättern die Runde verbreiten, daß Sie ein Mann sind, ein ganzer Mann, ein deutscher Mann und schon werden Millionen schwören, Sie feien der flir diesen Posten am besten geeignete Mann. Und siehe da! Ich selbst fange an, daran zu glauben warum solltet Ihr, deutsche Männer und Frauen, politische Greise und Kinder, daran zweifeln?
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Ich habe schon irgendwo ausgeführt, daß ich die Verfassung von Weimar achte. Viele wollen mir das nicht glauben. Aber wie sollte ich eine Berfaffung nicht achten, die die Stelle eines Reichs präsidenten geschaffen hat, um die ich werbe. Es wäre also Mangel an Selbstachtung, wenn ich eine solche Berfassung nicht achten und, wenigstens in diesem Punkte, nicht rückhaltlos verteidigen würde. Das soll natürlich nicht heißen, daß ich diese Berfassung nicht für verbesserungsfähig halte. Sollte ich durch ein Wunder gewählt werden, dann habe ich nichts dagegen, daß nach Ablauf von fieben Jahren das Staatsoberhaupt wieder unserem angestammten Herrscherhaus übertragen wird. Die herrlichen Zeiten, zu denen uns die Hohenzollern geführt haben, geben ihnen einen berechtigten Anspruch auf die Aufrollung dieser Frage.( Randbemerkung des Rebners: Die Zwischensendestelle München wird gebeten, den vorftehenden Sch unverständlich zu machen.) Db Boltstaisertum oder Gottesgnadentum, darüber mögen fich die Herren im Loebell- Ausfchuß unterhalten, aber bitte erst nach der Wahl. Sie haben ja somieso sieben Jahre Zeit, um zu einer Einigung zu gelangen, vielleicht gelingt es ihnen.
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Als alter Burschenfchafter achte ich auch die Farben SchwarzRot- Gold, aber nur someit sie nicht als Symbol der Republik getragen werden. Schwarz- Rot- Gold demonstrativ als Farben der Republit zu zeigen, ist nichts anderes als ein niedriger Appell an parteipolitische Instinkte. Dagegen hänge ich mit allen Fasern meines Herzens an unseren alten, glorreichen, siegreichen, unbestegten Farben Schwarz- Weiß Rot, unter denen wir in der ganzen Welt nur Freunde und Bewunderer gewonnen haben. Diese Farben Schwarz- Weiß- Rot zu zeigen, ist feine Parteifache, ist feine Bolitit, ebensowenig wie der schwarzweißrote Kapp- Butsch etwas mit Politit zu tun hatte, ebensowenig mie die Mörder von Rathenau etwas mit Politit zu tun hatten.( Randbemerkung des Redners: Hier würde es fich empfehlen, um die Stimmung und die Gemütlich, feit zu heben, daß die Rundfunkkapelle das Flaggenlied oder Aehnliches spielt.)
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Alles ist da!
Die vom Munde( der Arbeiter) abgesparten Millionen der Schwerindustrie sind da zur Erzeugung eines Riefenmeeres von Flugblättern, die dem armen irregeleiteten Bolte die Augen darüber öffnen follen, daß es nur bei den Rechtsparteien sein wahres Heil findet;
A propos Rathenau. Mord! Man wirft mir vor, daß ich mich für die Präsidentschaft von Manfred von Killinger empfehlen lasse, der als Leiter der D. C. zu acht Monaten Gefängnis verurteilt wurde. Aber erstens ist dieses Urteil vom Staatsgerichtshof zum Schutze der Republik gefällt worden, und ich bin ein ent schiedener Gegner diefes Ausnahmegerichtes gegen treue deutsche Männer, zweitens hat Killinger seine acht Monate gar nicht ab gesessen, da er auf Begnadigung wartet, und drittens werde ich ihn begnadigen, sobald ich gemählt bin. Also fällt dieses Argument meiner Gegner aus dreierlei Gründen in sich zusammen. Daß ich durchaus jozial dente, dafür nur ein schlagender Beweis: Die Deutschsoziale Bartei hat sich für meine Randi datur eingesetzt. Und wenn so berufene und ehrenwerte Bertreter der Arbeiterklasse, wie Herr Kloth, Herr Geisler und Herr Gobert sich für meine Kandidatur aussprechen, und, um mich durchzubringen Hand in Hand mit so anerkannten Repräsentan ten des sozialen Empfindens gehen, wie es die Herren Bögler, von Borfig und der Führer der Hausbesitzer, Ladendorff, sind, dann ist wohl jeder Zweifel an meiner sozialen Gesinnung ein Merkmal von vollendeter Borniertheit. Sogar Kommunisten haben ja die Parole ausgegeben:„ Lieber Jarres, als Braun!" ein Beichen, daß die Berbekraft meines Namens bis weit in die Reihen des Proletariats
reicht.
Ein Wort zur Aufwertung: Ich bin für unbedingte Auf wertung, wenn möglich 100 Pro3. Aber man muß cuf die berech tigten Intereffen der Landwirtschaft und der Industrie Rücksicht nehmen, die ihre Hypothefen los geworden sind und denen man umso weniger zumuten tann, sie nachträglich wieder in Gold zurückzu zahlen, als ja deren Kassen bekanntlich durch ihre furchtbaren steuerlichen und sonstigen Reparationsopfer total leer sind. Diese Kassen gilt es zunächst aufzufüllen, dann ist der Weg für die Aufmertung frei! Darum her mit den Schußzöllen! Her mit den Behnstundentag! Auch die 715 Millionen Entschädigung für die Ruhrindustrie fönnen bei der Frage der Aufwertung schon des halb nicht in Betracht gezogen werden, als sie teils in Dividenden bereits abgeschüttet sind, teils dazu benutzt werden, meinen Wahlfeldzug zu finanzieren.
Wir wollen feinen Klaffenhaß, wir wollen aber auch teinen tonfeffionellen Ha B. Deshalb nieder mit der Kandidatur Marg, die eine rein fonfeffionelle Angelegenheit ift! Ich trete ein für wahres Chriftentum, ohne Unterschied des Glanbens. Bas der Evangelische Bund verfündet, nämlich daß der Reichspräsident tein Katholif sein darf, gilt natürlich nur für den Gewählten, nicht für die Wähler, Jede katholische Stimme ist mir willkommen, Ich habe jogar mit meinem verehrten Gegenlandidaten Dr. Held erfolgversprechende Berhandlungen hierüber für den zweiten Wahigang angelnüpft.
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H
Frühlingsfefte werden gefeiert, musittapellen spielen, Caftautos für den Transport allzu schwer begeisterter Festteilnehmer nach den Wahllokalen find da( alles wird von Berlin aus bezahlt);
Beilage des Vorwärts
Ehrenjungfrauen und Kriegervereine find da, deren ehrwürdiges Anblid das Herz jedes echten Deutschen höher schlagen läßt: martige, echtdeutsche Worte werden gesprochen und entfachen die Flammen der Begeisterung:
trümmerung der Reichseinheit erlebt hätten. Zum Glück habe ich das verhindert. Daher schreibt mit Recht die deutschnationale und die poltsparteiliche Breffe: Wer ein einiges, unteilbares Baterland will, der wähle Dr. Jarres." Im übrigen bin ich für weitestgehenden Föderalismus. Bayern soll selbstperständlich sein eigenes Seer, feine eigenen diplomatischen Vertretungen, eventuell fogar feine eigene Schriftfprache haben, und wenn Württemberg das gleiche Recht für sich in Anspruch nimmt, so will ich dies gern auf Grund des Artikels 48 der Verfassung anordnen, mit dem ich übrigens fomiefo ausgiebig zu regieren gebente. Auch Baden, Sachsen und Hessen sollen die Gegnungen des Föderalismus genießen, allerdings erst, nachdem sie staatsbejahende, bürgerliche Regierungen errichtet haben
werden.
Ich bin national. Ich gelobe, nicht zu ruhen und nicht zu raften, ehe nicht die Fahne Schwarz- Weiß- Not auf dem Straßburger Münster wieder weht. Und wenn das Stresemannsche Garantieangebot Annahme findet, dann rufe ich zu einer Boltsspende auf und lasse eine getreue Stopie des besagten Münsters in Rehl oder Difenburg errichten und werde mit Hilfe diefer Patentlösung meinem Gelöbnis treu bleiben.
Deutsche Männer und Frauen, politische Greise und Kinder! Ich habe Ihnen mein Programm entwickelt. Ich fönnte noch tagelang mal so, mal so in diesem Sinne weiterreden, aber dann würdet Ihr die Abstimmung am Ende noch verpassen. Deshalb schließe ich im Namen der Deutschnationalen Boltspartei, der Deutschen Volks partei, der Deutschvölkischen Freiheitspartei ( Bulle- Flügel), der Deutschsozialen Partei und der Wirtschaftspartei:
Heraus aus dem Parteifumpf! Mieder mit den Parteien! Wählt mich, Jarres, den Mann, den ganzen Mann, den deutschen Mann!"
Benn der Frühling jegt wieder seinen Einzug hält, dann stehen auch mir voll Entzüden vor den lieblichen Wundern der Blumen welt. Aber unsere Blumenliebe steht noch an Bertiefung und Ber breitung welt hinter dem Kult zurück, den der Japaner den Kindern Floras widmet. Wir fönnen in dieser Hinsicht noch so manches von den Japanern lernen, die wohl überhaupt die größten Blumenverchrer der Welt find. besonders wenn wir in die Feinheiten ihres Geschmacks und ihrer Auffassung nom Blumenleben eindringen. Einen Blick in diese dem Fremden fower zugängliche und verständliche Blumenkunft und Blumenfultur Japans läßt uns der Wiener Botanifer Professor Hans Molisch , der dieses Gebiet an Ort und Stelle studiert hat, in einem Auffaz ber Gartenfchönheit" tun.
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HOCH DEN ERLOSER RHEINLAND!!!
auch der Präsidentschaftskandidat ift da. Aber der ist ein so unbedeutendes und mit fo vielen Schönheitsfehlern behaftetes Kerlchen, daß des Sängers Höflichkeit am besten von ihm schweigt..
tige Bemunderung des einzelnen schönen Blütenzweiges auf das feinste ausgebildet. Sogar der nichtblühende Zweig, so der Föhrenund Bambussproß, spielt in der Kunst der japanischen Blumenanordnung eine große Rolle. Die Blumenverehrung Japans erhält ihren besonderen Charakter dadurch, daß sie augenscheinlich aus religiösen Borstellungen entsproffen ist. Die Lehren Buddhas, die nicht bloß das Leben des Tiers, sondern alles Gewordene und Gewachsene für heilig erklärten, machten auch die Blumen zum Gegenstand frommer Berehrung, die vor den Altären aufgestellt wurden und deren Pflege die Priester übernahmen. So ist denn auch die Kunst der Blumenanordnung zuerst von Brieſtern geübt worden, und später war es eine Lieblingsbeschäftigung der bedeutendsten Geister, der Gelehrten und Dichter, den Blüten und Smeigen ihre höchste Schönheit zu entlocken. Auch heute noch ist Japan das einzige Land, in in einem Bambusrohr oder Korb als hohe Kunst an Schulen gelehrt dem die Anordnung von Blütenzweigen in einer Base oder Schaie, wird, und diese Blumenschulen, die jest größtenteils von Mädchen und Frauen besucht werden, pflegen eine jahrhundertealte leberlieferung. Es gibt eine ganze Wissenschaft der Blumenanordnung, in der die verschiedensten Richtungen vertreten sind und zahllofe Regeln und Gesetze aufgestellt wurden.
Ein Wort auch an die Juden: Wenn sogar mein hochverehrter Mitbewerber Ludendorff einst einen Aufruf an seine libben Jidden in Paulen" richten durfte, warum sollte ich mich nicht an meine lieben jüdischen Mitbürger in Deutschland wenden dürfen und ihnen fagen: Tretet ein in den Verband deutschnationaler Juden, left alle den in der Hauptsache pon Juden redigierten„ ofaf An zeiger" nur so fönnt Ihr eventuell dem Pogrom entgehen. Notürlich find auch petuniäre Opfer hierzu erforderlich: Spenden find zu richten an den Wahlfonds Jarres.( Randbemerkung des Das ganze Jahr hindurch hat der Japaner feine Lieblinge, denen Redners: Jetzt sind die Zwischenstationen München und Stuttgart er Pflege und Verehrung widmet. Schon um Neujahr herum werunbedingt auszuschalten. fanft pafftert was da unten) Ich bin den von den Blumenhändlern zwergige Pflaumenbäume angeboten, ein Breuße und mit ein Breuße fein!( Hierzu ie gehörige die thre Blüten eben entfalten, und wenn dann Ende März unge Mufit.) Schon mein verehrter Freund und Gönner Hergt hat wäh- zählte Kirschbäume ihr Hochzeitsfleid anlegen und mit ihren reizenrend des Kapp- Puisches das treffende Wort gesprochen: Lieber ein den Bliten ganz Japan in einen Barabiesgarten verwandeln, dann tleines monarchistisches Preußen als ein großes republikanisches wandert das blumenliebende Rolt ins Freie und schwelgt im Natur Reich, das doch nicht zusammenzuhalten ist!" le sehr dieses Wort penuß. Da Sapan teine Wiesen und daher auch nicht den bunten richtig war, das sollte sich erst am Ende des Ruhrkampfes bewahr. Biefenflor befigt, haben die Bewohner Nippons schon frühzeitig heiten, wo wir durch die von den Sozialdemokraten, Demofraten die mit Blüten geschmückten Baumameige als Blumenschmud per und Zentrumsleuten propagierte Bersadungspolitik beinahe die 3er. I wendet und statt des im Westen üblichen Blumenstraußes die andäch.
Eine Grundregel ist es, nur Blumen zu verwenden, die der betreffenden Jahreszeit angehören. Wer als Zierde in Nippon Blüten benußen würde, die nicht in diesem Monat blühen, der würde so beurteilt werden wie bet uns jemand, ber im falten Winter mit dein Strohhut spazieren geht. Auch der Standort der Pflanze wird bet dem Arrangement berücksichtigt, und es ist von entscheidender Be deutung, ob sie auf einem Feis oder im Waffer wächst. Seltene, dem Bolfe weniger bekannte Gemächse werden nicht benutzt, da in der genauesten Kenntnis der Pflanzen das Geheimnis des Genusses und der rechten Würdigung gesucht wird. Der Künstler steht zu den Blumen, die er arrangiert, in engster seelischer Bestehung. Bei Festlichkeiten und freudigen Ereignissen dürfen nur Blumen vermendet werden, die Glück bringen. Ueberhaupt spielt der Aberglaube eine Rolle, und alle giftigen Pflanzen gelten für unheilbringend. Die mystische Bertiefung in das Blumenwesen sieht in den Farben und Formen Sinnbilder der großen Grundgcjeße des Da feins. So gilt die Oberseite eines Blattes als männlich, die Unter feite als weiblich; rot und purpur find männlic), blau, weiß und gelb weibliche Farben. Der höchste Rang wird der meißen Slume eingeräumt; bei einzelnen Arten wird tie eine Farbe höher geschätzt als die andere usw.
Molisch schildert den Besuch einer Blumenschule, deren als Blumenkünftler hochangefehener Letter Entaba bas Sonnen feiner Schülerinnen ihm vorführte. Jede hatte ihre bestimmte Aufgabe zu lösen, und zwar ein individuelles Arrangement mit einem bestimmten Behälter und bestimmten Bflanzen durchzuführen. Es dauerte bis zu 1% Stunden, bevor jebe Shülerin ihr Thema beendet hatte. Als ihre Stunfimerte schließlich in vollendeter Bierlich feit daftanden, verneigten sich alle ehrfurchtsvoll nor ihren Blumen ftüden. Diefe respektvolle Berbeugung vor den Blumen überrascht den Europäer," sagt der Berfaller, menn ihm das Berhältnis des japanischen Rolfes zur Natur und befenders zur Pflanzenwelt night befannt ist. Die Bilanze ist dem Japaner belebtes und bejcettes Cbjeft, und erfst von diesem Standpuntt aus wird die Liebe, die mun der Pflanze im Lande der aufgehenden Sonne entgegenbringt, recht verständlich, und man fann es begreifen, wenn der Sapaner, sobald der Kirschbaum sich im Frühling mit Tausenden von Blüten schmüdt, in seiner Begeisterung sogar ein Gedicht macht und es auf einem Zweig befestigt."